Ausgabe 
26.5.1933
 
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hl ihm die Erkenntnis, daß diese Stunde sein Genie gebar. Daß er aus einem kleinen mittelmäßigen Maler plötzlich zum Künstler geworden war. Vielleicht nur vorübergehend. Nur für die Dauer dieser Stunde. Und die unklare Angst vor dem Rückschlag, vor einer plötzlichen Entzauberung, steigerte seine schöpferische Glut zu einer Art von Paroxismus.

Längst hatte die hereinbrechende Dämmerung alle Farben verlöscht. Von der Frau am Fenster war kaum mehr zu sehen als eine dunkle Silhouette. Aber Grau hörte nicht auf zu arbeiten. Das Haar klebte ihm an der feuchten Stirn. In röchelnden Stützen flog [ein Atem. Er hatte schon lange aufgehört, nach dem Modell zu sehen. Er schaute- gleichsam in sich hinein. Er schöpfte aus den Diesen einer Impression, die ihm das Bild der vergötterten Frau in die Seele gebrannt hatte bis zur letzten Genauigkeit, bis zur delikatesten Farbenschattierung.

Auf einmal aber stockte ihm die Hand. Er glaubte, einen Seufzer gehört zu haben. Und plötzlich kam aus der Dämmerung eine kindlich klagende Stimme.

Fuchs hat Sie belogen. Ich bin gar nicht seine Nichte."

Der delirante Ton dieser Stimme hatte etwas Ergreifendes. Die Kehle wurde ihm eng.

Ich habe es geahnt", murmelte er beklommen.

Ich bin ihm verfallen. Man hat mich an ihn verschachert. Als Pfand gegen ein hohes Darlehn. Meine Familie stand vor dem Ruin. Fuchs ist ein Schuft! Er hat Böses mit mir vor."

Die Stimme zerbrach in einem hohen, kindlichen Weinen.

Donald Grau hatte plötzlich ein Gefühl, als erwache er aus einer Nar­kose. Der Hinterkopf schmerzte ihn wie von einem betäubenden Schlag. Wie ausgeblutet, wie erdrosselt von namenlosem Mitleid, lag ihm das Herz in der Brust. Er machte ein paar2 taumelnde Schritte gegen das Fenster zu. Und lag in der nächsten Sekunde vor der weinenden Frau auf den Knien. Niedergerissen. Ertrunken in seinen Gefühlen...

Plötzlich fühlte er sich am Rockkragen hochgezerrt. Die gelben Haisisch- zähne Caspar Fuchs' bleckten ihn höhnisch an. Er mutzt«, ohne anzuläuten, ins Haus gekommen sein. Feindselig starrte er den Maler an.

Halb sechs Uhr! Wir müssen jetzt Schluß machen, Herr Grau!" sagte er kalt.Denken Sie an unsere Abmachung. Bis spätestens 12. November muh das Bild in meinen Händen fein! Und jetzt machen Sie, daß Sie da hineinkommen! Mein« Nicht« will sich umkleiden."

Er stieß den jungen Mann mit brutalem Griff ins Nebenzimmer. Und wieder glaubte Grau das metallische Knirschen des Schlüssels zu hören. Als er, eine Viertelstunde später, vorsichtig nach der Klinke tastete, leistete die Tür keinen Widerstand. Das Atelier war leer. Das elektrische Licht brannte. Fetzen von braunem Packpapier lagen am Boden herum. Und nur das Bild der Geliebten erfüllte den Raum mit magischer Gegenwart.

Und damals haben Sie also den Entschluß gefaßt, Fuchs aus dem Leben zu schaffen?"

Dr. Morris stellte diese Frage mit so ruhiger Selbstverständlichkeit, als handle es sich um die alltäglichste Sache der Welt. Er saß neben Grau auf dem Rande des Divans und hielt noch immer seine Hand. Der Maler schüttelte nachdenklich den Kopf.Damals noch nicht, glaube ich wenig­stens nicht mit Bewußtsein."

Aber Sie haßten ihn doch?"

Ja, ich haßte ihn. Rasend haßte ich den Mann! Vielleicht wünschte ich ihm auch den Tod. Ich weiß es nicht. Aber an einen Mord habe ich nicht gedacht."

Das ist erstaunlich. Der Gedanke hätte ja ziemlich nahegelegen. Denn so, wie Sie für die Frau empfanden, mußte doch Ihr ganzes Sinnen darauf konzentriert fein, sie aus den Händen dieses Menschen zu befreien nicht?"

