Zeit, und so brauste denn der volle Strom der mächtig empordrängenden Lebenslust bald nach Beginn des neuen Jahres gegen das Stauwehr, das die Kirche errichtet, und brach sich Bahn in Umzügen, Vermummungen, in Tänzen, Liedern und Spielen. Schüchtern sehen wir solche Elemente des Humors schon in den komischen Zwischenspielen der geistlichen Mysterien im 14. Jahrhundert ausblitzen, aber keck und frei wagte sich das weltliche Drama erst im 15. Jahrhundert hervor, wo es bald im Fast- nachtspiSl die Herrschaft erlangte. Seit Jahrhunderten hatte sich in der mittelalterlichen Literatur ein Schatz von kleinen Erzählungen, Schwänken, Scherzsprüchen angesammelt. Komische Charaktertypen, lächerliche Frage- und Rätselspiele waren so gegeben und liefen in aller Munde um; sie wurden aber besonders häufig erfunden, gebraucht und ausgeschmückt zur Fastnacht, da Patrizier und Zünfte in ihren Trinkstuben fichs wohl fein ließen. Wie man für diese Zeit die Mägen lange vorher abhärtete, damit sie das „große Schlemmen und Sausen" gehörig aushalten könnten, so wetzten erfinderische und übermütige Köpfe bei Zeiten ihren Scharfsinn, um für die Narrenwochen einen recht tollen Mummenschanz, ein paar saftige Sprüchlein und einen kräftigen Scherz in Reimen oorzubereiten. Freiwillig sammelten sich dann, wie die ersten Komödianten des Altertums, ein paar gleichgesinnte Burschen und zogen in allerhand Berkleidungen als Narren, Bauern, Bettler, wilde Männer und dergleichen von Haus zu Haus, rückten wohl in den Trinkstuben ober tu den Privathäusern von Bekannten ein paar Bänke als Bühne aneinander und begannen etwas vorzuspielen, wofür sie dann eine gastliche Bewirtung erhielten. Pfeifer zogen ihnen voraus; ein Vorläufer oder Ausschreier führte sie.
In vielen der uns erhaltenen Fastnachtsspiele läßt sich diese Eingangs- sttuation noch ganz deutlich erkennen. Der „Ehrenhold", wie der Anführer nach dem ritterlichen Festordner bei Turnieren noch bisweilen genannt «wird, leitet mit einem Spruch an den Wirt die Vorstellung ein, bittet i um Platz und Ruhe, erklärt den Zweck des Kommens und gibt den Inhalt des Stückes an. Dann treten die einzelnen vor und sagen ihren Spruch, je nach der Maske, die sie vorstellen, als Liebesnarren, als Trunkene, als Quacksalber oder als Teufel, kurz als einer jener Typen, wie sie die Bolksliteratur darbot. Oder jeder erzählt ein komisches Stücklein. Endlich spricht dann der Scharführer als „Ausschreier" den Epilog, bittet um j Entschuldigung wegen allzu großer Derbheiten, womit es aber nicht sehr ernst gemeint war, und fordert wohl auch in diesem „Gesegenreim" einen* Trunk für die Spieler. Dann blasen die Pfeifer noch einen Tanz, und die Gesellschaft zieht weiter. Von einer dialogischen Verknüpfung, einer dramatischen Handlung ist zunächst keine Rede; wie auf den alten Holzschnitten den steifen Figuren ihre Spruchbänder zum Munde heraushängen, so stellt sich jede Person vor und sagt ihren Reim, ohne sich um die andern zu kümmern. In Rätselspielen macht sich dann zuerst mit Frage und Antwort ein ganz primitiver Dialog bemerkbar, und aus dem Zwiegespräch entsteht ein Streitgespräch, das wohl auch in eine Schlägerei nusartet, an die ein Prozeß geknüpft wird. Die Gerichtsverhandlung wird ].um eigentlichen Hebel, um den sich die dramatische Entwicklung des Fast- l nachtsspieles dreht. Komische Rechtssälle sind ein uralter Stoff der Posse, hchon ein Aristophanes. Das dramatische Element der Gerichteszenen |l ließ sich am reinsten aus der Wirklichkeit in die Kunst übertragen. Ein Reichtum an Figuren, eine wechselnde Fülle von Themen kommen durch ! dieses Prozeßelement in die Schwänke. Da tritt der Richter auf mit den Schöffen, Kläger und Beklagter, dann die lange Reihe der Zeugen. Nicht •eiten handelt es sich um Streitsachen zwischen Braut- und Eheleuten, weil solche Situationen zu den derbsten Unanständigkeiten Anlaß geben. 