auf der Haut, aber er achtete nicht darauf. Er hatte ein Lächeln um den Mund, ein sieghaftes Lächeln: und der Gedanke, der dieses Lächeln ausgelöst hatte, machte ihn den Regen vergessen
Langsam schritt er dem Sekretär nach, der längst verschwunden war und trat durch das Dachfenster ins Haus zurück. Er klingelte im dritten Stock bei dem Sekretär Bell. Herr Bell öffnete selbst. Er war im Straßenanzug, keineswegs durchnäßt und schien recht vergnügt.
„Ah, Herr Doktor Röhrbach, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?" Er führte ihn sofort ins Herrenzimmer. „Bitte, nehmen Sie Platz. Ein schauderhaftes Wetter draußen. Sie sind ohne Hut und Mantel hinausgegangen.
„Ich war leider dazu gezwungen. Ich bin nämlich einem Verbrecher auf der Spur."
„Was Sie sagen!" Der Mann war ganz ruhig und beherrscht.
„Ja", fuhr Rohrbach fort, „und Sie, bester Herr Bell, spielen dabei auch eine Rolle. Wollen Sie mir antworten, wenn ich Sie etwas frage?"
„Natürlich: ich begreife nur gar nicht ..."
„Sie werden sofort begreifen. Wann haben Sie zuletzt die Wohnung verlassen?"
„Ich war zuletzt auf der Straße, als ich — da Heute Samstag ist — um drei Uhr nach Hause kam."
„Sehr gut. Um drei Uhr regnete es noch nicht, wenn ich mich recht erinnere?"
„Nein, im Gegenteil, die Sonne schien."
„Sonderbar, Herr Bell, Sie haben völlig nasses Schuhwerk an den Füßen und im Flur hängt Ihr Mantel und Ihr Hut, beide sind patschnaß. Hat ein anderer Ihre Sachen benutzt, so bleibt die Frage: „Wo haben Sie sich die nassen Schuhe geholt?"
Bell stotterte etwas, das unverständlich blieb. Er war sichtlich aus dem Gleichmaß gebracht. Doktor Rührbach blieb die Ruhe selbst. „Noch eines ist sehr eigenartig, Herr Bell. Vom Boden herunter führt eine nasse Spur bis zu Ihrer Flurtür. Wenn es nicht so unwahrscheinlich wäre, möchte ich fast annehmen. Sie waren vor kurzer Zeit auf dem „Dach".
„Aber Herr Doktor! Was hätte ich dort zu suchen gehabt?" „Darf ich einmal Ihr Telephon benutzen, Herr Bell?"
sagte Bell trotzig. „Was ist sieben Jahre, er kann
rufen Sie bas Kind herein. „Nein", wollen Sie von meinem Jungen? Er Ihnen gar keine Auskunft geben."
„Bitte", sagte Bell tonlos,, was blieb ihm anderes übrig. Nöhrbach nahm den Hörer ab. „Fräulein", sagte er, „hier spricht die Kriminalpolizei: bitte stellen Sie fest, welche Nummer mit.üiesem Apparat zuletzt angerufen wurde und melden Sie es bitte hierher. Die Angelegenheit eilt!" Er hängte wieder ab.
„Was heißt das?" begehrte Bell auf. „Meine Privatgespräche gehen niemanden etwas an! Ich bitte um Auskunft, was Sie von mir wollen."
Nöhrbach machte eine beruhigende Handbewegung. „Sie erfahren noch alles", versicherte er. „Wollen Sie jetzt gestatten, daß ich ein oder zwei Fragen an Ihren kleinen Sohn stelle? Bitte,
„Doch", verhieß Nöhrbach. „Er kann mir sagen, wo sein Pusterohr geblieben ist. Er hat doch ein Pusterohr besessen, nicht wahr? Herr Bell! Er blies doch diese kleinen gefiederten Pfeile nach der Scheibe, nicht wahr?" Nöhrbach wies das bunte Etwas vor, das er auf dem Dach gefunden hatte. „.Hier im Zimmer hat sich Ihr Jnnge vor nicht allzu langer Zeit mit diesem Spiel vergnügt. Dort steht noch die Schießscheibe. Man muß wie mit dem Gewehr das Zentrum treffen. Sie haben sich gewiß auch selber an dieser Scheibe eingeübt?"
Bell brach zusammen. „Woher haben Sie diesen Pfeil?"
„Ich fand ihn oben auf dem Dach, genau dort, von wo Sie Ihren hinterlistigen Pfeilschub auf den Amtsrichter abgaben, den S-' ans Fenster gelockt hatten. Rühren Sie sich nicht von der Stelle! Jetzt schlägt das Telephon an. Warten Sie noch diese Meldung ab und dann gestehen Sie!" Er nahm den Hörer zur Hand. Das Fräulein vom Amt meldete erwartungsgemäß: „Mit dem Apparat, mit dem Sie jetzt hören, ist zuletzt die Nummer 4567 angerufen worden." ' . , m
„Danke", sagte Röhrbach, er schaltete bas Telephon aus. „Gestehen Sie jetzt den Mordversuch ein, Herr Sekretär Bell?
