Ausgabe 
27.11.1933
 
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6er Höhe der Posten des Astrologen, der Wege und Bedeutung der Geurrne mitzl. ~ . , . ,

Aber man hat noch lange nicht das Ganze geiehen und begriffen. Vom Bad tritt man in eine riesige Loggia vom reinsten ttalie- Nischen Geschmack,' es ist eine sala terrena, die dem großen Pal- ladio nicht mißfallen hätte. Nun ermißt man auch den intimeren Geschmack: die Loggia ist mit Bronzen dör Renaissance ungefüllt (beute freilich sind es Nachbildungen, da die Urbilder, von den Schweden des Dreißigjährigen Krieges geraubt, in Schweden ver­blieben). Hier ist die Begegnung des Soldaten mit den Musen. Sie ist vielleicht ein wenig primitiv, ein wenig zu drastisch,- aber sie ist auch leidenschaftlich. , . .

Der Badegrotte gegenüber dem Spielzimmer aber seinem ersten Zweck sonderbar entfremdet. Denn innen steht inmitten der Balg des nur mäßig großen, eher kleinen Leibpferdes, das den Feldherrn durch die Schlacht bei Lützen getragen hat, obwohl es in seinem eigenen Blute lief, das treue Tier. Der Rumpf allein ist echt,- Kopf und Füße, sagt der Führer, sind erneuert. Aber was tur es: die Reliquie des Krieges bewegt dennoch das Herz, und die Spinnweben über den Glasaugen schließen sich auch über dem be­trachtenden Gemüt. Der orientalische Teppich an der Mauer, heißt . sei die Packung um den Ermordeten von Eger gewesen. Wir fragen nicht mehr, ob es wahr ist; denn längst ist uns. der Mythos wahrer als die Wirklichkeit ...

Der Garten mit Beeten und Scherenlabyrinth bezeugt noch die erste Anlage französischen Geschmacks; und ist das Flughaus der Vögel heute leer, so sehen wir doch den Jäger Wallenstein, der zu seinen Falken geht und sie füttert.

Die spätesten Blume des Jahres stehen noch in vergehendem rubinfarbenem Rot. Mumien von Blumen, vergeffene Mumien; dem Balg des Pferdes sonderbar verwandt. Die Kastanien stehen entlaubt. Der Führer weiß, daß an ihrer Stelle vordem Pappeln in geschnittener Pyramidenform und Spitzkegelform gestanden sind. Es beginnt zu regnen.

Von ungefähr blickt man aus der umhegten Zone des Gartens himmelan und man erschrickt, denn nun begreift man das Ganze. Vom Garten her erblickt man die Türme der Veitskaihedrale und den ganzen Hradschin! Und man weiß, was man bisher nur undeutlich empfunden hat: die großartige Loggia vom Garten her, der Palast, der nun erst seine überraschende Weitläufigkeit ent­wickelt (denn die Baulinie schlägt sich weit um die Ecke, als Offi­ziersflügel und als Prätorianerkaserne) dies ganze Wallenstein- haus ist eine einzige Scheidemauer gegen den Hradschin: Scheide­mauer und Wehrmauer, damit der Feldherr im weiten Garten unbemerkt gehen und sich dort hinstellen kann, wie und wo er will, um einen Blick zum Hradschin hinaufzuschicken, einen Blick, der Könige mißt und Kaiser mustert. Oh, es ist ja gar nicht möglich, von irgendwo so stolz hinabzusehen, wie Wallenstein, ein einziger souveräner und wortloser Trotz, von diesem Garten aus, von der Weite dieses ummauerten Gartens aus hinausgeschaut haben mutz, dorthin, wo die Majestät satz oder der Stellvertreter der Majestät und den Feldherrn drunten, den kaiserlichen Generalissimus fürchtete.

Es ist für diesmal zu Ende; aber man weih, dah man wieder­kommen wird, und man kommt wieder. Uns hat die Atmosphäre, die noch jetzt das unsichtbare, dennoch merkliche Antlitz des magnetischen Verhängnisses trägt, in einer Woche dreimal hin- gezogen.

