Ausgabe 
27.1.1933
 
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wlr beide, der Schwarzinger und Ich, Im nächsten Augenblick zerschmettert in der Tiefe liegen mutzten, wenn ich die Last nicht los würde. Mein Fuß begann abzugleiten und oben brüllte der Schwarzinger: .Aushaltens Um Gottes willen, aushalten!' So hatte ich ihn noch nie rufen gehört.

Der Baron holte tief Atem, zitternd vor Erregung.

Und ich hielt aus, bis der Schwarzinger seinen Griff hatte. Ich weih heut' noch nicht, wie ich's gemacht hab'. Nicht Hände und Füße allein, nein, Knie, Schulter, Brust, alles griff zu, saugte sich an der Felswand fest. Als wir oben waren, sagte der Schwarzinger: ,Mit keinem geh ich nochmals da herauf, und wenn er mir zweitausend Gulden bar auf den Tisch legt. Aber mit Ihnen, Herr Baron, noch zwanzigmal.' Da hat sich's nicht mehr um Geschicklichkeit gehandelt, Doktor, nicht um Mut, nicht um Ausdauer. Rein, nur um Kraft, um ganz gemeine, rohe, körper­liche Kraft!" ,,

Dr. Kircheifen fchloh die Augen. In Gedanken versuchte er sich die schauerliche Situation auszumaien. Er sah die gewaltigen Felswände und die schwindelerregenden Tiefen, er hörte den Gletfcherbach brausen und fühlte den kalten Hauch des Windes, der vom ewigen Eise herkam, lind inmitten dieser Welt des Grauens sah er den Baron, wie er mit seiner Last auf den Schultern furchtlos Schritt für Schritt die glatte Wand traversierte, den gähnenden Abgrund zu seinen Flltzen.

Dr. Kircheisens Mißtrauen war längst gewichen. Nichts als schranken­lose Bewunderung erfüllte ihn vor dem Manne, der unter solchen Ge­fahren mit solch übermenschlicher Kraft---

Plötzlich fühlte er einen leichten Stotz. Dertolle Baron", der die Nordwand der Elma Unbici bezwungen hatte, war ihm mitten auf der Treppe in die Arme gesunken: hilflos, zitternd, nach Atem ringend lag er da und stieß mit einem müden und traurigen Lächeln hervor:

Doktor ... ich kann nicht weiter, ... Sie müssen mir ...da hinauf helfen, ... die vielen Stufen! ... ich hab' mir ... zuviel zugemutet, ... die Stiege ist ... zu steil ..."

Die Wachteln von Allahabad.

Dr. Kircheifen hatte das Mittagessen allein nehmen müssen. Den Baron hatte er nach jenem Schwächeanfall auf der Treppe in fein Ar­beitszimmer gebracht; dort lag der alte Herr jetzt auf das Sofa gebettet und schlief.

Dr. Kircheifen schob den Obstteller von sich, zündete sich eine Zigarre an und wandte sich an den Kammerdiener Philipp, der Ihn während des Essens bedient hatte.

Also Sie bleiben dabei?" fragte er.Sie können sich wirklich nicht erinnern, daß sich der Baron schon früher über allerlei beklagt hat? lieber Schmerzen im Hinterkopf beispielsweise, über Schwindelanfälle, über Zittern in den Händen?"

Davon hat der Herr Baron ganz bestimmt niemals gesprochen!" sagte der Diener.

Das Leiden, das ich bet Ihrem Herrn festgestellt habe, ist nämlich nicht von heute oder gestern. Es ist eine sehr ernste Sache, mit der nicht zu spaßen ist. Sie haben sicher schon einmal den Ausdruck .Arterienver­kalkung' gehört?"

Jesus, Maria!" schrie der alte Diener aus.

Das, was ihm vorhin auf der Treppe geschehen ist, das war nicht die Folge einer Ermüdung, wie Sie meinen. Das war ein leichter Schlag­anfall, nichts mehr und nichts weniger. Wir müssen das Kind beim rech­ten Namen nennen."

Jesus, Maria, Josef!" stammelte Philipp entsetzt.

Nun denken Sie doch nochmals nach! Haben Sie niemals Klagen über Unwohlsein von Ihrem Herrn gehört?"

Der Diener schüttelte den Kopf.Er ist immer ganz gesund gewesen. Bor vier oder fünf Tagen hat er einen Furunkel am Hälfe gehabt, den hat ihm der Hausarzt gefchnitten. Herr Doktor haben vielleicht den Ver­band gesehen. Das ist aber auch alles. Sonst hat dem Herrn Baron nie­mals etwas gefehlt."

