Pfeiffer.
Venedig, den 26. Februar 1740.
Mit wem ich wollte, da man ja große Freiheit genoß.
Nach diesem Bescheid faßte ich mir ein Herz und näherte mich einer
Ich fühle mich nun sehr verpflichtet, Ihnen zu berichten, welches Vergnügen mir der gestrige Ball bereitet hat. Es war wirklich wunderbar und daher einer kleinen Beschreibung wert. Ich bitte Sie jedoch, keinen Anstoß an meiner Schilderung zu nehmen. Ist es doch das Hauptziel eines Reisenden, die Eigentümlichkeiten der Völker, ihre Sitten und verschiedenen Gebräuche kennen zu lernen! Man kann dies aber nur, wenn
Venezianisches Maskenfest.
Ein Reisebericht von Johann Kaspar Goethe.
Aus Anlaß des Goethe-Jubiläums 1932 wurden im Auftrage des Kgl. Italienischen Akademie von Professor Arturo Farinelli, dem Präsidenten des Kölner Petrarca-Hauses, die italienischen Reiseaufzeichnungen von Goethes Vater veröffentlicht. Professor Farinelli sagt in seinem feinsinnigen Vorwort zu den Tagebuch-Briefen mit Recht, daß man sich erst nach der Lektüre dieser Briefe ein wahres Bild von Goethes Vater machen kann. Wir veröffentlichen nachstehend auszugsweise einen kurzen Abschnitt in der Uebersetzung von Emmi
man sich bei derartigen Anlässen unter sie mischt.
Ich betrat also gegen Mitternacht einen gut eingerichteten Saal, der von mehr als zweihundert weißen Wachskerzen beleuchtet war. Es befanden sich zwei Orchester dort; beide waren einander gegenüber auf einer kleinen Erhöhung aufgestellt und in der Mitte des Saales tum- große Gesellschaft von Masken beiderlei Geschlechts. Sie
getanzt war und schwamm tm Taumel von narrtjajen wu
Auszügen und Umzügen der Prinzengarde, Ranzengarden und Kleppergarden, von Kappensahrten, Bällen, Konzerten, Kinderfesten, Aufführungen von Narrenstücken und auf den hochgehenden Wogen des Straßengetümmels und der Festzugssatyr-, die keinen Vorgang der Ze>tg°schcchte — Regierung, Frauenbewegung oder Veriungung-lehre — ungegeifjelt ließ. Eine stattliche Reihe von Jüngern der zehnten Muse, die auch sonst als Schwankdichter und Mundartpoeten einen weitverbreiteten Ruf genossen - wie I a k o b y, L a u f s, L e n n i g und D r e m m e l — fheg dabei in die Bütt und kam auch der originellen Einrichtung zu statten, daß man alljährlich ein preisgekröntes Narrenstück im Stadttheater aufführte und damit in anderer Weise das alte, einst in vielen deutschen Städten eingebürgerte Fastnachtfpiel, wie es die drei berühmten Hanse — Hans S a ch s, Hans Folz und Hans R o s e n p l u t schrieben —
Nur Schicksalszeiten erster Ordnung — wie das Revolutionsiahr 1848 oder die Jahre des Weltkriegs — haben seit der ersten Halste des 19. Jahrhunderts dem Prinzen Karneval in Mainz das Narrenszepter entwunden. Selbst der Besaßung-zeit ist der Humor nicht ausgegangen und obwohl sie mit offenem Visier kämpfen mußte, weil die Militärbehörde Gesichtsmasken nicht zu tragen erlaubte, hat sie das .Marianne geht und^niemals kehrt' sie wieder" den sprachunkundlgen Franzosen wenigstens mit dem Besen verständlich und auch aus ihren zoologischen Beooachtungen in den Kasernen der weißen und schwarzen Rheinbezwinger kein Hehl gemacht. Sonst tanzte man Jahr für Jahr um den Baum der Narrheit, wie man in den Tagen de» Klubbistcn Forster um den Freiheitsbaum und schwamm im Taumel oon_ narrischen Sitzungen, von
mette sich eine
hatten infolge der großen Hitze größtenteils schon ihre Larven abgenommen. Ich staunte in der Tat über diesen prächtigen Anblick, wo alles Prunk und venezianische Herrlichkeit atmete. Auch ich war maskiert. Als ich, an einen Stuhl gelehnt, ihr Benehmen beobachtete und ihrem Treiben zusah, erblickte ich inmitten einer Schar einen mir bekannten jungen Nobile. Ich frug ihn. wer jene Persönlichkeiten wären; er antwortete mir, es seien junge Prinzen, Grasen, Marquis, Nobili, Gelehrte und auch einige der hervorragendsten Bürger; zusammen mit ihren grauen, und Geliebten. Und er sagte mir, ich könnte Bekanntschaften anknüpfen
töicbcr belebte.
