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gleichem Winkel schnitten. Die besten dieser Karten zeigten die Lage von | Hunderten verschiedenen Orten an der Küste und ihre Entfernungen von einander an. Die Erfindung der Buchdruckerkunst sorgte für größere Ver- ; breitung der Karten. Nun wurde die Geographie des Ptolemoos übersetzt und in mehr als fünfzig Ausgaben bei allen Volkern verbreitete Colum- bu s b-nützte st° c.uf ^iner^ntdeckungsfahrt und fand trotz ihrer oder vielmehr gerade durch ihre Irrtümer den Weg nach der neuen Welt.
Das Zeitalter der Entdeckungen brachte einen durchgreifenden Wandel in den Landkarten, deren Herstellung nun zu einem blühenden Jndustrie- ,meia wurde. Die phantastischen Bilder von Meerjungfrauen, Kannibalen- festen einäugigen Ungeheuern, geflügelten Kühen und Darstellungen der Arche'Noah, die sich auf den leeren Flecken der mittelalterlichen Landkarten breit machten, verschwanden, zumal auch die zunehmende Kenntnis der Länder den Platz für solche Phantasiegebilde beschränkte. Als den Bahnbrecher der neuen Epoche, der die Kartographie als Wissenschaft begründete kann man Gerhard Kremer, gen. Mercator bezeichnen, der 1569 mit'seiner „Mercator-Projektion" den Seefahrern ein sicheres System der Orientierung durch seine mathematisch genauen, rechtwinklig aufeinanderstehenden Langen- und Breitenlinien gab. Durch ihn wurde das Kartenzeichnen aus einer Kunst zu einer Wissenschaft, und die Entwicklung schritt unter seinen Nachfolgern, seinem Freund O r t e l i u s, der in seinem , Welttheater" einen Atlas mit 53 Karten, einen Vorläufer unserer modernen Atlanten, herausgab, und seinem Sohn Rumold, fort. Im 17. Jahrhundert standen die holländischen Kartenverleger an erster Stelle. Willem B l a e u begründete in Amsterdam das größte Verlagshaus für Karten, das die Welt jemals gesehen hatte. Im 18. Jahrhundert ging dann die Führung in der Kartenindustrie an Frankreich über, während um die Mitte des 19. Jahrhunderts Die deutschen Atlanten ihren Weltruhm gewannen. Auf den Plan eines deutschen Gelehrten, Professor Penck, geht ' internationale Weltkarte im Maßstab von 1:1000 000 zurück, an der
Geographen vieler Völker in gemeinsamer Arbeit schaffen.
Oie Minute des Schicksals.
Von Manfred Georg.
Solange seine Freunde ihn kannten, hatten sie ihn nur in Eile gesehen. Er war immer unterwegs. Zu einem Bahnhof, zu einer Besprechung, zu einem Rendezvous. In den Cafes tauchte er auf, schob den Hut etwas nach hinten, aß eilig einige Würstchen, zerkrümelte nervös Kuchen auf dem Teller, schalt mit dem Kellner, der zu sehr trödelte, und erledigte dazwischen Gespräche und Geschäfte. Zugegeben, er erledigte sie schlecht. Er paßte zu wenig auf. Gewitztere Beobachter merkten, daß er sie, während sie logisch ihre Absichten und Pläne entwarfen, bisweilen ansah, als wundere er sich, daß sie da seien. Er war schon weit weg gewesen, in der Welt der nächsten Stunde.
So stürzte Iwan Hund durch den Tag dem Abend zu. Mit voll arbeitenden Maschinen des Körpers und der Nerven. Wenn er In ein Auto sprang, sah es aus, als flüchte ein Verbrecher. Oder auch, als wolle ein Polizist einen Perbrecher einyolen. Es war nicht so genau zu unterscheiden. Aber wem war Iwan auf den Fersen? Um zwei, drei Uhr nachts kreuzte man seinen Weg in den Hauptstraßen. Er sah unter den Bogenlampen dann bereits etwas ramponiert aus. Die Haut wirkte jetzt unrasiert und der Anzug hatte einige Flecken durch die Hast, mit der Iwan seine Mahlzeiten herunterschlang.