Hören Sie einmal!" sagte Dr. Kircheisen.Diese Krankheit geht methodisch vor, ich möchte sagen: haushälterisch. Sie schießt nicht gleich mit schwerem Geschütz. Sie macht sich zuerst durch kleine Symptome bemerkbar: durch Kopfschmerzen, durch Zittern in den Händen und aller­lei andere kleine Beschwerden. Dann erst kommen ernstere Anzeichen. Wenn Sie des Morgens aufftehen, ziehen Sie zuerst die Weste an, dann den Rock Sie verstehen, was ich meine!"

Ich verstehe den Herrn Doktor schon. Aber die Krankheit ist über Nacht gekommen!"

Das ist ausgeschlossen. Ick werde mich mit dem Hausarzt des Herrn Barons in Verbindung setzen/'

Ja, das wäre das beste; vielleicht linden die beiden Herren gemein» (am etwas, um dem Gärtner zu helfen."

Aber ich spreche doch von Ihrem Herrn! Von Ulam Singh war ja nicht die Rede! Dem ist nicht zu helfen, der wird den morgigen Tag nicht überleben."

Versuchen Sie's doch, Herr Doktor! Versuchen Sie's doch! Vielleicht finden Sie doch ein Mittel", jammerte der alte Diener.

Es handelt sich mir jetzt In erster Linie um Ihren Herrn. Sie scheinen sich des Ernstes der Sache noch immer ebensowenig bewußt zu fein, wie der Baron selbst, sonst würden Sie sich nicht immer mit dem Gärtner beschäftigen, der mit der Krankheit Ihres Herrn doch gar nichts zu tun hat. Ihr Herr leidet an Sklerose und raucht trotzdem die schwersten Zigar­ren, trinkt die unmöglichsten Weine und hat nichts als Bergtouren und Reifen im Kopf. Das muh von Grund auf anders werden. Cs wird am besten fein, wenn ich ein ernstes Wort mit der Baronesse spreche; die scheint der einzige erwachsene Mensch hier im Hause zu sein."

Diese Bemerkung schien den alten Philipp in eine heftige Besorgnis zu versetzen.Ich bitte, Herr Doktor sollten das nicht tun, Herr Doktor sollten das auf keinen Fall tun!" ries er aufgeregt.

Aber weshalb denn nicht? Ich werde selbstverständlich mit der not­wendigen Schonung vorgehen. So rücksichtsvoll, als möglich."

Unsere Baronesie sollten der Herr Doktor nicht beunruhigen. Es hat gar keinen Zweck, mit ihr darüber zu sprechen."

Es hilft nichts. Es ist meine Pflicht als Arzt, dafür zu sorgen, dah sie ihren Baier zu einer Aenderung seiner Lebensweise bestimmt, solange es noch Zeit ist."

Herr Doktor müssen mir schon glauben: Es hat keinen Sinn, mit unserer Baronesse darüber zu sprechen. Sie hat nicht solchen Einsluß auf den Herrn Baron, wie der Herr Doktor vielleicht meinen." Der alte Phi­lipp holte sein blaugetupftes Schnupftuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Dr. Kircheisen überlegte eine Weile.Wer ist der Hausarzt der Familie?"

Der Herr Doktor Bäumel, Schönbrunner Straße 62."

Rufen Sie ihn, bitte, an den Apparat!"

Die Auskunft, die Dr. Kircheisen in diesem telephonischen Gespräch erhielt, vermochte ihn nur wenig zu befriedigen. Der Arzt selbst war nicht in seiner Wohnung anwesend, aber seine Frau konnte aus Notizen und Bucheintragungen seststellen, daß ihr Mann in den letzten Jahren überhaupt nur drei Besuche in der Villa gemacht hatte. Zweimal war Dr. Bäumet im letzten Herbst wegen einer leichten Influenza der Baro­nesse zu Rate gezogen worden. Dann noch einmal, und zwar vor fünf Tagen, da hatte er dem Baron einen kleinen Furunkel operativ entfernt. Sonst hatte der Baron die Dienste des Hausarztes niemals in Anspruch genommen. Daß ihrem Gatten bei einem dieser Besuche Symptome eines ernsteren organischen Leidens an dem Baron ausgefallen wären, war aus seinen Eintragungen nicht zu entnehmen.

