Ausgabe 
28.4.1933
 
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Gesetz. Das heißt: alle Erscheinungen bis auf eine kleine Gruppe, die Erscheinungen der Strahlung aus einem vollkommen dunklen Körper, der selbst Strahlen aller Arten restlos verschlang. Da kam ein deutscher Gelehrter und sand das Gesetz, nach dem jene Strahlung vor sich geht. Er sand aber, daß es sich mit Newtons Gesetz nicht vertrug. Er hatte nur bei diesem Widerspruch stehenbleiben können, aber er ging einen Riesen­schritt weiter und entfernte kurz entschlossen jenes Newtonsche Gesetz, den massivsten Grundpfeiler aus dem Gedankengang der Naturlehre, indem er gleichzeitig einen neuen Pfeiler einbaute. Dies war die Plancksche Theorie, die'behauptet, daß jede Aussendung von Strahlen sprung­weise vor sich gebt. Diese Worte treffen keineswegs das Wesen dessen, was die Wissenschaft Plancks Ouantenlehre nennt, sie wollen nur eine blasse Ahnung von ihr geben. Sicher ist, daß, nachdem einmal Plancks Gesetz ausgesprochen und von den Tatsachen bestätigt worden war die ganze Physik und die ganze Chemie von Grund auf umgebaut werden mußte. Planck ist der größte Revolutionär im Bereiche zeitgenössi­scher Wissenschaft. Er steht am Anfang einer ungeheuren Bewegung der Geister Die besten Köpfe aller Nationen arbeiten daran, jene Helligkeit, die einst Planck aus dem dunklen Körper gewann, noch Heller zu machen.

*

Max Planck, dessen Sätze unsere Enkel aus ihren Schulbüchern lernen werden, lebt unter uns, in einer Villa im Berliner Grünewald. Ein Helles geräumiges Arbeitszimmer mit nicht gar zu vielen Büchern. Von einem Stehpult her kommt ein mittelgroßer, zierlich schlanker Mann aus den Besucher zu und reicht ihm die Hand. Er willigt ein, von seiner Jugend zu erzählen.

Ich bin in Kiel geboren, das damals noch dänisch war. (Im Jahre 1858.) Die Familie meines Vaters stammte aus dem Schwäbischen. Es war eine Familie von Theologen und Juristen.

Mein Vater war Professor der Rechte.

Meine Mutter schenkte meinem Vater fünf Kinder: ein Sohn fiel 1870 als bayerischer Soldat, der zweite Sohn wurde Ingenieur bei Siemens & Halske, dann kam eine Schwester, Gattin eines Oberlandesgerichtspräsi­denten in Hamburg, dann kam ich und schließlich noch ein Bruder, der Staatspräsident am Landesversicherungsamt in München ist.

Ich war der Kleine, und ich war sehr stolz, wenn meine größeren Brüder mich an ihren Spielen beteiligten.

Ich habe als Junge von 6 Jahren noch die dänische Garnison aus Kiel abziehen sehen. Wir hatten dann Einquartierung, preußische und österreichifche, immer sechs ober acht Mann und, roenns hoch ging, einen Sergeanten. Wir zogen die Weißröcke vor, denn wir fürchteten, daß Preu­ßen die Herzogtümer annektieren würde. Unsere ganze Familie war eben gut augustenburgisch. Der Herzog, ein stattlicher, vornehmer Mann, be- Kte uns in Kiel und später auch in München, und zwar mit seiner hter, der späteren Kaiserin Auguste Viktoria. Unsere Familie begeisterte sich für seine legitimen Erbanjprüche.

Mein Vater war der erste, der mir von einem Naturgesetz sprach. Er hatte für Naturwisfenschasten viel übrig, besonders für Astronomie. Ich sehe ihn vor mir, wie er mir den gestirnten Himmel zeigt und von den Planeten spricht.Sieh diese Sterne", sagte er,sie bewegen sich nach ewigen Gesetzen." Ich glaube fast, der Vater sprach mit mir 9jährigen Knaben von den K e p l e r s ch e n Gesetzen. Es machte einen ganz starken Eindruck aus mich.

Nach Königgrätz hatte mein Vater einen Ruf an die Universität Mün­chen angenommen. Aus dem Gymnasium hatte ich einen guten Mathe­matiklehrer. Herr Müller war ein sehr lebhafter und reichlich grober Mann, der uns aber für feine Wisfenfchaft zu interessieren wußte. Ich war Müllers Liebling, weil ich alles, was er uns lehrte, schnell begriff, und ich war der Jüngste der Klaffe, um ein, zwei Jahre jünger, als die meisten meiner Mitschüler.

Müller nahm einmal in der Stunde einen Kreuzer aus der Tasche wir rechneten nach nach Gulden und Kreuzern und erklärte: Diesen Kreuzer bekommt, wer mir sagen kann, die wievielte Potenz von Zehn Null ergibt! Die Klasse saß recht still da. Da meinte Müller in seiner spöttischen Art: Ich könnte euch wohl Millionen Gulden versprechen, von euch würde ich doch nicht die richtige Antwort erhalten. Da meldete ich mich und sagte: Minus unendlich! Müller hatte uns am Anfang der Stunde den Sinn des negativen Exponenten klargemacht: der Schluß ergab sich zwangsläufig. Ich bekam den Kreuzer.

