Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1933 Hreitag, den 21. Oktober
Nummer 83
Herbstelegie.
Von Manfred S t u r m a n n.
Tote Blätter streift dein Fuß Auf den schwarzen Ackerkrumen, Und die letzten Gartenblumen Spenden einen Abschiedsgrutz.
Vogelschwärme ziehn ums Haus Ihre großen Wanderkreise Und du ahnst es kaum, so leise Klingt das Lied des Sommers aus.
-In den Fässern gärt der Most, Scheite lehnen an der Mauer, Und die Aussaat schützt der Bauer Vor des Herbstes frühem Frost.
In den Nächten flieht der Schlaf, In das Dunkel mußt du lauschen, Hörst die toten Blätter rauschen, Wenn der wilde Sturm sie traf.
Herz, du darfst voll Trauer sein. Jeder Tag ist ein Ermüden.
Deine Seele träumt gen Süden, Und die Wehmut hüllt sie ein.
Riesele.
Die Geschichte eines kleine« Pferdes.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
(Nachdruck verboten.)
I.
Trudel, die kleine Stute, zog ihren mit frischem Gras beladenen Wagen den tiefgleisigen Weg heimzu, und der Bauer, der mit seinen drei Kindern oben auf dem Grase lag, sagte:
„Sie hat nun Feierabend für ein paar Wochen: morgen oder übermorgen wird sie uns ein Füllen schenken!"
Die Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, hüpften aus Freude darüber von dem Wagen herab: sie sprangen an die Räder und drückten und schoben, daß Trudel nicht mehr zn ziehen brauchte. Vor lauter Freude wieherte das Tier hell in den Tag.
Aus dem Fenster der Wohnstube, grad überm Stall, guckte die Bäuerin, die Mutter der Kinder, nnd rief:
„Jst's Zeit für die Trudel? Soll ich kommen?" Sie sprang die hohe Steintreppe herab, verlor den einen Holzschuh, stieß auch den andern von sich, riß die Stalltür auf und rannte barfuß in die kleine Schenne, frisches Stroh zn holen.
„Nur Geduld!" sprach der Bauer, „so eilt's wohl nicht, Katherin."
Hühner, dreißig an der Zahl, schüttelten den Staub aus den Federn nnd sahen neugierig und wie in Ehrfurcht zu der Stute hin. Der bnnte Hahn krähte, eine Henne kam mit ihren zehn Küchlein ans den Halmen der Wiese, junge Enten, die im Wiesengraben plätscherten, wackelten mühselig an den Weg, und etliche schwere Gänse hüpften flatternd anf den Wagen, das frische Gras zu versuchen.
Indessen wurde Trudel von rührigen Händen abgeschirrt, das kleine Mädchen, das auch Trudel hieß, legte seine Hand an des Tieres schwabbelige Lippen, nnd nun folgte die Trudel der Trudel in den weitgeöffneten Stall.
Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil es ein vernaschtes Ding war, seitabgebnnöen an feinem Stricke riß, drehte den breiten Kopf nach der Trudel und schob zugleich das Hinterteil mit dem schweren Euter dem blökenden Kinde zu, das heftig einstieß.
„Mama, der Max sauft schon wieder!" rief der rothaarige August der Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh hereinkam in den Stall.
„Laß' ihn hent noch einmal saufen, den Nimmersatt, morgen ist er nicht mehr der Jüngste im Stall, da wird er sich schämen, so vernascht zu fein!"
Sie zerknüllte das widerborstige Stroh und breitete es unter oer Trudel aus. Zwei Zicklein hüpften um sie her und warfen die überlangen Hinterbeine nach allen Seiten in der Luft umher. Auch Sapperlot, der Hasenvater, kam über die sauberen Pflaster
sterne des Stalles dahergehopft, indes die alte Häsin in ihrem verdrahteten Kasten bei einer wimmelnden Kinderschar hockte. Sapperlot hüpfte mitten hinein ins neue Stroh, die Bäuerin packte ihn int Genick und warf ihn ins Gras.
Die Bäuerin rieb des Pferdes Schenkel, das Mädchen streichelte dre lange Mähne glatt und versuchte, ein Zöpfchen zu flechten. August und Gustav schabten an der Stalltür Dreck von den Nun- keln und warfen sie in die Futtermaschine. Die Hühner kamen, alte und junge, angelockt vom frischen Stroh, und die Enten standen schräg hintereinandergereiht, wie das ihre Art ist, vor der Schwelle und wackten nach ihrem Abendessen.
