Ausgabe 
28.4.1933
 
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Und haben Sie diese Summe pünktlich erhalten? Oder sind Sie etwa nach Berlin gesahren, um Fuchs an seine Derpslichtungen zu mahnen?

Im Gegenteil, ich wollte ihm ja sogar sein Geld wieder zuruckgeben. Ich'hatte noch keinen Pfennig davon angerührt. Ich drängte es ihm auf, ich wars es ihm vor die Füße. Aber er lachte mich aus. Er war durch nichts zu bewegen, mir das Bild-zurückzugeben. Und da..

Die Stimme des jungen Mannes überschlug sich in jäh ausbrechender Erregung. Seine Augenlider begannen nervös zu flattern. Mit ruhelosen Fingern riß er an seinen Mantelknöpsen.

Gerieten Sie in Zorn und haben ihn getötet. Stimmt es?

Grau antwortete nicht, er bewegte nur mechanisch den Kopf. Der Kommissar legte den Bleistift weg und faßte den Maler mit einem langen, vorsichtig forschenden Blick ins Auge. Seine Stimme klang ein­schmeichelnd, beinahe teilnahmsvoll, als er nach einer kleinen Pause in einem Verhör sortsuhr. . , m .

Und nun sagen Sie mir, mein lieber Grau, aus welchem Grunde wollten Sie denn eigentlich dieses Bild durchaus wiederhaben?"

Der Maler zögerte mit der Antwort.

Ich hatte keinen besonderen Grund", sagte er dann ausweichend. Es'reute mich einfach, das Bild verkauft zu haben. Das ist alles."

Seine Augen gingen an Kling vorbei ins Leere. Ein Zug eigen­sinniger Verschlossenheit lagerte sich um seinen Mund. Aber noch kollegia­ler als zuvor svrach Kling aus fein Opfer ein.

Hören Sie mal. Grau, es widerspricht doch jeder Logik, daß man ein Bild für jemand auf Bestellung malt, es abliefert und das Honorar einstreicht. Und bann, nach Tagen oder Wochen, wandelt einen plötzlich die Luft an, den ganzen Handel wieder rückgängig zu machen. Selbst angenommen, es wäre so es gibt ja unter euch Künstlern jo verrückte Käuze bloß, weil der Andere sich weigert, auf Ihre Marotte einzu­gehen, schlägt man ihn doch nicht gleich mir nichts, dir nichts, tot. Sie machen nicht den Eindruck eines besonders gewalttätigen Menschen. Die Geschichte muh einen anderen Haken haben. Also heraus mit der Sprache in Ihrem eigenen Interesse! Was für eine Bewandtnis hat es mit diesem Bild? Hatte es aus irgendeinem Grund für Sie einen persönlichen Wert?"

Grau sah steif auf seinem Stuhl und starrte hartnäckig auf einen Punkt. Er war mit einem Male wie eingefroren in hochmütiger Unzu­länglichkeit. Und Kling glaubte zu bemerken, daß in feinem Blick etwas Gequältes war. Eine schmerzliche Unruhe, die er vergebens zu verbergen suchte. Abweisend entgegnete er:

Ich bin der Meinung, daß Sie Ihre Zeit mit überflüssigen Fragen verschwenden, Herr Kommissar. Die Sache liegt doch ganz einfach für Sie: ich habe ein Verbrechen begangen. Ich habe dieses Verbrechen selber gemeldet und wünsche in Has (genommen zu werden. Me Ijrals ich Ihnen ausgejagt habe, wird auch der Herr Staatsanwalt nicht aus mir heraus­bekommen. Es ist mir gleichgültig, wie meine Strafe ausfallen wird, und ich denke, Ihnen kann das doch erst recht gleichgültig fein. Warum wollen Sie also durchaus Dinge aus mir herauspreffen, die ich nicht sagen will?"

Sein Tonfall bekam etwas Schleppendes, und Kommissar Kling fiel es auf, wie verfallen er auf einmal aussah. Das frostige Zwielicht des kahlen Amtsraumes ließ ihn noch blasser erscheinen, blaß zum Erbarmen. Die dunklen Augen lagen unheimlich tief, wie eingesogen, verkrochen unter den weit vorspringenden Stirnbögen. Erloschene, verschreckte Tier­augen, aus denen eine apathische Traurigkeit bettelte. In dem Kom­missar kämpfte der überspitzte Instinkt des Kriminalbeamten mit einer durchaus menschlichen Sympathie, die dieser junge Mann ihm auszwang. Dabei verlor er keinen Augenblick feine in fast zehnjähriger kriminalisti­scher Tätigkeit erworbene Skepsis, die ihn ermahnte, auf der Hut zu fein. Es wäre nicht zum ersten Male gewesen, daß ein gewitzter Gauner ihn durch ein aus der Luft gegriffenes Geständnis auf eine falsche Fährte zu locken oder sich durch sein Erscheinen auf der Polizei ein raffiniertes Alibi zu verschaffen versucht hätte. Er zwang si chalso zu äußerster Sach­lichkeit und wandte sich mit liebenswürdiger Ironie an Donald Grau: Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihr Bemühen, meine Zeit zu schonen, Herr (8rau. Ich sinde Ihren Vorschlag eines abgekürzten Verfahrens ungemein praktisch und loyal. Leider aber bin ich nach dem derzeitigen Stand unserer Kriminalistik für diesmal noch verpflichtet. Sie solange mit zudringlichen Fragen zu belästigen, bis ich Sie mit gutem Gewissen dem Staatsanwalt überantworten kann. $s hängt also ganz von Ihrem Entgegenkommen ab, wann dieser doch auch Ihnen offenbar erwünschte Moment erreicht sein wird und ..."

