Ausgabe 
27.1.1933
 
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Winierlandfchaff.

Bon Friedrich Hebbel.

Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche, Bis aus den letzten Hauch von Leben leer;

Die muntern Pulse stockten längst, die Bäche, Es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise, Erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab, Und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise, So gräbt er, glaub ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend, Wirst einen letzten Blick auss öde Land, Doch, gähnend aus dem Thron des Lebens sitzend, Trotzt ihr der Tod im weihen Festgewand.

Notizen über Finnland.

Bon Dr. Erwin Stranik.

Die Finnen gehören zu den ehrlichsten Menschen der Welt; ihr ganzes Leben baut sich aus gegenseitigem Vertrauem auf. Der Landmann, dessen Has viele Kilometer weit vom nächsten entfernt steht, legt an der Straße, die das Postauto passiert, jene Bunde! nieder, die er in die Stadt beför­dert haben will. Er wartet nicht, bis der Wagen kommt, er fürchtet nicht, daß ihm jemand fein Eigentum nähme. Und tatsächlich vergreift sich niemand an diesem fremden, anscheinend herrenlosen Gut.

*

Ich bin auf eine Wirtschaft eingeladen, die mitten im Taoastland liegt. Es ist mir nicht möglich, meine Ankunft im voraus anzuzeigen. Uner­wartet treffe ich ein. Zwei Herrenhäuser erheben sich da an einem See, umgeben von würzigem Nadelwald. Keines der Däuser ist verschlossen. Weit offen stehen alle Türen, weit offen alle Schränke. Ich kann ein- treten und es mir bequem machen, ohne daß es jemand vom Haufe merkt, denn feine Bewohner sind eben im Bade oder auf dem Felde. Nicht einmal einen Hund gibt es, der die Ankunft eines Fremden melden würde.

Später, als die Leute von ihrer Arbeit und ihrem Vergnügen heim- gekehrt ^ind und mich begrüßen, bringe ich das Gespräch auf ihre große Vertrauensseligkeit.Wird denn hier niemals gestohlen?" frage ich. Gestohlen? Nein!" antwortet der junge Gutsherr.Oder, warten Sie einmal, ja doch," Und er wendet sich an feinen Großvater. Sag mal, Großvater, du erinnerst dich doch noch an die Sache, wie damals aus unserem Hos, so vor sechzig oder siebzig Jahren, die Pferde­decke wegkam?"

(Ejv Ml aber wird doch gestohlen. Ich bin Zeuge, wie einer Same, die einer putschen Touristengefellschaft angehört, auf einem kleinen Dampfer bei einer Binnenfeefahrt ihr Handtäfchchen wegkommt. Die Dame läuft erregt zum Kapitän; der ist sassungslos. Er will und kann den Vorfall nicht begreifen. Ein unehrlicher Mensch unter seinen Fahrgästen, das war noch nicht da! Aber die Dame beharrt auf ihren Anschuldigungen, und dank ihrer gewandten Zunge weih bald das ganze Schiff, was ge­schehen ist.

Sofort treten ein paar Finnen auf die deutsche Dame zu und fragen, was sie in ihrem Handtäfchchen gehabt hätte. Natürlich sei Geld darinnen gewesen, erwidert sie. Die Finnen greifen sofort nach ihren Brief­taschen.Gnädige Frau, bitte, seien Sie nicht ungehalten darüber, daß Ihnen so etwas in unserem Lande geschehen konnte. Würden Sie uns gestatten, Ihnen wenigstens einen Teil Ihrer Verluste zu ersetzen?"

Jeder der Finnen gibt, und die Same nimmt. Eine Viertelstunde später lacht sie über das ganze Gesicht. Ich bin überzeugt, sie hat mehr Geld bekommen, als sie verlor. (Und dies zur Aufklärung: die Tasche fand sich, allerdings geleert, später wieder, bei einem ausländischen Touristen!)

Sie Finnen sind nicht nur ein sehr zähes, sondern auch ein sehr ernstes Volk. Mit ihnen zu sprechen, heißt eigentlich nur immer selber reden, indes das Gegenüber bloß hin und wieder ein beifälliges, erstauntes, zweifelndes oder bejahendesHm!" hören läßt. Trotzdem darf man nicht glauben, daß das Interesse der Finnen an den Berichten eines anderen gering sei: im Gegenteil. Sie verarbeiten das Gehörte gründlich und noch nach Wochen kommen sie daraus zurück. Aber sie reden erst, wenn sie den andern Menschen ganz durchschaut und als zuverlässig erkannt haben.

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Ein Beispiel ihrer Menschenkenntnis bietet das Verhalten der Finnen zu den Engländern. Jahr für Jahr kommen viele Engländer an die fin­nischen Gewässer, oon_benen es heißt, daß sie lachsreich seien, um zu fischen. Ein finnisches Scherzwort erzählt nun: wenn die Engländer ein= treffen, zeigen ihnen die Finnen jene Flüsse und Buchten, in denen keine Lachse sind.Sie Engländer wollen ja nur angeln, aber nichts sangen", so begründen sie ihr Verhalten.

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Auch lachen sieht man Finnen selten. Schon in ihrem Nationalepos, demKalewala", heißt es, daß den Männern das Lachen nicht zieme, wohl aber das Weinen. Seshalb meinen die Finnen gern und gründlich. Sie meinen, roenn sie erkennen, daß das Schicksal mächtiger ist als sie und alle Tapferkeit der eigenen Arme nicht nutzt, seiner Herr zu roerben. Sie meinen, roenn ein Frost ihre Ernte zerstört, wenn ein Sturm ihre Felder verwüstet, roenn ein Gewitter während des Erntens losbricht, roenn ihr Haus zu brennen beginnt oder der Schnaps ihre fündige Seele einmal dem Teufel zugetrieben hat.

2(111 Weinen erkennt der Finne auch, was für einen Menschen er vor sich hat. Ser Feigling meint anders als der Held, der kräftige Mann

anders als der schwache. Wenn aber der Finne mit einem Fremden zu- sammentrisft, der bei dieser Gelegenheit sein Gesicht zu freundlichem Grinsen verzieht, so weih er ebenfalls, was er zu tun hat. Er ahmt, dem Fremden zuliebe, dessenbarbarische Sitte' nach und lädjelt ebenso.

Mein Freund Älmori hat mich drei Tage lang angelachelt. Sas war der Gipfelpunkt feiner Höflichkeit.

In Finnland gibt es keine Analphabeten. Sas beste Mittel, auch die störrischesten Köpfe zum Lesen- und Schreiben-Lernen zu zwingen, wurde hier erfunden: die Kirchpröbfte trauen keinen Jungen und kein Mädel, die nicht ihre Bibel und den Katechismus fließend lesen können. Nun wollen natürlich auch fast alle Finnen heiraten, und so müssen die dick- schädettgen Burschen, die in ihrer Jugend die schule schwänzten, wenn sie an den Ehestand denken, vorerst einmal die Fibel zur Hand nehmen.

Aleksis Kivi, derfinnische Homer", hat in seinem humorvollen RomanSie sieben Brüder" sehr ergötzlich den Kampf von sieben Jungen mit dem ABC geschildert. Monatelang mühen sie sich, das Alpha­bet in ihre Hirne zu trichtern; der Küster als ihr Lehrer zaust sie bei den Haaren, daß ganze Büschel stachsiger Strähnen vom Kopf fliegen, bis sie schließlich durch ein Fenster dem Höllengräuel entkommen. Senn lieber wollen sie in den Wäldern Bären jagen, als die ungeheure Kunst des Lesens erlernen. Doch der Himmel sendet tausend Strafen über sie, weil sie Analphabeten blieben. Ständig erscheint vor ihren Augen der Schandblock, der am Sonntag vor der Kirche aufgestellt wird, und in den der Probst jene stecken läßt, die ihr ABC nicht können. Neun Jahre durch­streifen sie die Einsamkeiten, nur um dem Schicksal desLesen-Lernen- Müssens" auszuweichen. Endlich aber, als die Sehnsucht nach Frauen doch zu mächtig in ihnen wird, fügen sie sich in das Unabänderliche: und nach der Mühe eines vollen Jahres melden sie sich mit geschwellter Brust und erhobenen Hauptes zur Leseprüsung.

Nun sind sie stolz und fühlen sich wie weiland Kaiser Karl, der auch noch als reifer Mann die Kunst des Schreibens übte.