Seinen Ruf als Mekka des Faschings macht dem goldenen Mainz nur das heilige Köln streitig. Der Faschingskorfo von Nizza ist ein groß- artiges (öchaugepränge ; betn Karneval in Suffelborf, München Florenz verleiht das Künstlerleben sein Gepräge; der einst berühmte Karneval in Rom und Venedig mit seinen Dominos, Halblarven und geheimnisvollen Liebeshändeln, dessen Eigenheit heute mehr oder weniger dem ausqleichenden Einfluß der Kultur, die alle Welt beleckt, zum Opfer gefallen ist, will mehr Ernst als Spiel, mehr Vermummung a s Ausbruch der sich nach dem Unschuldsglück ihres Kindesalters zurucksehnenden Menschennatur. Wer die innerste Herzensfreudigkeit der pon den Fesseln des Schicksals aufatmenden Kreatur erleben will, muß sich durch die Holzraspeln und Papphörner, roten Zylinder und verstärkten Riechorgane, Harsenlieschen und fliegenden Musikanten der Kölner Straßen kämpfen; muh mit der Losung „Geck loh Geck elans" in Konfettischnee u-d Avfel- sinknhagel, in Pfauenfedern und Luftschlangenlabyrinth durch Weinstuben und Ballsäle bringen; und zwischen den zweifarbigen „Funken des Rosenmontagszuges den „Bellegeck" einhertänzeln sehen, dessen klatschende Pritsche einst die wilde Weiberfastnacht regierte und dem man sogar unter französischer Herrschaft zugestehen mußte: II est permis au citoyen Bellenjeck de faire son tour. Blumen- und Karamellenregen — Wirbel der Welt... „ ...
Man kann eine „so lebendige Masse sinnlicher Gegenstände nicht beschreiben. Wer aber selbst die vierfarbige Schellenkappe aufsetzt, deren Zauber die geheime Sprache der Erscheinungen verstehen lehrt, wird unter dem wogenden Flitterglanz manches versetzte Oberbett mit einem versetzten Unterbett den Narrenwalzer zusammen schwingen sehen, um bittrer Notdurft und Verzweiflung für einen Augenblick des Rausches zu entrinnen; und manche schöne Schelmenmaske wird an ihm vorüber- huschen, die verstohlen einem Manne folgt, um ihn im Wahrheitsspiegel der Narrennrobe zu erblicken, gleichwie man in rheinischem Rebenland an keinen Mann sich zu binden wagt, bevor man ihn trunken sah: Wahrheit!
Dame, von der es mir schien, als hätte sie ein 2tuge auf mich gemorfen, ohne Darauf zu achten, ob sie Prinzessin, Bürgerin Gattin oder Geliebte war. Ich hatte kaum zwei Worte hervorgebracht, da antwortete sie mir, sie hätte mich schon einmal flüchtig gesehen, als ich bei ihrem Omel zu Besuch gewesen wäre. Ich prüfte diesen Ausspruch nicht weiter nach, sondern sagte, ich sei dort gewesen und würde nicht verfehlen, nochmals einen Besuch dort abzustatten; wenn mir schon die Bekanntschaft des Onkels großes Vergnügen bereitet hätte, so würde mich die seiner Richte um so stolzer machen. Inzwischen fing der Tanz wieder an und ich nahm die Gelegenheit wahr und bat sie, ein Menuett mit mir zu tanzery was sie auch tat. Auf diese Weise vergnügten wir uns bis zum nächsten Tag.
Wer nicht gern tanzt, kann spielen. Die Gesahr, daß er sich dabei zugrunde richtet, ist nicht so groß als in den Spielsalen. Denn in en an den Tanzsaal sich anschließenden Gemächern smden sich die Kartenliebhaber zusammen. Es gibt dort Erfrischungen und Liköre in Hülle und Fülle. Und wen es danach gelüstet, der kann Kaffee, Schokolade, Gefrorenes usw. bekommen. Man bezahlt nur drei Skudi pro Kopf. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, was dafür geboten wird und wie groß der Gewinn für einen Ausländer ist. Wenn es meine Zeit erlaubt, will ich auch die andern weniger feinen Bälle besuchen und ich verspreche, Ihnen gleichfalls eine entsprechende Schilderung davon zu geben. Aber ich sehe im Geist, wie verwundert Sie sind und an meinen Worten zweifeln, da Sie sich nicht vorstellen können, daß sich soviele verschiedenartige Personen untereinandermischen und sich dennoch so friedlich benehmen ohne jede Störung, wie man dies bei uns unter den gleichen Verhältnissen nicht finden würde. Nur langsam! Wenn Sie den Grund gehört haben, dann werden Sie sich nicht mehr wundern: Die venezianischen Nobili verkehren nämlich obgleich sie größtenteils von sehr altem Adel sind, mit den kleinsten Krämern so ungezwungen, als ob sie ihresgleichen wären. Und in der Tat — sagen Sie mir doch — worin besteht der wahre ! Adel? Indern man die Niedrigstehenden gering einschätzt und sich wie der Frosch in der Fabel aufbläft? O nein! Sind die Nobili etwa aus einem anderen Guß als die Menschen, die aus einer bloßen Laune des Geschicks als einfache Bürger auf die Welt tarnen? Auch nicht! Also sind die wahren Nobili die Menschen, die unbeschadet des schuldigen Respektes sich anderen Menschen, die geringer als sie sind, mitteilen, die Sünde fliehen und einen tugendhaften Lebenswandel führen. Wir Deutsche sollten uns schämen' Wolle der Himmel, daß unsere Fürsten einige von ihren Edel- [euten hierherschickten, damit sie ein solches Verhalten erlernen, Schicken sie doch auch Knaben und Mädchen nach Italien, um die Musik zu er- lernen! Ich schwöre Ihnen, daß sie bann in kurzer Zeit ihr unmenschliches । Vorurteil, keine Bürgerlichen bei ihren Zusammenkünften zu dulden ab- ! legen werden. Aber mir scheint, ich predige tauben Ohren, so daß ich i bester daran tue, wenn ich in meiner Schilderung forlfahre.
