Ausgabe 
28.4.1933
 
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Geheim ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang <955 Freitag, den 28. April Nummer 55

Auf eine Unbekannte.

Von Friedrich Hebbel.

Die Dämmerung war längst hereingebrochen, Ich hott' dich nie gesehn, du tratst heran;

Da hat dein Mund manch mildes Wort gesprochen In heil'gem Ernst, der dir mein Herz gewann. Still, wie du nahtest, hast du dich erhoben Und sanft uns allen gute Nacht gesagt;

Dein Bild war tief von Finsternis umwoben, Nach deinem Namen hab' ich nicht gefragt.

Nun wird mein Auge nimmer dich erkennen, Wenn du auch einst vorübergehst an mir, Und hör' ich dich von fremder Lippe nennen, So sagt dein Name selbst mir nichts von dir. Und dennoch wirst du ewig in mir leben. Gleichwie ein Ton lebt in der stillen Luft, Und kann ich Form dir und Gestalt nicht geben, So reißt auch keine Form dich in die Gruft.

Das Leben hat geheimnisvolle Stunden, Drin tut, selbstherrschend, die Natur sich kund; Da bluten wir und fühlen keine Wunden, Da freun wir uns und freun uns ohne Grund. Vielleicht wird dann zu flüchtigstem Vereine Verwandtes dem Verwandten nahgerückt; Vielleicht, ich schaudre, jauchze oder weine, Jst's dein Empfinden, welches mich durchzückt!

Die Dame mit dem Otterpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.

I.

Am neunzehnten November, einem hoffnungslos düsteren Regen­sonntag, wurde Kommissar Kling durch das Geschmetter des Telephons aus dem besten Morgenschlaf gerissen. Verdrossen tastete er nach dem Apparat neben seinem Bett und klemmte mit Gewohnheitsgeste den Hörer zwischen Kinn und Schulterblatt. SeinHallo, was gibt's denn?" klang nur um eine geringfügige Nuance zarter als ein Fluch. Er erkannte sofort den bellenden Baß von Wachtmeister Reuter, einem seiner tüch­tigsten Unterbeamten.

Bedaure, Sie so früh stören zu müssen, Herr Kommissar, aber Kom­missar Klaproth läßt Sie bitten, so bald wie möglich ins Amt zu kommen. Eine dringende Sache ..."

Mord?"

Jawohl, Herr Kommissar. Das heißt, es ift vor einer Viertelstunde ein Mann auf die Wache gekommen, der angibt, gestern abend in Ber­lin einen Mord begangen zu haben. Die Personalien stimmen. Kommissar Klaproth hat bereits ein kurzes Protokoll ausgenommen, aber er kann mit dem Mann nicht weiterkommen. Ein schwieriger Bursche, wie es scheint. Kommissar Klaproch läßt Sie dringend ersuchen..."

Also gut, ich komme. In spätestens zwanzig Minuten."

Während seiner überstürzten Morgentoilette fand Kommissar Kling noch Zeit genug, die Seelengröße eines Menschen zu bewundern, der an einem Sonntagmorgen, an dem es mit Scheffeln vom Himmel gießt, um 6 Uhr 40 Minuten dem Bedürfnis nicht widerstehen kann, sein Ge­wissen zu erleichtern. Und ich wage nicht sestzustellen, ob Herr Kling nicht etwa im Stillen der Meinung war, daß dieser unwahrscheinliche Mensch seinen Drang nach Vergeltung zum mindesten bis nach der Morgen­predigt hätte bezähmen können. Eine Ansicht, die natürlich streng privat war und auch nur so lange anhielt, als er sich außerhalb seiner Dienst­zone befand.

Sobald er genau zwanzig Minuten später sein Amtszimmer im Polizeigebäude betreten hatte, war er wieder der korrekte, sachlich denkende Kommissar Kling, einer der fähigsten Kriminalbeamten von Stralsund, dem man wegen seiner ungewöhnlichen Geschicklichkeit, den gestelltesten Gauner zum Reden zu bringen, eine große Karriere vor­aussagte.

Nachdem er das Protokoll Klaproths flüchtig durchgelesen hatte, ließ er sich den Erftatter der Selbstanzeige vorführen.

Ein junger, blasser Mensch trat ins Zimmer, der den nicht gerade kleinen Reuter fast um eine Kopflänge überragte. Brust und Schultern waren breit gebaut, beinahe athletisch. Und Kling versuchte vergebens sich darüber klar zu werden, warum dieser Mann trotzdem neben der untersetzten Erscheinung des Wachtineifters einen fast schwächlichen Ein­druck machte. Vielleicht lag es nur an der saloppen und auffallend flüch­tigen Art seiner Kleidung. Der Mantel war schief zugeknöpft und triefte vor Nässe. Und trotz des hochgeklappten Kragens konnte man sehen, daß er keine Krawatte trug. Seine Schuhe waren von guter Qualität, aber ungepflegt und ohne Sorgfalt zugeschnürt, so daß ein Schuhriemen auf­gelöst am Boden schleifte. Ein Umstand, der nicht dazu angetan war, den Kriminalkommissar für den jungen Mann einzunehmen. Denn Kling hatte seit je gerade für diese weitverbreitete Form menschlicher Liederlich­keit eine tiefwurzelnde Abneigung. Und er vertrat die etwas kühne Theorie, daß ein Mensch, der seine Schnürsenkel unbekümmert nach­schleppen lasse, zweifellos auch andere moralische Defekte aufzuweisen habe.