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Finnland ist das Land ohne Tempo, der absolute Gegensatz zu Ame­rika.Von nichts gibt es so viel auf der Welt, als von Zeit," lautet eines der beliebtesten und geläufigsten Sprichwörter. Ser Finne versteht nicht, warum man sich eilt und hastet. Als ich einmal dringend einen Ueberlandautobus erreichen will und rasch meine Sachen packe, fragt mich mein Gastgeber erstaunt:Weshalb beeilen Sie sich so?"In drei Minuten kommt schon das Auto!"Aber morgen sährt doch wieder eines!" gibt der Finne mit ernster Miene zurück.

Oder man kommt irgendwohin als Gast.Sie müssen lange bei uns bleiben", sagt der Hausherr,zwei, drei Monate, so lange es Ihnen gefällt." Irgendwo kurz zu verweilen, nur ein bis zwei Wochen oder gar bloß ein paar Tage, gilt als Beleidigung. Und selbst roenn der Haus­herr von seinem Besitz, seinem Gut oder seiner Wohnung fort ist, soll sich der Gast nicht abhalten lassen, allein dort weiter zu hausen. Alles steht ihm offen und alles zur Verfügung.

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Saß der Finne über viel Zeit verfügt, erweisen auch deutlich seine Eisenbahnen. Sie Züge fahren beinahe ausschließlich im 30-Kilometer- Tempo pro Stunde (und dann entsprechen sie schon unseren Schnell­zügen), manche von ihnen legen eine noch viel kürzere Strecke in der gleichen Zeit zurück.

Jede halbe Stunde hält der Zug bei irgendeiner besonderen Station. Ser Schaffner nennt sieRavitola-Afema" oderKahvila-Afema", d. i. Gasthaus- und Kaffeehaus-Station, je nachdem man dort nur Getränke ober ganze Menüs erhält. Und jebemal, roenn ein solches Ziel erreicht ist, verlassen alle Finnen, vom Zugpersonal angefangen bis zum letzten Fahrgast im letzten Wagen den Zug und beginnen eine Schmauserei. Fünfzehn bis zwanzig Minuten Aufenthalt wird überall als Eßpause gerechnet.

Sie Finnen können sich Reisen ohne solche-Stationen in kurzen Entfernungen überhaupt nicht denken. Kein Wunder, daß man in diesem Lande die mächtigsten Männer und die stärksten Frauen sieht.

Sen Höhepunkt eines finnischen Tages bildet der Besuch der Bade­stube. Jeder Finne, ob arm oder reich, besitzt seineSauna", und wer ein Bettler ist, der bittet vor den Türen der Fremden, ob er auch einmal dieSauna" des Herrn benützen dürfe. Was man ihm niemals verwehrt.

Schon Livius, der römische Historiker, berichtet von diesen eigen­tümlichen Badestuben bei den Skythen, die er den Russen gleichsetzt. Von ihnen übernahmen wahrscheinlich die Finnen schon vor Jahrhunderten den Gebrauch des heißen Bades. Aber während das russische Dampfbad nur in einer möglichst starken Erhitzung bes Raumes besteht, um die darin Verweilenden zu großen Schweißausbrüchen zu bringen, bietet die Sauna" noch eine besondere Sensation: das Schlagen des Körpers mit Birkenreisern.

Wo immer man hinkommt, wird man in Finnland sofort in die Sauna eingeladen. Es ist eine kleine, dumpfe Stube, beinahe lichtlos, mit einem Steinofen in einer Ecke, den man ständig mit heißem Wasser be­gießt. In Zweidrittelhöhe des Raumes läuft eine Galerie um die Sauna, auf der die Badenden meist Männer und Frauen miteinander Platz nehmen und sich von den Dünsten erhitzen und räuchern lassen. Infolge der Dunkelheit sieht einer den andern kaum. Ist der Körper krebsrot gefallen, dann holt man junges Birkenlaub hervor und läßt sich damit den Rücken peitschen. Schließlich eilt man aus der Sauna heraus, springt im Freien in kaltes Wasser (einen See oder Fluß) und kehrt bann roieber in die Babestube zurück. Diesen Vorgang wiederholt man so oft, als es bas Herz erlaubt.

Als ich zum erstenmal eine Sauna besuchte, flieg meine Hochachtung für biese Menschen ins Unermeßliche. Denn ich glaube, in ber Hölle läßt sich leichter braten als in einer solchen Stube. Unb jene Tropenqualen, bie man bort erleidet, bezeichnen sie als ihr schönstes Vergnügen im Leben.

Aber über den Geschmack läßt sich nicht streiten.