Ausgabe 
27.2.1933
 
Einzelbild herunterladen

Ulam Singh.Ich

gewarnt

Diese rüi

in eine wilde Prügelei ousnrtete, bei der Ulam Singh den kürzeren zog. Er hinkte davon und stieg furchtbare Flüche und Verwünschungen in maharattischer Sprache aus. Von diesem Tage an suchte er offenbar un­

gewvrden war.

Ulam Singh!" forschte ich voll Aufregung.Du hast mit dem Fuchs dasselbe getrieben, was du damals in Agra mit der Orchidee getan hast!

,^Ia, Sahib. Ich hab' ihn alt gemacht über Nacht."

Wie hast du das angestettt, gib Antwort, ober ich zerschlage dir alle Knochen.

Durch die Positur der Lotosblume", sagte der Inder zitternd.Und durch den Verzicht des Atems, welcher die Reinigung meines Körpers bewirkt. Unsere Weisen nennen das: die Padmasana." ,

Was ist das, die Positur der Lotosblume?" forschte ich.

Die Gewalt der Lotosblume ist sehr groß, der schmutzige Körpertopf muß gereinigt werden", gab Ulam Singh geheimnisvoll zur Antwort.

Beschreibe mir, was du getan hast", drängte ich.

Wille ist der Dünger, Entsagung der Regen, Versenkung die Sonne, sagten meine Lehrer", erwiderte Ulam Singh.

Mehr war aus dem Inder nicht herauszuholen. Immer gab er diese gleichen, formelhaften Antworten. Dafür aber zeigte es sich, daß die Scheu und die Zurückhaltung, die sich Ulam Singh bis dahin auferleqt hatte, gebrochen waren. In der Tat! Tag für Tag wiederholte sich jetzt das Orchideenwunder. Ein kleiner Orangenbaum, der in der Halle stand, trug eines Morgens vier goldgelbe Früchte, ohne daß ich vorher Blüten wahrgenommen hätte. Eine Bohne, die ich selbst in die Erde gepflanzt , hatte, war tags daraus meterhoch emporgefchossen. Ein paar Farren- \ trauter in einem Winkel des Gartens wurden plötzlich zu einem undurch­dringlichen Dickicht. Eine neugeborene Katze strich schon am Abend zwlsck>en den Schuppen umher und jagte Mäuse ... (Forts, folgt.)

wäre und Zeit hätte, sich rechtzeitig auf und davon zu machen, cksichtsvolle Zeremonie unterließ Ulam Singh nie; ich und meine Gäste haben ost unseren Spaß daran gehabt.

Nun hatte aber Philipp eines Tages in Abwesenheit Utam Singhs eine Art Götterdämmerung im Garten veranstaltet, zumindest drei Dutzend Rosen hatte er von den Stöcken geschnitten, natürlich ohne vorher den Göttern die gebührende Rücksicht des Aufweckens zu erweisen. Darüber kam es zwischen Philipp und Ulam Singh zu einem Streit, der diesmal

ausgesetzt eine Gelegenheit, sich zu rächen. Und seine Rachsucht war so intensiv, daß sie ihn dazu brachte, jene geheimnisvolle, sorgsam vor mir verborgen gehaltene Fähigkeit zu benutzen, von der ich damals in Agra eine Probe erlebt hatte. Stellen Sie sich vor, Doktor, er kam auf den Gedanken, seine Kunst, das Wachstum eines fremden Organismus ... doch nein! Ich will Ihnen die Geschichte von Anfang an erzählen.

Mein alter Philipp, der ein großer Tierfreund ist, hat vor em paar Wochen von seinem Neffen, einem Forstgehilfen in Naßwald, einfti possier­lichen, ganz jungen Fuchs geschenkt bekommen, ein noch hilfloses, kaum acht Tage altes Tier, mit dem man spielen konnte wie mit einer Katze. Philipp gab sich die größte Mühe, ihn aufzuziehen. Der Fuchs war über­aus drollig in seinen Bewegungen, und schon nach ein paar Stunden der Liebling der ganzen Dienerschaft, so daß es tagsüber ganze Prozessionen nach dem kleinen Schuppen gab, in dem Philipp das Tier untergebracht hatte. Dort lag es, ließ sich tätscheln und streicheln und spielte den ganzen Tag über mit Holzstücken und Zwirnknäueln, die man ihm gebracht hatte.