Donald Grau lehnte sich erschöpft in die Kissen zurück.Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich auch gefühlt, daß mir das nie gelingen würde."

Der Arzt bemerkte, daß das durchs Fenster eindringende Tageslicht den Patienten blendet«. Er zog geräuschlos die Vorhänge zu und ent­zündete eine grüne Stehlampe. Dann ließ er in einem Glas Wasser eine Tablette zerfallen und reichte Grau das Getränk. Der Patient trank ge­horsam die bittere Medizin und verzog dabei mit einer kindischen Weh­leidigkeit den Mund. Morris nickte ihm aufmunternd zu, bis das Glas geleert war. Dann fuhr er in feinem Examen fort.

Sie haben Kommissar Kling gesagt, daß Sie das Porträt zu dem vereinbarten Termin an Fuchs abgeliefert haben, ohne auch nur eine Kopie davon zurückzubehalten. Warum haben Sie das getan?"

Warum ich das getan habe?"

Ja, ich sehe darin einen psychologischen Widerspruch! Dieser Mann war doch sozusagen Ihr Feind. Zum mindesten doch von dem Augenblick, als Sie erfuhren, datz die Frau, die Sie liebten, unter ihm zu leiden hatte. Nicht wahr? Wie konnten Sie ihm dann auch noch dieses Bild ausliefern? Ein Bild, an dem Sie doch sicher mit ganzer Seele hingen! Die einzige Erinnerung, die Ihnen von der Geliebten geblieben war! Das ist absolut unverständlich." Der junge Mann grübelte in sich hinein.

Sie haben recht. Jetzt erscheint es mir auch auf einmal ganz unbe­greiflich. Aber damals mutzte ich es wohl tun." Sein Blick heftete sich starr an die Zimmerdecke.

Und es ist Ihnen auch niemals der Gedanke gekommen, ich meine, die Versuchung, das Bild einfach zu behalten?"

Niemals!"

Merkwürdig! Erst nachdem Sie es fortgefchickt hatten, kam Ihnen die Reue?"

Ja, eine unbezähmbare Sehnsucht nach dem Bilde! Seit es aus dem Hause war, hatte ich keine Ruhe mehr. Tagelang irrte ich wie ein Be­sessener in meinem Atelier herum. Ich konnte weder essen noch schlafen.

Ich glaube, ich wäre verrückt geworden ober gestorben, wenn ich es nicht getan hätte."

Was ,getan'? Den Mord meinen Sie?"

Nein, den konnte ich doch damals noch nicht voraussehen. Ich meine, datz ich mich entschloß, zu Fuchs zu fahren."

Sagen Sie, lieber Grau", Dr. Morris drehte nachdenklich das Fieberthermometer zwischen seinen Fingernerinnern Sie sich nicht, daß Sie in jenen Tagen einmal krank waren? Körperlich krank, meine ich. Ihre Haushälterin hat uns erzählt, Sie hätten mit hohem Fieber zu Bett gelegen." Grau machte eine geringschätzige Geste.

Mag schon sein! Aber es kann nichts von Bedeutung gewesen sein. Sonst hätte ich ja nicht reifen können."

Der Arzt betrachtete ihn nachdenklich.Ja, richtig! Denn das war ja wohl in den Tagen als Sie nach Berlin gefahren sind. Und nun erzählen Sie mir einmal, was eigentlich den Anstoß zur Ermordung von Fuchs gegeben hat. Sie tarnen doch zunächst nur in der Absicht zu ihm, ihn zur Herausgabe des Porträts zu bewegen?"

Natürlich. Aber er schlug es mir rundweg ab. Er erklärte, daß er eben dabei fei, das Bild an den Käufer zu schicken. Und er nagelte in meinem Beisein den Deckel fest. Als wenn er mich verhöhnen wollte."

Und da hoben Sie ein Stemmeisen vom Boden auf? Vermutlich in der Absicht, die Kiste wieder aufzubrechen und das Bild mit Gewalt an sich zu nehmen. Nicht wahr?"

Donald Grau überlegte. Dann schüttelte er langsam den Kops.

Nein, es war etwas anderes."

Was denn? Besinnen Sie sich nur ganz ruhig."

