GichenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <933 Freitag, den 27.Januar Nummer 8
Ein Lied, Hinterm Ofen zu singen.
Bon Matthias Claudiu».
Der Winter ist ein rechter Mann.
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an. Und scheut nicht Süß noch Sauer.
War je ein Mann gesund, ist er-»; Er krankt und kränkelt nimmer, Weitz nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft im kalten Zimmer.
Er zieht sein Hemd im Freien an, Und lätzt's vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn Und Kolik in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang Weitz er sich nichts zu machen, Hatzt warmen Drang und warmen Klang Und alle warme Sachen.
Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ösen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich' und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht. Dann will er sich totlachen. —
Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande.
Da ist er denn bald dort bald hier, Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren.
Liebe im Schnee.
Eine luftige Geschichte von Caren.
Sie war mir schon am Vormittag ausgefallen. Bei der Sprungschanze droben — aus dem großen Uebungsgelänoe. Reizend sah sie aus — elegant unter all den knallbunten Skihasen — in ihrem einfachen, dunkelblauen Norwegeranzug. Fein und schmal und biegsam wie ein Flitzbogen ... 3d) versteh' nicht, was die Leute jetzt immer gegen die „schlanke Linie" haben. 3ch finde sie entzückend. Und ganz und gar nicht männlich. 3m Gegenteil! Gerade diese Schlankheit — das Ueberzarte der weiblichen Silhouette stimmt mich so weichl Ganz versunken — teils in Bewunderung und teils in kniehohem Schnee — stand ich hinter dem Stacheldraht und sah ihr zu, wie sie mit der Unerschütterlichkeit eines Columbus mit ihren Bretteln das glitzernde Schneefeld pflügte. In allen Gangarten: — im Telemark, Im Stemmbogen und im Christiania, „gerissen", „gezogen" (und manchmal sogar gestürzt!) — hiigelan, hügelab. Unermüdlich. Drei volle Stunden! Frauen besitzen eine unheimliche Ausdauer in unpraktlsd)en Dingen ...!
Plötzlich — das Herz stand mir still vor Entzücken — in fünfzig Meter Distanz, mitten aus elegantem Schwung wendet sie sich plötzlich mir zu. M i rl Reißt sich mit strahlendem Lachen die Mutze vom Kops und schwenkt sie mir grüßend entgegen. Und schießt in fliegender Fahrt direkt aus mich los — umsprüht von einer kleinen Schneelawine. Mit windgeröteten Backen, verwuscheltem Bubenscheitel und buntflatterndem Halstuch. Einfach fuß! 3ch werde rot. 3ch halte den Atem an vor Glück. Auch ich reiße mir die Mütze herunter. Schwinge sie — so keß und sportlich wie nur möglich: „Skiheil!"
Aber da ist sie schon. Schrammt, aus vollem Tempo stoppend, dicht vor mir einen bravourösen Telemark, daß mir der ausspritzende Schnee in den Halskragen stäubt. Und ruft mit einer hellen, herben Stimme über den Stacheldraht: „Servus, Mutti — schon Zeit zum Mittagessen?"
Mir schwammen sämtliche Felle weg. 3etzt erst fiel mir die alte Dame, hie schräg hinter mir stand, wie Schuppen von den Augen..U
Nach Tisch machte ich einen einsamen Spaziergang zur „Sellerhütte" hinaus. Enttäuschung im Herzen und, zur Erinnerung an S l e, an beiden Füßen ein paar angenehm bitzelnde Frostbeulen...
3n der Hütte tobte der übliche Naturbetrieb: — mit Charleston und Grammophon... Als dooser Fußtourist von sämtlichen Skihaserln boykottiert, hockte ich vergrämt in meinem Winkel und trank zur Ausbalancierung meines seelischen Gleichgewichts acht Enzian hintereinander. Erst nachdem die letzten Wintersportier sich talwärts verkrümelt hatten und die Dämmerung mit kalter Hand den letzten Schimmer von den Hängen wischte, brach ich auf. Der Abstieg war so verharscht, daß ich mich trotz meines Stockes nur schrittweise Vorwärtskämpfen konnte. Dazu sank das Licht mit jeder Viertelstunde. Weiße Nebelfetzen schwelten in den Tälern. Schwarz und scharskantig standen die Tannen im blassen Gelb des verlöschenden Himmels^, Ein eisiger Wind schnitt mir ins Gesicht...
