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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang M3 Freitag, den 28. Juli Nummer 57
Hälfte des Lebens.
Äon Friedrich Hölderlin.
Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in dem See: Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilig nüchterne Wasser. Weh mir, wo nehm ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehen
Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen.
Bismarck stirbt...
Zum 35. Todestag des Eisernen Kanzlers am 30. 3uti.
Von Friedrich Wilhelm Heinz, GDS.
Der Sommer lag wie eine Glutwolke über dem Land. Aber im Sachsenwald war es kühl und still. Die Menschen waren nichts mehr. Die Bäume waren alles, die knorrigen, ragenden, weitausgreifenden, himmeltrotzenden Bäume des Sachsenwaldes, die Jahrhunderte überdauert hatten, und in deren Gezweig der Sturm sich fing und die Vögel nisteten. Die Bäume waren alles ... und der eine, der mitten unter diesen Bäumen hauste: Otto von Bismarck. Vor langer, langer Zeit einst Fürst und Kanzler des Reiches gewesen, Sieger in drei Krie- ,en, Wiedererrichter des Kaisertums, gestürzt von dem jungen Enkel des zütigen Greises, dem er die Kaiserkrone geschmiedet.
Der Sommer brütete. Aber das deutsche Leben ging seinen hastenden md aufgeregten Gang. Die Ozeandampfer zogen die Elbe herab, die Dampfhämmer auf den Werften dröhnten, die Eisenbahnen trugen ihre illtägliche Menschfracht vom verödenden Land im Osten in die empor« Schießenden Städte im Westen, die Schornsteine rauchten, der Handel ,lichte, die Märkte erschlossen sich ... aber der Einzige, der nicht in Handelsmärkten, sondern nur in politischen Räumen zu denken vermochte, er bereitete sich langsam auf das große Abschiednehmen vor. .Wenn die Sonne am höchsten steht, beginnt der Sturz! So lautet ein altes japanisches Wort, das Bismarck manchesmal zu seinen Be- nchern sprach, die ihn immer noch aufsuchten. Das ging nicht immer ranz glatt ab. Wer nun Bruder der Eichen und Buchen geworden war mb wer halb schon in der Bruderschaft des Todes steht, der kennt nicht mehr die Rücksichten der höfischen Gesellschaft. Mitte Juli noch erschien ein Berliner Minister des „neuen Kurses" im Gehrock, den Zy- Sinder auf dem Kopf. Als er sich zu einem Umgang anschickte, grollte unb knurrte der Alte: „Um Himmelswillen! Mit dieser Kopfbedeckung? Ersparen Sie meinen Bäumen diesen Anblick!" Und der peinlich berührte 8ast muhte mit.Bismarcks Schlapphut durch die Wälder ziehen.
An Besuch also fehlte es noch immer nicht. Und doch war es emsam geworden um den Fürsten. Wenn der Dreiundachtzigjährige zwischen den -ngenden Stämmen hinschritt, erschien er verwittert wie die Rinde der haumriesen. Längst hatten die fröhlichen Zechereien aufgehort, die mordens damit begonnen hatten, daß Bismarck, um in Stimmung zu kom- nen, eine Flasche Sekt herunterspülte und dann kälter und nüchterner Hier die Angelegenheit des Staates und der Weltpolitik jprach als je iiuvor. Einmal noch hatte eine Tafelrunde den Alten mit bem jungen Lasier, einigen Diplomaten unb Marineoffizieren vereinigt. Bismarck ! I alle ernst unb eindringlich die Gefahren geschildert, die dem jungen 'Seid) drohten. Der junge Kaiser aber hatte kaum hingehört. Ihn be- Ichäftigten lustige Erzählungen und Anekdoten, die ein Irgendwer aus i 'einer Umgebung vortrug. Da schwieg Bismarck plötzlich in furchtbarer i Erregung. Unb während sein Gesicht zu zucken begann unb seine Augen iiunkel wurden wie die Nacht, wandte er sich zum Kaiser um unb brach Nit brüchig-dünner Stimme in die Worte aus: „Majestät, solange Sie ine[es Offizierkorps haben, können Sie sich freilich alles erlauben. Wenn Ins aber einmal nicht mehr fein wird, dann geht es schnell zu Ende.
I Wit einem schrillen Mißklang Halle die Tafel geendet. Beim kurzen und Ichweigenden Abschied hatte sich einer der jüngeren Marineoffiziere über 'Zisinarcks Hand gebeugt und sie voller Ehrfurcht geküßt. Ahnte bieser I Äne, der damalige Kapitänleutnant von Tirpitz, in diejer otunöe ins tragische Geschick seines Lebens ..?
. In diesem Juli des Jahres 1898 empfand der Fürst zum erstenmal Mit vollem und schmerzlichem Bewußtsein seine ganze Einsamkeit und Verlassenheit. Die Fürstin Johanna, an der er in unendlicher und ruh- I Ender Liebe gehangen hatte — wieviel Jahrzehnte sind es her, daß er |ie
„mon adoree Jeanneton" und „angela mia" genannt hatte, und daß die Briefe an fi% abgegangen waren aus Petersburg, Paris, Biarritz mit dem Geständnis: „Wenn ich an Dich denke, bin ich gesund und heiter, aber etwas Wehmut, etwas Heimweh, Sehnsucht nach See, .Wald, Küste, Dir und Kindern, alles mit Sonnenuntergang und Beethoven vermischt"? — Johanna von Puttkammer, die Geliebte, die Gattin, die Mutter der Kinder, war tot. Alle Freunde waren vor ihm ins Grab gesunken. Zehn Jahre waren es her, seitdem sein Kaiser, dem er in Treue gedient und der ihm die Treue königlich vergalten hatte, von der Welt geschieden war. Der politische Himmel war trüb. Allenthalben drohten dem jungen, unfertigen Reich Gefahren. Rußland und Frankreich hatten sich gesunden. Der deutsche Welthandelsanspruch mußte uns na- turnotwendig mit England verfeinden. „Wenn gut regiert wird", so sprach Bismarck in diesen Tagen zu einem der Söhne, „bann wird das Werk alle Stürme überdauern. Wenn aber schlecht regiert wird, was ich befürchten muß, bann bestehen wir die furchtbaren und unausbleiblichen Kämpfe nicht."