Gegen acht Uhr morgens am nächsten Tage hörte ich plötzlich Lärm im Hof. Ich trat ans Fenster; der alte Philipp kam kreischend über den Hof gelaufen. Er schwenkte die eine Hand in der Luft, sah mich am Fenster, blieb stehen, und wies schreiend mit der anderen Hand nach dem Schuppen. ' ,r

Da kam blitzschnell irgend etwas heroorgeschossen ... irgend etwas Großes, Langgestrecktes, Rotes ... ein toller Hund dachte ich im ersten Augenblick. Mitten unter die Hühner fuhr das Phantom hinein, die nach allen Selten auseinanderstoben. Dann raste es wütend hin und her zwi- schen den Mauern, die den Hof einschlossen, während Philipp mäuschen­still in einen Winkel gepreßt stand ... nur die Hand schwenkte er noch immer in der Luft. ,

Ich lief ins Nebenzimmer, riß die Jagdflinte von der Wand, lud, legte an und schoß. , I

Die ekelhafte Bestie Überschlug sich, fiel nieder, schleppte sich noch em paar Schritte weit und streckte bann alle Mer von sich.

Ich lief in den Hof hinunter. Ein riesiger fteinalter Fuchs war es, der tot auf der Erde lag. Meine Kugel hatte ihm das Rückgrat zer- schmettert. __ , ,

Jetzt kam auch der alte Philipp aus seinem Winkel hervor. Er war totenblaß vor Schreck und zitterte an allen Gliedern.

Das ist Ulam Singh gewesen, der indische Teufel! Er hat mir meinen kleinen Fuchs gestohlen und an seine Stelle diese wilde Bestie in den Schuppen gesperrt", jammerte er, und zeigte mir seinen Arm. Er blutete aus einer tiefen Bißwunde. Der Fuchs hatte ihn, als er in den Stall trat und das Tier streicheln wollte, sofort angesprungen und sich in seinen Arm verbissen. ...

Ich ließ mir Ulam Singh kommen und überhäufte ihn mit Vor­würfen. Dabei mußte ich mir alle Mühe geben, ernst zu bleiben, denn die raffinierte und drollige Art seiner Rache belustigte mich mehr, als ich zugeben wollte.

Woher er sich so rasch das alte, bissige Tier verschafft hatte, wollte ich wissen. .....

Aber aus dem Inder war nichts herauszubekommen. Er blieb bei allen Vorwürfen stumm und zuckte bloß mit den Achseln.

Er sollte doch wenigstens sagen, wo er das junge Tier versteckt hätte.

Ulam Singh gab keine Antwort.

Ich holte die Reitpeitsche aus der Tischlade, knallte ein paarmal durch ' die Luft, markierte fürchterlichen Zorn und drohte dem Inder, ihn auf die Straße zu setzen.

Aber Ulam Singh erschrak, als er mich zornig sah, und warf sich

auf den Boden.

Wo hast du das Tier versteckt, Halunke!" schrie ich.

Sahib! Es ist der gleiche Fuchs!" jammerte Ulam Singh.Ich schwöre, es ist der gleiche Fuchs!"

Bist du verrückt?"

,Er ist so alt geworden über Nacht! Ich schwöre, Sahib, es ist der gleiche Fuchs. Sieh den weißen Fleck auf der Stirne.

Ich ging in den Schuppen...In der Ecke des Verschlages sah ich glimmende Holzkohle, und mit einem Male spürte ich jenen infernalischen Hanfgeruch wieder, und zu gleicher Zeit schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, der mir im Augenblick toll, wahnwitzig und unmöglich schien, aber schon im nächsten festbegründete und unbestreitbare Wirklichkeit für mich

(Engagement. Der Bursche muß aus Agra fort. Er ist einer von den un­glücklichen Dienern des Praoatitempels, denen heute nicht sehr wohl in ihrer Haut ist. Da ist keiner, der, wie die Dinge heute liegen, auf die Dauer für Ulam Singhs gerade Glieder einstehen möchte", meinte der Manager.

Ulam Singh hatte sich tief vor mir verneigt. Jetzt holte er unter seinem gelben Mantel eine kleine Topfpflanze hervor und stellte sie vor mich hin auf den Boden. Cs war der Iasminstrauch mit den zweifach gefärbten Blüten, den ich hatte kaufen wollen. Er hatte ihn mitgebracht und bot ihn mir zum Geschenk an, so wie ein geprügelter Hund einen Knochen ober ein Stück Holz herbetschleppt, um feinen Herrn in gute Laune zu versetzen.

Mir kam der Gedanke, daß ich Ulam Singh sehr gut In meinem Wiener Treibhaus verwenden könnte.

Du bist Gärtner?" fragte ich.

Der Sahib will dich mit nach Europa nehmen. Gib ihm Antwort, Boy! Er versteht", meinte der Manager, nun zu mir gewendet,alle Gärtnerarbeiten: Beete anlegen, Bäume pfropfen und beschneiden--

Sonst nichts?" fragte ich den Inder.Ist das alles?"

Er wird sich jetzt zu jeder Arbeit verstehen, auch zu der niedersten, er hat nämlich feine Kaste verloren", versicherte der Manager.