War München damals eine luftige Stadt! Die Bayern liebten ihren König Ludwig II., obwohl sie ihn selten sahen. Er bringe Geld unter die Leute, hörte ist oft sagen, weil er viel Arbeiter bei feinen Schloßbauten beschäftige. Sein Andenken lebt heute nach, und ich kenne Menschen in Bayern, die noch immer nicht glauben wollen, daß er gestorben ist.

Das Jahr 1870 ist mir unvergeßlich. Der Ruck, der durch Bayern ging! Es hielt die Bundestreue, es marschierte mit. Ich war zu jung, um mit meinen zwei Brüdern ins Feld zu ziehen, von denen einer nicht zurück- tommen sollte. Aber ich sammelte alle Extrablätter; ich habe sie heute noch.

1874 bezog ich die Universität München, der erste aus unserer Familie, der Naturwissenschaften studierte. Ein Jahr hörte ich auch in Berlin, wo ich beinahe Musiker geworden wäre. Ich habe früh Klavierspielen gelernt, später auch Cello und, jawohl, auch Zither! Ich sang auch. In Berlin war ich von den Joachim-Quartetten so begeistert, daß ich an der Hochschule für Musik Harmonielehre und Kontrapunkt belegte. Nach der letzten Stünde des Semesters fragte ich Franz Schulz, den Spandauer Orga­nisten, meinen Lehrer:Sagen Sie mir doch, soll ich nicht Künstler wer­den?" Er antworteteSie haben ja Talent. Aber wenn Sie mich fragen, dann muß ich Ihnen antworten: gehen Sie lieber nicht zur Kunst; denn wenn Sie zum Künstler prädestiniert wären, so hätten Sie mich gar nicht gefragt."

Ich fand diese Antwort vortrefflich, ich habe den Rat befolgt und habe es nickt bereut. Kunst als Nebenbeschäftigung kann einem Wissenschaftler gute Dienste leisten; er kann dabei sein Gehirn ausruhen lassen; er darf aber nie sich ganz der Kunst hingeden, weil der Künstler sein Bestes aus

seinen Nerven schöpft: die aber braucht der Wissenschaftler für seinen Berus.

Ich machte in München meinen Doktor, habe mich bald habilitiert und lebte weiter bei meinen Eltern. Sie waren lieb und gut zu mir, es waren die Jahre der gespannten Erwartung, ob man einen Ruf an eine Universität bekommt. Ich arbeitete an der Beantwortung einer Preis­frage der Universität Göttingen über die Erhaltung der Energie, aber mein Fach, schon damals die theoretische Physik, war an den Universitäten noch nicht vertreten. Ich war zu ungeschickt, um zu experi­mentieren, ich verdiente nur wenig mit Stundengeben in der Familie, und die Stunden zogen mich überdies von meinen Studien ab, der Mün­chener Boden brannte mir unter den Sohlen. Ich hatte das Staatsexamen bestanden und mich bereits mit dem Gedanken des U m f a 11 e l n s ver­traut gemacht, ja, ich verhandelte bereits wegen eines Postens an der Forstlehranstalt Aschaffenburg. Da ließ eines Tages A1 thoff, der all­mächtige Leiter des preußischen Universitätswesens, seine Visitenkarte bei mir abgeben. Ich eilte zu ihm ins Hotel Mcirienbad und hatte keine Ahnung, was er von mir wollen könne, ja, ich wußte gar nicht, was der Name Althoff zu bedeuten hatte. Er sprach sehr nett zu mir in seiner väterlich burschikosen Art, nannte michmein lieber Herr" und rückte nach einigem Herumreden mit der Frage heraus, was wohl meine Be­dingungen für die Uebernohme der außerordentlichen Professur der Phy­sik in Kiel wären. Meine Bedingungen? Ich hätte dem Mann am liebsten die Hand geküßt. In fünf Minuten waren wir handelseinig, und bald ging ich nach Kiel, der Heimatstadt, ins Sommersemester. Dann gewann ich die Göttinger Preisarbeit, und nun dachte ich auch daran, mir einen Hausstand zu gründen. Ich heiratete Marie Merck, eine Freundin meiner Schwester aus München. Sie starb mir nach 20 Jahren, nachdem sie mir zwei Söhne und zwei Töchter geschenkt hatte.

Und 1889 starb der große Kirchhoff, der Inhaber des einzigen Lehrstuhls der theoretifchen Physik, der an der Universität Berlin errich­tet worden war. Man berief mich als Extraordinarius zu Kirchhoffs Nach­folge. Man wagte es mit mir. Das war schon ein Wagnis: ehe ein Ge­lehrter nicht vierzig ist, kann ihm kein sicheres Prognostikum gestellt wer­den, namentlich, was seine Wirkung nach außen anlangt.

