Ausgabe 
26.5.1933
 
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Kalifornische Attigaiorenfarm.

Von Dr. Erwin <S t r a n i L

Man verlernt in den Bereinigten Staaten, und besonders In Sali« formen, wo vom Filmzauber bis zum Erdöl beinahe alles, was das Herz erträumt, zu finden ist, rasch das Staunen; als ich aber eine Einladung erhielt, auch einmal die Alligatorenfarm des Mr. William F. Rockwell zu besuchen, der früher in Palm Beach eine solche betrieben und nun hier eine Musterzucht ins Leben gerufen hatte, erfaßte mich doch wieder ge­linde Berwunderung. Denn daß man in Amerika neben Rindern, Scha­fen, Schweinen und Hühnern auf Farmen auch Krokodile züchtete, war mir bisher nicht bekannt. So beeilte ich mich, der freundlichen Aufforde­rung, eine derartige Seltsamkeit persönlich in Augenschein zu nehmen, Folge zu leisten, und schon am nächsten Morgen führte mich mein Hup­mobil von Santa Monica landeinwärts, Mr. Rockwells Besitzung zu, die ungefähr zwei Autostunden von der Pazifischen Küste entfernt lag.

Aeußerlich unterschied sich auch diese Farm nicht von ähnlichen Wirt­schaften im Lande der Union. Eine Reihe slachgestreckter Gebäude und Schuppen dehnte sich über ein mäßig ansteigendes Hügelland, ein riesiger Tümpel bildete den Mittelpunkt und den ganzen Komplex umschloß ein übermannshoher Bretterzaun. Ueber dem Eingang wehte das Sternen­banner und in mächtigen Lettern stand da auch zu lesen:Alligatoren­farm, Besichtigung ganztägig, Eintritt 1 Dollar."

Mr. Rockwell empfing mich persönlich und nahm meinen Dollar nicht an. Ich als Europäer fei natürlich fein Gast.Aber den reichen Amerika­nern und speziell deren Damen", fügte er hinzu,kann man ohne wei­teres einen Dollar abknöpfen. Denn alle, die hierher nach Kalifornien kommen, wollen etwas Sensationelles sehen. Das biete ich ihnen. Sollte ich es umsonst bieten?"

Der Mann hatte entschieden recht. Man mußte in diesen Tagen Geld verdienen, wo es nur möglich war. Und schließlich zogen die Cowboys ihren berühmten Dreß mit den Franzofenhosen ja auch nur noch gegen Bezahlung an. Man ging mit der Zeit und der fortschreitenden Aus­nützung jeder Lebens- und Gesellschaftsphase.

Uebrigens", fuhr Mr. Rockwell fort,ist unser Betrieb keineswegs eine bloße Luxusangelegenheit. Würde man heute die Alligatoren nicht in eigenen Farmen züchten, so gäbe es wahrscheinlich in hundert Jahren überhaupt keine mehr in Amerika. Was nicht so sehr für die Naturwissen­schaft als vor allem für die Lederindustrie einen unermeßlichen Schaden bedeuten würde."

Wir schritten einem der Schuppen zu und traten ein. Hinter Gittern lagen oder krochen, halb im Bodenschlarnrn verwühlt, etwa sünfzehn bis zwanzig dieser Riefeneidechsen. Ihre dunkelgrünen Rücken bekamen in dem Zwielicht, das den Raum erfüllte, einen schillernden Glanz. Hoben sie aber die langen, ringförmigen Schwänze und wälzten sie sich dem Aus­gang zu, der zum Tümpel hin führte, dann sah man bisweilen auch ihre Bäuche: nun war die Haut hell, von einer zarten Gelblichkeit überhaucht. Auch diese begann im Licht der Sonne zu irisieren.

Langsam krochen die Tiere, deren größte Exemplare mehr als vier Meter lang waren, auf dem Sande hin und her. Grunzend riffen sie ihre Mäuler auf, zeigten die scharfen Zähne, den unheimlichen Rachen. Sie alle gehörten der Familie der sogenannten Hechtalligatoren an, deren Heimat eigentlich der Mississippi ist, doch auch die meisten Gewässer von Siidkarolina, Georgia und Florida waren seinerzeit von Alligatoren reich bevölkert; obwohl sie der Naturgeschichte zufolge sich nur von Fischen nähren, gehen sie doch, wie Mr. Rockwell mir versicherte und durch zwei seiner Wärter, die selber Alligatorenfang betreiben, bestätigen ließ, bis­weilen auch aus das Bieh los, das an die Flußuser zur Tränke kommt und besitzen selbst vor Menschen keinen Respekt. Ihr Gebiß ist so kräftig, daß sie Arme ober Beine glatt zu zermalmen vermögen. Auch genügen einige Schläge mit ihrem grvßbeschuppten Schwanz, um einen Menschen bewußtlos zu machen oder gar zu töten. Trotzdem bleiben (te aber im Kamps mit den Menschen nur selten Sieger: denn sie bewegen sich ziem­lich langsam und die Männer, die darauf ausgehen, Alligatoren zu er­beuten, machen sich deren unfreiwillige Bequemlichkeit zunutze. Sie lassen sie bis zu einer nur noch kleinen Entfernung an sich herankommen und (Wagen sie dann mit einem Knüppel gerade in dem Augenblick auf ben Kopf wenn die Alligatoren ben Rachen öffnen, um ihr Opfer anzufallen. Das fei eine kinderleichte Art, dieser Riesentiere habhast zu werden ver­sichert mir Mr. Rockwell, es bedürfe bloß einiger Geschicklichkeit und

