Am 28. Juli verschlimmerte sich plötzlich der Zustand des Altreichskanzlers. Die Aerzte meldeten nach Berlin, dah mit dem Ableben des Fürsten täglich gerechnet werden müsse. Durch Deutschland ging ein Erschauern. In allen Stämmen des mächtig emporblühenden Volkes, tn allen Landschaften des weiten Reiches, in allen Herzen, die sich dem Kanzler und seinem Staate verbunden fühlten, wurzelte Otto o o tr$ i s - marck ganz persönlich. Jetzt wollte die Eiche stürzen, alle Herzen wurden aufgebrochen werden vom Riß der Wurzeln, der gesamte Boden würde wanken vom schweren Sturz.
Die Verwandten des Fürsten weilten in Friedrichsruh. Und alle Gedanken der Deutschen aus den Gemarken des Reiches in West und Ost, Nord und Süd verweilten in dem Zimmer mit den weitgeösfneten Fenstern, durch die in einemfort das Rauschen der Eichen drang. Doch am 30. Juli schien sich das Befinden des Kranken etwas zu bessern. Er erkannte einzelne Personen seiner Umgebung und versuchte zu scherzen. Dann aber versank er wieder in eine tiefe Bewußtlosigkeit der Sinne. Mit dem steigenden und langsam wieder sinkenden Tag versank auch die Umwelt für den Sterbenden. Furchbare Seelenkämpfe schienen aus dem Hirn des Zerfallenden ein Schlachtfeld der Geister zu bereiten. Die Lippen bebten, der Kieser mahlte, das zerfurchte Gesicht zuckte im Widerschein der Gedanken.
Gegen sechz Uhr nachmittags erwachte Fürst Otto von Bismarck zu klarem Bewußtsein. Er bemühte sich, etwas zu sprechen. In die zitternde Stille hinein fielen die Worte: „Keinen Zweifrontenkrieg ... den Rücken sreihalten ... die Volksvertretung ausschalten ... Reichstag gegen Willkür stärken ... sonst... sonst" Die folgenden Worte wurden nicht mehr vernommen. Das germanische Freiheitsbewußtsein des Fürsten fürchtete offenbar eine Unterdrückung des Volkswillens durch Diktaturgelüste des „neuen Kurses".
Abends um zehn, — der nördliche Sommerhimmel ließ es nicht recht dunkel werden, und in der Ferne begann es stark zu wetterleuchten — richtete sich Bismarck noch einmal auf und flüsterte mit beschwörenden Blicken: „Niemals einen Zweifrontenkrieg!" Dann lag er wieder einige Sekunden still. In das Schluchzen der Kinder und Enkel aber fiel noch einmal, hoch im Ton und pfeifend aus versagender Gurgel: „Die Staats- raisonl Zuerst die Staatsraison!"
Bismarck sank zurück. Mit dem allerletzten Gedanken dieses irdischen Daseins aus das Staatswohl bedacht, war Deutschlands größter Staatsmann eingegangen in die unsterbliche Seele seines Volkes. Die Bäume rauschten, das Wetterleuchten wurde stärker, ein Gewitter ballte sich zusammen ...
Bismarck in der Dichtung seiner Zeit.
Von Dr. Georg Kuhn.
„Ich gehöre zu den Menschen, denen Sie recht eigentlich das Glück des Daseins erst ermöglicht haben", schrieb Adolf W i l b r a n d t dem Fürsten Bismarck. „In den Jahren meiner Jugendkraft gemartert und gefoltert durch die Zerrissenheit unseres Volkes, die Schmach unseres ganzen Zustandes, die Ohnmacht des Einzelnen, den halberstickte Tränen des Grimmes und der Scham nicht befreien konnten — in diesem verzehrenden Elend erlebte ich in Ihnen den Befreier, den Erretter, der mich selig machte, vor dessen Größe ich mich mit Gefühlen der Dankbarkeit beuge, die kein Wort umfaßt." In diesem Bekenntnis eines Dichters ist das Grundgefühl der besten Geister aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgesprochen. Wie Wilbrandt haben ähnlich K. F. Meyer, Raabe, Wildenbruch dem Schöpfer des Reiches gehuldigt, und in feinem Bann stand jeder Künstler nach 1870. Auch von diesem Klassiker der Staatskunst gilt, was W. v. Humboldt von Goethe gesagt, „dah er ohne alle Absicht, gleichsam unbewußt, bloß durch sein Dasein und Wirken in sich den mächtigen Einsluß aus die Geistestätigkeit seiner Zeitgenossen ausübte, der ihn vorzugsweise auszeichnet. Es ist dies noch geschieden von seinem eigenen geistigen Schaffen; es liegt in feiner großen und einzigen Persönlichkeit." Bismarck ist in seinen Reden, Briefen und Schriften auch ein Klassiker des deutschen Prosastils, und wenn Heyse bereits nach den kargen Briesproben in Hesekiels Biographie ausrief: „Gott fei Dank, daß er diesem großen Mann zu keiner Nebenbeschäftigung Zeit läßt, sonst würde er ein Dichter fein, der uns andere alle aussticht!" So hat sich sein Stoßseufzer erst voll bewahrheitet, (eit Bismarcks Briefe an die Gattin neben denen Goethes an Frau von Stein, seine „Gedanken und Erinnerungen" ebenbürtig neben „Dichtung und Wahrheit" stehen. Durch sein Wesen und Werk ist ein neuer unvergänglicher Gehalt in das deutsche Schrifttum gekommen, wie es Goethe von den Taten Friedrichs des Großen rühmte, und noch jede neue Dichtergeneration hat sich zu ihm bekannt. Doch sind neben unendlich vielen gutgemeinten Nichtigkeiten nur Ansätze vorhanden, die Bismarck-Gestalt dichterisch nachzuschasfen und monumental zu formen. Es ist interessant zu untersuchen, wie sich schon die Zeitgenossen darum bemüht haben.