Sekretär Bell richtete sich auf. „Ja", sagte er, „Sie sind ein findiger Kopf, Herr Doktor." Er erhob sich, tat drei Schritte und schob die Tür ins Nebenzimmer auseinander.
Ein überraschendes Bild bot sich. Da saßen Amtsrichter Dornberger und Asseffor Lilius. Sie hatten offensichtlich gelauscht. Sie gingen Nöhrbach entgegen. „Das haben Sie gut gemacht, Doktor- chen", sagte Lilius. „Rascher als wir annehmen durften, haben Sie den Täter überführt. Ihrer Anstellung steh- nichts mehr rm Wege Dies war die Prüfung, die wir Ihnen angesagt hatten.
Domberg streckte ihm die Hand bin. „Ich gratuliere ,.sagte er: wir fürchteten schon, unser Freund Bell, dem gerade, als er hinausgehen wollte, das Stiefelband riß, wäre zu spat gekommen, um auf dem Dach die Spuren zu legen: aber -8 hat alles noch tadellos geklappt." Er lachte. „Habe ich nicht fein den Pfeil in mein Nackcnhaar gemogelt? Bin ich nicht ein famoser Schau-
Nöhrbach mimte Verblüffung. „Aber mein«!,Herren — so eine Irreführung —". Er sank in einen Seffel. Gelachter war um ibn herum: Lilius klopfte ihm auf die Schulter. Daß auch dieser Doktor Nöhrbach ein glänzender Schauspieler war, vielleicht der alkr- bcf>e in diesem Zimmer, blieb unbekannt.
Riesele.
Die Geschichte eines kleine« Pserdes.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
lNachüruck verboten.) iFortseyung.«
Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll vor Glück, als ob er Wein getrunken hätte, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, aus denen der kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus. Noch wackelt der Vorhang, da kommt Dauphin wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des Königs und der Königin nieder.
Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem blauen Seidentüchlein wischt sie sich die Freu- dentränen aus den Augen, kommt herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt Dauphin auf ^die weiße Blesse ...
Dauphin hört und steht nicht mehr, hält die Augen geschloffen und spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er entblößt die Zähne und reckt geschlossenen Auges den Kopf steil in die Höhe. Er läßt den Kopf tief herabsinken und weiß offenbar nicht, was er tun soll.
Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor Glück und Freude über das geküßte Kind ..
Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und Sklavenpferde den Thronsaal fort, ein werktätiges Balkengerüst, eine Dame hängt schäbig bemalt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! . . .
Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig hat. Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen Spiegel vorbei nach dem Stall zu.
Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder weg. Wallenstein steht auch da und knappert mit den Zähnen am Randblech eines Wagenöaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große laßt den Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen Wallensteins, denn der Kuß der Königin brennt ihn!
Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt:
„Heut nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!"
Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum Schlaf nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem Halse.
Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kutz der Königin auf der Stirn und sieht auch wohl den weißen Spiegel vor den Augen. Dann schläft er doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm 'n die Arena, als streichelten sie ihn alle auf denselben Fkeck der Stirn.
Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn wieder sinken und schnarcht weiter.
Stets hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen, daß die breiten weißen Zähne aufleuchten.
Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn die weiße Vleffe zum ersten Mal in seinem Leben.
In dieser Stadt überraschte aber den . zarten Dauphin der Krieg.
13.
Eines Abends fehlen bei der Vorstellung die bunten Offiziere, die Menschen reden lauter und kargen mit Beifall. Mitten in der Nacht, da alles schon schläft, werden plötzlich in allen Zeltställen die Lichter angedreht, alle Pferde werden tn die Arena geführt, und Soldaten suchen die stärksten und schönsten aus und stellen sie zu Paaren.
Wie Dauphin sieht, datz auch Wallenstein mit ausgemustert ist, läuft er zu ihm hin.
Ein Offizier schlägt ihm verächtlich auf die Backen, sagt: „Na Kleiner, dich wollen wir doch lieber hier laffen", und zerrt ihn weg. Dauphin aber möchte bei Wallenstein bleiben! Und wie die Pferde mit den Offizieren fortziehen, läuft er nochmals zu Wallenstein hin und wird wieder fortgejagt.
„Fort, zurück, ihr da, in den Stall!" ruft der Direktor, und Dauphin geht in seinen Stall. Die Löwen brüllen in den Käfigen, die Affen kratzen an ihren Holzwänden, auf dem Pilaster der Straße vor dem Eingang zum Zirkus tuten und schollern Automobile, Pferde trappeln in endlosen Prozessionen durch die Nacht wie klingende Säulen steigt ihr fröhliches Wiehern in die Dunkelheit. Das Getrappel foltert den kleinen Dauphim
Morgens sand keine Probe statt. Wenn die Sacktür des Stalles sich hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen des Direktors stehen. Künstler fütterten, Künstler halfen das große Zelt abschlagen. Künstlerinnen trugen die Schürzen der Wärter.
Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen sieben Pferde ansah, ward er traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben, wie alt er


