GietzenerKninIienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
I rhrgang <955
Montag, -en 27. März
Nummer 24
Schlaf' ein.
Von Jula Hartmann.
Und leise leg' ich meine Hand Auf deine Augen lind, Da kommt herab vom Sternenland Der Schlaf zu meinem Kind. Nicht denken mehr und sorgen, Nur müde, müde sein, In Liebe still geborgen Schlaf' einl
Vom Schlummerbrunnen trinke nun In tiefem, langem Zug, Du darfst gelöst und glücklich ruhn, Dein Tag ist Tat genug!
Nicht grübeln mehr und klügeln, Gleiten ins dunkle Sein Auf sammtnen Schwalbenslügeln — Schlaf' ein!
Schon schlummert unterm Sterncnschild Dein Haus und atmet sacht, Wie leise Harfen um dich schwillt Die Melodie der Nacht.
Gib Zweifel, Angst und Sorgen In Gottes Herz hinein, Glaub' an den lichten Morgen, Schlaf' ein!
Auf -ei' Universität.
Novelle von Theodor Störm.
Core.
Ich hatte keine Schwester, welche mir den Verkehr mit Mädchen meines Alters hätte vermitteln können; aber ich ging in die Tanzschule. Sie wurde zweimal wöchentlich im Saale des städtischen Rathauses gehalten, welches zugleich die Wohnung des Bürgermeisters bildete. Mit dessen Sohn, meinem treusten Kameraden, waren wir acht Tänzer, sämtlich Sekundaner der lateinischen Schule unserer Vaterstadt. Nur in betreff der Tänzerinnen hatte sich anfänglich eine scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit herausgestellt; die achte standesmähige Dame war nicht zu beschaffen gewesen.
Allein Fritz Bürgermeister muhte Rat. Eine frühere, bei allen Fest- schmäusen von der Frau Bürgermeisterin noch immer zugezogene Köchin seiner Eltern war an einen Flickschneider verheiratet, einen gelben, Hagern Menschen mit französischem Rainen, der lieber im Wirtshaus das große Wort, als aus seinem Schneidertische die Nadel führte. Die Leute wohnten am Ende der Stadt, dort, wo die Straße dem Schloßgarten gegenüberliegt. Das schmale Häuschen mit der großen Linde davor, welche das einzige neben der Tür befindliche Fenster fast ganz beschattete, war uns wohlbekannt; wir waren ost daran vorübergegangen, um einen Blick des hübschen Mädchens zu erhaschen, das hinter Den Reseda- und Geranientöpfen an einer Näharbeit zu sitzen pflegte und In unseren Knabenphantasien eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Es war das einzige Kind des französischen Schneiders, ein breizehnjähriges, zierliches Mädchen, das auch in der Kleidung, troß der geringen Mittel, von der Mutter in großer Sauberkeit gehalten wurde. Die bräunliche Hautfarbe und die großen dunkeln Augen bekundeten die fremdländische Abkunft ihres Vaters; und ich entsinne mich noch, daß sie ihr schwarzes Haar sehr lief und schlicht an den Schläfen hernbgestrichen trug, was Dem ohnehin kleinen Kopse ein besonders feines Aussehen gab. Friß und ich waren bald miteinander einig, daß Lenore Beauregard die achte Dome werden müsse. Zwar hatten wir mit Hindernissen zu kämpfen; beim die übrigen kleinen Fräulein und „gnädigen" Fräulein wurden sehr seriös und einsilbig, als mir unfern Vorschlag mitzuteilen wagten; -allein die Künste ihres Lieblingssohnes hatten die Bürgermeisterin auf unsere Seite gebracht, und vor dem heitern und resoluten Wesen dieser mackem Frau vermochten weder die gerümpften Näschen der kleinen Damen, noch, was gefährlicher war, die bestimmten Einwendungen ihrer Mütter standzuhalten.
So waren wir denn eines Nachmittags unterwegs nach dem Häuschen des französischen Schneiders. — Sonst hatte ich oft wohl bedauert,
daß meine Kameradschaft mit dem Sohne unsers Haustischlers eingegangen war, dessen Schweller fast täglich mit der kleinen Beauregard verkehrte; ich hatte auch wohl daran gedacht, die Bekanntschaft wieder anzuknüpfen und mich in der Werkstatt seines Vaters in der Schreinerei unterweisen zu lassen; denn Christoph war Im übrigen ein ehrlicher Junge und keineswegs auf den Kopf gefallen; nur daß er auf die Schüler der Gelehrtenschule, „die Lateiner", wie er mit einer unangenehmen Betonung zu sagen liebte, einen wunderlichen Haß geworfen hatte; auch pflegte er sich unter Beihilfe gleichgesinnter Freunde auf dem Exerzierplätze von Zeit zu Zeit mit den „Lateinern" nach Leibeskräften durchzuprllgeln, ohne daß jedoch durch diese Schlachten ein Ende des Krieges erzielt wäre.
