SiehenerZamilieMätter
Unterhaltüngrbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang |933
Montag, -en 2b. Juni
Nummer 48
Soldatenabschied.
Von Heinrich Lersch.
Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn!
All das Weinen kann uns nichts mehr nützen, Denn wir gehn das Vaterland zu schützen! Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn!
Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir'küssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Wir sind frei, Vater, wir sind frei!
Tief im Herzen brennt das heiße Leben, Frei wären wir nicht, könnten wir's nicht geben. Wir sind frei, Vater, wir sind frei!
Selber riefst du einst in Kugelgüssen:
Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott!
Der uns Heimat, Brot und Vaterland geschaffen, Recht und Mut und Liebe, das find feine Waffen. Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft (Bott! Wenn wir unser Glück mit Trauern büßen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!
Das Attentat in Sarajevo.
Zur Erinnerung an den 28. Juni 1914.
Von Bruno Brehm.
Ilie steht drüben am Eck der Oesterreichisch-ungarischen Bank, er hört den Donner des Saluts, er muß sich an einen Alleebaum lehnen, er hält den Mund offen, das Herz will ihm aus der Brust fliegen. Neben ihm Sieht ein Mann feine Uhr: „Zehn Uhr, nun müssen sie gleich kommen." Ilie stellt sich auf die Zehen, eine kleine Frau mit einem großen Hut versperrt ihm den Ausblick. Ach, sie sind wirklich da! Alle sind sie gekommen, alle! Dort als erster steht groß, aufgeregt und unruhig Mehmedbasic mit einer leuchtend weißen Hose und dem roten Fez — niemand mehr steht neben ihm in der prallen Sonne, wie dumm! Und dann dicht neben der Cumurja-Brücke steht Vaso Cubrinovic und schneidet Gesichter, tritt von einem Bein auf das andere. Und auf der anderen Seite der Brücke nimmt jetzt eben Cabrinovic Aufstellung.
Durch das Donnern der Geschütze hört man schon das Hochrufen der Menge. Gott sei Dank, die beiden da drüben rühren sich nicht. Ah — da — ein paar Schritt weiter, aus der gleichen Seite wie Ilie, steht auch der kleine Popovic, der aber wird sicher nicht zum Werfen kommen, da neben ihm gerade ein Polizist steht.
Mein Gott im Himmel, was macht denn Cabrinovic jetzt, wo schon der erste Wagen zu sehen ist? Er zieht aus seiner Rocktasche eine Bombe heraus, als wäre es eine Pfeife ... als wäre es eine Pfeife ...
3lic sieht nichts mehr, das erste Auto fährt vorbei, im zweiten Auto ist der Thronfolger auch nicht, das ist der rote Fez des Bürgermeisters — aber da, aber jetzt, im dritten Wagen, da wehen die grünen Federn der Generalshüte, dort muß er fein, er und Potiorek. — und was macht denn jetzt Cabrinovic dort drüben an der Kaimauer?
Patiorek streckt den Arm aus und zeigt dem Erzherzog drüben etwas auf der anderen Seite des Flusses. Da fliegt ein schwarzes Ding durch die Lust, die Herzogin Sophie, die dem Cabrinovic zunächst, au der rechten Seite des Erzherzogs sitzt, beugt sich vor. Das Auto, dessen Ehaus- feur den Abwurs gewahr geworden sein muß. macht einen Sprung, der Gegenstand rollt über das zurückgeschlagene Wagendach. Und nun sieht ölic nichts mehr, nur ein wenig Rauch und eine häßliche gelbe Flamme, dann fühlt er einen heftigen Druck, bann hört er Schmerzensschreie, sieht, sich einige Leute am Boden wälzen, und sieht, wie Cabrinovic gegen bie Brücke rennt, Polizeibeamten in die Arme läuft, wie er sich über die Kaimauer schwingt und in den Fluß hinunterspringt. Aus einem dem Erzherzog nachfolgenden Auto springen mehrere Offiziere und schwingen sich auch über die Kaimauer.
Run keuchen die Leute an Ilic vorbei, er lehnt an der Wand eines Hauses und starrt umher: die anderen Burschen sind wie vom Erdboden verschwunden. Ein Auto steht dort, ein Rad des Wagens ist eingeknickt. Man hebt einen Ofifzier aus dem Wagen, der am Kopf blutet. Eine Frau E großem Reiherfederbufch auf dem Hut steht daneben, ihr lichtes Kleid >st mit Blut bespritzt. Weiter vorne steht das Auto des Erzherzogs. Warum nur jetzt niemand auf den Erzherzog schießt, denkt sich Ilic. Warum nur Eabrinovic nicht gleich tot war, wie er das Gift genommen hat.
_ . ,raf Harrach hastet zum Auto des Erzherzogs zurück: „Kaiserliche i)oheit, eine Bombe. Oberstleutnant von Merizzi verwundet, am Kopf, wahrscheinlich nicht schwer. Baron Rurnerskirch läßt bitten, weiterzufahren."
„Also weiterfahren!" sagt der Erzherzog mit einem kurzen Seitenblick auf Potiorek, der bleich, mit blauen Lippen vor ihm sitzt.
