Ausgabe 
27.10.1933
 
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MN Me volkstümlichste Fassung gerungen batte: Auch Riekschel hatte nämlich Luther zuerst als Mönch, so wie er in Worms vor dem Kaiser gestanden war, zu modellieren versucht, ihn aber dann in der uns heute selbstverständlich gewordenen Art gegeben: im protestantischen Chorrock, die Hand aus der Bibel. Uebrigens wurde der Rictschelsche Originalkops nicht in Worms, sondern an der Luther-Statue vor der Dresdener Frauenkirche benutzt, die zum Reformationsfest 1885 enthüllt wurde. Im einzelnen läßt sich über den Werdegang des Reformationsdenkmals wie auch der anderen großen Arbeiten Rietschels am anschaulichsten vor den Modell- schähen des Dresdener Albertinums unterrichten, wo das Gedächt­nis des Meisters eine treue Pflegestätte gefunden hat.

Oie Anfänge menschlicher Technik.

Die Entdeckung der altsteinzeitlichen Kultur i« Afrika.

Von Professor Hans Reck.

Der Berliner Paläontologe Professor Hans Reck hat schon vor dem Kriege in Oldoway, einer abgelegenen Schlucht des damaligen Deutsch-Ostafrika, das verstei­nerte Skelett eines Urmenschen ausgegraben, der zu den ältesten Menschenfunden gehört. Zur weiteren Er­forschung der Fundstätte unternahm er 1931 aus An­regung des englischen Archäologen L e a k e y eine zweite Expedition mit britischen Gelehrten, die zur Entdeckung der Kultur dieses Oldoway-Menschen in der Altstein- Zeit führte. Die aberteuerlichen Erlebnisse und wissen­schaftlichen Erfahrungen aus diesen Fahrten schildert Reck in seinem bet F. A. Brockhaus in Leipzig erschei­nenden WerkOldoway, die Schlucht des Urmenschen. Die Entdeckung des altstcinzettlichen Menschen in Deutsch-Ostasrika". Wir teilen daraus den Abschnitt mit, der die Auffindung der ältesten menschlichen Werk­zeuge und damit die Krönung des ganzen Unternehmens schildert.

Die Stücke waren durchweg rundliche, dick scheibenförmige Flußgerölle von einer Größe, daß sie bequem von der Faust um­schlossen iverdcn konnten. Ihr eines unverändertes Halbrund ruhte offenbar in der Hand, die andere Hälfte aber hatte der Mensch zu schärfen versucht, indem er abwechselnd rechts und links von der Flachsette dieses Geröllbogens grobe Stücke absplitterte. So entstand die erste und roheste Form der Zickzackkante, die später, noch kaum verfeinert, in Oldoway im nächsthöheren Menschen­horizont auch die Seiten der ersten Faustkeile kennzeichnet.

Zur Zeit der Menschen des ersten Horizontes war also die Keilform des Gerätes und überhaupt irgendwelche selbstgeschaffene Werkzeugform noch nicht erdacht. Die Schneidekante, die noch ausschließlich gcbrauchSgroß von der Natur gebotenen Ge- röllcn ausgeprägt wurde, ist die elfte technische Erfindung der Menschheit in der Bearbeitung des Steins. Bei dem Fehlen eigener Zurichtung von Steinen zur Gevrauchsgröße fehlte natürlich auch noch jede bewußte Auswahl des Werkzeugmaterials. Der Mensch dieser srühesten Urzeit benutzte wahllos jedes harte Geröll, das ihm zur Hand kam, und die Seltenheit bearbeiteter Stücke trotz des Vorkommens zahlloser Gerölle zeigt deutlich ge­nug, daß steinernes Werkgerät überhaupt noch nicht zu seinen un­entbehrlichen Begleitern gehörte, sondern erst anfing, den Nutzen seiner Anwendung dem Menschen einzuprägen.