Bismarck hat auch in der ausländischen Literatur eine große Rolle gespielt; aber er erscheint bei Franzosen und Engländern, auch wenn keine Karikatur beabsichtigt ist, so verzerrt, dah diesen Werken wenig Bedeutung zukommt. Ausgenommen sei nur ein amerikanischer Roman, die erste Dichtung, die sich mit dem damals noch ganz unbekannten Landedelmann beschästigt, und ein schlagender Beweis ist für den Eindruck, den bereits der Student hinterlassen: es ist der 1839 in Neuyork erschienene Roman „Monton’s Hope" seines Jugendfreundes Mo11ey, in dem Bismarck als Otto von Rabenmark auftritt. Der romantische Held des Buches ist ein blutjunger altadliger Student von höchster Begabung, der der verwegenste und wildeste auf Kneipe und Mensur ist, in stillen Stunden aber die „Narrenmaske" abwirft und dann merkwürdig reif und groß erscheint. „Ich will meine Gefährten leiten, wie ich die Menschen leiten will in meinem späteren Leben", sagt er, und eine Ahnung künftigen Herrscherturns umgibt ihn, dem die Universität, die Schule des Handelns ist für kommende große Taten. Der intime Gefährte von Bismarcks Göttinger und ersten Berliner Tagen bewies hier einen
guten Dorausblick. Ganz anderer Art und viel unbestimmter sind die Prophezeiungen glühender Vaterlandsfreunde aus der Mitte des Jahrhunderts, die man später auf Bismarck gedeutet hat. Deutschland sehnte sich nach seinem Einiger und Erretter, und besonders Seibel, dem Bismarck später allein neben Reuter öffentlich Anerkennung gespendet hat, wurde zum Verkünder dieser Sehnsucht, wenn er fang: „Wann, o wann erscheint der Meister, der, o Deutschland, dich erbaut?' Julius Große rief den „Mann von Blut und Eisen" herbei, der mit dieser Medizin den deutschen Michel gesund und stark mache.
Er kam, den man ersehnt und erfleht hatte; aber lange Zeit verging, ehe man ihn erkannte, und wie das so Lauf der Welt ist, die Freiheitsschwärmer, die nach ihm geseufzt hatten, stöhnten nun am meisten unter feiner Faust. Die ersten, die sich poetisch mit dem Herrn von Bismarck befaßten, waren die Witzblätter, und sie taten es zumeist nicht gerade in freundlicher Weise. Eine Ausnahme macht das Witzblatt „Der kleine Reaktionär", das wohl die ersten Bismarck-Gedichte enthält und den neuen Ministerpräsidenten 1863 mit den Worten begrüßt:
Kühner Schiffer, fest die Hand am Steuer, Fest den Blick gerichtet auf das Ziel, Also durch der Wogen mädjt’ge Brandung, Führ' zum Hafen den bedrängten Kiel!