.Ich möchte einmal sehen, ob du diese Jasminknospe innerhalb einer Viertelstunde zum Aufblühen bringen kannst", sagte ich zu Ulam Singh.

Aber der Inder schüttelte heftig den Kops und machte eine abwehrende Bewegung mit beiden Händen.

Ah, Sie denken offenbar an das bekannte Kunststück der indischen Büßer, Herr Baron?" sagte der Manager lächelnd.Aber das ist keine alltägliche Sache, glauben Sie mir. Die Herren Jndientourislen meinen, ein jeder von den Eingeborenen, denen sie begegnen, verstände die Kunst. Lassen Sie sich sagen, Herr Baron, ich bin seit meinem sechzehnten Jahr in Indien, aber diesen Trick habe ich nur ein einziges Mal zu sehen bekommen. Das war da drüben in Dschaipur, von einem sogenannten Bhat, einem radschputischen Straßensänger. Nein, dergleichen dürfen Sie von unserem Mann nicht erwarten. Aber ein tüchtiger Gärtner ist er, der sein Fach versteht, dafür verbürge ich mich."

Ulam Singh ließ den Kopf hängen, sprach kein Wort und erwartete meine Entscheidung.

Seh'n Sie, Doktor, mir gefiel, daß der Inder seine Fähigkeiten geheim hielt. Es schien mir etwas von dem Feingefühl des echten Künstlers darin * zu liegen, der feine Leistungen nur ungern der Neugierde der großen Menge preisgibt.

Es ist gut, du kannst bleiben", sagte ich.Mach dich reisefertig, wir fahren wahrscheinlich schon morgen ab."

Ulam Singh war reisefertig. Er brachte ein Bündel aus seinem Winkel. Es enthielt Betelblätter und Nüsse, ein paar Armbänder und einen Gebetskranz aus roten Kugeln. Und noch etwas: Eine Handvoll gerie­benen Hanfs.

Die Positur der Lotosblume.

Während der Rückfahrt nach Europa habe Ich an Ulam Singhs Wesen wenig Absonderliches oder Merkwürdiges gefunden. Er unterschied sich in nichts von jedem anderen eingeborenen Diener. Er hielt meine Sachen leidlich in Ordnung, bediente mich zu meiner Zufriedenheit und verbrachte im übrigen feine freie Zeit mit dem Kauen von Betelblättern, die er sehr geschickt mit Butter zu bestreichen und mit einer Einlage von Arkanuß zu füllen verstand.

Auch hier in meiner Wiener Villa war er anfänglich ein Diener wie jeder andere; ein wenig exotisch vielleicht in seinen Lebensgewohnheiten, im ^gemeinen aber erinnerte nichts in seinem Verhalten an jenen geheimnisvollen Vorgang, der sich im Garten des Pravatitempels in Agra abgespielt hatte.

Erst nach einigen Monaten erfolgte das tragikomische Abenteuer meines Kammerdieners Philipp mit seinem Fuchs, das eigentlich die Einleitung zu jenen Ereignissen bildete, deren Verlauf, Doktor, mich zwang, Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Um mich kurz zu fassen--Philipp und mein indischer Gärtner

vertrugen sich schlecht. Eine gewisse Eifersucht meines alten Kammer­dieners mag wohl die Hauptschuld daran getragen haben. Sie müssen wissen, daß Philipp schon seit vielen Jahren in meinen Diensten steht; ich habe ihn von meinem verstorbenen alten Bruder übernommen. Da­neben hat wohl auch Philipps Unduldsamkeit gegen die maiinigsachen, ost allzu indischen Gewohnheiten Ulam Singhs mltgesplelt. Der Inder liebte es beispielsweise, im Garten bei feiner Arbeit zu fingen, in einem sonderbaren Rhythmus, der für europäische Ohren einsach unerträglich war. Auch war Ulam toingt) nicht davon abzubringen, Treppen und Veranda täglich mit einer abscheulichen Kuhdunglösung zu bestreichen, wie er es von seiner Heimat her gewohnt war. All das gab Gelegenheit zu Streit, und eines Tages kam es sogar zu Tätlichkeiten der Anlaß war übrigens komisch genug.

Ulam Singh war abergläubisch. Er duldete es nicht, daß irgendwer im ©arten auch nur eine einzige Rose von einem der Stöcke schnitt. Er war überzeugt, daß in jedem von den Rosenstöcken irgendein indischer Gott seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, der im übrigen den ganzen Tag zu schlafen schien. Denn bevor Ulam Singh die Gartenschere an die Rosen setzte, klatschte er dreimal in die Hände, damit der Rosengott

Verantwortlich: vr. Hans Thyr lot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts.Puch» und Dteindruckerei. R. Lange, Gieße'-