Typ dieses Urwerkzeuges und Zeit seines Auftretens sind in Oldoway ausschließlich auf die tiefsten Schichten des ganzen Pro­fils beschränkt. Waren nach dem Formeirvergleich mit europäischen Verhältnissen die rohen und verfeinerten Faustkeile des zweiten und dritten Horizontes als stufenweise weiterentwickelteChell- knlturen angesprochen worden, so müssen diese ersten Zickzack- kantengerölle, die nach Lage und Technik noch tiefer stehen, als Prächell" bezeichnet werden.Eolithe", wie man die vielbezwei­felten, allerersten Spuren menschlicher Steinbearbeitung an ver­schiedenen Stellen der Erde genannt hat, sind es nicht, denn für diese ist gerade das Fehlen jeglicher zielbewußter Gestaltung charakteristisches Kennzeichen. Sie tragen nur regellose Formver- änbcrnngen zur Schau, die ohne erkennbare Gesetzlichkeit von Stück 8it Stück wechseln, weshalb ihre Entstehung durch Menschenhand in den meisten Fällen überhaupt bezweifelt worden ist. Das Kenn­zeichen des Oldowayprächell ist dagegen die zielbewußten Willen und damit das Erwachen menschlichen Verstandes kündende, immer wiederkchrende Schneide an naturgegebener Form des Werkzeuges.

Dieses Ergebnis bildete das Ende unserer Arbeit in Oldoway. Ein Abschluß, so überraschend im Auftreten, so erdrückend in der Wucht der wissenschaftlichen Bedeutung für früheste Menschheits­geschichte, daß Ü e a k e y in der Tat zu beglückwünschen war. Denn Oldoway war nun nicht mehr nur durch den früheren Skelettfund, sondern mit diesen neuen Erkenntnissen auch unabhängig davon durch seine Kulturen für alle Zeiten klassische Lagerstätte für das Altpaläolithikum Afrikas geworden. Das Einzigartige, Neber- raschende seiner Lagerstätter war nach Abschluß unserer Arbeiten gar nicht mehr so sehr die Tatsache des Auftretens der alten Kul­turen im Verbände mit auSgestorbenen Tieren, deren Entdeckung uns ursprünglich als daS letzte Ziel unserer Reise vorgeschwebt hatte, als vielmehr die gesicherte Erkenntnis einer lückenlos durch die ganze Schichtfolge durchgehenden Entwicklungsreihe der Kul­turen beS Altpaläolithikums von ihren ersten Anfängen bis zur höchsten Vollendung des Faustkeiles.

Diese Reihe ist in ihrer Vollständigkeit an ein und demselben Ort bis heute noch einzigartig in der Welt. Kein Beispiel könnte überzeugender vor Augen führen, rote der erste Funke mensch­lichen Geistes sich zum Feuer nicht mehr einzudämmender Ver­standestätigkeit entfaltete. Dieser erste Funke kam aus dem Dunkel. Daß er die eigentliche Menschwerdung aus dem Tier in sich birgt, geht am besten daraus hervor, daß auch das höchstentwickelte Tier wohl Steine zum Werfen oder Schlagen benutzen kann, aber noch niemals sinnvolle Arbeit zur Gebrauchsvervollkommnung an ihnen geleistet hat. Es zeigt sich hierin, wie weit die Entwicklung des Gehirns fortgeschritten sein muffte, ehe ihm die erste technische Regung entsprang die Herstellung einer Schneidekante.

Der aus Skelettresten heute noch unbekannte Uebergangstyp, der Mensch und Tier verknüpft, steht verstandesmäßig an der Grenze zwischen der Benutzung naturgegebener Gegenstände und planmäßiger Herstellung von solchen. Werkzeugtechnisch umspannt er auf dem Gebiet der Steinbearbeitung die Zeit der Eolithcn, die in Oldoway bis heute noch nicht gesunden sind, aber auch dort vielleicht eines Tages noch aus den tiefsten Lagen seines untersten Horizontes zum Vorschein kommen werden.

Von der Herstellung der ersten Schneidekante an aber hat Oldoway heute schon den ganzen Werdegang menschlicher Ge­dankenarbeit zur Formung des Steins, der in seinen Schichten wie in einem Museum aufbewahrt ist, unserer Arbeit erschlossen. Die Bedeutung dieser Tatsache ist so groß, daß es wohl verlohnt, ab­schließend in kurzem Ueberblick bas Gesamtbild einheitlich zu­sammenzufassen, das die Einzelfunde uns stückweise zu erkennen erlaubt hatten.

Die gebogene älteste Kante des Flußgerölls löste die gestreckte Doppelkante des Faustkeils ab, erst roh und plump in Technik und Form, aber durch die ganze Chellzeit hindurch stetig weiter- entwickelt, bis ans der Zickzackkante ungeschlachter Anfänge das formvollendete, feingemetßelte Werkzeug des Acheul wurde. Hand in Hand mit dem Fortschritt der Technik ging die Leichtigkeit der Herstellung und damit die rasch zunehmende Zahl der erzeugten Werkzeuge, die offenbar meist nur für vorübergehenden Gebrauch angefertigt waren. Umgekehrt entwickelten sich Gewicht und Größe der Stücke in dem Sinne, daß besser werdende Arbeit mit ab­nehmender Schwere und Größe des Gerätes Hand in Hand ging.