Nun bedurfte ich jener Vermittlung nicht; beim schon waren wir vor dem Hause und schritten über bie gelben Blätter der ßlnbe, bie ber Novemberwind herabgesegt hatte, auf die niedrige Haustür zu. Bei dem Klingeln der Schelle kam uns Frau Beauregard aus der Küche entgegen, und nachdem sie sich sorgsam ihre Hände an Der weißen Schürze abgetrocknet, wurden wir in das kleine Wohnstübchen genötigt.
Es war schwer, in dieser blonden, untersetzten Frau die Mutter der zarten, dunkeln Mädchengestalt zu erkennen, die setzt bei unferm Eintritt von der Näharbeit aufsprang und sich dann mit einem Ausdruck zwischen Neugier und Verlegenheit an die Schatulle lehnte. Während Fritz unser Anliegen vorbrachte, überflog ein helles Rot ihr Gesichtchen, und ich sah, wie ihre Augen leuchteten und größer wurden; al? aber die Mutter schwieg und nachdenklich den Kopf schüttelte, stahl sie sich leise hinter ihrem Rücken fort und verschwand durch eine anscheinend in bie Schlafkammer führende Tür. — Ich warf einen Blick nach bem Tische, vor bem sie bei unferm (Eintritte gesessen hatte. Zwischen Bänbern unb anberm Mäbchenkram standen ein Paar schmale Lastingschühchen', fertig bis auf die Einfassung, womit, wie es schien, bas Mädchen sich soeben noch beschäftigt hatte. Die Dinger waren beunruhigen!) klein, unb meine Knabenphantasie ließ nicht nach, sich bie Füßchen vorzusiellen, bie mutmaßlich ba hinein gehörten; mir war, als säh ich sie fgjon im Tanze um bie meinen herumwechfeln, ich hätte sie bitten mögen, nur einen Augenblick standzuhalten; aber sie waren ba unb waren wieder fort unb neckten mich unaufhörlich.
Währenb biefer visionären Träumerei hatte bie Frau Benuregarb mit meinem Freunbe, bem ich, wie billig, bas Wort überlassen mußte, Grünbe unb Gegengrünbe auszutauschen begonnen, bis sich die Sache, nachbem auch ber Name ber Bürgermeisterin in die Waagschale gelegt war, mehr unb mehr zu unfern Gunsten neigte
. „Und ba stehen ja schon bie Tanzschuhe!" sagte Fritz. „Ist Herr Bean- regnrb beim auch ein Schuhmacher?"
Die Frau schüttelte den Kovs. „Sie wissen ja wohl, Fritz, daß er, leider Gottes, ein Tausendkünstler ist! (Er mußte Ihnen doch auch Ihre Taschenuhr im Frühjahr reparieren! — Die Schühchen hat er dem Kinde auf Weihnachten schon im voraus gemacht." —
„Nun, Margret, und meine Mutter hat einen ganzen Koffer voll schöner, aller Kleider; da könnt Ihr neue daraus schneidern für bie Lore; es reicht jebes wenigstens ein viertel butzenbmal für sie."
Die Alte lächelte; aber sie würbe wieber ernst. „Ich weiß nicht," sagte sie, „es sollte nicht fein; aber wenn bie Frau Bürgermeisterin es meint!"
Das Mäbchen war inbeffen wieber eingetreten unb hatte sich neben bie Mutter gestellt. Es entging mir nicht, baß sie ein weißes Krägelchen umgetan hatte; auch meinte ich bie Ohrringe mit ben roten Korallen- knopschen vorhin nicht an ihr gesehen zu haben.
„Was meinst du, Lore?" sagte Fritz, während bie Mutter noch immer nachbenklich unb unschlüssig brein sah, „hast du Lust mit uns zu tanzen?"
Sie antwortete nicht; aber sie faßte die Mutter mit beiden Händen um ben Hals unb flüsterte ihr zu, währenb ihr Antlitz mit immer tieferm Rot überzogen würbe.
„Fritz", sagte bie Alle, inbem sie sich sanft bes ungestümen Mäbchens erwehrte, „ich wollte, Sie hätten mir bie Geschichte erst allein erzählt; es wäre bann nichts baraus geworben. So habt ihr mir nun einmal das Mädel auf ben Hals gehetzt; ich weiß es schon, sie läßt mir keine Ruh'!" —
Wir hatten also gesiegt. „Mittwoch abend um sieben Uhr!" rief Fritz noch im Fortgehen; dann traten wir, von Mutter unb Tochter zur Tür begleitet, aus bem Hause. — Als wir uns nach einer Welle umblicften, taub nur noch unsere junge Freunbin ba; sie nickte uns ein paarmal zu unb lief bann rasch ins Haus zurück.
3n ber Tanzstunde.
Am Inge daraus war, wie mir Fntz vertraute, die Frau Beauregard bei seiner Mutter gewesen, hatte mit ihr eine geraume Zett in ber Kleiberkammer gekramt unb dann mit einem wohlgesüllten Päckchen das Haus verlassen.
Am Mittwochabenb war bie Tanzstunbe. Ich hatte mir bie lackierten Schuhe mit Stahlschnallen unb bie neue Jacke erst im letzten Augenblick von Schuster und Schnetber heravsgepocht unb sanb schon alles versam-
1 Zeugschuhe.


