Eichener ZainilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang <933
Montag, den 21. Zedruar Nummer 11
Nach dem Ball.
Bon Detlev von L t l l e n c r o n.
Setz In des Wagens Finsternis Getrost den Atlasschuh.
Die Füchse schäumen ins Gebiß, Und nun, Johann, fahr zu.
Es ruht an meiner Schulter aus Und schläft, ein müder Veilchenstrauß, Die kleine blonde Komtesse.
Die Nacht versinkt in Sumpf und Moor, Ein erster roter Streif.
Der Kiebitz schüttelt sich im Rohr Aus Schopf und Pelz den Reif.
Noch hört im Traum der Rosse Lauf, Dann schlägt die blauen Augen auf Die kleine blonde Komtesse.
Die Sichel klingt vom Wiesengrund, Der Tauber gurrt und lacht, Am Rade kläsft der Bauernhund, All Leben ist erwacht.
Ach, wie die Sonne köstlich schien. Wir fuhren schnell nach Gretna Green, Ich und die kleine Komtesse.
Karneval.
Bon Leo Sternberg.
Lachen ist gesund und unterscheidet den Menschen vom Tier. Es gehört in das mit Wundern erfüllte Kapitel von den körperlichen Wirkungen des Geistigen, daß Fröhlichkeit sogar vor Krantheitskeimen bewahren und vom Tod erretten kann. Schon jene drei Jünglinge und sieben Mädchen wußten es, die im Jahre 1398, als die Pest in Florenz wütete, in ein einsames Landhaus flüchteten und sich durch Erzählung froher Spähe, die In den hundert Geschichten des Dekamerou niedergelegt sind, vor der ansteckenden Seuche schützten. Man verfiel in allen Krisenzeiten aus die 'Heilmethode dieser Höhenbestrahlung, wie sich denn auch der Schäsflertanz und der Metzgersprung, die beiden bekannten Lustbarkeiten des Münchener Karnevals, eingebürgert haben, weil sie bei einem Massensterben des 14. Jahrhunderts das Volk der Verzweiflung entrissen.
Im übrigen wachsen Narren auch ohne Begießen. Sie haben sich daher 8on früh ihre eigenen Feste zu schassen gewußt; Feste, die in den orten eines französischen Geistlichen aus dem 15. Jahrhundert folgende köstliche Rechtfertigung finden: „Wir feiern das Narrenfest, damit die Narrheit, die uns angeboren ist, wenigstens einmal im Jahr ausbrechen könne. Fässer mit Wein würden springen, wenn man ihnen nicht von Zeit zu Zeit Lust ließe. Wir alle sind alte Fässer, die schlecht gebunden sind, und welche der Wein der Weisheit würde springen machen, wenn wir ihn durch eine unaufhörliche Aufmerksamkeit im Dienste Gottes fortbrausen ließen. Man muß ihm bisweilen einige kleine Erholungen geben, damit er sich nicht ohne Nutzen verliere."
Da jeder Mensch ein Paar Narrenschuhe zerreißen muß, ist man allerdings auch schon früher um Anlässe zu den mannigfaltigsten Narrenfesten nidjt verlegen gewesen. Dabei zeigt es sich, daß fast alle Fastnachtsbrauche, die wir kennen, auch bei den Alten schon im Schwang gewesen sind. Bei der athenischen Feier zu Ehren des NMischen Bachus mußten an einem der drei Festtage die Herren ihre Sklaven bewirten, damit der Zustand der Ungleichheit unter den Menschen einmal im Jahre umgekehrt werde. Bei den römischen Saturnalien gingen die Sklaven sogar in der weißen Toga, im Purpurrock oder im Hute einher, wie die freien Bürger, speisten mit den Herrn an derselben Tafel und dursten sich über deren Fehler und Schwächen ungestraft lustig machen. Es wurden Festköniqe erwählt und volle Narrenfreiheit eingeräumt. Das uneingeschränkte Recht, zu sagen, was man wolle, verlieh auch den Lupercalien ihren Reiz, bei denen Hoch und Nieder nur mit Tierfellen bekleidet unter Führung der Lupercen durch die Straßen zogen und alles, was ihnen begegnete, mit Riemen, die sie schwangen, unter dem Jubel des Volkes scherzweise schlugen. Man glaubt sogar die Spitzen unsrer Narrenmlltzen von den Hörnern herleiten zu können, die sie unter der Maske von Panen und Satyrn auf
steckten. Auch damals also wäre das Korn wohlfeil gewesen, wenn die Narren kein Brot gegessen hätten.
Was Goethe vom römischen Karneval sagt, gilt vom Karneval überhaupt: Er ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt — man könnte auch sagen: eine souveräne Schöpfung der ewig sich gleichbleibenden Menschennatur, die sich zuweilen in überichäumenoer Tollheit entlädt, wie mit der Wintersonnenwende die Säfte in Baum und Strauch steigen. Die christliche Kirche konnte einer so tief im Elementarischen begründeten Volkseinrichtung nicht ernstlich entgegentreten. Wie sie die Altäre des Altertums unter Veränderung der heidnischen Apoll- und Venusdarstellungen in ihre Basiliken übernahm, so beschränkte sie sich daraus, auch das altüberlieferte Narren- treiben nur im Geiste des Christentums zu veredeln. Sie brauchte dabei statt des Auferftehungsfestes der Natur nur das Auferstehungsfest des Heilands zu fetzen, auf dessen Ernst die vierzigtägigen Fasten vorbereiten, vor deren Beginn die Freude am Leben in einem alle Alltagssorgen betäubenden Strudel sich noch einmal austoben mochte.