Kopfschüttelnd ging Dr. Kircheisen im Zimmer auf und nieder. Das Charakterbild des Barons Vogh begann sich vor feinen Augen zu formen. Da war ein Mann, der mit bewundernswerter und dennoch lächerlich wirkender Energie sich bemühte, die Spuren des Alters vor feiner Diener­schaft, vor seiner Tochter, seiner Braut, seinem Hausarzt, ja sogar vor sich selbst zu verbergen. Ein müder Mann, der jahrelang der Welt den ewig Jungen, den Unverwüstlichen, dentollen Baron" vorgespielt, der die letzte und höchste aller Weisheiten niemals gelernt hatte: Still abseits zu treten, wenn die Zeit um ist, und der Jugend, der echten, wirklichen Jugend, den Platz sreizugeben. Aber vielleicht wird ihm der Ohnmachts- anfall von vorhin die Augen öffnen, ... dachte Dr. Kircheisen ... Vielleicht wird er jetzt begreifen, daß die Natur sich nicht täuschen und betrügen läßt wie sein Diener oder seine Brant, und daß sie mit der Faust anklopft, wenn man sich vor ihren ersten leisen Mahnungen die Ohren verschließt...

Ein Diener, der ihn in das Zimmer des Barons bat, ritz ihn aus seinen Gedanken.

Der Baron war erwacht und schien den Arzt mit Ungeduld erwartet zu Haden. Er ging im Zimmer auf und nieder, mit gesenktem Kopf, die glimmende Zigarre in der Hand. Rock uni) Weste hatte er abgelegt, denn das Zimmer war stark überheizt, das Fenster geschlossen und noch immer brannte das Feuer im Kamin.

Entschuldigen Sie, daß ich es mir so bequem gemacht habe", begann der Baron.Ich habe Sie zu mir bitten lassen, weil ich aber, was wollen Sie denn von meiner Zigarre, Doktor?"

Dr. Kircheisen hatte ihm die Zigarre aus der Hand genommen und besah sie: Natürlich! Wieder eine schwere Importe!Hat Ihnen Ihr Haus­arzt nicht das Rauchen verboten, Herr Baron?"

Keine Spur! sagte der Baron.Sie finden, daß ich das Rauchen aufgeben sollte?"

Ich müßte es Ihnen auf jeden Fall streng untersagen, wenn Sie mich zu Rate ziehen würden, erklärte Dr. Kircheisen. Jetzt, da der Baron ohne Rock und Weste vor ihm stand, bemerkte er den Verband, den der alte Herr am Hals trug, und entsann sich, dah die Frau des Hausarztes und der Diener von einem Furunkel gesprochen hatten, der dem Baron vor ein paar Tagen geschnitten worden war.

Arteriosklerose. Nicht wahr? fragte plötzlich der Baron. Er sagte das mit gleichgültiger Miene, aber es klang so zaghast und unsicher, daß es dem Arzt schien, als hätte der Baron dieses Wort zum ersten Male über die Lippen gebracht.

Ich kann nicht annehmen, daß Ihr Hausarzt Sie über Ihren Zustand Im Unklaren gelassen hat. ,

Ich habe cs mir gleich gedacht. Sofort als sich der lästige Druck auf dem Hlnterkops zum ersten Male zeigte." Der Baron sprach mit leiser Stimme, beinahe nur zu sich selbst.

Fühlen Sie diese Beschwerde schon seit längerer Zeit? fragte der Arzt.

Seit einiger Zeit, ja, sagte der Baron.(Eben deswegen habe ich Sie ja jetzt herausgebeten, Doktor, es muß etwas geschehen, und zwar rasch, sonst wird es zu spät."

Natürlich. Vor allem werden Sie bas Rauchen aufgeben ober wenig­stens einschränken, allen körperlichen Anstrengungen aus dem Wege gehen und sich bei Ihren Mahlzeiten an eine vorgeschriebene Diät halten.

Das alles werde ich gerne tun", versprach der Baron.Aber außer­dem ..." Er dachte einen Augenblick lang nach.Außerdem werden Sie dem Ulam Singh jetzt endlich chas Mittel geben müssen.

Der Arzt wurde ungebulbig und ärgerlich. Diese sprunghafte Art des Barons! Unmöglich für ihn, bei der Sache zu bleiben, einen Gedanken folgerichtig zu Ende zu denken. Jetzt war er plötzlich wieder Ulam Sinoh! Von welchem Mittel sprachen Sie eigentlich, Herr Baron?" fragte Dr, Kircheifen gereizt.

Von dem Mittel, das ihn für eine halbe Stunde lebendig machen kann."

Sie spielen auf etwas Bestimmtes an?

Ja, Sic wissen, was ich meine. Ihr Mittel, Doktor!

Ah! Das Karafin-Serum?"

Ja! Das Karasin-Serum! Natürlich! Das ist der Name! Ich quäle mich schon seit vierundzwanzig Stunden und konnte auf den Namen nicht kommen.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und L erlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch-undSleindruckerei, R. Lange, Gießen.