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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |953 Montag, den 27. November Nummer 92

Oie stille Stadt.

Von Richard D e h m c l.

Liegt eine Stadt im Tale, Ein blasser Tag vergeht; Es wird nicht lange dauern mehr, Bis weder Mond noch Sterne, Nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken Nebel auf die Stadt;

Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, Kein Laut aus ihrem Rauch heraus, Kaum Türme noch und Brücken.

Doch als den Wandrer graute. Da ging ein Lichtlein auf im Grund; Und durch den Rauch und Nebel Begann ein leiser Lobgesang' Aus Kindermund.

Der Palast des WaUenstem.

Von Wilhelm H a u s e n st e i n.

Als Friedrich V., der junge Kurfürst von der Pfalz, König zu Prag nach dem Willen der gegen den Kaiser in Wien auf­ständigen Böhmen, durch die Schlacht am Weißen Berge die Krone wieder verloren hatte und sich anschicken mutzte, die barocke Ro­manze desWinterkönigtums" in der Reichsacht zu büßen, sing Wallenstein an, in Prag einen Palast zu bauen, der bis zum heutigen Tage als einziger Trotz gegen den Hradschin besteht, eine schweigende, aber fürstliche Drohung, die der königlichen Burg gilt.

Es gibt in Prag üppigere Adclspaläste; aber in keinem, scheint Mir, hat adlige Gewalt sich so dicht und widerständig zusammcn- gezogen, wie im Hause Wallensteins; keiner ist der großen Burg der österreichischen Kaiser so gefährlich, keiner ihr so verschworen entgegengesetzt. Der wallcnsteinische Palast ist im prunkvollen Prager Nahmen eine schlichte Form: aber cs müßte einer un­empfindlich sein bis zur Stumpfheit, wenn er nicht spüren ivollte, daß dies Gebäude wie überall der Geist den Ausdruck der Er­scheinung prägt in einer außerordentlichen, ja einzigartigen Seelenluft steht, und dies bis auf unseren Augenblick, weil der Geist an diesem Hause wie überall unsterblich ist.

Man kommt von der Nikolauskirche des großen Dientzenhofer, die einen der gewaltigsten Maßstäbe des Barocks gibt, und ist darum gerüstet, uur noch mit dem Mächtigsten zufrieden zu sein. Es geht durch eine schlichte Gasse hinüber. Da steht zur Rechten die Wohnung des großen Feldherrn, der ein heimlicher König von Böhmen gewesen ist: zweistöckig, breitgestreckt, - breit, aber nicht kolossalisch; ein nobler, jedoch auch simpler Bau, zwilchen spater Renaissance und frühem Barock inmitten. Man würde aus der bloßen Banform, die schön und angenehm ist, ohne grandios zu sein kaum auf das Ungemeine schließen, das davon umfaßt und darin ausgesagt ist aber freilich spricht aus der baulichen Form sofort, vom ersten Augenblick ab, die weltgeschichtliche Bedeutung des besonderen Mannes: so wie ein der Form nach entfache», ja bescheidenes Gesicht vom inneren Sinn, der die phystognomtsche Vollmacht des Genies empfängt. Im ersten Anblick.ahnt man nicht einmal die ungeheure Größe des äußeren Umfange, die erst von der Seite und vom Garten aus begriffen wird; doch sogleich verspürt man den Atem der Persönlichkeit. , , r. ,

Man hört: Wallenstein habe um die Erlaubuis gebeten, sich ans der Höhe anzusetzcn, nmweit der Burg tn der Art, ver­steht sich, ivie etwa die Renaissance der Schwarzenberg oder Czernin sich hinter die Burg setzen durfte, oder wie der Erzbischof cs konnte- die Erlaubnis sei verweigert worden, und darauf habe Wallenstein dicht am Fuße des Burgbergs, sozusagen vorn an den Zehen des Berges, wo sie am heikelsten waren, zwei Duöcnd Häuser aufgekaust, die Häuser mit einer Gebärde Set, beherrschten Zorns eingerissen und sich den Palast erbaut, den wir heute sehen- und dies sei zwischen 1623 und 1632 geschehen (nach anderen zwi- ^'Man tritt'ein und weiß, daß man dieses Haus in s^ner ganzen Merkwürdigkeit erst allmählich begreifen wird. Es ist der schöne Zustand der bangen und erhebenden Ahnung, "ie nian ihn er , wo eine große Stätte sich nicht sofort im ganzen "schließt und wo sie mit dem Hieroglyphen des Schicksals gezeichnet ist.

Man weiß nicht genau, wie man die Treppe hinaufkommt; mit einem Mal findet man sich im Festsaal. Er schimmert vor Marmor und Marino di stucco, wie es die barocken Kirchen und Paläste tun. Die Decke trägt eine ganze Herbsternte von Stukkaturen. Inmitten der Stuckgirlanden ist Wallenstein als Triumphator ge­malt, ein gewappneter Mars, mythologisch phrasiert, wie eine vom Rubens entzückte italienische Plafondmalerei es liebte. Eine Spicgelwand, wie Ludwig der Vierzehnte sie gerne sah. Unten bei uns, auf dem Boden, einiges beliebige neuere Mobiliar, zu­sammengerückt, und allerlei Gesammeltes, das der Würde dieses Herrenhauses so wenig wie dieser Hausrat der Nachfahren Ant­wort gibt, aber auch viel zu schwach ist, sie zu verletzen.