In Berlin kam ich gleich in den Kreis von Hermann Helmholtz. Das war ein Edelmann durch und durch, ich halte sein Andenken hoch in Ehren. In seinem Hause lernte ich Joachim kennen und mit Joachim zusammen spielte ich manches Stück von Brahms und Beethoven. Helm­holtz, ein Meister in allem, war auch ein Meister in der Kunsft mit seiner Kraft hauszuhalten. Run bt, der andere Physiker, dem ich befonöers nahe kam, war viel lebhafter, viel zugänglicher als er, er hat sich auch fchneller aufgebraucht. Er beklagte sich einmal bitter bei Helmholtz, daß er in Berlin viel weniger Zeit als in Straßburg für sich und feine Arbeit habe, weil er die Menschen hier nicht abschütteln könne.Ja, Herr Kollege", antwortete Helmholtz,ich verstehe Sie sehr gut, da gibt es nur ein Mittel: Sie müssen vornehm werden." Helmholtz selbst war vornehm geworden aus Sorge um fein Werk. Er hatte recht. Jeder muß wissen, was ihn fördert, aus dem Gefühl und mit dem Verstände muß er sich Lebensregeln fetzen, und wer sich mit 40 nicht selber kurieren kann, bei dem steht es schlecht um die Verwirklichung des Lebensplans.

Seit 1894 hatte ich den Plan, die G e f e tz e d e r W ä rrn e st r a h l e N zu studieren. Ich sprach ihn aus in meiner Antrittsrede in der Akademie. Sechs Jahre dauerte es noch, bis ich die Quantenlehre fand, ich sollte noch manchen Kreuz- und Ouerweg gehen, bis ich ans Ziel anlangte. Sie wollen wißen, wie mir der Gedanke kam? Das kann ich Ihnen sagen.

In der Physikalischen Reichsanftalt wurden um 1896 herum Messungen über Strahlungsenergie ausgeführt. Es gab damals zwei Formeln, die die Verteilung der Strahlungsenergie auf die verschiedenen Wellenlängen ausdrückten, die des Lord Rayleigh und die des Professors Wien in Würzburg. Professor Rubens besuchte mich eines Tages und er­zählte nur von jenen Messungen in der Physikalischen Reichsanstalt. Ich hörte ihm zu, ließ mir seine Zahlen durch den Kopf gehen und plötzlich dachte ich:Donnerwetter! So könnte es fein!" Mir war eine Formel eingefallen, die jene beiden Formeln in sich begriff und die Strahlungs­erscheinungen aller Wellenlängen und Temperaturen, die bis dahin beob­achtet wurden, genau beschrieb. Einige Wochen später ging ich in meinem Zimmer auf und ab, und da tarn mir der Gedanke des Wirkungs­quantums, damit war die theoretische Grundlage der Formel geschaffen.

Ob ich damals Glück hatte? Ich hatte Glück und Pech zugleich. Mein Glück bestand darin, daß jene Experimente in meiner Zeit und in meiner Nähe aber freilich ganz unabhängig von mir angefteUt wurden. Was ich Pech nenne, besteht darin, daß ich, den Arbeiten Professor Wiens folgend, eine Zeitlang einen Weg einschlug, der sich später als ein Irrweg Heraus­stellen sollte.

Ende 1900 schloß ich meine ArbeitHeber das Gesetz der Cnergiever- teilung im Normalspektrum" ab. Bei der Formulierung meines Gedankens batte ich mich bemüht, so weit wie möglich im Einklang mit den bisher geltenden Annahmen zu bleiben. Vielleicht, so sage ich mir heute hatte ich damals in der Form noch kühner vorgehen sollen. Ein paar Jahre lang wurde die Quantenlehre angezweifelt oder bestenfalls als em Kurio­sum angesehen. Ernst genommen wurde sie zuerst nur von meinen Ber­liner Kollegen. Auf einem Naturforschertag wurde sie in einem Vortrag erwähnt: es stellte sich heraus, daß die meisten Leute von mir überhaupt nichts gehört hatten. . . . _ .

Aber da tarnen die ersten Bestätigungen. Ich wußte zwar, daß meine Lehre für die Chemie von Wichtigkeit werden könnte und hatte es auch ausgesprochen, aber von der Seite, von der mir jetzt die Bestätigung kam, hatte ich sie doch nicht erwartet. R u t h e r f o r d und Geiger beftimim I ten das absolute Gewicht der Atome durch Zahlung der Alpha-Partikel. Ich las den Sonderabdruck, in dem eine kleine Fußnote daran erinnerte, daß die absoluten Atomgewichte sich wirklich so bestimmen ließen, wie es nach Planck zu erwarten war. Nun war ich selber überzeugt

Ob ich bis dahin noch nicht an meine eigene Lehre geglaubt batte? Doch ich glaubte an sie, weil sie schön war. Nun aber wußte 'ch, daß sie zu den Tatsachen paßte. Und darauf kommt es wohl an. Bald tarn die