Ausgabe 
27.10.1933
 
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Damnen ins Mäulchen, Netz Sen Arm um ihrer Mutter Hals liegen und blinzelte durch die schweren Lider, als sei es von dem Ankömmling recht enttäuscht. Die Buben tätschelten schon an ihm herum, worüber die Pferdemutter sehr erfreut war und ihre Augen aus dem Duster des Morgens leuchten ließ.

Die Mutter schob des Tierleins Kopf zur Pferdemutter und sogleich begann der kleine Gaulmann wacker zu saugen. Unendlich zärtlich bog die Alte ihren Kops nach ihrem Jungen herab, daß die Mähne ihre strahlenden Augen verdeckte, leckte, leckte, daß das Junge sauber und fein sein Erdendasein beginne! Dann schob sie den Kopf wieder hochauf, spitzte die Ohren, hälmelte an dem Gras oben in den Raufen und sah wieder zurück, hob mit den schwabbe­ligen Lippen ein Bündel Heu auf und putzte damit an dem Kleinen herum. Dieses ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte, genau wie die großen Gäule auf die Vorderknie nieder und dann zurück­plumpsen ins Stroh, und sogleich legte sich auch die Mutter daneben.

Die Bauern der Nachbarschaft kamen am selben Morgen, die Bäuerinnen kamen und auch der Herr Pfarrer kam, den Säugling zu sehen. Er kannte Trudel, die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn schon oft, wenn Glatteis war, übers Gebirg gezogen in die Filial­orte, sie hatte ihn schon oft bei Regenwetter vom Bahnhof des Städtchens abgeholt! Was sollte er sie in ihrem Wochenbett nicht einmal heimsuchen?

Er war ein sehr großer Mann, der Herr Pfarrer, und als er in die Stalltür trat, mußte er sich bücken. Der Bauer, ängstlich besorgt, der Herr Pfarrer könnte trotzdem den Kopf an die Ober­schwelle stoßen, legte vertraut die Hand auf des Herrn Schulter und sagte:

Herr Pastor, geben Sie acht, daß Sie Ihren Grind nit an­stoßen!"

Schon gut", entgegnete der Pfarrer und dachte: Grind braucht er grad nit zu sagen.

Der Pfarrer freute sich gern und freute sich über das Tierlein und über die Mutter. Doch war es ihm nicht vergönnt, einen Aerger zu verschlucken, als der Bauer den eckigen Kopf des Säug­lings überaus zärtlich untern Arm nahm, ihn, den Pfarrer glück­lich wie ein Vater angrinste und sagte:

Gucke Sie doch, Herr Pastor, welch ein goldiges Köpfle!" Allerliebst!" antwortete der Pfarrer, aber er dachte bei sich: sein Vieh hat ein Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen Grind!

II.

Als das Räppchen zum erstenmal aus dem Stall gehen durfte, rannte es unter den Händen der drei Kinder davon und feuerte aus, wie wenn es toll wäre. Die Hühner stoben auseinander, die Glucke sträubte das Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hinter­einander und guckten in die Höhe, und nur die Gänse gingen vor- gestreckten Halses beherzt auf den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen und zu vertreiben. Jedoch Sas Räppchen achtete nicht ihrer Waffen, hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit den dick­knochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die ganze Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern.

Da es immerzu lustig um sich guckte, ob ihm vielleicht Gegner auf die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte einmal ins Virkenwäldchen, als ginge ihn dieser Weitspur herzlich wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten was sie gesehen, und machten sich lustig über den Toll­patsch, und nur die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rand der Wiese entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts.

Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen blieb stehen bis die Kinder nur noch einen Schritt ent­fernt waren, aber dann warf es sich behend herum und raste davon.

Die kleine Trudel begann zu weinen, und auch aus dem Stall erscholl das klagende Wiehern der anderen Trudel, aber das Räpp­chen achtete aus nichts und lief immer weiter ins Dorf hinein.

Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäue­rinnen kamen mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen einzufangen.

Er, der Reißaus, konnte schließlich der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen, und er ergab sich, wieherte und streckte den zahn­losen Mund in die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von kleiner Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den Rücken. Auch die beiden Ohren wurden fcstgehalten und die zierlichen Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen heftigen Ruck sich selber befreien können. Da stand aber die kleine Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu. Die Kinder strömten hinterdrein und drangen bis in den Stall, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not, sie wieder hinans- zubringen.

Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferde- wagen an der Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuh­fuhrwerk zukommt, den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stadtschwelle und betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter- denn junge Pferde gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht gesehen worden im Dors und nicht iw TaL

Der Bauer war böse, daß der kleine Mann so früh schon an! die Gasse gelaufen. Er holte sich das Tierlein heraus in üsi Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so auch der anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn fick allzu abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden Stof auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter.

Sapperlot, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhu! herangehopst, als wollte er jetzt schon einmal prüfen, welch tückisch, Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen Stall vielleicht ver­leiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen kindlich harmlosen Huf heran, zog die Oberlippe faltig in die Höhe, streckte selbst das Zünglein zwischen den spitzen Zähnen hervor und drehte sich schließlich davon weg, um eiligst nach seinem Drahtgitter zu hüpfen.

Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft- denn alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzige» Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunkleu Lende lag.

Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie eilt Aschermittwoch ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppcheit und sagte:

Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!"

Sie trug aber ein Stückchen Kreide in der Hand und machte nun dem Mutterpferd auch eine Blesse, dann Sapperlot, 6enr Hasenvater, der in der Reife seiner Jahre geduldig standhielt, öer Stalltür und den zwölf Steinstufen der hohen Treppe, der Haus­tür, dem Küchentisch und schließlich gar den eisernen Kochhäsen, die in Reih und Glied hochangefüllt mit Kartoffeln auf dem kalten Herde standen. Und über jeden Fleck malte Trudel ein großes R.

Als die Mutter aus dem Garten hervorkam, um den Heid zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen gemacht hatte, und da sie eine rechte Kindsmutter war, lachte sie über den sinnigen Unsinn und ließ sich selber eine Blesse auf die Stirn malen. Bald qualmten die Kartoffelhäfen, und der Schwarm des Dampfes stieg überin Herde auf, an der dunklen Decke hin, vorüber an der Mücken­leimampel, die da pendelte, und hinaus durchs offene Fenster.

Es geschah aber, daß die Buben mit dem Namen Räppchen nicht mehr zufrieden waren und sich auf einen anderen Namen be­sannen. Da hatte Trudel, das Kind, seine liebe Not! Es wolltc sein GäulchenRichard" nennen,Richardele", aber die Buben spotteten und hörten sie nicht einmal an!

Da standen sie wieder beisammen, die Herren Buben, standen mit ihren Reifen im Stall und waren keine Minute mehr zrüch zuhaltcv, diese Gassenbuben.

(Fortsetzung folgt.)

Neige des Jahres.

Von Gustav Gardthausen.

Der Herbst ist da. Dahin sind Anemonen, Violen, Rosen und der ganze Flor- £) steht der Garten, auf das Gartentor, Um kahle Stangen ranken nasse Bohnen- Der arme Vogel selbst, er will nicht wohnen, Wo sich die späte Aster schon verlor- Zcrstreut entfliegt er in die nahe Koppel Und hüpft verlassen durch die falbe Stoppel.

Der Herbst ist da. Dahin sind alle Lieder. So einst die bunten Sänger angestimmt- Nur einzeln tönt noch aus vcrgeß'nem Flieder Ein Drosselschlag, der bebend Abschied nimmt. Leb' wohl! Leb' wohl! ruft auf die Erde nieder Der letzte Zug, der durch die Lüfte schwimmt- Es flohen längst, ihr Sonnenland zu finden, Viel hundert Züge vor den rauhen Winden.

Denn hin, dahin sind deine holden Küsse, O Luft! die sonst mein Augenlid erquickt- Von allen Seiten kommen sie geschickt Die Stürme und die ew'gen Regengüsse- Der Landsee schwillt, es treten aus die Flüffe, Und Wolken jagen, wohinaus man bltckt- Jn Wald und Forst, die sich erschüttert neigen, Peitscht Stoß auf Stoß die Blätter von den Zweigen.

Dahin ist nun mit ihren Turteltauben Der Sommersptele wonnigliche Fee, Dahin das Vaden in der offnen See, Dahin das Naschen von verbot'nen Trauben- Dahin mit ihrem wollustreichen Weh Die Hellen Nächte und die dunkeln Lauben- Dein ganzes Herz, du junge Schäferin, Und was nicht sonst, es ist dahin, dahin!

Der Herbst ist da. Schon streckt er seine Hände Nach meines Holsteins ferner Küste aus. Ein altes Schloß steht dort an Waldes Ende, Und Nebel stürmen um das hohe Haus. Scharf schlägt der Regen an die grauen Wände, Es kreischt die Wetterfahne ins Gesaus Der hingcreihten Eschen- wie Gespenster Weht's von den Zweigen an die trüben Fenster-