Ausgabe 
27.1.1933
 
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Philosophie im Bottsmund.

Von Dr. Raoul Francs.

Die Sprichwörter verraten untrüglich die wirkliche Denkungsart der Volksseele, it)vt wahre Ethik und Religion, die tatsächliche Regelung des Handels und'Wandels, das alle Zeiten und Verfälschungen lieber« dauernde seiner Seele. Und wie sieht diese Seele aus? Wovon ist der deutsche Geist wirklich überzeugt?

Ehrlich währt am längsten."Unrecht Gut gedeiht nicht.Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen."Gottes Mühlen mahlen langsam." Was bedeuten diese Sätze, wenn nicht die folgende Ueberzeugung: Es gibt eine ewige Weltordnung, ausgedrückt im Gottesbegriff, die sich zwar in einem langsamen, wahrhaft geologi­schen Schritt, aber doch vollkommen durchsetzt. Wer sich ihr einordnet, wird am besten fahren, wer ihr widerstrebt, hat Nachteil. Diese Welt­ordnung ist uns übergeordnet, mir können unsere Ränke gegen sie noch so fein spinnen, sie besteht fort und fort.

Man soll das eine tun, das andere nicht lassen."Cs ist unklug, die Kuh zu schlachten, welche die Milch gibt." So heißt im Volksmund das genaue Wissen, daß nur harmonisches Verhalten dieser Weltordnung ent­spricht.Ein magerer Ausgleich ist besser als ein fetter Prozeß."

Jeder aber kann seine Harmonie nur im Bereich seiner Persönlichkeit finden, muß also nach dem ihm zukommenden Platz im Stufenbau der Welt suchen. Denn:Setz' einen Frosch auf goldnen Stuhl, er hüpft doch wieder in seinen Pfuhl." Und (in Oberbayern):Wenn der Bettelmann aufs Roß kommt, kann ihn kein Teufel erreiten." Dermaßen wirft ein Verstoß gegen das Stufengesetz dann die Welt durcheinander.

Aber die Stufe, der man angehört, wird zunächst von Vererbung bestimmt.Der Apse! fällt nicht weit vom Stamme." Die Lebensführung wird freilich durch Auslese schließlich doch in die weltgesetzlichen Bahnen gezwungen.Wer nicht hören will, muh sühlen" undWen Gott liebt, den züchtigt er."Durch Erfahrung wird man klug." Diese Auslese muß selbst des Lebens eigene Schritte bestimmen, soll man Erfolg haben. Trau, schau, wem." Sie hat bestimmte Regeln und Gesetze. Man braucht nicht erst durch Erfahrung klug zu werden.Weisheit baut vor." Denn: Wie gewonnen, so zerronnen."Das Richtige tun ist alles."Man kann nicht zwei Herren dienen."In Einfachheit steckt das Glück."Salz und Brot macht Wangen rot."

Und so geht das fort; vom Höchsten bis zur letzten Arbeitsregel längst feftgelegt, längst tausendfach erprobt, ein festes System, das man eigent­lich nur zu befolgen braucht, um Öen Erfolg eines gerechten, weifen, hochverehrten, richtigen Menschen zu haben.

Sv hat sich das Volk alles geschasfen, was es braucht, und die Phi­losophie braucht es ihm eigentlich nur nachzudenken, es sich bewußt zu machen, warum die Volksweisheit die richtige ist.

Seit einigen Jahrzehnten hat die Sprachforschung die große Ent­deckung sicher gestellt, daß die Volksmärchen und Sagen nichts anderes als Weltweisheiten sind, die durch sie verklärt und farbig roieberholt werden. Man hat damit gelernt, was der Zweck der Kunst fein soll. Das Wissen vomVolksverstand", der jene besonders gut behütet, die sich nur ihm anvertrauen, hat rührende und liebliche Formen angenommen in den Märchen von dem Schutzengel der Kinder. Daß das Volkver­gleichend biologisch" denkt, erzählt es uns in den Märchen stets aufs neue, weil darin alle Tiere und Pflanzen verkleidete Menschen sind, die reden. Die Erneuerungskraft der Natur, ihr Bedürfnis, ungestört zu bleiben, ist eines der Hauptmotive der Märchen, und man möge endlich einmal anfangen, auch das zu bedenken, nicht nur die im Märchen ent­haltenen Reste des Dämonenglaubens. Auch im Mythos steckt doch schließ­lich die ganze Erbweisheit des Volkes.

Wenn Antäus als Sohn der Mutter Erde durch die Berührung nut ihr feine Kraft roiebergeroinnt, dann ist damit in finnigster Weife eine der bedeutsamsten naturwissenschaftlich-philosophisch erarbeiteten Wahr­heiten vorweggenommen. In den Alpen behüten dieSeligen Fräulein die Unberührtheit der Natur; zahllose Sagen wandeln dieses Motiv ab.

Und wenn die Alten dieErstlinge" der Ernte opferten, dann legten sie Zeugnis ab: ich bin mir der Abhängigkeit und Einordnung bewußt und nütze daher nicht restlos alles aus. Ein solcherAberglaube" war viel lebensfördernder als die materialistische,aufgeklärte" und glaubenslose Raffgier der Gegenwart. Die Wenden im Spreewald ließen noch vor einem Menschenalter auf den Obftbäumen einzelne Früchte hängen, damit die Tiere der Flur auch ihren Teil bekommen. Als ich klein war, sah ich, daß die mährischen Bauern beim Pflügen ein Stückchen Rain mit Bufch und Wildnis ungepflügt ließen. Auf meine Frage sagte man mir,das schicke sich". Es sei alte Sitte. In Franken tun es heute die Bauern Nicht. Aber in Mähren gab es viel mehr Singvögel, ein viel reicheres Natur­leben durch jene Raine als in Franken. Als Bvdenforscher habe ich m meinem Fach erkannt, daß von jenen Rainen aus sich das Bodenleben der Aecker leichter erneuern und gesund erhalten muß. Und nun verstehe ich den Sinn der alten Sitte. Es ist Erbwissen um die Weltgesetze in diesem Fall Aufrechterhaltung des Naturgleichgewichts darin. Man ist bereit, nicht alles auszunützen. Tut es nicht um des Lohnes willen und erhält ihn doch. , _ ... . ...

In Japan gilt der Fujji-Pama demabergläubischen Volke für heuig, und die Wälder an feinen Flanken wurden geschont. Seitdem man das nicht mehr tut, zwingt die Aenderung seiner Natur die an den Flanken angesiedelten Menschen zur Abwanderung. _ . _

Aber mögen andere das dicke Buch schreiben, das von Sprache, Sage, Spruch, Sitte, Volksbrauch und Wissen um das richtige Leben handeln mu%, will einer alle Zusammenhänge aufdecken. Die Hauptsache rotjjen roh schon: Aus sich heraus hat unser Volk, haben alle Völker der Erde viel Richtiges, ja alles Wesentliche der Welterkenntnis hervorgebracht. Die Menschen sind nur alle in ihrer natürlichen seelischen Verfassung gestört und wenden heute ihr Bestes, die einmal festgelegte und >n Le­bensregeln ausgeprägte Lebensweisheit nicht mehr genügend an. i leje müssen ihnen erst wieder entdeckt werden. Die Menschen gleichen dadurch einem Hungernden, der ganz vergessen hat, daß er einen Schatz besitzt,

der ihm ein sorgloses Dasein gestattet. Eine Redensart nennt das: Hungern bei vollen Schüsseln".

Carlyle, der neben H u m e, Mill und Spencer der größte englische Denker ist, hat zeitlebens den Satz verfochten, daß ein Volk nur ein Umweg der Natur sei, um zu einigen großen Männern zu kommen, also etwa, daß die Existenz des englischen Volkes von 1800 bis 1850 nur den Sinn gehabt habe, diese vier Denker hervorzubringen. Und Nietz­sche, und mit ihm eine große und gläubige Menge, hat ihm den Satz nachgesagt als Zeichen, wie schlecht eigentlich die Menschen von sich selber denken. Zum Glück zeigt es sich nun, daß dieser Satz gar nicht wahr ist. Nicht etwa bloß deshalb, weil dieNatur" dann die größte Verschwen­derin ihrer Kräfte wäre, was sie nämlich gar nicht ist, sondern weil wir eben auf das überzeugendste gesehen haben, wie das Denken der Ein­zelnen den geistigen Leistungen der Volksseele als Ganzem nur nach­folgt. Nein, der Sinn der großen Männer ist ein anderer, als diese hoch­mütige und menschenseindliche Ueberheblichkeit meint. Sie verkörpern ihr Volk, das für sie die sie erzeugende und erhaltende Umwelt bildet, auf das vollkommenste und reinste und haben die Pflicht, das Hirn, der Arm, die Zunge, das Auge dieses großen Körpers zu fein, das Organ, welches ausführt, was ein Volk empfindet, will und denkt. Aber immer sind auch sie nur der Teil, und ihr Volk ist das Ganze; niemals übersteigt ihr Denken die Leistung ihrer Nation als Ganzes genommen und immer haben sie daher Ursache, dankbar, gefügig, bescheiden sich in den Dienst des Ganzen zu stellen.