*
Schon lange vor zehn Uhr hat sich der Gemeinderat mit den zwei Bizebürgermeistern unter der Bogenhalle und aus der Freitreppe des Rathauses versammelt. Fernher dröhnen die Salutschüsse der Forts, man hört das immer näher kommende Rufen, man sieht den Wagen de» Bürgermeisters — bann stockt auf einmal alles — bann kommt ein atem- loser Mensch gelaufen und brüllt: „Bomben! Bomben! Diele sind tot."
Die Polizei brängt bie Menge zurück.
„So sägt boch, was geschehen ist!"
Aber ba kommt auch schon bas erste Auto mit bem Polizeikomman- bauten unb bas zweite mit bem Bürgermeister in voller Fahrt daher.
„Was ist geschehen?" Der Bürgermeister kann nicht antworten, er zittert am ganzen Körper, er tastet seinen Frack nach einem Zettel ab. Und schon sind die beiden hellgrünen Federbüsche da — und das Volk in weitem Umkreis und bie Gemeinderäte in ber Bogenhalle bes Rathauses versäumen es zu rufen ober zu winken, beim bas Gesicht des Richters und Rächers läßt jede Regung verstummen. Franz Ferdinand wartet, bis die Herzogin ausgeftiegen ist, er geht geradewegs auf den Bürgermeister zu.
„Herr Bürgermeister, es ist empörend. Es wurden Bomben geworfen! Man kommt nach Sarajevo und wird so empfangen ..."
Er streicht mit einer kurzen, heftigen Bewegung seinen Schnurrbart. Sein Gesicht ist so rot, feine Augen treten so weit hervor. Run hat sich auch ber Bürgermeister gefaßt unb hält seine Rebe, bereu Worte nachdem, was vorgefallen ist, wie blutiger Hohn klingen.
*
Run steht ber Erzherzog neben ber Herzogin in der großen rot- goldenen Kuppelhalle — ber Bürgermeister unb bie (Bemeinberäte halten sich etwas abseits.
Der Erzherzog winkt ben Regierungskommissar zu sich heran.
„Was ist Ihre Meinung, fragt Franz Ferbinano ben Beamten, kann man bie Fahrt fortsetzen oder nicht?"
„Ich glaube ja."
„Das klingt nicht gerade sicher", erwidert ber Erzherzog, „mir scheint, wir werben heute noch ein paar Kugeln bekommen!"
„Wenn wir über ben Kai fahren, können wir ein rasches Tempo ein- schlagen", wirft Potiorek ein.
„Wie wir fahren, ist mir ganz einerlei, Hauptsache bleibt, ich wiederhole bas, daß ich Merizzi besuchen kann, ber sich für mich einen blutigen Kopf geholt hat."
„Dann warte ich auch nicht im Konak auf bich, bann fahre ich mit", sagt bie Herzogin. Und wie ber Erzherzog ablehnen will, wieberholt sie: „Ich bleibe heute, wohin bu auch immer gehst, an beiner Seite." Der Erzherzog blickt sie bantbar an.
Weber er noch einer ber Herren feines Gefolges schenken den Herren des Gemeinberates auch nur einen Blick. Oberst Barbolff geht voraus, ber Erzherzog unb bie Herzogin folgen, bann bie übrigen Herren. Das Gesicht ber Herzogin ist zu einem steinernen Lächeln erstarrt. So schreiten sie — große Ziele für jemanben, ber jetzt aus biefer bidjtgebrängten Menge auf sie schießen will, langsam bie Treppe hinab zum Auto. Die Fahnen wehen, bie Fahnen flattern. Graf Harrach überblickt bie Gefahr, bie bem Erzherzog beim Einsteigen von ber roartenben Menge broht unb springt, um ihn mit seinem Leibe zu schützen, auf bas linke Trittbrett bes Wagens.
Bei ber Einmündung ber Franz-Josef-Straße gegenüber ber Lateinerbrücke, biegt ber Chauffeur bes vorausfahrenben Sürgermeifterautos in die ursprünglich feftgelegte Richtung ein. Das Auto des Erzherzogs will nachfahren, aber Potiorek klopft dem Chauffeur auf bie Schulter: „Wir fahren ja falsch. Wir sollen boch gerabeaus über ben Appelkai!"
Der Chauffeur bremst ab ...
Gerabe in biesem Augenblick des Haltens springt hinter der großen, hölzernen Reklameflasche einer Weinhandlung ein junger Bursche hervor, dicht bis an das Auto heran, unb gibt zwei Schüsse ab. Die Herzogin ist ohnmächtig geworben, glaubt Potiorek, wie er sich zurückbeugt unb sieht, baß bie Herzogin langsam vom Sitz sinkt unb ihr Haupt in ben Schoß bes Erzherzogs bettet.
Tumult! Säbel fliegen aus ber Scheibe, blitzen burch bie Luft unb häuen auf ben jungen Burschen ein. Frauen kreischen auf. Leute rennen zusammen.
Das Auto reversiert unb fährt über bie Lateinerbrücke zum Konak hinüber. Major Höger, Baron Rurnerskirch unb Oberst Barbolff springen auf bas Trittbrett bes Wagens, um bie anscheinenb Verwundeten zu schützen.
Der Erzherzog streichelt ber vor ihm tnienben Herzogin bie Wange.
„Stirb nicht, Soph, bleib boch am Leben für unsere Kinber."
Graf Harrach beugt sich über ben Erzherzog:


