Ehe und Liebe bei den Germanen.
Von Professor Dr. Gustav Neckel.
Wie oft wird uns versichert: lieber die inneren Verhältnisse des heidnischen Germanentums sei so gut wie nichts mit Sicherheit auszusagen, denn das Zeugnis der antiken Schriftsteller sei unergiebig oder, wie das bes lacitus, verdächtig, und andere verläßliche Quellen gebe es leider nicht. Was man früher über die germanische Religion zu wissen glaubte ei als Schaum zerronnen; Dichtung aus vorchristlicher Zeit sei wenig- tens in Deutschland kaum erhalten, und also habe es dergleichen wohl chwerlich in nennenswertem Umsang gegeben. Was die sittlichen An- chauungen betrifft, so verlautet von der germanischen Sittlichkeit wenig oder nichts, und daher bleibt der Satz, daß Kants kategorischer Imperativ rem formal sei und über den Inhalt oder die Richtung des Sittengebotes nichts aussage, allzu oft eine leere Rede, bei „Verschiedenheit der Sittlichkeit" ober „Wandel der Sittlichkeit" (wie ihn der christliche Staat allmählich herbeigeführt hat) kann man sich nichts denken.
Diese Anschauungsweise ist die des Südländers, der nach Norden schaut und dort nur Nebel wahrnimmt. Ihre Grundlage ist Unwissenheit, natürlich für den Südländer, dem die Dinge fern liegen, unnatürlich für den Nordländer, dem die Dinge nahe liegen. Besonders ergiebig ist eine Gegenüberstellung der beiden Welten unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses der Geschlechter: ein südländischer Held kann nach unmäßigem Gelage fünfzig Männer köpfen und ebensoviele Weiber vergewaltigen. Dergleichen hat im Altnordischen zwar Gegenstücke, aber solche von tiefer, bezeichnender Verschiedenheit. Zudem wird sogar öfters erzählt, wie Berserker oder Riesen einem Bauern, vereinzelt auch einem Fürsten seine Tochter abtrotzen wollen. Zuweilen gelingt es dem Riesen, das Mädchen zu entführen und bei sich zu behalten, meist aber leistet die Sippe erfolgreichen Widerstand, oft Überwindet ein willkommener junger Helfer den Eindringling im Zweikampf und wird mit der Hand der Jungfrau belohnt. Im Germanischen ist nicht wie anderswo der Held ein gewalttätiger Don Juan, sondern die Gewalttat geht von Berserkern und Riesen aus, also von niedrig gearteten Wesen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, sie ist trotzdem singularisch und nicht pluralisch, entsprechend der Abwesenheit eigentlicher Vielweiberei, sie geht fast nie auf kurzen Rausch, sondern in der Regel auf dauernden Besitz, und das Weib widersetzt sich charaktervoll und folgt nur dem, der ihr gefällt.
Es sei nicht verschwiegen, daß ritterliches Werben um Frauengunst in Fabeln wie Perseus und Andrornache ebenfalls vorkommt, wie es häufig ist im stark keltisch bedingten Ritterroman des französischen und deutschen Mittelalters. Auch kennen die altgermanischen Gesetze das Notzuchtverbrechen und entwickeln eine Art Kasuistik unerlaubter lieber« griffe gegen Frauen. Derartiges ist also vorgekommen. Es muß aber selten gewesen sein, da die Bezeugungen so vereinzelt sind, viel vereinzelter als in südländischen Ueberlieferungen, den eigentlichen Herden von Indezenz und Pornographie, und da die germanischen Dichtungshelden, im Gegensatz zu andern, frei sind von sexuellen Makeln. Die lehrreichen Hauptbeispiele sind Sygurd und Brynhild: aus der Werbungsfahrt, die er für den Freund unternommen, ruht er drei Nächte lang neben dessen Braut, der vom Schicksal ihm selber bestimmten Brynhild, und hat sein scharfes Schwert zwischen sie beide gelegt; und als er später sich hinreißen läßt, der Geliebter trotz ihrer Ehe einen Antrag zu machen, da weist sie, die ihn wiederliebt, ihn stolz und schroff zurück, da sie nicht zwei Männer in einer Halle haben wolle. Den Abstand einer Brynhild und einer Kriemhild von welschen Heldinnen, wie Isolde und Laudine, denen die Gattentreue wie ein Wahn verrauscht vor der schnell auf- flammenben Leidenschaft, hat man oft bemerkt und mit Recht bedeutsam gesunden. Bezeichnend ist auch, daß die provenzalische Fabel von Pastellen von Coucy in ihren vielen germanischen Fassungen fast durchweg den Ehebruch zum bloßen Verdacht verflüchtigt. Dazu passen die scharfe Verurteilung und strenge Bestrafung der Ehebrecherin, wovon Tacitus, der Ditmarsche Neocorus, altdänische Gesetze und andere Zeugnisse berichten, die Seltenheit der Ehebrüche und des Streites um Frauen in den Sagas und die deutliche Verwerfung vor- und außerehelicher Liebschaften ebendort. Die Lebensbilder der Sagas sind so reich und tragen so unverkennbar den Stempel wesentlicher Wahrheit, daß das Verhältnis von Regel und Ausnahme, welches sie ausweisen, und das die Regel so ausgesprochen triumphieren läßt, der Beurteilung der Wirklichkeit zugrunde gelegt werden darf.