3n dem parodistischen Drum und Dran sind die Formen der mittelalter- l liicfjen Prozeßordnung so gut beobachtet, daß die Fastnachtsspiele der j rechtsgeschichtlichen Forschung als wichtige Quelle haben dienen können. I Sehr beliebt sind ferner die Preisgerichte, bei denen etwa eine Frau dem | einen Apfel bietet, der die größte Narrheit begeht, und die zehn Kandi- I taten sich im tollsten Unsinn übertrumpfen. So weitet das Fastnachtsspiel peine Formen allmählich aus, und wenngleich das epische Element in I hangen Erzählungen noch immer überwiegt, so entstehen doch auch nicht ungeschickt angelegte Einakter, in denen sich eine Handlung recht flott iibrollt. Aber auch seinem Inhalt nach entfaltet sich das Fastnachtspiel im | 115. Jahrhundert immer mehr und zeigt neben dem Possenhaft-Burlesken I i in politisches Pathos, eine religiöse Innigkeit. Synagoge und Kirche »reiten sich um den rechten Glauben; die fauftitfjen Spiele von der Frau Jutta und dem Theophilus offenbaren die Macht des Bösen. Der Teufel, als Vater aller Torheiten und Sünden, erscheint bald als betrogener Betrüger, als gefoppter Poffenreißer. Sogar die schaurige Prophezeiung vom Antichrist wird satirisch umgebildet und in „des Antichrist Fastnacht" enthüllt sich der falsche Messias als Herr der Narrheit. Selbst biblische Stücke, wie das Urteil Salomonis, wurden zu Fastnacht gespielt. Zur Zeit Luthers kommt vielfach ein sehr ernster Ton in diese Spiele. t
Solch dunkler gehaltener Grundakkord ist aber doch eine seltene Ausnahme. Gewöhnlich sind sie, auch wo sie Zeitfragen behandeln und die b errschenden Zustande scharf kritisieren, doch von einem herzhaften Lachen ii nd einem groben Spott getragen. So werden z. B. in einer kecken Allegorie Fastnacht und Fasten einander gegenüber gestellt, und die Fastnacht wird der Sittenverderbnis angeklagt; aber sie wird freigesprochen, weil sie di« rechte Zeit für Tollheit und Ausgelassenheit sei; hingegegen soll jeder, der nicht fröhlich ist, „zu Dummbach" in den Bann erklärt werden. Zesonders kühn ist in solchen aktuellen Spielen, die sich mit Fragen der Segenroart beschäftigen, Hans Schnepperer, genannt R o f e n p l ü t, non Nürnberg. Im Spiel vom Papst, Kardinal und Bischöfen frbiebt Immer einer auf den andern die Schuld wegen des unchristlichen Treibens, die geistlieyen Fürsten auf die weltlichen, die Ritter auf die Bürger tmb Bauern. „Des Türken Fastnachtspiel" läßt den türkischen Kaiser in Deutschland erscheinen, um Hilfe von aller Not zu bringen. Die Großen Protestieren gegen [ein Auftreten in gespreizten Worten, aber die Städter wenden sich an ihn und nehmen ihn auf; ein grimmiger Stolz lebt in des Bürgermeisters prächtiger Rede, eine trotzige Verzweiflung darüber, daß !le Städter bei den hoffnungslosen Verhältnissen des Landes als den letzten Ausweg ihre Zuflucht zu dem grausamen Großtürken nehmen
müssen. Eine edle Ausfassung vom Wesen der Frau, wie sie sich sonst im Fastnachtspiel kaum sindet, offenbart sich in dem schönen, der Arthus- Sage entstammenden Stück „Der Luneten Mantel", in dem die junge Königin den Untreue verratenden Mantel getrost anlegt, während die Frau des Narren es lieber nicht tut, da sie nicht recht weiß, wie die Sache ablaufen wird. Sonst ist hauptsächlich von ungetreuen und schlechten Weibern die Rede. Die buhlerische Phyllis benutzt den liebestollen Welt- weisen „Aristotiles" als Reitpferd; die schöne Helena erscheint als Welt- verderberin; eine böse Sieben wird in eine Pserdehaut genäht. Besonders werden die alten Weiber mitgenommen, vor denen sogar der Teufel Reißaus nimmt und die man mit herzhaften Schlägen „wieder jung schmiedet". Schlimm getjt’s den „Ehekrüppeln", die sich nur durch Dummstellen, wie beim „Kälberbrüten", vor dem Zorn der Ehehälfte retten können; ihnen folgt die unabsehbare Zahl der Liebesnarren, die zumeist Bauern sind. Als ein echt bürgerliches Produkt, das nur in den Städten gedieh, wendet sich das Fastnachtspiel mit Schärfe gegen die anderen Stände. Die Ritter erscheinen als Verschwender und werden, z. B. im Neithart-Spiel, sogar von den Bauern betrogen und reingelegt; die Geistlichkeit wird bitter verspottet; am schlimmsten aber geht es den Bauern, auf die alle nur erdenkliche Unfläterei und Zoterei gehäuft wird. Ihre Unmäßigkeit, Plumpheit, zeigt sich schon in den Namen: Fretendusel, Weinschlunt, Nasenstank, Mückensist, Molkenbauch usw.