Genau betrachtet bedeutet Fastnacht nur den Tag vor Beginn der Fastenzeit. Frühzeitig aber dehnte man die „Murnmerey und heidnische Tobung" weiter aus, und wenn das „hilltge" Köln die Faschingssreuden heute bereits mit der doppelten Narrenzahl des „Elften im Elften" inauguriert, so kann es sich darauf berufen, daß auch während des Mittelalters schon die heiligen dreizehn Tage von Weihnachten bis zu- Öen Sen drei Königen auf dem karnevalistischen Festkalender standen und e am Dreikönigstag die Narrheit ihre phantastischsten Räder schlug. " Wie römische Kultur und ^itte im Innern Deutschlands niemals Fuß gefaßt, fo ist auch der Karneval der christlichen Zeit niemals dort heimisch geworden. Er wurde — außer den lateinischen Ländern — „sürnemüch gemepn am Rheinstrom". Wo andere Gegenden Nachbildungen versuchten, nahmen diese meist einen gequälten Charakter an, und noch heute kann man dort nicht erfahren, daß ein Narr hundert Narren macht. Sekt aus Kaffeetassen! Wie wenig man sich in solchen Außengebleten auf „Spaß versteht", veranschaulicht eine Begebenheit, die sich in Leipzig zutrug, als Masken einst den Fastnachtspflug (der die Hoffnung auf Öen bcginnenöen Anbau des Landes verfinnbildllcht) durch die Stadt zogen und alte Jungfern und junge Mädchen haschten, um sie einzuspannen, zur Strafe dafür, daß sie sich Im Laufe des Jahres nicht unter das Ehe- joch hatten zwingen lassen. Doch bei einem der Mädchen tanzte kein Stern, als sie geboren wurde, und sie stach den armen Gecken, der sie einfangen wollte, in sittlicher Entrüstung nieder.
Wie anders klingelten die Narrenschellen in dem „Königreich zu Mainz". Wie man in Holland denjenigen zum Bohnenkönig erhob, dem bei der Verteilung eines Kuchens das Stück mit der eingeborenen Bohne zufiel, so zog man an dem kurfürstlichen Hof zu Mainz Zettel aus einem Hut, auf denen über sechzig Hof- und Regierungsämter verzeichnet waren, und errichtete darnach ein Narrenkönigreich mit einem vollzähligen Hof. ftaat dessen Herrlichkeit vom Dreikönigstag bis Aschermittwoch dauerte. Schon Jordaens' berühmter „Bohnenkönig" In Paris und Shakespeares , Was ihr wollt" weisen darauf hin, welcher Beliebtheit und Verbreitung sich der „Twelfthnight - king“ erfreute. Bon der Ausgelassenheit der Spotttieder, die dabei gesungen wurden, hat sich das bekannte Sprichwort erhalten: „Das geht noch über das Bohnenlied". Ergötzlich berichtet ein alter Chronist, wie bei einer derartigen Maskerade, die Gustav Adolf im Jahre 1631 in Frankfurt am Main veranstaltete, das Los des Wirtes auf den König fiel, die Königin Kammermagd, der Graf von Hanau Narr, der Pfalzgraf Friedrich, gewesener König von Böhmen, ein Jesuit wurde und ein jeder seinen gebührlichen Habit hatte: Die Königin ihrer Magd Kleid, der Pfalzgraf eines Jesuiten Rock und Haube, welcher bann wegen seiner langen schwanken Statur und schwarzen Farbe einem Jesuiten gar ähnlich sah, also daß auch der König fein selbst lachte und sagte: „Es ist keiner der fein Person naturäter praefentiert als der König in Böhmen, lieber Tisch wie auch sonsten ward dem König diesmal kein Vorzug geben, er mußte unten sitzen wie auch die Königin, und er zeigte sich gar fröhlich." In Mainz ging der luftige Brauch, bei dem es der Würde des Reichserzkanzlers keinen Abbruch tat, wenn ihn das Los zum Hofschreiner, Hosschuster ober Hundsjung erniedrigte, erst mit dem letzten Kurfürsten am Ausgang des 18. Jahrhunderts zu Ende.
Allein die Herrschaft der Pritsche blieb.
„Der Uewwerschuß an Narretei, der is so eminent, daß mer in Määnz das ganze Jahr nur Fastnacht halle kennt
Es ist daher begreiflich wenn das überfprubelnbe rheinische Blut zuweilen zu Bußprebigten Anlaß gab, wie man sie feit Sebastian Brants „Narrenschisf" häufiger zu hören gewohnt war. Doch man hütete sich ben Bogen zu Überspannen, bamit es nicht etwa ginge, w e bei jenen Solbaten der Ligue, die ihre eigenen Priester, als sie Ihnen die Fasten nicht erlassen wollten, zwangen, Kälber, S-bwelne unb Strafe in — Fische urnzutausen, damit diese nun ohne Sünde verspeist werden konnten.