Die Nebenräume stehen so versichert der kluge sympathische Diener glaubwürdig noch mit den ursprünglichen Gegenständen der Ausstattung. Da hinterblieb ein barocker Sekretär von kurven­reicher französischer Arbeit; da blieb Schildkrotmobiliar, wie das Zeitalter es hervorbrachte; Goldtapetcn aus Cordoba und Gobe­lins mit gewirktem Pathos wärmen die Wände, und in der Mitte hängen venetianische Glasliister. Da ruht das Spinnrad der Tochter, und SchillersThekla" ivird mit einem Male körperlich; an einer Wand ist die Reisetruhe abgesetzt. Kaiser Ferdinand II.» der das blutige Opfer dieses Lebens empfangen hat, blickt aus dem Bildnis an der Wand nicht mit dem Ausdruck der gereizten Hoheit; wohl aber ist das Antlitz Wallensteins im Bilde vom Dämon be­rührt; ein Antlitz, in dem alle Komplikationen mit allen Kräften der ungelähmten Entschlosseheit ausgewogen sind ... Es ist mager und einigermaßen fahl, und die Brauen scheinen sich über dem Reich der Unterirdischen zu wölben.

Am Ende der Räumeflucht empfängt uns das Arbeitskabinett: gerundet, die Basis eines Turms, denn ehedem war darüber, durch eine Wendeltreppe erreichbar, das astronomische Observa­torium. Und hier ist man in der innersten Mitte. Hier bezeugt sich die Persönlichkeit am unmittelbarsten. Da steht ein Glas­schrank mit den Reiterstiefeln des großen Konöottiere, der man kann es kaum bezweifeln wie Napoleon von kleinem Bau gewesen sein muß. Das Maß ist elegant, beinahe ein wenig damen­haft, und die Qucrfalten im Leder lassen noch heute die Bewe­gungen eines sensitiven, im Bügel nervösen Fußes vermuten. Es ist ein erschütternder Augenblick, diesen Abdruck eines tätigen Lebens im mattschwarzen Leder zu gewahren und ihn selbst noch wie etwas Lebendiges zu empfinden ... Auch die Sporen sind-klein und fein nicht riesig wie die des Bartolommeo Colleoni in Venedig. Nebenan ist ein Glasschrein mit zwei Schabracken; einer roten, einer olivcnen; beide sind mit Silber gestickt; beide sind mittleren Formats. Der Degen ist keine große Waffe: er hat das Maß eines Spieldegens iund scheint freilich ein Galadegen des Barocks zu seins. Aber auch der Hals des Feldherrn ist nicht der eines Mannes von hoher und schwerer Statur. Eine Vitrine birgt den Spitzenkragen, den er bei der Ermordung trug. Es ist ein Kragen von fast zierlichem Durchmesser. Es ist ein wunderbarer Kragen; köstliche Arbeit: Laubornamente und Vögel sind in Seide ausgeschnitten und mit der zartesten Nadel gesäumt. Das Blut sitzt hinten, am Nacken; fahlbraun.

Diese Erscheinung benimmt das Bewußtsein, so daß man das Oratorium, die Hauskapelle, das Zimmer mit den Puppenstuben der Tochter nur wie im Traum erblickt und nur wie im Schlaf die Stimme des Führers vernimmt, die berichtet, diese Tochter habe nicht Thekla, sondern Maria Elisabeth geheißen. Die schwer- beschlagene Kriegskasse dringt kaum in die Wahrnehmung. Erst drunten wird man wieder wach aber nur, um sich aufs neue verzaubert zu fühlen: in der Badegrotte unter dem Arbeitszimmer, wo soeben der Kragen und die Stiefel, die Schabracken und der Degen gewesen sind. Badeqrotte mit künstlichem Tropfstein, mit Tropfstein aus geschwärztem Stuck. Der Diener erzählt, Wallen­stein habe sich hier nach heißen Bädern, die er in einer ehernen Wanne nahm, von der Tropfsteindecke herab mit kaltem Wasser berieseln lassen. Es ist ein Höhlenbad; es ist ein Bad wie unter der Erde. Es ist das Bad des Wallenstein; hier verbarg er sich, ganz gewiß unathlethischen und wahrscheinlich höchst reizsamen Körpers, während über ihm das Arbeitskabinett leer war und zu- alleroberst Seni nach Gunst und Ungunst der Gestirne ausblickte ... Es ist seltsam genug, den blassen Körper Wallensteins in 6te|er schwarzen Grotte des Barocks zu denken und sein so tief unten eingesetztes, in dieser Höhe gleichsam wurzelndes Leben droben im Observatorium regiert, von Himmelsdiamanten überschimmert zn wissen. Es ist eine Hierarchie der Zustände und Funktionen: bas schwarze Bad; das matthelle Arbeitszimmer darüber und tn