Und als der Sohn erschüttert schwieg, setzt Bismarck mit prophetischem Blick hinzu: „Der nächste Krieg wird sich gar nicht mehr mit früheren vergleichen lassen. Früher kämpften die Fürsten. Heute kämpfen die Völker, morgen werden die Erdteile miteinander kämpfen. Es wird ein Krieg sein, der sieben Jahre dauern kann. Es wird ein Krieg der Artillerie sein. Gewinnen wird der Staat, der am meisten Munition und Material heranschaffen kann!" Genau zwanzig Jahre später, im Juli 1918, erfüllte sich diese Voraussage wortgetreu. Amerikas Material entschied den Krieg. Und das Offizierkorps, das die Stütze des Staates gewesen war, lag zum größern Teil tot
Schmerzen wühlten messergleich in Bismarcks Nerven. Seit dem Tage, da die große Einsamkeit begonnen hatte, schienen sich alle Leiden verdoppelt zu haben. Das Gesicht zuckte, in den Nerven bohrte und riß es, Gicht suchte den Körper niederzubeugen ... verbissen und verlassen schritt der Fürst alltäglich durch den Wald. „Wenn ich die Bäume nicht so liebte, ich wüßte nicht, wie ich leben sollte." Das hat er einst nach Varzin geschrieben, als die Verachtung der Menschen wieder einmal über ihn gekommen war.
Immer mehr wurde der Wald zur eigentlichen Heimat. Seinem Nachfolger Caprivi konnte es der Fürst niemals verzeihen, daß er die alten herrlichen Bäume im Garten des Kanzlerpalais hatte niederlegen lassen. Den Wald und die Bäume, die in der Erde verwurzelte, mit dem Wipfel unb ber Krone aber freie unb in den Himmel ragende Kraft der Baumriesen begriff er als Sinnbild für sich selber Etwas vom altgermanischen Glauben, etwas vom vorchristlichen Heidentum, Trotz und Auflehnung und Freiheitlichkeit war in dieser Liebe für die Bäume.
Der Kanzler, der um die Monatsmitte so sehr erkrankte, daß er nicht mehr gehen konnte, ließ die Fenster seines Krankenzimmers weit öffnen, daß das Rauschen der Zweige Tag und Nacht zu ihm hereindrang. Oftmals lag er stundenlang in [einem Bett, schweigend, die Augen halb geschlossen, bis auf einmal die Augen sich wieder weiteten und Halt fanden im grünen Meer der wogenden Wipfel. Oder der Blick verfolgte einen Zug Stare, der seltsam früh seine ersten Flugübungen für die Winterreise unternahm. Einmal wandte sich der Fürst an seine Enkelin und sagte mit einem feinen Lächeln, das nur in den Augen leuchtete: „Na, dieses Jahr fängt die Reise ja schon sehr früh an. Ob ich mich wohl anschließen werde? Es wird langweilig hier auf der Welt!"
Ein andermal begann der Fürst unvermittelt von der Sitte der nord- amerikanischen Indianer zu erzählen, die ihre Toten hoch droben in das Geäst der Bäume hingen und sie dort verwittern ließen, so das Sterbliche gleichsam dem Wind und der Erde zurückgebend. Bismarck begann, ausführlich das Schicksal der Indianer zu schildern, die als freies und edles Naturvolk ausgerottet worden waren von den geschäftstüchtigeren und gemiffenlofen Weißen. Er rühmte die indianische Standhaftigkeit und Treue, und er pries, daß dort kein Fürst zur Herrschaft gekommen sei, der nicht Proben seines Mutes, seiner Standhaftigkeit, seines Führertums und feiner Unempfindlichkeit gegen Schmerzen abgegeben hätte. Bismarck wand sich bei diesem Bericht selbst vor furchtbaren Schmerzen. Aber er lachte mit einemmale ein etwas schmerzverzogenes Lachen und fragte seine Schwiegertochter: „Glaubst du nicht auch, daß ich ein guter Indianerhäuptling geworden wäre?"
Der Gedanke, zwischen der Krone einer uralten Eiche aufgehängt zu werden, ließ ihn nicht mehr los. Der Fürst, mit einer ganz klaren Witterung für die großen unb erfdjütternben Ereignisse bes Lebens begabt, fühlte seinen Tod nahen. Für ihn persönlich hatte diese Gewißheit nichts Schreckhaftes mehr. Dachte er jedoch an das Reich und den unsicheren Kurs seines jungen Steuermannes, so begannen alle Nerven bes Gesichtes schmerzlich zu zucken, unb Bismarck sah in bas aufgetane Grab wie in ein tiefes unb dunkles Meer, dessen Geheimnisse unb Furchtbarkeiten keiner kennt. „Um ewig leben zu können, würbe ich meine Seligkeit verkaufen!" rief er einmal aus, als das Gespräch wieder bei der Politik bes neuen Kurses verweilte.