Einem so geschäftigen Menschen, der nicht ohne Verstand war und einen Blick für die kleinen Chancen des Verdienens hatte, konnte es nicht schlecht gehen. Er hatte Geld. Aber er hatte ebenso viel Pflichten. Wie halbgebaute Häuser in einer Villenkolonie, deren Terrainspekulant sich übernommen hat und bankerott gegangen ist, standen auf Iwans Weg unvollendete Schicksale. Sie waren nicht unter das Fach und Dach des Lebens gebracht worden, und nun mußten sie von Iwan instandgehalten werden, damit das Material nicht in dem Wetter der Jahre brüchig wurde. Ab und zu wurde eines dieser Schicksale von einem Passanten erworben und vollendet, in ein anderes wieder schlug der Blitz und vernichtete es. Aber das nützte Iwan nichts. Der war ja schon längst weiter, und da er sich nicht entschließen konnte, einmal in Ruhe eine Stunde nachzudenken, geschah immer mehr auf feinem Wege. Und das unregelmäßige Essen verdarb ihm den Magen.
Mitunter kamen Menschen, die aus ihrem Land ausgewandert waren. Die ihren Acker in einem stillen Bauernland bebauten, oder im Gebirge Pensionen aufgemacht halten und ihr redliches Dasein damit fristeten. Mit denen saß Iwan des Mittags — denn er konnte sich nicht entschließen, selbst schon fo Entserntes aus dem Kreise seiner Interessensphäre zu entlassen — genau zwanzig Minuten in einer Weinstube beisammen, und sie versuchten, ihm von sich zu erzählen. Aber sie weilten bei einem Detail des Anfanges, und da waren bann die zwanzig Minuten zu Ende, und Iwans Blicke brannten auf der Uhr am Handgelenk.
So zerfloß alles. Alte und neue Bindung verwirrte sich, verknotete sich, zerfiel. Alles blieb ungepflegt, nichts wuchs, der Sturm einer Stunde, ja die Sekunde eines Blickes begann die Ewigkeit zu ersetzen.
Was sah Iwan vor sich? Die tickende Zahluhr eines Autotaxis, die schwimmenden Nanienstafeln der Eisenbahnstationen, die Rücken vieler Gehender auf den Straßen, Kellner, die mit Schwung notierend sich zu ihm hinabbeugten, ein dunkles Zimmer, in dem er sich nachts leise auszog, um Frau und Kinder nicht zu stören — und vieles andere noch, das abrollte, nicht anders als ein Ausschnitt aus hundert Filmleben. Je geschwinder sich aber die roten Kalenderzahlen, die die Sonntage bedeuten, jagten, desto größer wurde die Angst, die Iwan schon lange im Herzen trug.
Ihm wurde zu Mute wie einem, der eine v-Zugstrecke fährt, einem unangenehmen Ziele entgegen, sagen wir von Berlin nach SWln. Zn Han« nover ist man noch guter Dinge und schmaust behaglich, weck es bis zum Ende der Fahrt noch so weit ist. In Hamm beginnt das Herz zu schlagen. In Deutz sucht man, aschfahl und angstgeschüttelt, seine Sachen zufaminen. Iwan wußte also, daß er bald aussteigen mußte. Er suchte sich die Notiz» zettelchen seines Lebens zusammen, wollte addieren, abstreichen, ganz wie es ein ordentlicher Hausvater zu tun pflegt. Aber auch das kam nicht zustande. Konferenzen, Besuche, Abendbesprechungen, sinnlose Vergnügungen — der Jazz ging weiter, und Iwan blieb nichts übrig, als in feinen Disharmonien dahinzutreiben.
An dieser Stelle ist von Natascha zu erzählen. Jeder kennt Natascha. Sie dürfen das Folgende nicht mystisch ausfassen. Wir haben es mit lebendigen Menschen zu tun. Aber haben Sie nicht auch mitunter das Gefühl gehabt, daß jemand, den Sie erkennen (rote es in der Bibel so Herr- lieh heißt), gewissermaßen unter geräuschlosem Donner und Blitz in Er- cheinung tritt. Es donnert in Ihrem Herzen und blitzt in Ihrem Hirn — kurz, es schlägt bei Ihnen ein (sagt der Volksmund). Da gilt es eben, Geistesgegenwart zu zeigen. Hatte sie Iwan?
Wiederholen wir also: Jeder kennt Natascha. Sie taucht immer an einer gewissen Kurve auf. Meistens ist es ihr Schatten. Man greift zu, .und der Platz ist leer. Oder wenn man einige Schritte mit ihr gegangen ist, merkt man, daß sie hinkt, oder sie schlägt den Schleier zurück, und ihr Gesicht ist entstellt. Nun, als Iwan Natascha traf, ging es ihm gerade um rumänisches Petroleum, einen Abend mit dem Star Henrietta und das Schreiben eines Freundes, der feine letzte Kraft mit dem Schreiben von Eilbriefen verzettelte.
