Ausgabe 
27.2.1933
 
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Pfeiffer.

Venedig, den 26. Februar 1740.

Mit wem ich wollte, da man ja große Freiheit genoß.

Nach diesem Bescheid faßte ich mir ein Herz und näherte mich einer

Ich fühle mich nun sehr verpflichtet, Ihnen zu berichten, welches Ver­gnügen mir der gestrige Ball bereitet hat. Es war wirklich wunderbar und daher einer kleinen Beschreibung wert. Ich bitte Sie jedoch, keinen Anstoß an meiner Schilderung zu nehmen. Ist es doch das Hauptziel eines Reisenden, die Eigentümlichkeiten der Völker, ihre Sitten und ver­schiedenen Gebräuche kennen zu lernen! Man kann dies aber nur, wenn

Venezianisches Maskenfest.

Ein Reisebericht von Johann Kaspar Goethe.

Aus Anlaß des Goethe-Jubiläums 1932 wurden im Auf­trage des Kgl. Italienischen Akademie von Professor Arturo Farinelli, dem Präsidenten des Kölner Petrarca-Hauses, die italienischen Reiseaufzeichnungen von Goethes Vater ver­öffentlicht. Professor Farinelli sagt in seinem feinsinnigen Vor­wort zu den Tagebuch-Briefen mit Recht, daß man sich erst nach der Lektüre dieser Briefe ein wahres Bild von Goethes Vater machen kann. Wir veröffentlichen nachstehend auszugs­weise einen kurzen Abschnitt in der Uebersetzung von Emmi

man sich bei derartigen Anlässen unter sie mischt.

Ich betrat also gegen Mitternacht einen gut eingerichteten Saal, der von mehr als zweihundert weißen Wachskerzen beleuchtet war. Es befanden sich zwei Orchester dort; beide waren einander gegenüber auf einer kleinen Erhöhung aufgestellt und in der Mitte des Saales tum- große Gesellschaft von Masken beiderlei Geschlechts. Sie

getanzt war und schwamm tm Taumel von narrtjajen wu

Auszügen und Umzügen der Prinzengarde, Ranzengarden und Klepper­garden, von Kappensahrten, Bällen, Konzerten, Kinderfesten, Aufführun­gen von Narrenstücken und auf den hochgehenden Wogen des Straßen­getümmels und der Festzugssatyr-, die keinen Vorgang der Ze>tg°schcchte Regierung, Frauenbewegung oder Veriungung-lehre ungegeifjelt ließ. Eine stattliche Reihe von Jüngern der zehnten Muse, die auch sonst als Schwankdichter und Mundartpoeten einen weitverbreiteten Ruf ge­nossen - wie I a k o b y, L a u f s, L e n n i g und D r e m m e l fheg dabei in die Bütt und kam auch der originellen Einrichtung zu statten, daß man alljährlich ein preisgekröntes Narrenstück im Stadttheater auf­führte und damit in anderer Weise das alte, einst in vielen deutschen Städten eingebürgerte Fastnachtfpiel, wie es die drei berühmten Hanse Hans S a ch s, Hans Folz und Hans R o s e n p l u t schrieben

Nur Schicksalszeiten erster Ordnung wie das Revolutionsiahr 1848 oder die Jahre des Weltkriegs haben seit der ersten Halste des 19. Jahr­hunderts dem Prinzen Karneval in Mainz das Narrenszepter entwunden. Selbst der Besaßung-zeit ist der Humor nicht ausgegangen und obwohl sie mit offenem Visier kämpfen mußte, weil die Militärbehörde Gesichts­masken nicht zu tragen erlaubte, hat sie das .Marianne geht und^nie­mals kehrt' sie wieder" den sprachunkundlgen Franzosen wenigstens mit dem Besen verständlich und auch aus ihren zoologischen Beooachtungen in den Kasernen der weißen und schwarzen Rheinbezwinger kein Hehl gemacht. Sonst tanzte man Jahr für Jahr um den Baum der Narrheit, wie man in den Tagen de» Klubbistcn Forster um den Freiheitsbaum und schwamm im Taumel oon_ narrischen Sitzungen, von

mette sich eine

hatten infolge der großen Hitze größtenteils schon ihre Larven abgenom­men. Ich staunte in der Tat über diesen prächtigen Anblick, wo alles Prunk und venezianische Herrlichkeit atmete. Auch ich war maskiert. Als ich, an einen Stuhl gelehnt, ihr Benehmen beobachtete und ihrem Treiben zusah, erblickte ich inmitten einer Schar einen mir bekannten jungen Nobile. Ich frug ihn. wer jene Persönlichkeiten wären; er antwortete mir, es seien junge Prinzen, Grasen, Marquis, Nobili, Gelehrte und auch einige der hervorragendsten Bürger; zusammen mit ihren grauen, und Geliebten. Und er sagte mir, ich könnte Bekanntschaften anknüpfen

töicbcr belebte.