Die Gasse um die Ecke heihtWaldsteingasse". Palais steht an Palais, ein barocker Nachbar neben dem andern Fürstenberg, Kolowrat und wie sie alle heitzen. Nach der anderen Seite geht es zu Sankt Thomas. Wallenstein ist mit der Kirche durch einen Korridor verbunden gewesen, und es würde uns nicht wundern, wenn dort oben sein Gesicht durch die Mauer käme: blaß, mager, mit dunklem Haar und Blick, hintergründigen Ausdrucks, vom Bösen berührt, aber noch viel mehr von den Sternen her gelenkt und gebildet, den Sternen, die ja auch das Dunkel brauchen:Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen." Er liebte die Tiefe und das Dunkel, weil er die Sterne liebte.

Rache für Tork.

Von Frank I. Braun.

Amtsrichter Domberg war Junggeselle; er war es, der diese nachmittäglichen Skatstunden zusammenhielt. Diesmal saßen in seiner Wohnung sein Freund Lilins, der Assesior bei der Staats­anwaltschaft war, und der kleine Doktor Nöhrbach, der einen rechten Beruf noch nicht gefunden hatte.

Röhrbach fragte gerade:Glauben Sie, Herr Amtsrichter, daß aus meiner Staatsanstellung als Kriminalassistent noch etwas werden mag?"

Domberg batte einen Grand mit Vieren in der Hand. Er war insolgedessen bester Laune.Sie täten bester, unseren Freund Lilins zu fragen, lieber Ihr Gesuch entscheidet die Staatsanwalt­schaft. Aber ich kann Ihnen verraten, daß Ihre Aussichten gut sind."

Affestor Lilins nickte.Man wird wohl eine Prüfung veran­stalten: aber ich hoffe, datz Sie bestehen werden."

WaS wird denn etwa verlangt?" wollte Röhrbach misten. Lilins sab ibn gemacht wichtig an:Amtsgeheimnis, Doktor, wie dürfen Sie mich das fragen?"

In diesem Augenblick läutete das Telephon im Nebenzimmer. Der Amtsrichter ging hinüber und meldete sich.Wie denn", rief er,meine Haustür ist geschlossen und es will mich jemand be­suchen und kann nicht hinein? Wer spricht denn dort? Wer will denn ins Haus, hallo* das Gespräch brach ab.

Domberg kam ins Zimmer zurück.Da ruft ein Unbekannteii an, ich soll einmal zum Fenster hinaussehen, unten ans bcn Straße stände jemand, der zu mir ins Haus wolle. Wer kann, denn jetzt am helltchten Tag die Haustür abgeschlossen haben?" Wen erwarten Sie denn, Herr Domberg?"

Keinen Menschenl" Domberg öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus. Er war wütend. Draußen goß es in Ströme». Er sah auf die Straße; zwei Stockwerk tiefer; niemand stand vo» der Tür.Blöder Unfug", grollte Domberg und wollte gerade den Kopf zurückziehen, da stieß er einen kleinen Schrei aus. E» taumelte zurück.

Was ist los?" Seine beiden Freunde sprangen hinzu uni» fingen den Wankenden auf.,Ich bin gestochen!" schrie Dörnberg da im Nacken! Es stach mich etwas. O, das brennt verteufelt Er hatte beide Hände in seinem Genick. Sie mußten sie ihm wegziehen. Da sahen Sie es. Im Haar, wohl schon aus der Wunde herausgerissen, steckte ein kleiner gefiederter Pfeil; daumenlang war er nur. Er fiel zu Boden. Lilins hob ihn auf. Ein winziges Papier war daran befestigt, so groß rote ein Fingernagel. Er ent­fernte es und las laut vor:Rache für Tork!"

Was heißt das?" fragte Röhrbach,Tork war das nicht der Name jenes Mörders, den unser Freund Domberg der ge­rechten Strafe zuführte?"

Lilins nickte; er betrachtete Dörnberg aufmerksam und er er­schrak. Mit dem Amtsrichter war eine Veränderung vorgegangen.. Sein Gesicht schien verfärbt, seine Hände zitterten. Er warf seinem Kollegen einen Blick zu und hauchte mehr als er sprach:Ich fühle es, ich bin vergiftet, es kriecht ein Gift durch mein Blut,, holt einen Arzt, rasch ..." Lilius schüttelt den Kopf.Ein Arzt ohne Hilfsmittel nützt hier nichts. Sofort ins Krankenhaus, Tom- berg. Kommen Sie, unten an der Straßenecke stehen Autotarcn., mir wollen keinen Augenblick verlieren. Können Sie noch gehen?" Wenn Sie mich stützen, roird es gelingen. Die beiden Männer schwankten hinaus. Lilius rief, sich in der Tür umsehcnd»! Suchen Sie etwas über den feigen Täter zu erfahren, Dollem, Nöhrbach, aber seien Sie vorsichtig, Sie sehen, die Schurken geh» aufs Ganze!"