Er wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Wachtmeister Reuter betrat das Zimmer.

Nun, Reuter, haben Sie Antwort von Berlin?"

Jawohl, Herr Kommissar, Berlin faßt, daß bis fetzt keine Anzeige eingelaufen ist. Es wird sofort recherchiert werden. In einer Stunde können wir Nachricht haben."

Danke. Verbinden Sie dann direkt zu mir herein. Inzwischen geben Sie Order, daß dem Arrestanten ein Zimmer angewiesen wird."

Er machte eine Geste zum Aufbruch.Ich will Sie bis dahin sich selbst überlassen, Herr Grau. Vielleicht sind sie später besser zur Unterhaltung aufgelegt. Sollten Sie noch nicht gefrühstückt haben, so können Sie sich auf Ihre Kosten ein Frühstück servieren lassen. Ich will Ihnen sogar Gelegenheit geben, sich zu rasieren. Meiner Schätzung nach sind Sie etwa vier Tage nicht mehr dazu gekommen."

Er sah den jungen Mann mit einem kühl lächelnden, durchdringenden Blick in die Augen.Vielleicht erzählen Sie mir bei Gelegenheit, was Sie so lange von dieser Morgenübung abgehalten hat."

II.

Von der Erlöserkirche schlug es acht, als von der Brunnenstrahe her ein Mietauto in vorschriftswidrigem Tempo in die Inoalidenftrahe ein­bog und bald darauf vor dem Haus Nr. 113 hielt. Zwei Herren in dunklen Regenmänteln fliegen aus. Während der eine den Chauffeur bezahlte, studierte der andere die Klingelschilder und ließ dann feinen Blick unauf­fällig die Häuserfront entlangschweifen. Es war ein altes, unschönes

Mletaebäude mit kahlen, vorhanglosen Fensterreihen und einer Unmenge von Firmenschildern an der Haustür. Eines jener nüchternen Geschäfts­häuser die zu neun Zehntel aus Büros und Lagerräumen bestehen und an Wochentagen einem Taubenschlag gleichen.

Es stimmt zweiter Aufgang, vier Treppen. Wir müssen über den Hof, Jensen", jagte der Aeltere der Herren zu feinem Begleiter. Sie eilten durch den finsteren Hausflur, überquerten einen Hof, in dem Kisten und leere Fässer umherstanden, auf denen der Regen trommelte, und gelang­ten in ein Rückgebäude, das, ebenso wie das Vorderhaus, fast ausschließ­lich zu Bürozwecken vermietet war. Man sah es den schmalen, aus« gehöhlten Stufen an, daß Hunderte von Füßen Tag für Tag über sie auf und ab wanderten. Heute am Sonntag waren sie leidlich sauber gescheuert; es ro chnach Seifenlauge und Chlor und das ganze Haus schlief in einer beinahe beklemmenden Feiertagsstille.

Im Seitenbau ist eine Schlosserei" äußerte Jensen im Hinaussteigen. Für den Fall, daß wir aujbrechen lassen müssen."

Der andere stolperte über eine Milchkanne, die jemand vor die Tür gestellt hatte, und hielt sich fluchend am Geländer fest.Verdammte Hühnerstiege! Den Hals kann man sich brechen bei dieser Finsternis."

Im vierten Stock machten sie Halt. Inspektor Scharf kramte seine Taschenlampe hervor und suchte damit die Tür ab, bis ein kleines Mes- singschild aufblinkte, auf dem der Name Fuchs zu lesen war. Die Tür war aus massivem Eichenholz und hatte in der Mitte ein kleines Guck­loch, mit einer von ihnen verschiebbaren Klappe. Neben der Glocke hing ein kleiner Abreißblock für Notizen. Auf dem obersten Blakt stand in einer fahrigen Frauenschrift:Morgen 4 Uhr Schachklub. Olly." Die beiden Herren sahen sich vieldeutig an.

(Fortsetzung folgt.)

Nun ruhen alle Wälder.

Von Paul Gerhardt.

Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgefällt. Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind: Fahr hin, ein andre Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen. Die güldnen Sternlein prangen Am blauen Himmelssaal: So, so werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Goü aus diesem Jammertal.

Der Leib, der eilt zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Haupt, die Füß und Hände Sind froh, daß nun zum Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollst werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein fingen: Dies Kind soll unverletzet sein.

Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Kein Unfall noch Gefahr! Gott laß euch ruhig fchlasen, Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und feiner Helden Schar!

Ein deutsches Geiehrtenleben.

Ein Gespräch mi( dem Nobelpreisträger Max Planck.

Von Ernst Lorenz.

Im Folgenden erzählt der Nobelpreisträger Professor Max P l a n ck , der als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft die höchste Stufenleiter wissenschaftlicher Ehren erklommen hat, aus feinem Leben. Als Schöpfer der Quantentheorie gehört er zu den bedeutendsten wiffenschastlichen Entdeckern unserer Epoche ein deutscher Gelehrter von Weltruf, der, wie be­reits gemeldet, in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag beging. Die Natur macht keine "Sprünge: so lehrten die Weisen des Alter­tums und so wußte es auch Newton, der die uralte Weisheit als ein Naturgesetz in eine eherne Formel faßte. Dieses Gesetz war einer der Pfeiler, auf die das 18. und 19. Jahrhundert die Naturlehre aufbaute, es schien für alle Ewigkeit zu gelten. Alle Genies der Physik glaubten daran, denn alle Erscheinungen, die sie in der Natur oder in ihrem Labo­ratorium sahen, ließen sie mit jenem Gesetz erklären, aber nicht ohne das