Ausgabe 
27.10.1933
 
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Crnst Rietschel.

Ein Meister deutscher Denkmalsknnst.

Von Wilhelm B o e ck.

. Es ist eine Ehrenpflicht unserer Tage, eine Künstlergencration wiederzuentdecken, die wie keine andere deutsch war, ja der die ganz besondere Aufgabe zufiel, im Geiste das zu erschaffen, was zu gleicher Zeit Bismarck mit politischer Energie anstrebte, die deutsche Einheit. Die Künstler, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts tätig waren, haben sich vielfach eine Vernachläs- stgung gefallen lassen müssen, weil man die Gedankenwelt, aus der heraus sie schufen, nicht mehr verstand,- aus jede Weise tat man innen Unrecht, indem man sie aus ihrer eigenen Welt heraus­nahm, für die ein starker Aufbauwille, idealer Schwung und die Fähigkeit zu volkstümlicher Wirkung charakteristisch sind. Das Schaffen dieser Männer zeigt gewöhnlich eine Reihe ganz be­stimmter Züge: sie verdankten alles mehr oder weniger sich selbst; nach strenger Kindheit mußten sie lange vergebens um die tech­nischen Grundlagen ringen, auf denen ihre gestaltenden Kräfte aufbauen konnten,- und nur durch eiserne Selbstzucht errangen sie ihr Ziel. Das ist in kurzen Worten auch das Schicksal des Bildhauers Ernst Rietschel, der im Lessing-Denkmal zu Braun­schweig, dem Goethe-Schiller-Denkmal inWeimar und dem Worm­ser Luther-Denkmal Deutschlands populärste Denkmäler ge­schaffen hat.

Rietschel wurde 1804 in Pulsnitz bei Dresden als Sohn kleiner Handwerker geboren. Die verständnisvollen Eltern duldeten wohl, daß der begabte Knabe schon älteren Kindern Zeichenunterricht gab und sich manch blankes Geldstück mit kleinen dekorativen Malereien, z.B. der Verzierung einer bunten Bauernbettstatt, verdiente, aber der Gedanke, daß das Kind mit seinem besonderen Talent einmal seinen Unterhalt erwerben könne, lag ihnen zu­nächst ganz fern. Erst als der Widerwille gegen die Kaufmanns­lehre, mit der er es versuchte, den Jungen totunglücklich machte, wurde in einer gesegneten Minute der Entschluß geboren, den Sechzehnjährigen der Dresdener Kunstakademie vorzuführen. Wie das Wunder der herrlichen Elbestaüt sich vor dem empfäng­lichen Gemüt Rietschels auftat, hat er später in seinenJugend- erinnerungen" lebhaft beschrieben, einem Büchlein, das es ver­diente, auch heute namentlich von der Jugend gelesen zu werden. Von der Anspruchslosigkeit seiner Jugend gibt es einen rühren­den Begriff, daß er, als er sich den ersten Mantel machen lassen konnte, erst abends damit ausging, weil er das Gefühl hatte, aufzufallen,- das war aber schon in Berlin.

In Dresden zunächst fand der gänzlich unbewanderte Jüng­ling hilfreiche Menschen, die seine Begabung nach Kräften för­derten, aber die Möglichkeit zu einem gediegenen Studium zumal der Bildhauerei, zu der er bald ausgesprochener hinneigte, waren damals üt der sächsischen Hauptstadt recht gering. Oft kamen ihm auch Zweifel und Enttäuschungen, wenn der unerfahrene Kunst­schüler, ganz auf sich gestellt, in einem Zwingerpavillon, der ihm ' als Werkstatt eingeräumt worden war, seinen ersten Auftrag, I einen lebensgroßen Neptun, modellieren sollte. Niemand war da, \ der ihm sagte, daß man eine solche Figur mit Eisenstangen und Draht stützen muß, wenn der Ton nicht immer wieder in sich zu­sammensinken soll. So blieb das Werk trotz unmenschlicher An­strengungen zuletzt ein voller Mißerfolg. Nur der Eintritt in eine große auswärtige Vildhauerwerkstatt versprach Hilfe.

Der Plan seiner Gönner führte ihn nach Berlin, in die Werk- I statt Christian Rauchs, zu dem Rietschel schon in Dresden be- wundernd emporgeblickt hatte. Rauchs Standbilder Unter den 1 Linden, die er bei seinem Orientierungsgang gleich betrachtete, waren dieersten neuen Skulpturwerke von Bedeutung, die ihm 1 vor die Augen kamen", und die ernste Arbeitslust, die ihm in der : Werkstatt selbst entgegenschlug, ließ ihn freudig sein bescheidenes Dachstubenleben fortsetzen. Zwar behielt ihn Rauch zunächst nur zur Probe da, und auch der sich nach einem Führer sehnende Rietschel wurde anfangs durch Rauchs verschloffenes Wesen ent­täuscht; um so enger schlossen sich beide nach besserer Bekanntschaft an: Ihr schlichter, aufrechter Charakter, ihre edle und wahrheits­liebende künstlerische Uebcrzeugung waren zu verwandt, als daß sie nicht erprobte Freunde hätten werden müssen. Was Rietschel einmal zur Kennzeichnung seines Lehrers gesagt hat, kann eben­sogut von ihnen beiden gelten: Sie warendurch und durch gesund an Geist und Körper, und das Extravagieren in Empfindungen, Phantasien und Stimmungen war ihnen zuwider"

Aber die Zweifel an der eigenen Kraft beruhigten sich auch in der Nähe des vorbildhaften Mannes nicht; ja sie befielen Rietschel erneut im Wettbewerb mit müheloser schaffenden jungen Kollegen und haben ihn eigentlich bis ans Ende nicht losgelassen. - Dennoch war seinen Arbeiten bereits 1829 auch ein aufsehen- i erregender, äußerer Erfolg bcschieden: Er errang den 1. Preis , der Berliner Akademie; ein Sieg, der ihm um so höher ange- i rechnet werden muß, da er als sächsischerAusländer" von vorn- ; herein nicht mit der Verleihung des ausgesetzten Stipendiums rechnen konnte. Aber nie hat Rietschel in seiner großen Beschei­denheit glauben mögen, baß die Stellung, die er sich allmählich im deutschen Kunstlcben gewann, eine verdiente sei.Ich frage mich immer von Neuem, ob die Leute nicht irren, ob es nicht eine durch besondere Glücksumständc auf mich zurückgeftthrte Meinung sei, daß meine Arbeiten die Vorzüge haben sollen, die man ihnen zuerkennt. Ich weiß wohl, es ist manches in meinen Arbeiten, was andere nicht haben; was aber andere haben, erscheint mir viel znehr und höher zu stehen."

Seiner reinen und tief verantwortungsbewußten Denkart ent­

sprach auch seine menschliche Handlungsweise in jeder Beziehung. Er war ein absolut zuverlässiger und im Herzen dankbarer Freund, ein nicht fortzudenkendes Glied der Geselligkeit unter den Dresde- ner Künstlern. Denn dorthin war Rietschel, der einmal gesagt hat, daß ihm jeder Tag außer der Heimat ein Schmerz sei, aus | Berlin zuruckgekehrt, um das aufzubauen, was er selbst einst ent- ; behrt hatte. Als Professor der Akademie rief er eine blühende Vlldhauerschule ins Leben, der an erster Stelle Ernst Hähne l, Rietschels Mitarbeiter bei der plastischen Ausschmückung der Ge- maldegalerie, dann Johannes Schilling angehört hat, der Künstler, der unserem Meister selbst das Denkmal auf der Brühl- schen Terrasse errichten sollte. Hähnel war auch der besonders an- regende Gesellschafter bei den Samstag-Zusammenkünften im Meißuerschen Kaffeehaus, an denen u. a. auch die Maler Schnorr von Carolsfeld, Bendemann und der damals bereits ' außerordentlich volkstümliche Ludwig Richter tetlnahmen, sämt- lich mit Rietschel mehr oder weniger innig befreundet. Sein eigentlichster persönlicher Wirkungskreis war aber stets die Familie; ihre Gemeinschaft betrachtete er als so unentbehrlich, i daß er sich schon als leidender Mann zum dritten Mal verheiratete, nachdem ihm zweimal die Frau nach kurzer Ehe gestorben war. Sein äußeres Dasein verlief also in Bahnen, die in keiner Weise ungewöhnlich waren, es sei denn, daß man ein so hohes Maß tätiger Energie für ungewöhnlich halten will.

Ueberblicken wir in Gedanken, was dieser Mann dem deutschen Volke geschenkt hat, so ist es vielleicht für manchen erstaunlich, in w,e verschiedenen Gegenden des Vaterlandes seine Meisterwerke stehen. Zunächst hat er mit dem Dresdener Denkmal König Friedrich Augusts des Gerechten wie später dann auch noch mit dem Denkmal für Carl Maria v. W e b e r der Heimat seinen Tribut entrichtet; das Königsdenkmal wurde 1843 im historischen Hofraum des Zwinger enthüllt und offenbart schon insofern des Künstlers Eigenart, als er durch eine Phantasielösung den Streit zu schlichten verstand, der um das kritische ProblemAntiker Mantel oder historisches Kostüm für den Herrscher" auch in diesem Falle ausgebrochen war.