Röhrbach blieb zurück. Stärker schlug der Regen gegen dm Scheiben.

Rache für Tork. Ein Pfeil im Nacken des Amtsrichters. Vor­her der telephonische Befehl zum Fenster hinauszusehen. Also eins geschickt gestellte Falle. I

Er trat ans Fenster, öffnete es wieder und schaute hinan:.. Aber er blickte nach oben. Was unten auf der Straße geschah, man belanglos, lieber ihm befand sich noch ein Fenster, dann kam di« Dachrinne. Aber ein kleiner Vorsprung roar gerade dort ge­baut, der Kohlenboden reckte seine Winde und das Aufzugsrckd über den Dachrand.

Röhrbach sann. Der gefiederte Pfeil konnte geworfen, wahr­scheinlicher aber geblasen worden fein. Der Schütze mußte aiffl dem Dach gestanden haben; denn das Fenster über dem, , welchem er hinaus sah, roar geschloßen. Immerhin: roer wohn!« dort?

Sein Entschluß roar gefaßt. Er lief auf den Korridor und di«( Treppe hinaus. Sekretär Bell stand an der Tür. Den kannte co ja, der roar ja auch vom Gericht. Kam als Täter nicht in Frage.! Also sich nicht aufhalten lassen. Hinaus auf bas Dach. Er lief am den Boden, fand ihn geöffnet, stieß auf die Dachluke und tratl hinaus. Regen peitschte ihm sofort ins Gesicht, aber er kämpft«! ! sich tapfer bis zur Kohlenroinde an den Dachrand und Beugt«! sich vor. Ja, von hier aus konnte man den Pfeil abschietzen. E-t roar ein Leichtes ... er stutzte; hinter ihm knarrte das Darv-^ fenster. Was war das? Er lief zurück und verbarg sich hinten einem der Schornsteine.

Das Fenster ging auf; heraus kam ein Mensch. RöhrbaÄ staunte, er meinte, feine Augen täuschten ihn. Der Mann im Regenmantel, den Hut ins Gesicht gezogen, so gut gegen Rege« geschützt, roar Sekretär Bell. Er erkannte ihn gut trotz der Ver­mummung. Bell ging denselben Weg zur Kohlsenroinde, Beugt«, sich vor und blickte vorsichtig auf die Straße oder an der Maucn hinab. Dann blickte er vor sich hin, als bestätige er sich etwa?. Aus seiner Tasche nahm er einen kleinen Gegenstand und wam Üjn zu Boden. Nicht genug damit, zog er noch einen Brief aus dem Mantel hervor, zerriß ihn und warf die Schnitzel roeg. S». roehten nicht roett. Der naffe geteerte Dachboden hielt sie fest. J

Hierauf wandte sich Sekretär Bell berfiedtgt ab. Seinen Mun!t umspielte ein Lächeln. Er ging denselben Weg, den er gekommen war, zurück und tauchte wieder unter.

Röhrbach überwand seine Erstarrung. Er schlich zum Kohle»' aufzug. Leicht fand er den Gegenstand, den Bell weggeworftm hatte. Sein Staunen wuchs ins Maßlose. Am Boden lag ein 0t fie&erter Pfeil, wie jener einer gewesen roar, der den Amtsrichter i getroffen hatte. Er bückte sich, nahm ihn vorsichtig an sich sammelte bann die zerrissenen Blättler, so viele er noch hnt>c i konnte. Er ließ sich nicht von dem herabklatschenbe» Regen ft»11* sondern setzte die Zettelteile an Ort und Stelle zusammen, j gut es ging. Die Schrift roar nicht ganz verroischt. Er las:vaW 4567 Anruf Punkt vier Uhr dreißig." Mehr roar nicht zu ent~| Ziffern. .

Röhrbach faßte sich an die Stirn. Sie roar naß und trotzoc .' heiß. Die Nummer roar Amtsrichter Dombergs Telephonann - Die Zeit stimmte genau. Um vier Uhr dreißig hatte der un°~ kannte den Amtsrichter ans Fenster gelockt. Um Himmelswiuc Was aber hatte Sekretär Bell damit zu tun! Er stand und I« . Der Regen rann ihm in den Kragen; seine Beinkleider lagen »