Die Regel ist, wie für die altisländische, so für das gesamte altgermanische Geschlechts- und Liebesleben diese: seine Form und Norm ist die Ehe. Die Erotik, die es vor und neben der Ehe gab, trat stark hinter ihr zurück und lebte gleichsam in ihrem Schatten, zwar nicht immer lichtscheu und mit bösem Gewissen — am wenigsten die vorübergehenden Verhältnisse mancher Männer zu Nebenfrauen — aber doch in der Regel ohne rechtes Genüge, da die volle Sanktionierung vor der Welt fehlte, die gemäß dem Oeffentlichkeitsgrundsatz des Rechts dem Menschen Bedürfnis war. Die alten Ehen waren aber ziemlich leicht lösbar, im Segen« atz zur kirchlichen Ehe, die im Mittelalter an ihre Stelle trat. Das ist nicht verwunderlich, denn wenn die Che das Gefäß für die Liebe ist, muß üe dies auch in den Fällen bleiben dürfen, wo die Liebe statt zu wachsen und lebenslang zu dauern, sich vom ersten Gegenstände ab- und einem anderen zuwendet.
Man darf aber den Satz „Die Ehe ist das Gefäß des Eros" nicht so »erstehen, als wäre das Erotische ihr einziger oder auch nur ihr Haupt- whalt gewesen. Vor diesem Irrtum kann schon das Tacituskapitel schützen, das die Hochzeitsgebräuche schildert, jene Symbolik, deren Sinn die volle ^chicksalsgemeinschaft zwischen Mann und Frau ausmacht, wobei der Nachdruck auf dem liegt, was nicht erotisch ist. Die Frau ist nicht Weibchen, sondern Mensch; der Kamerad, die Lebensgefährtin, Mitarbeiterin; fmd ein starkes Freundschaftselement tritt übermächtig zu der erotischen Beziehung. Am besten sehen wir dies an altnordischen Ehen wie der des Mrli mit Aud und des Njall mit Bergthesa. Beide Frauen leisten, was sie vnnen, für das gemeinsame Hauswesen, dulden alles mit dem Gatten und er&en mit und für ihn. „Jung wurde ich dem Njall gegeben", sagt die alte
Bergthesa in den Rauchschwaden des belagerten Hauses: „Da hab ich ihn, versprochen, e i n Schicksal solle uns beide treffen", und sie findet mit dem Manne zusammen den Tod.
Hierzu stimmen die Motive der Eheschließung, so wie sie in den Sagas und in der Heldendichtung meistens sich darstellen. Selten handelt es sich um Liebe vom Sehen, Typus Romeo und Julia. Als Gunnar und Hallgard, zwei prachtvolle Erscheinungen, einander zum ersten Male begegnen, da ist es schon entschieden, daß sie seine Frau wird — zu seinem Verderben. Weit häufiger geschieht es, daß Interesse und Wunsch durch em Hörensagen wach werden. Wer erinnert sich nicht an Gunthers freite um Arunhildt, an Gudruns Freier, an Sigrun, die, durch Helgis Kriegsruhm gelockt, in iyrer Not zu ihm kommt, seine Liebe gewinnt und seine tragisch-glückliche Frau wird. In den Sagas läßt der Bauernsohn sich oft vom Vater oder andern Verwandten raten,- wen er heiraten solle und der Rat wird erteilt und befolgt auf Grund familienpolitischer Erwägungen und in Ansehung der Persönlichkeit der Braut, ob sie zum Bräutigam passen möge, wobei anscheinend auch eugenische Rücksichten bisweilen mitspielen. Offenbar nahm man an, wenn sonst alles in Ordnung sei, so werde die Liebe von selbst kommen, und man behielt in der Regel recht. Besonders ausschlußreich ist der Bericht der Geschichte vorn Hühner-Dhorir über die Werbung des jungen Herstein um Thurid, die Tochter Gunnars, und über die Hochzeit, bei der feierliche Tatgelübde abgelegt werden, offenbar unter voller Billigung der Braut, ein Lebensbild, das bezeichnend absticht von den Epithalamien (Hochzeitsliedern) südlicher Kulturen. Ein idyllischeres Gegenstück dazu bildet die Eheanbahnung zwischen Sörli, dem Sohne des ostländischen Häuptlings Brood-Helgi, und Thodirs, der reichen Erbtochter von Modruvellir Hier gibt ausnahmsweise persönliche Bekanntschaft der beiden Jungen den Ausgangspunkt her; ihr Wunsch, einander zu heiraten, besiegt schließlich den Widerstand des Brautvaters, der die bereits in den Mund der Leute genommene Liebelei anfangs nicht gerne sieht, dann aber sich durch einen klugen Vermittler umstimmen läßt, denn die Partie ist auch von seinem Standpunkt aus glänzend, verheißt sie ihm doch Aufstieg der eigenen Sippe.