Aus der städtisch-bürgerlichen Kultur erwächst das deutsche Fastnachtspiel so allmählich zu immer größerer Bedeutung. Soweit die deutsche Zunge klang, wurden solche Spiele ausgeführt; wir wissen von Spielen von Reval und Lübeck bis nach Basel. Ausgangs- und Mittelpunkt aber war und blieb Nürnberg. Die beiden ersten Dichter, die wir beim Namen kennen, Rosenplüt und der aus Worms eingewanderte Barbier Hans Folz, wirkten dort. Nürnberger sind die Vollender und letzten Vertreter der Gattung, Hans Sachs, Peter Probst und Jakob Ayrer. Hans Sachs ist der klassische Meister der Fastnachtspiele, von denen er 64 geschaffen hat. Alle Roheit und Gemeinheit ist aus seinen heiter gütigen, lebhaft klaren Szenen entfernt. Er weiß den Stoff, der ihm aus Novellen und Schwankfammlungen reichlich zufließt, anmutig umzuformen. Wie rührend schlicht ist feine Frau Wahrheit, die niemand herbergen will, wie harmlos ehrbar sind feine Bauern, selbst wenn sie in lockere Geschichten verwickelt sind! Er wettert gutmütig gegen Weiber und Pfaffen, zeichnet reizende Genreszenen, und versucht sich sogar in so dramatischen Szenen, wie der, wo die Bürgersfrau bei der Kupplerin statt des Domherrn ihren Mann trifft. Hans Sachsens innigem, kleinmalendem Talent war die anspruchslose Form des Fastnachtspieles am genehmsten, und er leistete hier dramatisch sein Bestes. Bei Ayrer herrscht bereits der Einfluß der englischen Komödianten, der das Fastnachtspiel zu einem szenenreichen Lustspiel umformt und neue Elemente einführt. Seitdem ist das deutsche Drama manch verschlungene Jrrpfade gegangen, bevor es zur Höhe tarn, aber Fastnachtspiele sind nur noch in bewußter Anlehnung und zu besonderer Ehrung dieser deutschen dramatischen Erstlingsform gedichtet worden, so von Goethe im „Pater Brey", so von einigen Romantikern, wie Tieck, A. W. Schlegel und Schelling.
Das MangoSaumwunder.
Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nf.
Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.
(Fonfetzung.)
„Und wer hat das getan?"
„Zwei moslemitische Fanatiker, Afghanen. Man kennt sogar ihre Namen. Sie sollen sich schon vor Wochen in unbestimmten Redensarten ihrer Tat gerühmt haben."
„Hat man sie festgenommen?"
„Leider nicht. Die sind von ihren Glaubensgenossen schon längst in Sicherheit gebracht worden. Dafür haben ein paar ganz unschuldige arme Teufel die Rache des Hindumobs zu spüren bekommen, die Tempelhüter, die Diener des Pravatiheiligtums. Zwei von ihnen sind der wütenden Menge in die Hände gefallen. Der eine ist tot, der andere liegt im Missionsspital."
„Und die andern?"
„Auf die wird noch immer Jagd gemacht. Sie hätten übrigens Zeit genug gehabt, sich aus dem Staube zu machen. Man sagt, daß die Diener des Heiligtums das Verbrechen schon vor Monaten entdeckt haben. Nur aus Furcht vor Strafe verschwiegen sie es und suchten die Katastrophe, so lange es ging, hinauszuschieben. Heute, am Tage vor der Prozession, mußte die Sache natürlich ans Licht kommen. Hören Sie den Lärm? Offenbar ist man wieder hinter einem von den armen Teufeln her."
Ich wußte jetzt, warum mich Ulam Singh so dringend um die dreiundvierzig Rupien gebeten hatte. Es war das Geld, das er für die Fahrt nach Bombay gebraucht hatte; er hatte Agra verlassen und sich vor der Rache des Hindumobs in der großen Hafenstadt verbergen wollen. Doktor, ich war grenzenlos wütend über den Kapitän Elliot, der mich gehindert hatte, dem Inder mit den dreiundvierzig Rupien aus feiner Not zu helfen. Ich war jetzt daran schuld, wenn der Unglückliche tot ober schwerverwundet im Missionsspital lag oder von der wütenden Menge durch die Straßen gehetzt wurde. Ich machte mir schwere Dorwürse. Ein Menschenleben hätte ich retten können! Und ich fühlte plötzlich Ulam Singhs letzten flehenden Blick wieder, mit dem er mich vergeblich um Hilfe gebeten hatte, als mein Wagen davonrollte.
Ich verließ den Speisesaal. In der Halle kam der Manager des Hotels auf mich zu.
„Herr Boron!" sagte er. „Sie haben kürzlich die Absicht geäußert, vor Ihrer Abreise einen eingeborenen Diener zu engagieren. Ich kann Ihnen einen sehr geschickten und verläßlichen Menschen empfehlen. Komm her, Boy! Mach dem Sahib deinen Salami"
Und aus dem dunklen Winkel, in den er sich geduckt hatte, kam mein Freund Ulam Singh hervor, dessen Tod ich mir eben zum Vorwurf gemacht hatte. ,
„Nebenbei gesagt, Herr Baron: Sie tun cm gutes Werk mit diesem