Seinen Ruf als Mekka des Faschings macht dem goldenen Mainz nur das heilige Köln streitig. Der Faschingskorfo von Nizza ist ein groß- artiges (öchaugepränge ; betn Karneval in Suffelborf, München Florenz verleiht das Künstlerleben sein Gepräge; der einst berühmte Karneval in Rom und Venedig mit seinen Dominos, Halblarven und geheimnisvollen Liebeshändeln, dessen Eigenheit heute mehr oder weniger dem ausqleichenden Einfluß der Kultur, die alle Welt beleckt, zum Opfer gefallen ist, will mehr Ernst als Spiel, mehr Vermummung a s Aus­bruch der sich nach dem Unschuldsglück ihres Kindesalters zurucksehnenden Menschennatur. Wer die innerste Herzensfreudigkeit der pon den Fesseln des Schicksals aufatmenden Kreatur erleben will, muß sich durch die Holz­raspeln und Papphörner, roten Zylinder und verstärkten Riechorgane, Harsenlieschen und fliegenden Musikanten der Kölner Straßen kämpfen; muh mit der LosungGeck loh Geck elans" in Konfettischnee u-d Avfel- sinknhagel, in Pfauenfedern und Luftschlangenlabyrinth durch Wein­stuben und Ballsäle bringen; und zwischen den zweifarbigenFunken des Rosenmontagszuges denBellegeck" einhertänzeln sehen, dessen klat­schende Pritsche einst die wilde Weiberfastnacht regierte und dem man sogar unter französischer Herrschaft zugestehen mußte: II est permis au citoyen Bellenjeck de faire son tour. Blumen- und Karamellenregen Wirbel der Welt... ...

Man kann eineso lebendige Masse sinnlicher Gegenstände nicht beschreiben. Wer aber selbst die vierfarbige Schellenkappe aufsetzt, deren Zauber die geheime Sprache der Erscheinungen verstehen lehrt, wird unter dem wogenden Flitterglanz manches versetzte Oberbett mit einem versetzten Unterbett den Narrenwalzer zusammen schwingen sehen, um bittrer Notdurft und Verzweiflung für einen Augenblick des Rausches zu entrinnen; und manche schöne Schelmenmaske wird an ihm vorüber- huschen, die verstohlen einem Manne folgt, um ihn im Wahrheitsspiegel der Narrennrobe zu erblicken, gleichwie man in rheinischem Rebenland an keinen Mann sich zu binden wagt, bevor man ihn trunken sah: Wahrheit!

Dame, von der es mir schien, als hätte sie ein 2tuge auf mich gemorfen, ohne Darauf zu achten, ob sie Prinzessin, Bürgerin Gattin oder Geliebte war. Ich hatte kaum zwei Worte hervorgebracht, da antwortete sie mir, sie hätte mich schon einmal flüchtig gesehen, als ich bei ihrem Omel zu Besuch gewesen wäre. Ich prüfte diesen Ausspruch nicht weiter nach, sondern sagte, ich sei dort gewesen und würde nicht verfehlen, nochmals einen Besuch dort abzustatten; wenn mir schon die Bekanntschaft des Onkels großes Vergnügen bereitet hätte, so würde mich die seiner Richte um so stolzer machen. Inzwischen fing der Tanz wieder an und ich nahm die Gelegenheit wahr und bat sie, ein Menuett mit mir zu tanzery was sie auch tat. Auf diese Weise vergnügten wir uns bis zum nächsten Tag.

Wer nicht gern tanzt, kann spielen. Die Gesahr, daß er sich dabei zugrunde richtet, ist nicht so groß als in den Spielsalen. Denn in en an den Tanzsaal sich anschließenden Gemächern smden sich die Karten­liebhaber zusammen. Es gibt dort Erfrischungen und Liköre in Hülle und Fülle. Und wen es danach gelüstet, der kann Kaffee, Schokolade, Ge­frorenes usw. bekommen. Man bezahlt nur drei Skudi pro Kopf. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, was dafür geboten wird und wie groß der Gewinn für einen Ausländer ist. Wenn es meine Zeit erlaubt, will ich auch die andern weniger feinen Bälle besuchen und ich verspreche, Ihnen gleichfalls eine entsprechende Schilderung davon zu geben. Aber ich sehe im Geist, wie verwundert Sie sind und an meinen Worten zweifeln, da Sie sich nicht vorstellen können, daß sich soviele verschieden­artige Personen untereinandermischen und sich dennoch so friedlich beneh­men ohne jede Störung, wie man dies bei uns unter den gleichen Ver­hältnissen nicht finden würde. Nur langsam! Wenn Sie den Grund gehört haben, dann werden Sie sich nicht mehr wundern: Die venezianischen Nobili verkehren nämlich obgleich sie größtenteils von sehr altem Adel sind, mit den kleinsten Krämern so ungezwungen, als ob sie ihresgleichen wären. Und in der Tat sagen Sie mir doch worin besteht der wahre ! Adel? Indern man die Niedrigstehenden gering einschätzt und sich wie der Frosch in der Fabel aufbläft? O nein! Sind die Nobili etwa aus einem anderen Guß als die Menschen, die aus einer bloßen Laune des Geschicks als einfache Bürger auf die Welt tarnen? Auch nicht! Also sind die wahren Nobili die Menschen, die unbeschadet des schuldigen Respektes sich anderen Menschen, die geringer als sie sind, mitteilen, die Sünde fliehen und einen tugendhaften Lebenswandel führen. Wir Deutsche sollten uns schämen' Wolle der Himmel, daß unsere Fürsten einige von ihren Edel- [euten hierherschickten, damit sie ein solches Verhalten erlernen, Schicken sie doch auch Knaben und Mädchen nach Italien, um die Musik zu er- lernen! Ich schwöre Ihnen, daß sie bann in kurzer Zeit ihr unmenschliches Vorurteil, keine Bürgerlichen bei ihren Zusammenkünften zu dulden ab- ! legen werden. Aber mir scheint, ich predige tauben Ohren, so daß ich i bester daran tue, wenn ich in meiner Schilderung forlfahre.