Die Neger wenden aber auch noch andere Methoden für ben Alliga- torenfang an: sie ziehen im Frühsommer zu ben Flüssen noch zu einer Zeit, ba die jungen Tiere, bie im Frühling den Eiern entschlüpfen, noch nicht sehr kräftig sinb unb spannen starke, engmaschige Netze In bieje verfangen sich bann oft gleich mehrere Stuck zur selben Seit. Ober fie nehmen ein Lasso, wersen bieses dem Alligator mit kühnem Schwung über den Kops, ziehen die Schlinge zu unb schleppen hierauf bas nun wehrlose Tier ans Laub.

Eine ganz befonbere Art, Alligatoren zu erbeuten, ist bie sogenannte nächtliche Jagb". Mit Blendlaternen ausgerüstet ziehen bie Jager an die Flußuser. Das grelle Licht lockt die Tiere aus dem Wasser sie schwimmen, den Kopf frei, an das unbekannte Etwas heran. Die Jager legen nun ihre Gewehre an und zielen in die Augen der Alligatoren. Ein Kopfschuß tötet sie sofort unb die mit Enterhaken nach den getroffe­nen Tieren roerfenben Hilfspersonen ziehen bann die kostbare Beute anSDaleman in Amerika seit Jahren soscharf" auf Alligatoren ist, hat seinen Grunb in bet Vorliebe ber Damenwelt für schone Krokodilleber- taschen unb Schuhe. Denn ba bie Bauchhaut ber Hechtalligatoren im Gegensatz zu ber ber großen Krokobile von Knochen frei ist, fo laßt sie sich ganz vorzüglich zu Leder verarbeiten. Man zahlte für einen Alli­gator schon immer sehr viel, neben ber Haut wurde auch fein Fett als Schmieröl verwendet, unb bies hatte zur Folge, baß bie an ben tpej« amerikanischen Flüssen wohnenden Leute mit geradezu unersättlicher Raubgier auf bie Tiere losgingen. Fast von Jahr zu -jafyr verminderte sich in ben Flüssen bie Zahl der Alligatoren, die junge Brut wurde immer

weggefangen, unb so blieb schließlich nichts anberes übrig, als Alligato­ren nicht mehr zu töten, sondern sie lebendig in eine Farm zu ver­pflanzen unb dort eine Zucht anzulegen.

Mr. Rockwell hatte folgenbe List angemenbet, um besonbers schöne Tiere als Zuchtexemplare für seinen Betrieb zu bekommen: er war mit einer Reihe seiner Leute an ben Mississippi gezogen: jeber von ihnen trug einen großen Holzpflock und diese Stangen stieß bie Expebition in die schlammigen Uferwasser. Die Alligatoren würben burch jenes un­erwartete Ereignis ziemlich gereizt, stürzten auf bie Stangen los unb verbißen sich berart fest barin, baß man fie mit Hilfe bes Pflocks an Lanb ziehen konnte. Dort banb man ihnen mit starken Stricken das Maul, bas noch immer bas Holz umklammert hielt, fest zusammen und fügte ben aus dem Rachen hervorstehenden Holzpflock ab.

Auf diese Weise wurden die Tiere unschädlich gemacht unb in die Farm gebracht. Erst hier ließen sie von ihrem Holz, sobald man ihnen die erste Nahrung zuwarf. Da Mr. Rockwell besonders gesunde und wohl­genährte Tiere als Zuchtexemplare bekommen wollte, begnügte er sich nicht, sie mit Fischen zu speisen, sondern schloß mit einer Schlachthaus­gesellschaft einen Vertrag ab, demzufolge von dort ganze Kisten von Fleischresten an die Farm gesandt werden. Zu besonderen Gelegenheiten, vor allem aber zur Zeit, wenn die Alligatoren Eier legen, und bann brüten, bekommen sie bisweilen auch ganz spezielle Leckerbissen, Enten, Gänse, Hühner unb Tauben.

Die Alligatorenzucht macht ber Farm nicht viel Mühe. Die Tiere sind gegen Krankheiten immun; es ist nur notwendig, sie nach ihrem Alter gesondert in verschiedenen Gehegen unterzubringen, weil es nicht selten vorkommt, daß die alten Alligatoren die jungen gerne auffressen. Man baut auch für die Tiere, um fie munter zu erhalten, eigene Rutschbahnen und es wirkt ganz eigentümlich zu sehen, wie die Krokodile mühsam auf der einen Seite ein Brett hinaufkriechen, um sich dann mit glotzenden Augen und ein wenig geöffnetem Rachen in wohliger Behaglichkeit auf der anderen Seite wieder ins Wasser herabgleiten zu lassen.

