Ausgabe 
27.3.1933
 
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Verurteilung anders gearteter Zeiten eingetragen. Wer titanenhaftes Ringen, dämonischen Tiefsinn, wuchtige Schwere von der Kunst verlangt, wird die gleichsamaus dem Nichts geborene", in Glanz und Heiterkeit strahlende Schönheit Raffaels nicht für das Höchste halten. Schon zu feinen Lebzeiten hielt man Leonardo und Michelangelo für größere Künst­ler, und Safari, der ihn in der zweiten Auflage seiner Lebensbeschrei­bungen mit einer gewissen Absichtlichkeit alsHalbgott" gegen Michel­angelo ausspielte, hat ihn in so überschwenglicher Weise gefeiert, daß er bald wieder Widerspruch hervorrief. Die aufgewühlte Zerrissenheit des Barocks steht ganz unter dem Einfluß Michelangelos, also Raffael fern. Nur in Frankreich erwuchsen ihm Verehrer und Nachahmer, und zu An­fang des 18. Jahrhunderts, als der mildere Geist des Rokoko in die Welt­kunst einzieht, da erwacht wieder die Liebe der Italiener für ihn.

In Italien haben Mengs und Winckelmann in ihm denMei­ster der Meister" kennen gelernt, und die Raffael-Schwärmerei, die sich nun in Deutschland entwickelte, war eigentlich nur von der Verehrung eines Originalwerkes, der Sixtinischen Madonna in Dresden, getragen. Diese Verehrung erbte Goethe bereits von seinem Vater; er macht sie zu einem Teil seines Selbst durch die italienische Reise, auf der er neben der Antike am eingehendsten Raffael studiert hat, von ihm am tiefsten beeinflußt ist. Als denersten Maler der Welt" proklamieren ihn die Künstler der napoleonischen Zeit, die David und Ingres, und die Romantiker entdecken auf den Spuren Wackenroders und T i e ck s dengöttlichen Jüngling", den Träumer der Rittergeschlchten und Minne­sänger der Madonnen der Frühzeit

Im Anschluß an die Romantik hat dann im 19. Jahrhundert die Kunstgeschichte sein Werk bis in alle Einzelheiten erforscht, kritisch be­leuchtet und dabei immer mehr seine Selbständigkeit, seine universale Größe erkannt. Einzelne Teile seines Werkes, von denen man vorher kaum etwas ahnte, treten nun imponierend hervor: feine gewaltige Ar­beitsleistung als Architekt, die das Buch von G e y m ü l l e r enthüllte, der hinreißende Reichtum seiner Zeichenkunst. Als Bildhauer und Kunst­gewerbler, als Archäologen und Dichter haben wir diesen wahrhaftigen Renaissancemenschen kennen gelernt. Um so großartiger heben sich aus dieser überwältigenden Fülle seiner so kurzen Schaffenszeit die ewigen Höhepunkte, hervor.

Die Träume seiner Jugend gipfeln in den beiden Meisterwerken der umbrischen Frühzeit, in derKrönung der Maria" und vor allem demS p o s a l i z i o", diesem höchsten Lobgesang der Kunst auf die Heiligkeit bdr Ehe. Seine Florentiner Jahre schließen mit derGrab­legung C h r i ft i", in der alles furchtbare Leiden zu reiner Schönheit verklärt wird. Im Vollbesitz harmonischer Gestaltungskraft beginnt der Fünfundzwanzigjährige in Rom seine kurze Reisezeit; er schafft hier in einer unvergleichlichen und unfaßbaren Fruchtbarkeit, umgeben von einer völlig von ihm abhängenden Schülerschar, die unsterblichen Fresken der Stanzen", in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunst der Mensch­heit im Lichte des erhabensten geistigen Zusammenwirkens dargestellt sind; er erweckt in derGalathea" und denA m o r - u n d - P s y ch e"- Bildern die Wunder der Antike so rein wie kein anderer Nachfolger der Griechen; er krönt die liebliche Schar seiner Madonnendarstellungen durch die Madonna della Sedia, das Urbild des irdischen Mutterglücks, und durch die Sixtina, die Verkörperung überirdischer Mutterliebe, er schafft in den Kartons zu denTeppichen" das höchste Formideal derklassischen" italienischen Kunst und entdeckt in seinem letzten Werk, derVerklä­rung C h r i st i", Wucht und Rhythmik eines neuen Stils, des Barock. So schließt sich der Ring seiner Entwicklung in einem ganz organischen und harmonischen Aufbau.

Andere Epochen kannten andere Götter neben demeinzigen": Rem­brandt und Michelangelo, Leonardo und Velasquez. Es kam gegen Ende des vorigen Jahrhunderts eine Zeit, in der man recht geringschätzig von Raffael sprach, weil die Mode es so wollte. Aber heute leuchtet fein Gestirn wieder im Hellen Glanz, und wie der Mozart-Kult unserer Tage erkennen läßt, daß man sich wieder mehr als früher zu den seligen Inseln einer harmonischen Schönheit flüchten will, so ist auch Raf­faels Zeit wieder gekommen, und seine Kunst wird als die Weltmacht erkannt, die sie darstellt.