Aus einmal entdecke ich bei einer Wegbiegung auf etwa zwanzig Meter vor mir eine schmale, dunkle Gestalt, die kick langsam und mit sichtbarer Anstrengung fortbewegt. Nach jedem Scyritt bleibt sie stehen, krümmt sich zur Seite — tastet nach einem Baumstamm und ... Fix Laudon! — das ist ja sie! 3n der ganzen Gegend gibt’» diese „Linie nicht zum zweitenmal: Mein Herz trommelt wie rasend Alarm. Trotz des Bruchharschs schwinge ich mich an meinem Stock mit Affenbehendigkeit vorwärts. Und stehe blitzplötzlich vor ihr — jeder Zoll ein Retter! Denn — daß sie sich in irgendeiner brenzligen Situation befindet, ist mir äugen», bllcklich klar. Ganz blaß lehnt.sie an einer Tanne und äugt wie ein verwundetes Schmaltier hilflos umher. Neben ihr aus dem Schnee ragen wie ein drohendes Menetekel die abgeknickten Brettln. 3hre Verlassenheit rührte mich tief. „Verzeihen Sie ... es scheint. Sie haben Malheur gehabt" — stotterte ich direkt geistvoll. Sie blickte mit fatalistischem Lächeln auf die zerbrochenen Skier. „Ja — es scheint so." Die zarte Ironie biß sich in mein Herz. Aber nein — jetzt nicht locker lassen! Hier Sollend' ich's — die Gelegenheit ist günstig! „Kann ich ... dürste ich Ihnen vielleicht mit irgend etwas ... behilflich ... fein?" Gleichzeitig bemerkte ich, daß ihr das Auftreten Schwierigkeiten machte. Nach zwei Schritten war sie grün im Gesicht. „Um Gotteswillen — find Sie verletzt? Haben Sie — Schmerzen??" Sie versuchte noch einen letzten Anlauf ins Heroische und lachte. Ein keckes, knabenhaft helles Lachen, das mir wonnig durch's Gebein riefelte. Ich weiß nicht — ich liebe nun mal an Frauen dieses Herbe, entzückend Burschikose. Es hat so etwas Erquickendes! „Schmerzen — ach wo!" log sie tapfer. „Bloß der linke Fuß streikt ein Biffel. Aber die paar Schritte schaff' ich's schon noch; 's ist mir ja bloß wegen Mama ... die macht sich immer gleich Sorgen um m ..." Das letzte Wort ging unter in einem kläglichen Gewimmer. Und plötzlich wurde sie kreideweiß und klappte zusammen... Mit meinem Taschenmesser schnitt ich den Stiefel auf — betastete den verletzten Knöchel. Er war dick angeschwvllen — offenbar eine Sehnenzerrung. Keine Rede davon, daß sie den beschwerlichen Weg bis ins Tal machen konnte! Und immer schneller fiel die Dunkelheit. Wa also tun...? Rasch entschlossen hob ich sie hoch. Lud sie mir auf den Rücken. Klemmte mir noch ihre Skier unter den Arm. Und startete unerschrocken talwärts. Sie war doch schwerer, als ich gedacht hätte, nach ihrem Wuchs zu schließen. Aber die Liebe verlieh mir Gigantenkräfte. Wunderbar belebend durchströmte mich die sanfte Wörme ihres Körpers. Der hilflose Druck ihrer Arme, der zarte, lauwarme Atem an meinem Hals ... Stolz In der Brust — siegesbewußt, kämpfte ich mich unverdrossen burd) Nacht und Eis, über Stock und Stein. Bis die ersten Lichter der kleinen Ortschaft uns tröstlich entgegenblinkten und ich wieder halbwegs horizontalen Boden unter den Füßen spürte. Zum Uebersluß des Glückes kam auch noch ein leerer Hörnerschlitten des Weges daher, der uns bis vor ihr Hotel brachte. Sie erlaubte mir nicht, sie in die Halle zu führen und quälte sich allein aus dem Schlitten. „Das sieht so dumm aus — wissen Sie", erklärte sie mit verzerrtem Lächeln. „So weibisch! Aber kommen Sie doch nach dem Abendbrot nod) ein bißchen herüber ins Hotel. Wir erwarten Sie in der Halle. Mama wird sich sicher freuen, Sie kennenzulernen ..."
Alle Encsteln fangen In mir: „Mama wird sich sicher freuen..." Wenn das nicht ein versteckter Heiratsantrag war — bann heiß' ich Nepomuk! Knapp vor Labenfchluß stürme ich noch ein Blumengeschäft. Kaufe alles auf, was an roten Rosen auf Laaer ist. Werfe mich in meinen Smoking. Und bin um 21 Uhr im Hotel. Mein Rücken schmerzte infernalisch. Aber es war ein süßer Schmerz. Suchend ließ ich meine strahlenben Blicke über bas Rosenbukett hinweg burd) bie Halle schweifen. Da erhebt sich aus einem Klubsessel eine ältliche Dame. Dieselbe liebe, ältliche Dame wie vormittags — droben am Sportplatz. Sie hält In direkter Richtung auf mich zu. Streckt mir wohlwollend die Hand entgegen und sagt sehr freundlich: „Sie sind Herr Helbig — nicht wahr? Vielen, vielen Dank für Ihre Freundlichkeit.. .1 Selber kann mein Sohn nicht herunterkommen. Sein Fuß schmerzt zu sehr." ...??!