Die Alligatorenfarmen in Florida und Kalifornien liefern Tiere ihrer Zucht an alle Menagerien der Welt, auch an Zirkusse, wo man sie sich zu dressieren bemüht. Das Hauptgeschäft aber bildet natürlich bie Tötung der großen Tiere und ihre Enthäutung. Die Lederverarbeitung wird jedoch nicht mehr auf der Farm betrieben. Erst bie fertigen Probukte kommen in einzelnen Exemplaren mieber an die Farm zurück.

Mr. Rockwell führt mich zu einem kleinen Verkaufslaben, der neben ber Aüsgangstür aufgestellt ist. Da liegen schöne Alligatorentaschen, be­sonders hervorragenbe Leberstücke für Schuhe, Zähne als Andenken, Armbänder sowie aus ben Krallen der Tiere hergestellte kleine Schmuck­stücke. Denn die Zähne ber Alligatoren ersetzen heute bereits vielfach bas Elfenbein, ein Geschäftsgeheimnis, das in der Oeffentlichkeit noch sehr wenig bekannt ist.

Eine solche Farm, die eigentlich wenig Mühe macht, wenn sie ein­mal in ihren Grundlagen aufgebaut ist, trägt ziemlich viel Geld. Mr. Rock­well besitzt drei Autos und ein wundervolles Landhaus. Zwei bronzene Alligatoren halten vor den Eingangstoren seiner Villa Wache.

Die Dame mit dem Otterpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von 6 ot e n. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.

(Fortsetzung.)

In Sätzen jagte er die Treppe hinauf und klopfte an bie Tür.

Niemanb sagteHerein". Nichts rührte sich hinter bieser Tür. Die Stille hatte etwas Atemloses. Sie senkte sich wie ein bünner, fingenber Nebel auf sei« Denken. Mieber verspürte er biesen Schwinbel, bieses süße Vergehen. Wie bie letzte Bewuhtseinssekunbe vor einem Aetherrausch...

Dann ftanb er im Zimmer.

In der Nähe des Fensters saß regungslos eine Frau. Die gleiche Frau, die er bereits von der Photographie her kannte. In demselben schweren und kostbaren Kostüm eines vergangenen Jahrhunderts; über starrem Faltensall von maloenfarbenem Brokat eine weite Mantille aus Otterfell Unter dem Pelzbarett quoll rotflimmerndes Geringe! um eine Stirn von bezaubernder Klarheit. Dunkle Brauen spannten sich in stol­zem Bogen über einem Auge, bas stark unb golben leuchtet wie alter Tokayer mit einem unvergeßlich zärtlichen unb zugleich melancholischen Blick Aber das Ergreisenbste war ber Munb. Feucht unb rot, wie eine frembe Blume, blühte er in dem zarten Gesicht. Die Munbwinkel waren zu einem Lächeln verliest. Einem Lächeln, bas etwas seltsam Verhülltes hatte, wie hinter einem Schleier. Aber eine unvorstellbare Gewalt ging von biesem Lächeln aus. Ein unentrinnbarer Zauber, ber bie Wirklichkeit auslöschte unb alle Vernunft... . , . _.

Donalb (Brau empfanb biete Begegnung wie etwas Körperliches. Wie einen löblichen Schlag auf fein Herz, ber ihm für Sekunben den Atem abschnürte. Er wußte mit einer überwachen unb schmerzlichen Gewiß­heit baß biefe Frau sein Schicksal war. Daß er ihr verfallen war. Bis zur Beselfenheit. Bis zu Berzweiflung... m t

Es dauerte lange, bis er sich zu einer Begrüßung feines Modells auf« rafie®utennMbenb, Frau Gräfin", sagte er leise. Er wußte selbst nicht, warum er biefe Anrebe wählte. Aber es wäre ihm als ein Unbing vor- getommen, biefe Frau mit einem bürgerlichen Titel anzufprechen. Sie bankte ihm nur mit einem stummen Neigen bes Kopfes. Doch biefe Ge- bärbe hatte etwas tief Vertrauliches. Unb ihr Lächeln glitt babei wie eine Liebkosung über ihn hin. Donald Grau geriet in einen Zustand hilfloser Verwirrung. Mit schweren Knien zwang er sich zur Staffelet. Die Palette zitierte in feiner Hand. Wie im Traum begann er die Farben zu mischen.

Aber auf einmal erwachte in ihm ber Künstler. Die Flamme einer nie erlebten Inspiration schlug in ihm hoch. Ein beglückender Rausch riß alle feine Hemmungen mit fort und schleuderte ihn mit magischer Kraft über sich selbst hinaus. Er begann zu malen. Eine Raserei ergriff ihn. Ein Taumel der Verzückung. Seine Hand zitterte nicht mehr. Mit rastlosen Pinselftrichen gestaltete er das Erlebnis feiner Seele. Traumhaft war