Der Fortschritt der Technik des Faustkeils beruhte aber nicht nur auf mechanischer Steigerung der Handfertigkeit, sondern eben­sosehr daraus, daß die Denkgrundlage der Arbeit sich vertiefte. Sie war zwar noch fest in der ererbten Keilform und ihren wenigen Abarten verankert, aber sie hatte sprunghaft den Wert der Aus­wahl des günstigsten Arbeitsmaterials erkannt. Die wahllose Werkstoffverwendung ist auf die untersten beiden Horizonte be­schränkt. Erstmals wird die Materialauswahl bei den ebenmäßig schönen Oberchellformen der Roten Bank deutlich, die fast ganz aus dunklen Laven gemacht sind. Ihr Mnttergestein entstammt den Strömen des vulkanischen Hochlandes, von dem es als Vruch- schutt und Geröll durch die Flüsse dem Oldowaysee zugeftthrt und bort meist schon in handlichen Größen abgelagert worden war.

Am Ende der Chellzeit muß es eine große Entdeckung gewesen sein in unserer Zeit etwa der Erfindung des Aluminiums oder des Autos vergleichbar, die Verkehr und Wirtschaft in ganz neue Bahnen lenkten, als der Mensch merkte, daß die Lava zu zäh war, um mtt Holzstäben feine Abschläge und damit ausgeglichen glatte Keilklanten zu ermöglichen. Das aber gestattete der zugleich widerstandsfähige und doch kleinkörnig brechende Quarzit des Oldowayinselberges. Die Ablösung der Zickzackkante durch die ver­feinerte glatte Schneidekante des Keils erscheint ganz an den Materialwechsel von Lava zu Quarzit gebunden. Sein Vorteil muß so eindrucksvoll gewesen sein, daß das Bild des Werkzeuges mit dieser Entdeckung sprunghaft wechselte. Im dritten Horizont bestand es in Oldoway noch zu 90 Prozent aus Lava, im vierten Horizont schon zu 90 Prozent aus Quarzit. Natürlich bedeuten solche Horizonte nach Jahren gemessen sehr lange, wenn auch noch nicht näher umgrenzbare Zeiträume, die viele Generationen um­fassen können. Geologisch betrachtet, also in der auf wenige Dutzend Meter Gestein zusammengepreßten Perspektive des Geschehens erscheint der Wechsel fast übergangslos. Mensch und Erdgeschichte rechnen die nach so verschiedenen Maßstäben, daß schon die erd­geschichtlich kurze Spanne einiger tausend Jahre dem Menschen kaum noch eine wirklich plastische und inhalterfüllte Vorstellung ist.

Einen noch viel größeren Sprung, in der Tat eine Kultur- roenöe Jnnerafrikas, verursachte nach erreichter Vollkommenheit der Quarzitkeiltechnik des Acheul ein abermaliger Materialwechsel, welcher der Entdeckung des Obsidians als Werkstoff folgte. Er steigerte die Verwendbarkeit und erleichterte die Herstellung hand­lichen Werkzeuges in solchem Maße, daß sein Aufkommen das Ende der Faustkeilform des Gerätes überhaupt bedeutete, die viele Jahrtausende lang Markt und Lebensweise des diluvialen Menschen beherrscht hatte.

Der Obsidian steht in Ostafrika als revolutionierende Ent­deckung an der Grenze zweier Kuliurabschnittet der Menschheit. Mit ihm endet daS Altpaläolithikum, er führt das jüngere Paläoli- tkikum ein. Aber sein Einzug ist jünger als das Schichtpaket des mittcldiluvialcn Oldowaysecs, der als letzte noch die Quarzit- knltur des Acheul.in sich aufnahm. Nur in den jüngeren Füll­schichten der schon in trockenen Boden eingeschnittenen Oldoway- schlucht kommt hier das Obsidianwerkzeug noch vor, Kulturen ver­ratend und belegend, die vor allem in der Kenya-Kolonie weiter im Norden in einzigartiger Blüte und Reichhaltigkeit ergraben wurden.

Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.