i Ich kann also nicht stillschweigend jene Sitte übergehen, die hauptsächlich einem jeden Fremden Vergnügen und Gewinn bereifet, nämlich, I daß sogar bejahrte Nobili außer der Karnevalszeit die Bucherladen, ! Kaffeehäuser und öfsentlichen Plätze ohne jede Förmlichkeit besuchen, । gleichsam als wären sie mit jedermann verbrüdert. Was das weibliche Ge chlecht anbetrifft, so steht es außer Zweifel, daß ihm in der Maskenzeit mehr Freiheit zugestanden wird als vordem, wenn man auch dem Gerede keinen Glauben schenken darf, daß fast alle grauen zu Hanse j eingeschlossen und streng behütet würden. Diese Eifersucht, die man heute bei den Venezianern vermutet, findet man vielleicht noch ausgeprägter unter den westlichen Nationen, obgleich sich hier bis in die Gegenwart alte Sitten erhalten haben, die hart scheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind- nämlich seltenes Ausgehen und wenn es wirklich einmal vorkommen sollte, dann nur in Begleitung, Um die Wahrheit zu sagen, hit man das nur weil es so der Brauch des Landes will. Indessen versteht es die weibliche Schlauheit, tausend Arten zu erfinden, um diese weise Einführung zu hintergehen, vorausgesetzt, daß der Mann nicht zu jenen rounber. lichen Wesen gehört, die einen Schatten für einen Körper halten. Ich machte die Bekanntschaft von einigen Ebelleuten, bie nicht wußten, was Eifersucht ist; obgleich sie allen Grund dazu hatten, da ihre bewunderungswürdigen Gattinnen sehr schön waren und mich mit unsäglicher Liebenswürdigkeit empfingen und je nachdem mit Schokolade oder Gefrorenem bewirteten. Aber wohin gelange ich! Ich bin ein wenig abgeschweift. Ich wiederhole schließlich nochmals, daß meine Worte viel zu schwach sind, um jene Harmonie zwischen Ungleichgestellten und deren Vorzüge gebührend zu loben. Wie ost hatte ich gewünscht, daß Sie meine Vergnügungen mit mir zusammen genießen könnten! Aber da dies unmöglich ist, will ich sie Ihnen wenigstens schriftlich mitteilen und Sie versichern, daß ich niemals aufhören werde zu sein
' Ew. Gnaden
untertänigster Diener.
Das deutsche Fastnachtsspiel.
Von Dr. Heinrich Klein.
Die komische Kraft und derbe Sinnlichkeit, die sich in der „grobiant» schen" Epoche des deutschen Mittelalters so urwüchsig und ungeschlacht auslebte, feierte ihre unbändigsten gefte zur gastnachtzeit und entfaltete ihren dramatisch dichterischen Sinn in den g a st n a ch t s s p i e l e n. Diese Spiele sind uns daher nicht nur wichtig als die bedeutsamsten Keime eines weltlichen deutschen Dramas, sondern sie stehen auch da als die kolossalischen Dokumente germanischer Heiterkeit, als der gewaltige Ausdruck jener schon von Tacikus bezeugten Hingebung, mit der unsere Alt- vorderen sich der greube und dem Genuß überlassen konnten. Ein erschütterndes, alle gesseln zerberstendes Lachen dröhnt durch diese Schnurren und Possen, eine ungeheure Gesundheit tobt sich in ihnen aus, und der Rundgesang geht um wie in Auerbachs Keller: „Uns ist ganz kannibalisch wohl als wie 500 Säuen".
Die langen strengen Fasten, die die Kirche vor der Pasflonszeit anordnet, hatten all die Lustbarkeiten und Feiern, mit denen das Volk dereinst den Frühlingsanlauf begleitet, verdrängt, so daß sie erst am Auferstehungstage wieder hervorbrechen konnten. Aber einen noch größeren Teil dieser Feste verlegte die ungeduldige Menge vor die freudenlose