Wichtiger und bedeutsamer ist die künstlerische Arbeit des „Kladderadatsch", dessen „Gelehrte" die ganze Lebensart Bismarcks in Vers und Bild erst mit grimmem Spott, bann mit zögernder Anerkennung und schließlich mit rückhaltloser Bewunderung verfolgt haben. Wie der von dem Zeichner Scholz geschaffene Bismarck-Typus die populärste Darstellung des Kanzlers wurde, so sind auch die Gedichte, unter denen Ernst Dohm und Johannes Trojan die wertvollsten fchusen, ein Stück Geschichte, aus dem sich die allgemeine Beurteilung des großen Mannes erkennen läßt, und mit Recht hat sie Horst Kohl als historische Quelle mit Erläuterungen herausgegeben. Die gleiche Ehre gebührt eigentlich zweien der frühesten Bismarck-Dichtungen, die in den 70er und 80er Jahren in allen Händen waren und heute vergessen sind. Der Philologe und Verleger Gustav S ch w e t s ch k e dichtete 1867 in heller Begeisterung für den Nationalhelden in den trochäischen reimlosen Versen Heines und des Scheffelfchen „Trompeters" jein „didaktisches Epos" „Bismarckias", das viele Auslagen erlebte; dem folgte dann Anfang 1870 das „didaktische Idyll" „Varcinias", das Bismarcks Landaufenthalt in Varzin verherrlicht und neue große Taten feines Helden richtig vorhersagt. „Schwetschke gehört zu Bismark, wie der Schalk zum großen Herrn, wie Leporello zu Don Juan", sagt ein damaliger Kritiker. „Seine lustigen Gedichte sind das Satyrdrama zu der großen Trilogie: 1864, 1866 und 1870." Darin liegt etwas Wahres. Diese anspruchslosen Schilderungen verraten ein. feines Verständnis und eine warme Verehrung der genialen Persönlich- lichkeit: sie haben viel zu Bismarcks Popularität beigetragen und atmen eine so echte Zeitstimmung, wie sie kein späteres Werk besitzt. Der be- geisterte Neuhumanist dichtete auch Bismarck auf lateinisch an, wie es später noch Felix Dahn in feiner Hymne „Macte senex consiliator" (Heil Dir, alter Ratschlagfinder!) tat. Er ist der erste und ersreulichste jener „Bismarck-Dichter", die das Befingen des Kanzlers zur Spezialität erhoben und von denen noch Eduard D a e 1 e n mit „Bismarcks Himmelfahrt" und den Bismarckiaden „Von der Wurfchigkeit", Uli Schanz, Hamel mit feinen Bismarck-Epigrammen, Genee mit den Bismarck- Liedern, R e u 1 a u j mit den Bismarck-Sonetten und Max Berner genannt feien.
Unendlich schwoll nach 1870 die Zahl der Bismarck-Gedichte. Alle, alle kamen, der echte Biedermeier, Ludwig Eichrodt, mit feinem prächtigen Lied auf Bismarck und fein moderner Nachfolger, Ostini in der „Jugend", der „Partikularist Bliemchen" und die andern Mundartdichter, von denen Wilhelm Schröder mit feinem trefflichen „De plattdütfche Bismarck" (1878) der früheste ist. Was ist nicht alles im Zusammenhang mit Bismarck bedichtet worden! Hat doch selbst die Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 ein sicherer Eäsar 21 ft f a I f „in freien Jamben bearbeitet“! Die bedeutenden Dichter aber haben sich erst spät zu seinem Preise eingestellt, eigentlich erst beim 70. Geburtstag, an dem ihn Heyse, Fontane, Groth, Wilbrandt, K. F. Meyer besungen. Arn wuchtigsten ist Meyers Gedicht vorn Reichsschmied, der den Hammer in drei Schlägen niedersausen läßt:
Den Hammer hob er noch zum drittenmal,. Der niederfuhr wie blanker Wetterstrahl, Und lachte: „Schmiede, dritter, du die Treu Und unsre alte Kaiserkrone neu!“
Fontane läßt den „alten Göttervater a. D. Zeus" in Bismarcks Gestalt auf Erden erscheinen und die Jovis-Brauen schütteln. Glücklicher ist er in seiner Ballade „Jung-Bismarck":
In Lockenfütte das blonde Haar Allzeit im Sattel und neunzehn Jahr, Im Fluge weltein und nie zurück — Wer ist der Reiter nach dem Glück? Jung-Bismarck.
Und das Gefühl ganz Deutschlands hat er dann ausgesprochei wundervollen Grabschrift „Wo Bismarck liegen soll". Heyse anfänglicher Gegnerschaft zu einem leidenschaftlichen Bewunderer des Kanzlers geworden und hat uns den alten „Herkules" in (einer form- vollendeten Epistel „Fürst Bismarck in München" bargeftellt. Don Wi 1 - denbruchs oerfdjiebenen Bismarckgedichten haben Die schlichten Derse nach der Entlassung klassischen Klang erhalten:
Du gehst von deinem Werke, Deiy Werk geht nicht von dir, Denn wo du bist, ist Deutschland, Du warst, drum wurden wir. Was wir durch dich geworden, Wir wissen'? und die Welt, Was ohne dich wir bleiben, Gott fei’s anheimgestellt!