Es ist sicherlich schwer, sich Iwan erschüttert vorzustellen. Er telephonierte, als Natascha mit dem Brief, den sie zu überbringen hatte, ins Zmimer trat. Da legte er den Hörer hin. Weiter nichts. Andere plündern in solchen Fällen Kassen, um in Blumenläden zu laufen, oder sie trainieren für den Nürburgring oder begehen politische Morde. Das kommt daher, daß sie nicht vielbeschäftigt sind. Iwan ließ nur die Hand mit dem Sprechrohr sinken. Was brach hier herein in das von Botenjungen und Sekre- tärinnen doppelt bewachte Büro? Was entfaltete sich für ein zerstörendes Wunder vor Iwans Augen? Seine Schutzengel klingelten Sturm im Telephon. Sein Kompagnon hüllte sich in eine Wolke schwarzer Blicke und hüstelte mahnend. Iwan saß noch immer da. —
Woher, fragt man sich oft, wissen die Schriftsteller, die es doch schildern, daß vor dem Tode in den letzten Minuten sich „das ganze Leben blitzartig abrollt"? Haben sie mit den Geistern ihrer verstorbenen Helden korrespondiert? Sind sie selbst in den Romanen dieses Todes gestorben? Nun, bei Iwan läßt es sich aus seinen Erzählungen feststellen, denn er behauptet steif und fest, daß er in der Sekunde, da Natascha ihm den Brief hinrelchke, gestorben ist. Ihm wurde, als er in die Ruhe und die edle Schönheit des Antlitzes sah, das Natascha trug, die feste Schicht harter Erwägungen, mit der er seine Erinnerung bedeckt hatte, gesprengt. Sie flog empor, und Iwan stürzte hinab, besinnungslos, betäubt und überwach zugleich, vorbei an all den lausend Stationen seines vlelbeschäfllglen^Lebens, hinunter bis fast in seine Wiege. Die Uhren aller versäumten totunben läuteten. Es erhob sich ein infernalisches Gebimmel in ihm, Bilder huschten, wie von einem wahnwitzigen und genialen Psychomonteur komponiert, in Blitzen und Fetzen an ihm vorbei, der Bürosessel, obwohl aus solidem Stahl, schmolz unter ihm fort, die Wände wankten und nun fang sogar zwischen den Gehallstabellen, die den Tisch bedeckten, ein englischer Chor: „Nun wird sich alles, alles wenden---".
Da sagte Natascha: „Ich soll das hier abgeben."
Da sagte Iwan: „Danke "
Da sagte der Kompagnon: „Iwan, das TelephonI"
' Automatisch hob Iwan den Hörer wieder. Automatisch ging Natascha zur Tür.
Iwan, den Mund schon halb in die Telephonmuschel vergraben, halte noch die Kraft zu flüstern:
„Ich werde schriftlich auf den Brief antworten. Ich bin jetzt zu beschäftigt."
„Gut", meinte Natascha. Und war fort.
Wie aus der Versenkung tauchten der Kalender, das Tintenfaß, das Familienphoto, der Schreibtisch, das Gesicht des Kompagnons auf. Sie war sehr real gegangen, ja sie halte sich mit dem wellen Aermel ihres Mantels noch an der Türklinke verheddert. Langsam nur wich von Iwan die Bestürzung der Erscheinung. Die Minute des Schicksals war vorüber.
Die Verbindung wegen des rumänischen Oeles aber war inzwischen getrennt worden. Ehe Iwan eine zweite nach vielen Besetztzeichen erlangen konnte, Halle die fremde Firma das Geschäft mit einem anderen Konkurrenten abgeschlossen. Iwan glückte es nicht mehr, hinelnzukommen. Hiermit begann fein finanzieller Abstieg. Er war zwar bis zu feinem zweiten Schlaganfall Immer noch viel beschäftigt. Aber er lief zahllose Treppen statt Autos zu fahren, er verbreitete feine Unruhe in Schnellreslaurants stall in Weinlokalen, er Halle des Nachts, wenn man ihn traf, noch mehr Flecke auf dem Anzug.
So um die zweite Stunde früh saß er gewöhnlich in der Destille von Zeunerl. Er schrieb Kundenbriefe, Zeitungsausschnille quollen aus feinen | Taschen, Leute fragwürdigen Aussehens kamen, um mit ihm zu sprechen. Er krank hastig fein Bier, steckte nervös bisweilen den Bleistift zwilchen die Zähne und schob den Hut etwas nach hinten. In dieser Stellung pflegte er, schon die Augen etwas umnebelt, ganz unvermittelt die Leute, die um ihn saßen, zu fragen:
„Haltet ihr es eigentlich für richtig, so viel beschäftigt zu [ein?"
Beraniworlllch: Or. Hans Thyriol. — Druck und Berlag: Brühl 'schellniverfitäls-Bucd- und Stein drucke! ei, R. Lange, Gießen.