Ich hörte plötzlich hinter der Flügeltür ein Geräusch. Als wenn jemand mit der Faust gegen eine dünne Holzwand schlägt. Und dann hörte ich ein Weinen. Dieses hohe kindliche Weinen. Ganz schwach nur. Wie aus der Tiefe eines hohlen Raumes. Und da wußte ich, daß sie hinter dieser Tür war. Daß er sie da eingesperrt hielt. In dem großen Schrank, der ..."

Was sagen Sie? In einem Schrank? In was für einem Schrank? Und übrigens wie wollen Sie denn gewußt haben, daß in dem Zimmer nebenan ein Schrank stand? Haben Sie dieses Zimmer denn schon einmal betreten?"

Ich glaube, nein."

Aber vielleicht stand die Tür zum Korridor offen und Sie haben, ohne datz Sie sich dessen noch erinnern, im Vorbeigehen einen Blick hinein­geworfen. Das könnte ja fein."

Ich weiß nicht. Ich weiß nur, es stand ein Schrank vor der Tür. Ein sehr alter und breiter Schrank aus schwarzem Eschenholz. Und in dem Schrank hält er sie eingesperrt. Ich weiß es!" Eine eigensinnige Bestimmt­heit war in seinem Ton.

Dr. Morris verwandte kein Auge von ihm. Vorsichtig forschte er weiter.Und was geschah dann?"

Dann habe ich dem alten Hallunken auf den Kopf zu gesagt, daß ich seine Schliche kenne. Ich stellte mich vor die Tür. Ich befahl ihm, die Frau augenblicklich freizugeben oder ich würde die Polizei auf ihn hetzen. Aber er wollte nicht hören und so kam es..."

Ich verstehe! Das übrige haben Sie ja zu Protokoll gegeben."

Der Doktor stand auf und ging ein paarmal in sich versunken durchs Zimmer. Plötzlich blieb er stehen und fragte unvermittelt:

Und nach der Tat was taten Sie da?"

Grau antwortete nicht.

Ich meine, als Fuchs am Boden lag, als Sie sich darüber klar geworden waren, daß Sie ihn umgebracht hatten. Was geschah bann?"

Nichts. Ich weih nicht mehr."

Besinnen Sie sich! Machten Sie nicht den Versuch, die Frau zu befreien?"

Nein ... Ich weiß nicht. Ich glaube nicht."

Sonderbar! Ich denke, das war doch eigentlich der Zweck. Oder hat Ihnen Ihre Tat ein derartiges Entsetzen eingeflößt, daß Sie blindlings alles im Stich gelassen haben und ..."

Ja, ich glaube, das wird es wohl gewesen sein."

Dann müßte aber doch das Bild oder zum mindesten die Kiste in der Wohnung gefunden worden fein. Oder es müßte sie ein Dritter fort« geschafft haben. Können Sie sich nicht erinnern, ob eine Adresse auf der Kiste stand?"

Grau rieb sich die Stirn.Ja auf dem Deckel stand etwas mit Rotstift... Warten Sie ... setzt entsinne ich mich... Er versank in verquöltes Grübeln. ,®raf Kolinfky ... Werdenburg ...' glaube ich."

Doktor Morris schrieb die Namen in sein Notizbuch.

Er sah nach der Uhr. Fast drei Stunden waren seit Graus Eintritt vergangen. Es war höchste Zeit, die Sitzung abzubrechen. Der Patient war einem Zusammenbruch nahe.

Der Arzt entnahm einem Arzneischrank eine Injektionsspritze. Köpfte eine kleine Ampulle und ließ die glitzernde Flüssigkeit in die Spritze sickern. Dann streifte er dem Maler den Aermel auf und jagte ihm die Spritze unter die Haut. Grau zuckte kaum unter dem Stich zusammen. Apathisch, mit geschlossenen Augen, lag er der Wand zugekehrt. Erst all­mählich belebten sich unter dem Einfluß der Injektion feine zögernden Pulsfchläge, und es gelang ihm mit Hilfe des Arztes, zur Tür zu gehen. Dr. Morris verabschiedete ihn mit herzlichem Händedruck und sah ihm warm in die Augen.

Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, lieber Grau. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung, wann immer Sie mich brauchen sollten."

Ein Polizist nahm Grau im Vorzimmer in Empfang. Dr. Morris eilte ans Telephon und lieh sich mit Kommissar Kling verbinden.

Ich muß Sie sofort sprechen, Herr Kommissar. Ich habe Ihnen über­raschende Mitteilungen zu machen."

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. Druck und Derlag:Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steindrucker ei, A. Lange, Gietzerr.