Setzen Sie sich", sagte er in barscherem Ton, als es sonst seine Art war, und blätterte eine Weile, schweigend und mit gestellten Brauen in , dem Protokoll.Sie heißen Grau, Donald Grau, 27 Jahre alt, ledig, . von Beruf Kunstmaler, wohnhaft in Stralsund, Lindenallee 9. Sie haben i zu Protokoll gegeben, am 18. November zwischen 5 bis 6 Uhr abends den Kunsthändler Caspar Fuchs in seiner Wohnung in der Jnvalidenstraße 113 in Berlin ermordet zu haben. Halten Sie dieses Geständnis aufrecht?"

Eine auffallend angenehme Stimme antwortete:

Ich wüßte nicht, warum ich ein freiwilliges Geständnis, das ich vor kaum einer Stunde abgegeben habe, widerrufen sollte."

Kling sah unwillig auf, er hatte seine Zurechtweisung auf den Lippen. Aber er vergaß sie über einer Entdeckung, die seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ihm plötzlich klargeworden, woran es lag, daß Grau bei feinem Eintritt auf ihn den Eindruck eines schwächlichen Menschen ! gemacht hatte. Es lag ohne Zweifel an der auffallend schmalen Schädel­bildung, die zu seinem kräftigen Körperbau in beinahe groteskem Gegen­satz stand. Auch seine Hände waren unwahrscheinlich zart. Sie hatten etwas Hilfloses, beinahe Infantiles. Etwas von einer degenerierten Pflanze. Kommissar Kling heftete seinen Blick nachdenklich aus diese Hände und war intensiv bemüht, sich darin eine Mordwaffe vorzustellen. Der Gedanke kam ihm auf einmal absonderlich vor. Dabei machte er die Wahrnehmung, daß die Hände des Mannes unter feinem Blickck zu zittern begannen. Sie erwachten gleichsam aus ihrer starren Pose zu einer unnatürlich flattrigen Lebendigkeit. Und plötzlich hörte er Graus Stimme wie ein Echo seiner Gedanken sagen:

Sie können sich offenbar nicht entschließen, mich für einen Mörder zu halten, Herr Kommissar?"

Kling bekam einen roten Kopf. Aber er zwang seine Gereiztheit in einen ironischen Ton.

Wenn Sie gestatten, Herr Grau, möchte ich mir meine Entschlüsse bis nach dem Verhör aufsparen. Ich empfehle Ihnen, sich weniger mit Gedankenlesen zu befassen als mit der möglichst raschen und klaren Be­antwortung meiner Fragen."

Er drückte auf die Klingel und reichte dem eintretenden Reuter das Protokoll.

Verlangen Sie dringende Verbindung mit Berlin und fragen Sie an, ob dort bereits über die Sache etwas bekannt ist."

Dann faßte er Grau scharf ins Auge.

Aus welchem Grunde haben Sie den Kunsthändler Caspar Fuchs getötet?"

Wir kamen in Streit."

Sie hatten also den Vorsatz, ihn zu ermorden, nicht schon früher gefaßt?"

Nein."

Wie lange haben Sie sich vor der Tat in Berlin aufgehalten?"

Der Befragte machte eine unsichere Geste.

Ich verstehe nicht..."

Nun, ich meine waren Sie schon ein paar Tage früher in Ber­lin oder..."Ich war seit meiner Studienzeit nicht mehr in Berlin."

Dann wäre es vielleicht günstiger für Sie gewesen, wenn Sie mit dieser Reise noch einen Tag länger gewartet hätten... Was also hat Sie veranlaßt, aus einmal nach der Hauptstadt zu fahren?"

Ich wollte mein Bild zurückhaben."

Ein Bild? Welches Bild?"

Ein Bild, das ich an Fuchs verkauft hatte."

Ich verstehe. Sie standen mit Fuchs in geschäftlichen Beziehungen. Hat er des öfteren Arbeiten von Ihnen gekauft, ich meine, hatten Sie mit ihm einen laufenden Vertrag?"

Nein, ich habe nur dieses eine Bild für ihn gemalt, auf Bestellung. Ich lernte ihn ja erst vor kurzem kennen."

War ein Honorar vereinbart?"

Ja, tausend Mark."