i Ich kann also nicht stillschweigend jene Sitte übergehen, die haupt­sächlich einem jeden Fremden Vergnügen und Gewinn bereifet, nämlich, I daß sogar bejahrte Nobili außer der Karnevalszeit die Bucherladen, ! Kaffeehäuser und öfsentlichen Plätze ohne jede Förmlichkeit besuchen, gleichsam als wären sie mit jedermann verbrüdert. Was das weibliche Ge chlecht anbetrifft, so steht es außer Zweifel, daß ihm in der Masken­zeit mehr Freiheit zugestanden wird als vordem, wenn man auch dem Gerede keinen Glauben schenken darf, daß fast alle grauen zu Hanse j eingeschlossen und streng behütet würden. Diese Eifersucht, die man heute bei den Venezianern vermutet, findet man vielleicht noch ausgeprägter unter den westlichen Nationen, obgleich sich hier bis in die Gegenwart alte Sitten erhalten haben, die hart scheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind- nämlich seltenes Ausgehen und wenn es wirklich einmal vorkommen sollte, dann nur in Begleitung, Um die Wahrheit zu sagen, hit man das nur weil es so der Brauch des Landes will. Indessen versteht es die weibliche Schlauheit, tausend Arten zu erfinden, um diese weise Einfüh­rung zu hintergehen, vorausgesetzt, daß der Mann nicht zu jenen rounber. lichen Wesen gehört, die einen Schatten für einen Körper halten. Ich machte die Bekanntschaft von einigen Ebelleuten, bie nicht wußten, was Eifersucht ist; obgleich sie allen Grund dazu hatten, da ihre bewunde­rungswürdigen Gattinnen sehr schön waren und mich mit unsäglicher Liebenswürdigkeit empfingen und je nachdem mit Schokolade oder Ge­frorenem bewirteten. Aber wohin gelange ich! Ich bin ein wenig ab­geschweift. Ich wiederhole schließlich nochmals, daß meine Worte viel zu schwach sind, um jene Harmonie zwischen Ungleichgestellten und deren Vorzüge gebührend zu loben. Wie ost hatte ich gewünscht, daß Sie meine Vergnügungen mit mir zusammen genießen könnten! Aber da dies un­möglich ist, will ich sie Ihnen wenigstens schriftlich mitteilen und Sie versichern, daß ich niemals aufhören werde zu sein

' Ew. Gnaden

untertänigster Diener.

Das deutsche Fastnachtsspiel.

Von Dr. Heinrich Klein.

Die komische Kraft und derbe Sinnlichkeit, die sich in dergrobiant» schen" Epoche des deutschen Mittelalters so urwüchsig und ungeschlacht auslebte, feierte ihre unbändigsten gefte zur gastnachtzeit und entfaltete ihren dramatisch dichterischen Sinn in den g a st n a ch t s s p i e l e n. Diese Spiele sind uns daher nicht nur wichtig als die bedeutsamsten Keime eines weltlichen deutschen Dramas, sondern sie stehen auch da als die kolossali­schen Dokumente germanischer Heiterkeit, als der gewaltige Ausdruck jener schon von Tacikus bezeugten Hingebung, mit der unsere Alt- vorderen sich der greube und dem Genuß überlassen konnten. Ein erschüt­terndes, alle gesseln zerberstendes Lachen dröhnt durch diese Schnurren und Possen, eine ungeheure Gesundheit tobt sich in ihnen aus, und der Rundgesang geht um wie in Auerbachs Keller:Uns ist ganz kannibalisch wohl als wie 500 Säuen".

Die langen strengen Fasten, die die Kirche vor der Pasflonszeit an­ordnet, hatten all die Lustbarkeiten und Feiern, mit denen das Volk dereinst den Frühlingsanlauf begleitet, verdrängt, so daß sie erst am Auferstehungstage wieder hervorbrechen konnten. Aber einen noch größe­ren Teil dieser Feste verlegte die ungeduldige Menge vor die freudenlose