In der Potsdamer Frieöenskirche steht sein nächstes großes Werk, eine Darstellung derPietu", also der Beweinung des toten Heilands durch seine Mutter Maria. In fünf verschiedenen Kom­positionsentwürfen hat sich Rietschel schließlich zu der Gestaltung durchgekämpft, die ihm den Augenblick am ergreifendsten wieder­zugeben schien: der Körper Christi ist starr horizontal ausgestreckt, steil erhebt sich dahinter die strenge Gestalt der knienden Mutter, deren sanft geneigter Blick allein ein weiches Nachgeben an den Schmerz verrät. Wir wissen, daß der Meister einmal nahe daran war, an der Durchführung des großartigen Werkes zu verzagen, als zu den künstlerischen Schwierigkeiten die praktische hinzutrat, einen geeigneten Marmorblock für die Gruppe zu finden; seine angeborene Seelenstärke half ihm auch über diese, keinem Schöpfe­rischen unbekannten Tiefpunkte hinweg.

Im Lessing-Denkmal zu Braunschweig betrat er zum ersten Mal bas Gebiet, das seiner hoben psychologischen Begabung am eigensten war, Deutschlands Geisteshelden in einer allgemein ein­leuchtenden Weise zu verkörpern. Mit Benutzung eines Porträts von Tischbein schuf Rietschel aus seiner intuitiven Vorstellung vom Wesen Lessings ein plastisches Bild, das Beredsamkeit, Klug­heit und Milde in einer nur.diesem Manne eigentümlichen Ver­bindung umfaßt und doch darunter den durchdringenden Geist des Bildners selbst verspüren läßt. Aufwärts in seiner Kunst, auf­wärts in der Wahl der Heroen, deren Darstellung ihm zufiel, führte ihn der Weg der Tüchtigkeit: Zum Weimarer Denkmal der Dichterfreundschaft Goethe-Schiller. Wohl machte auch Ranch dazu einen Entwurf in antikem Kostüm, er trat aber zurück, als König Ludwig von Bayern eine große Spende mit der Bedingung verknüpfte, daß das Zeitkostüm bevorzugt würde. Rietschel gelang es annähernd, alle Teile mit den Einzelheiten des Anzugs zu­friedenzustellen; er wog seine künstlerischen Möglichkeiten aufs beste ab und machte das gleichfalls vom bayerischen König vor­geschlagene Motiv des Kranzes, den Goethe fest in der Hand hält und an den Schiller zaghaft faßt, innerlich glaubhaft. In seiner Auffasiung sind die Weimarer Geistesfürsten leibhaftig unter das Volk getreten, ohne das Geringste von ihrem Adel aufzugeben. Und kein Gedanke daran, daß etwa die Darstellung Schillers matter ausgefallen wäre, weil Rietschel ihn nicht gekannt hatte! Denn mit Goethe war er zweimal zusammengekommen, zuletzt sehr behaglich in Begleitung Rauchs, als dieser an seiner Goethe- Statuette eine Aenderung vornahm.

Dann schuf er das Lutber-Denkmal zu Worms, zu dem im Jahre der Vollendung des Weimarer Doppelstandbildes eine Ver­einigung Wormser Bürger die erste Anregung gab. Die Beiträge aus ganz Deutschland liefen so über Erwarten reich ein, daß aus dem ursprünglich kleineren Plan ein umfangreiches Denkmal der Reformation wurde. Als sein Bildhauer aber konnte nur einer in Frage kommen, Rietschel. Doch das Schicksal wollte nicht, daß er es vollendete; und still fügte sich der Sterbende in die Tragik dieses Verzichtes:Manche haben gedacht, ich auch, Gott würbe mir das Werk, Luthers Monument, nicht haben zukommen lasten, wenn ich's nicht durchführen sollte, allein es wird doch vielleicht ohne mich gehen müssen, damit ich nicht vor meinem Ende eitel werde, was ich bis jetzt nicht gewesen bin." Immerhin ist das Ganze des Denkmals sein Werk, wenn auch Schüler die zahlreichen Figuren ausführten. Wie einst das Monument Friedrich Augusts des Gerechten, so wurde auch bas letzte in ber sächsischen Gießerei Lauchhammer gegossen, während Goethe-Schiller bei Miller in München entstanden waren. Die Gestalt des Reformators selbst hat Rietschel noch mit letzter Kraft durchgebilöet, nachdem er lange