Aus den Kinderiaqen unserer Landkarte.

Don E. Weber.

Wenn mit den ersten milderen Lüften die Wanderlust wieder erwacht, bann kommen auch bie stummen unb doch so berebten Führer ins unbe­kannte Land die Weg- und Landkarten, wieder zu ihrem Rechte und werden aus ihrer Winterschlummerstätte im Bücherschrank hervorgeholt. Sie, die uns heute unentbehrliche Begleiter auf Fußwanderungen, un Auto, bei Reisen durch Stadt und Land sind, wie sie den Seefahrer durch die Meere, den Flieger durch das Reich der Lüfte leiten, können sich eines langen, bis ins Altertum zurückreichenden Stammbaums rühmen, der von einer stolzen Entwicklung kündet, die heute durch bie Ausnahmen vom Flugzeug ganz neue Möglichkeiten gewonnen hak.

Nicht einem Volke allein gebührt bas Verbienst, Erfinder der Land­karte zu sein. Der Name des Aegypterkönigs Roms e s ^.^"d mit der ältesten um das Jahr 1300 v. Ehr. gezeichneten Karte ber Nillandschaft in Verbindung gebracht. Daß die Aegypter mit Landmessungsarbeiten wohl vertraut waren, davon zeugt bie Darstellung zweier mit Meßketten ein Felb burchschreikenben Männer. Im Museum von Turin werben zwei der ältesten uns bekanntenKarten" aufbewahrt; sie sind auf Papyri gezenh- . riet unb geben bie Lage ber Goldminen in ber Nubifchen Wiiste an. Em anderer Turiner Papyrus zeigt die-^kehr des Pharaos Seti I. aus Syrien, die Straße von Heropolis und den Nilkanal, der von Krokodilen wim­melt. Für den großen Anteil, den die Babylonier an der Entwickümg ber Karte genommen haben, zeugt ein im Irak ausgegrabenes Tafelchen a der Zeit um 1000 o. Ehr., auf bem bie Welt als eine runbe Scheibe nut Babylon im Mittelpunkt dargestellt ist. Mer erst die Griechen schufen Karten, die auf der Erkenntnis der wahren Gestalt der Erde beruhlni. Eratost Heues, der Verwalter der Bibliothek in Alexandria, war

überzeugt von der Kugelgestalt der Erde unb suchte ihre Größe auf wissen­schaftlichem Wege festzusteUen. Er bebiente sich ber bei ägyptischen For­schern üblichen Meßmethoden, berechnete bie Entfernung von Alexandria nach Syene, visierte die Sonne mit seinem -primitiven Sonnenzeiger und suchte bann bie Länge bes Meribians zu bestimmen. Mit besten Hilfe nahm er eine Schätzung bes Erdumfanges vor. Auf ihn geht auch ber Gebanke zurück, ein Netzwerk von Linien, ähnlich unseren heutigen Hängen- unb Breitegraben, zur Ortsbestimmung auf ben Karten zu benützen. Doch ber größte Schritt, ber zur wissenschaftlichen Darstellung unserer Welt jemals gemacht worben ist, würbe von Ptolemäos in feiner acht- bänbigen Geographie um 150 n. Ehr. zurückgelegt. Durch lange Jahr- hunberte verschollen, würbe eine ber ältesten Abschriften bes Manuskripts im Kloster aus bem Berge Athos gefunden. Sechs ber acht Bücher ent­halten Längen- unb Breitebestimmungen von mehr als 8000 Orten. Auch 26 Karten einzelner ßänber unb eine Weltkarte fanben sich in biejem trotz all feiner Irrtümer bahnbrechenden Werk, das sich in den andern Bänden mit astronomischen unb mathematischen Problemen ber Geographie, mit ber Bahn ber Sonne, ber Tagesdauer, ber Verschiebenheit ber Zeit an verschiebenen Stellen ber Erde auseinanbersetzt. Die Karten zeigen, wie Kaufleute unb Abenteurer bie Grenzen ber bekannten Welt schon bamals weit nach Norden bis zu den Shetland-Inseln unb nach Großbritannien vorgerückt hatten, währenb fübmärts Afrika bis jenseits bes Aequators bargestellt würbe. Auch vom Indischen Ozean schuf Ptolemäos eine ge­nauere Karte, bie zweifellos auf bie Berichte von Seidenhändlern, bie nach bem Fernen Osten oorbrangen, zurückgeht.