Wo sie sich verrannt, übersteigert und verirrt haben, da lag ihr Heil­mittel nie in ihnen selbst, sondern in der Volksseele, die unabänderlich, in sich ruhend, gütig und weise noch stets mit einem milden Lächeln über alle Wunderlichkeiten ihrer Kinder zur Tagesordnung übergegangen ist, sogar dann, wenn eine ganze Generation scheinbar unheilbar verwirrt gegen sich selbst wütete, Vernunft als Unsinn lästerte und die Verkehrt­heit anbetete. Oft genug ist bas geschehen. Frankreich bietet von 1791 bis 1795 das Bild eines irrsinnig gewordenen Volkes; der ausgezeichnete französischebon sens, der natürliche Mutterwitz der Franzosen aber hat sich deshalb nicht geändert. Die Generation von 1918 und der folgen­den Jahre glaubte in Deutschland in einem wahren Tollhaus zu leben und viele zweifeln, ob der deutsche Geist seine alte Lauterkeit, den red­lichen Sinn, das Gemüt, die Ordnungsliebe, das Pflichtgefühl und was ihn sonst noch auszeichnet, jemals noch roieberfinben werbe.

Aber wer das soeben Durchdachte wirklich verstanden hat, wird mit mir guten Mutes sein und daran nicht verzweiseln. Wieb-r werben große Männer kommen, bas Richtige zeigen unb tun; bas Volk wirb sich in ihnen selber roieberfinben unb fein Genie wirb strahlen wie immerdar.

Das Mangobaumwunder.

Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nk.

Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.

(Rortlefiung.i

Ja, er ist ein außerordentlich verläßlicher Führer, der Schwarzinger , setzte er sein Verhör fort.Das hat sich ja auch damals aus der Eil Unbici gezeigt, bei bem Gratübergang, als sich der Stein loslöste."

Sie stiegen langsam im Gespräch bie Treppe empor, die in den ersten Stock führte.

Wie gut Sie informiert sind!" rief der Baron in freudigem Erstaunen. Ich weiß schon, sicher waren Sie bei dem Vortrag, den ich im Juni im Touringklub gehalten habe."

Erraten!" log Dr. Kircheisen. Aber seine Stimme klang verzagt... Er ist wahrhaftig der, für den er sich ausgibt. Ich war auf einem Irrweg. Aber wie, zum Teufel, fall ich mir bann fein Verhalten feiner Braut gegenüber erklären! Nach einen letzten Versuch!

Haben Sie nicht auch Spuren Ihres verunglückten Vorgängers ge- funben?" fragte er.

Natürlich, ich habe das ja auch erwähnt in meinem Vortrag. Hundert Schritt vor bem ersten Schneefelb unterhalb bes Riffes liegt noch heute Mac Cullochs Eispickel im Geröll."

Jetzt gibt es keine Zweifel mehr. Er ist wirklich unb wahrhaftig der tolle Baron"! Ein Glück, baß ich nichts hab' merken lassen von mei­nem "bummen Verbacht... Da hätt' ich mich gehörig lächerlich gemacht.

Sie kannten wohl MacCulloch nicht?" fragte ber Baron, inbem er zwei Stufen auf einmal nahm. Ich hab' ihn gut gekannt. Er war ein verschlossener Mensch, ber nur selten unb auch bann nur wenig sprach; aber immer hatte er einen höhnischen Zug um ben Munb. Ich bin zwei­mal mit ihm geklettert, vor Jahren. Die Vajolett-Türme hab' ich mit ihm gemacht unb bann bie Bischofsmütze: Die war meine erste Klettertour. Iw war ein Anfänger, bamals. Ich glaube, bah ich mich gut gehalten habe, aber er hatte kein Wort der Anerkennung für mich, nur immer ben überlegenen, mokanten Zug um ben Munb."

Der Baron stieg rafch unb voll Eifer bie Treppe empor.Sehen Sie, brum hat es mich immer gelockt und getrieben, die Cima-Undici-Nor^ wand zu erklettern, an der der große MacCulloch gefcheitert ist. Und ich hab' sie erstiegen! Ich hab' mir selbst bewiesen, daß jenes impertinente Lächeln MacCullochs eine Lüge war, an die er selbst niemals ge­glaubt hat." .

Der Baron schöpfte tief Atem, nahm wieder ein paar Stufen und f"^,Sehn Sie. Doktor, da war eine Stelle auf der Cima Unbici bart unterhalb bes Gipfels, bie war noch schwerer als der Riß, an dem Mac Culloch verunglückt ist. Eine glatte steile Wand, fast ohne Grifte Wir machten das so: Der Schwarzinger flieg mir auf die Schultern und ich richtete mich langsam auf. Dann muhte ich mit dieser Last auf dem Rücken drei Schritte weit die Wand traversieren, bisber Schwarzinger ben einen Griff erhaschen konnte, ben bie Wanb bot."

Der Baron brehte sich nach bem Arzt um unb bemonftnerte ihm jenen Griff, wobei er zur Verbeutlichung ber Situation bas Treppen- g^Äbe/ber'Schwarzinger konnte ben Griff nicht iinben", setzte er im raschen Weitergehen fort.Unb ich hatte keinen Halt, ich suhlte, bah