Auch die Sonne guckte in den Stall: sie schob Licht herein, das an der hmteren Wand sich emporstellte und bis an die Decke hin- aufretchte, wo ein Schwalbennest klebte. Die Bäuerin trat aus dem Stall, schlüpfte treppauf in die Holzschnhe in die Küche, das Getränk zu kochen. Gustav warf oben von der Treppe herab Gerste und Mats in vollen Händen weithin, und das Federvieh schoß aus allen Winkeln drauf zu, laut und gierig, und auch der Hahn tat, als könne er nicht genug bekommen, obwohl er doch sonst gern den Anschein erweckte, daß er vom Wind lebe!
Drüben aber in den Wiesen erging sich das Schwesterchen, tappte hterhin und dahin, sammelte sich die großsterntgen Kuhblumen, die Millionenhaft den Abhang überblühten, und das freundliche gelbe Scharbockskraut, dessen Blüten wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen ganzen Arm voll Gelb und Weiß stellte bas Kind in sein Eimerchen, ließ an dem fließenden Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen und hob die zarte Herrlichkeit ans Stallfenster hinauf, daß bas Iimge Fullen, wenn es komme, gleich einen Gruß von ihr habe.
Der Nachbar mähte die erste Blust seiner Wiesen vorm .Raufe ab, ein gelbweißer breiter Weg schob sich in die weißlibertupfte m nu5 fetne Kinder zogen aus dem niedergemähten
Gras die Blumen heraus.
Das Mädchen sprang zu ihnen hin und verkündete, daß heute nacht ein junges Gänlchen ankommen werde.
... D'e Mutter rief zum Essen, der Vater schloß die untere Stall- tur, die Schwalben setzten sich drauf, das Federvieh ging schlafen, die Sonne ging schlafen, das Glöckletn des spitzen Kirchturmes bimmelte sich schläfrig, bas Gras duftete, ein Kohlweißling flatterte übermüdet vorüber.
Dann wurden die Kinder sogleich ins Beit geschickt.
„Einen Fuchs gibt's!" sagte August leise.
„Ein Schimmelchen!" entgegnete Gustav.
„Ein Rapple!" rispelte Trudel.
„Ruhig! Eingeschlafen!" flötete die Stimme der Mutter aus der Küche.
„Wenn's ein Fuchs ist, muß es August heißen!" Hub August wieder an.
„Gustav muß es heißen ..." sagte Gustav, und Trudel kicherte: „Wenn's aber ein Räppele ist, wie heißt's denn dann?" „Räppele!" antwortete Gustav.
„Aber wie witd denn das große R gemacht?" fragte Trudel. „Ruhig! Eingeschlafen!" rief der Vater.
Im Kirchtürmletn schlug's langsam zehn: so langsam, daß man darüber ein- und ausschlafen könnte. Dann sing auch das fleißige Lieschen an und schnurrte eilig und abgearbeitet seine zehn herunter.
Die Eltern gingen im Nachbarzimmer zu Veit.
„Mutter", rief Trudel, „das große R, wie wird denn das gemacht?"
„Schlaf!" sagte der Vater, „die Mutter muß noch rasch ein Weilchen schlafen."
Gustav und August schliefen, und der eine schnarchte laut.
„Vater", fing nach einer Weile Trudelchen wieder an, „Vater, wie wird das große R gemacht?"
„Ruhig!" antwortete jetzt die Mutter, „6er Vater schläft!"
Jenseits vom Wiesentälchen fang im Birkenschlag eine Nachtigall: sie und die Bäuerin wachte in der Nacht, da das Gänlchen zur Welt kam.
Als der Bauer in den Stall trat, stand es schon auf den weit- gespreizten Beinen im Stroh und ließ sich behaglich von feiner Mutter lecken.
Ein Räppchen war's, ganz schwarz, und nur auf feiner Stirn leuchtete ein weißer Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig und kleidsam!
Die Bäuerin holte ihr Mädchen ans dem Bett, die beiden Buben sprangen in ihren Hemdchen hinterdrein, und das Füllen streckte seinen naffen, großen, eckigen Kopf von dem Halse der Mutter weg, den Kindern entgegen. Das Schwesterchen steckte den