Merkwürdigerweise sind uns von den Römern keine topographischen Karten überliefert, wenngleich Plinius und Seneca solche erwähnen. Dagegen sind uns erstaunliche Proben römischer Wegkarten erhalten, die außerordentlich den heute von Automobilisten benützten ähneln. Eine der­artige Karte, die unter dem Namen ihres glücklichen Wiederentdeckers, des Humanisten Conrad P e u t i n g e r fortlebt und sich in ber Wiener Staats­bibliothek befindet, reicht von England bis zur Mündung des Ganges; sie ist 6 Meter lang, annähernd 30 Zentimeter breit unb in mehreren Farben ausgeführt. In einer Kopie eines Kolmarer Mönches aus bem Jahre 1265 ist sie auf uns gekommen. In zwölf Abteilungen gibt uns berPeutinger", besten Original aus vorchristlicher Zeit stammte, eine Wegkarte bes Römi­schen Reiches unter Augustus. Von späteren Zeichnern sind bekannte Züge der biblischen Geographie eingefügt worden, wie bie Wüste, burch bie bie Israeliten zogen, und ber Berg ber Gesetzesgebung Moses. Neben ben in roter Farbe verzeichneten Hauptstraßen weist bie Karte befonbere Silber für bie einzelnen Städte auf, und zwar für die kleinen winzige Häuschen, für bie großen besondere Vignetten. So erkennt man bie Bebeutung Konstantinopels an der Darstellung eines thronenden Herrschers, während bas Gebiet bes heutigen Deutschland mit seinen weiten Forsten durch die Zeichnungen von Bäumen charakterisiert wird. Mit Größenverhältnissen und Entfernungen wirtschaftet freilich die Peutinger-Karke recht selbst­herrlich.

Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches erfuhr die karto­graphische Kunst des Abendlandes einen argen Rückschlag. In ben nächsten Jahrhunderten bienten solche Karten meist nur ber Illustration religiöser Bücher. In welchem Geist sie geschossen waren, beweist bieChrist - lidje Topographie" bes gelehrten Mönches Kosmas, beren Kar­ten bartun sollen, baß bie Erbe flach unb viereckig sei. Man sah barauf Menschen Fuß gegen Fuß, bie sog. Antipoden stehen, sah Regen, der bei ben Antipoden statt abwärts auswärts fällt alles, um bie Unmöglichkeit ber Kugelgestalt ber Erbe zubeweisen". Unterdessen erreichte bie Karto­graphie im Morgenland eine hohe Blüte. Hier wurden Karten unb ©loben geschaffen, bie für jene Zeit von hervorragender Genauigkeit waren. China, Persien, Aegypten, alle hatten ihren Anteil an biesem Aufschwung, beson- bers aber waren es bie Araber, benen währenb bes 8. unb 9. Jahr- hunberts bie Erdkunbe entscheibenbe Fortschritte zu bauten hat. In ber Schule bes Kalifen A l M a m u n wurden bie Werke bes Ptolemäos und des Aristoteles ins Arabische übersetzt. Die Sternwarte Bagdads erforschte die Sonnenbahn und in der Ebene von Mesopotamien wurden zwei Meri» biangrabe nachgemessen. Ibn Kordadbeh, ber arabische Schriftsteller, Reisenbe unb Direktor bes Postwesens, nahm eine Karie ber Poststraßen bes Kalifen auf. Sein Werk ist, wie bie seiner phantasiebegabten Zeit- genossen, eine Mischung von Wissenschaft, Aberglauben und reinem Un­sinn. Er erzählt von Schlangen, bie Elefanten verschlucken können, von einem Leuchtturm in Alexcmbria, ber einen Spiegel birgt, in bem man alles, was sich in Konstantinopel abspielt, sehen kann usw. Ungeachtet solcher Tollheiten hat Khorbabbeh wie M a s u b i und andere arabische Gelehrte sein Verdienst um bie Vervollständigung ber Weltkarte burch bie Beschreibung ber Hanbelswege, ber Flüsse, Berge, Grenzen unb Märkte. In einem seiner Bücher erörtert Masubi das Problem von Ebbe unb Flut. Seine Karte ist, mit ben unseren verglichen, verkehrt, indem Süden oben dargestellt ist. Aber vieles von dem, was er vor tausend Jahren beschrieb, hat noch heute seine volle Gültigkeit. Er kannte die Größe der Erde mit ziemlicher Genauigkeit, wußte, daß sie sich um die Sonne dreht und wie weit es von den Polen bis zum Aequator ist. Auch hatte er einige Kennt­nisse von den geographischen Längen und Breiten, den Polen unb ber Erdachse.

Im Abendlande brachte die Renaissance auch für die Erdkunde und Kartographie einen neuen Aufschwung. Die auf Kielschiffen, einer von den Wikingern übernommenen Verbesserung, das Mittelländische Meer durch­kreuzenden katalanischen und italienischen Seefahrer bedienten sich einer neuen Art der Landkarte, des sogenannten P o r t o 1 a n o, die, verglichen mit jenen früheren Gebilden der Phantasie, bie sich Karten nannten, einen Riesenschritt vorwärts bebeuteten. Vorher benützten die Schiffer im Mittel­ländischen Meer den griechischen P e r i p l u s . ein Buch, in bem das Auf- tauchen von Städten und Borgebirgen, vom Meere aus gesehen, beschicke, ben war unb bas natürlich nur bei Küstenfahrten eine Hilfe fein konnte. Erst ber Portolano ermöglichte es ben Schiffern, auch auf dem offenen Meer ben beabsichtigten Kurs einzuhalten. Diese Karten wiesen ,iur Orien­tierung über die Richtung unb Entfernungen ein Netzwerk von Linien auf, bie von einem gemeinsamen Zentrum ausgingen unb alle Meridiane unter