Der Hochzeit voraus ging die Verlobung. Die Verlobung mit der ihr folgenden Wartezeit, während deren die künftigen Gatten einander wenig sehen und so gut wie niemals miteinander allein sind, paßt vortrefflich zu dem Geist der germanischen Ehe, die volle Lebensgemeinschaft ist und daher erst mit dem Eintritt dieser beginnt, nachdem die nötigen wirtschaftlichen und häuslichen Vorbereitungen getroffen sind. Wir werden sie daher beide für uralt halten dürfen, und da die Einehe in Nordeuropa in unabsehbare Vorzeit hinauszeigt, wird auch die Verlobung uralt sein. Die germanischen Quellen kennen sie von Ansang an — der älteste Fall ist die Verlobung Thusneldas — und namentlich die nordischen erzählen viel Bezeichnendes und Reizvolles von verlobten Paaren. Das große Beispiel für die Braut, die in außergewöhnlichen Verhältnissen lange Jahre un- erschüttert und stolz dem Geliebten die Treue hält unter Opfern und Demütigungen, ist Gudrun, die Tochter König Hetels und der starken Hilde.
Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.).
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
An einem klaren Märzabend, dessen Ostwind kalt über die Ebene daherzieht, vernimmt Elli einen lärmenden Streit drunten aus dem Hinterzimmer der Grünkramhandlung. Mutter Wagenschanz liebt den rauhen Ton der Volkssprache. Türen schlagen, Geschirr klirrt, und dazwischen versucht Anton Wagenschanz, Dr. phil., Chemiker, seiner Mutter klarzu- machen, daß er durchaus kein Betrüger sei, ganz im Gegenteil.
Bei den nahen und familiären Beziehungen zwischen der Wirtin und Elli ist es unnötig, hinunterzulausen und sich zu erkundigen, was das für ein Krach fei, bald kommt die alte Wagenfchanz erwartetermaßen die Treppe heraufgefchlurft und läßt einen langen Seufzer fahren, über diesen Sohn, den man unter Hunger, Sorgen und Tränen zu einem gelehrten Herrn gemacht hat, und nun wird ein Taugenichts aus ihm, den die Polizei in ein paar Tagen holen wird. Von unten schreit Anton herauf, die Sache verhalte sich ganz anders. Die Witwe Wagenfchanz keift dazu ihre Gegenmeinung die Treppe hinunter — in das verdutzte Gesicht von Fräulein Reubold hinein, die soeben aus der Fabrik heimkehrt. „Mein Himmel, was ist denn hier eigentlich passiert?" mochte Rosemarie erfahren. „Was hat er denn getan?"
Elli springt hinunter, es geht um Anton, sie weiß hellsichtig, daß sie ihn verteidigen und schleunigst alles gutmachen wird. Anton steht in der Küche, auf dem Tisch liegt Geld, nicht viel, fünfzig Mark vielleicht, aber sehr viele Abschnitte von Zahlkarten.
„Was haben Sie denn, Elli? Sie sind ja blaß wie eine Tote." „Haben Sie Geschichten gemacht —?"
„Quatsch. Setz' dich daher. Pass' auf. Ich habe nämlich ins Blaue hinein ein Inserat losgelassen — die Sache ist so —"
Seine Mutter knarrt die Treppe hinab und wendet sich an Elli.
„Es ist viel Geld gekommen für eine Kosmetische Fabrik von Doktor Wagenschanz, ich habe dem Postboten gesagt, daß muß aber ein Irrtum fein, es gibt nämlich gar keine Fabrik bei uns. Wie finden Sie das, Elli, was sagen Sie dazu, habe ich das verdient?"
„Nee, nee!" Anton schiebt sie mit Bauernkraft zur Tür, riegelt hinter ihr ab und sagt durch das Holz: „Das hast du nicht verdient, das verlangt auch kein Mensch von dir, und nun gib endlich Ruhe." Dreht sich um, packt Elli unter die Achseln, stemmt sie hoch, kein Kunststück, hundert Pfund, gibt ihr einen Kuß auf das rechte Herz und einen auf das linke, die Mädchen haben zwei, stellt sie wieder hin. Nun ist sie nicht mehr blaß wie eine Tote.
„Tja", sagt er, „ich kann dir das in der Eile unmöglich erklären. Kaufe dir ein großes Notizbuch, hier ist Geld, vorne schreibst du auf die linke Seite „Soll" und auf die rechte „Haben", oder umgekehrt, ganz wie


