Schwind und Menzel.
Line Betrachtung zu deutschen Künstlerbriefen.
Bon Dr. Wilhelm B o e ck.
Ein merkwürdig gegensätzliches Künstlerpaar wollen wir hier vorübergehend zusammenkoppeln, Moritz von Schwind und Adolph v o n Menzel. Den starken, süddeutschen Naturburschen und den zwerghaft kleinen Schlesier, der in Berlin lebte. Den stolzen Familienvater und Frauenverehrer, und den eingesponnenen Junggesellen, der sich mehr und mehr zum Frauenverächter entwickelte. Den Romantiker, der sich aus der Schnellebigkeit seiner Zeit in ein paradiesisches Dasein sehnte, und den harten Wirklichkeitsmenschen von philiströser Anspruchslosigkeit. Zwei Maler, in deren Werken gleichfalls entgegengesetzte Welten zu- sammenstohen, das Märchenreich des Ideals und das der geschichtlichen Notwendigkeit, deren Gemälde sich zueinander verhalten wie das stille Zeitalter der Postkutsche zu dem geräuschvolleren der Eisenbahn. Die beiden Meister haben aber trotzdem soviel des Verbindenden, das m der Tatsache ihres deutschen Künstlertums und darüber hinaus m kleinen persönlichen Aehnlichkeiten besteht, daß es ein besonderes Vergnügen bereitet sie einmal so nahe zusammenzubringen. Sie werden sich schon
iche Heilige" und solches Z^ug. Mein
Luxus wären Zeichnungen von Ihnen. Jetzt aber führ« ich ein Leben, wie ich es noch nie aufgesührt habe. Ich arbeite wie im Taglohn und habe gar keinen Umgang außer meiner Frau, die eben gar gut und heiter ist." „„ .
Die Geschichte seiner Heirat berichtet der 38,ahrige Kandidat in mehreren Briefen, die bezeichnenderweise an weibliche Vertraute im geliebten Wien gerichtet sind: „Liebe gnädige Frau! Gestern vormittag habe ich mich verlobt, mit Luise Sachs, Masorstochter von hier. Seit Weihnachten konnte ich aus der Mutter nichts Rechtes herauskriegen, bis ich gestern dranging und in ein paar Minuten alles erobert hatte. Das gute Mädel fing an zu meinen um ihren Vater und ihre Schwester, die beide in Zeit von acht Monaten gestorben sind, sie hat sich aber wieder getröstet. Alle Bekannten, Halbbekannten und selbst Fremde gratulieren mir, ich hätte das bravste Mädel auf weit und breit. — Ich bin Ämit ihr ausmarschiert und sah lauter vergnügte Gesichter. Dieser also, der so viel Unheil erlebt und angefangen hat, ist also endlich untergebracht. Man spricht von den Beschwerden des Ehestandes, gut, was aber ein alter Junggesell für ein nichtsnutziges, ungehöriges, abgelegtes Ding ist, davon kann ich auch reden. Nicht einmal seinen eigenen wirklichen Berdruh hat man, geschweige denn was anders. Mir, der ich immer in einem verehrenden und pagenartigen Verhältnis zu meinen Schätzen war, kommt es etwas spanisch vor, daß ein so schönes und stattliches Mädel ganz in meiner Gewalt ist, aber es ist gar nicht übel und meinem Alter anpassender als dumme und unerfüllte Wünsche. So rede ich aber nebst Ihnen nur zu ganz wenig Leuten, das heißt meinen Brüdern und sonst niemand, denn ich fange auch an zu bemerken, daß man einiges auf dieser Welt für sich behalten muß. Neben aller Weisheit muh ich aber auch gestehen, daß ich bis über die Ohren verliebt bin und, gequält von meiner kranken Leber, geärgert von Warten und meiner ganz prosaischen Schwiegermutter, Szenen aufführe, die eines Achtzehnjährigen vollkommen würdig wären."
Sein Familienleben war denn auch in jeder Beziehung gesegnet; wenn sich aber auch seinem Hause das Unglück naht, offenbart sich die seelische Zartheit des derb-fröhlichen Meisters auf rührende Weife. „Liebster Freund! Dein Brief kam in ein Trauerhaus. Ich zog mich an, um mein jüngstes Kind zum Grabe zu begleiten, und meine Frau hielt das zweitjüngste aitf dem Schoß, während man ihm Blutegel fetzte, um eine Gehirnentzündung zu verhüten. Wie lang ist es, daß ich Dir schrieb,
vertragen! , . m
Schon an Schwinds frühestem Schaffen nahm eine ganze Gemeinschaft gebildeter Freunde teil, die sich im geselligen Wien um Franz Schuberts Musik kristallisierte, und die Bande aus jenen unbeschwerten Tagen ließen den Maler fein ganzes Leben nicht los. Eine Zusammenkunft mit den alten Freunden nach langer Trennung vermag ihn zu begeisterter Schilderung hinzureißen: „Was waren für treffliche Leute auf einem Häufel beisammen, was gab's zu sehen und zu Horen! Wenn ich sehe, daß mich die alle lieb haben und sich freuen, mich zu sehen, da kommt'S mir auch wieder vor, als wäre was an mir und es wäre gerade nicht auf den Mist zu werfen, was ich allenfalls machen kann." Jeder hilft dem anderen nach Kräften vorwärts, denn im Künftlerdafetn geht es auf und ab; das merkte besonders Freund Bauernfeld, der Theaterdichter. „Deinen Verdruß über den letzten Durchfall begreife ich nicht nur, sondern teile ihn schon, feit ich davon hörte. Was fall man den Leuten machen, wenn ihnen solche Stücke nicht gefallen? Mit Ernst ist nichts und mit Humor ist's auch nichts. Ich bin der Meinung, daß unsere Zeit die zu nichts mehr Zeit hat, nur mit Gewalt dazu gebracht werden kann, sich vier Akte hindurch Zeit zu nehmen, sich zu unterhalten. Hol sie alle zusammen der Teufel." Welch wundervolle Genugtuung ander- feits, sich über fein eigenes Schaffen und feine Lage ohne Furcht vor Mißverständnis ausfprechen zu dürfen; die Serben, die die soziale 11 nv ftellung des Künstlers in jener Zeit mit sich brachte, geben dazu reichlich Veranlassung: „Das beste ist, daß ich ganz gefaßt bin, auf eigene Faust und Rechnung eben jo gern, fast noch lieber zu arbeiten als auf Bestellung. Das tägliche Brot ist nicht zu wenig, sondern etwas sehr Dankenswertes, wenn man denkt, wie manchem es knapp zugemesien ist." Manchmal aber wills mit dieser Zufriedenheit doch nicht recht gelingen. ,Mir arbeiten alle zu viel und haben zu wenig Freude. Da kommt das Ding her Bei mir wird's mit den Jahren besser. Nur verschluckten Merger kann ich nicht vertragen." Zur Erholung werden bann Lustschlößer gebaut. „An Gärten und Villen benke ich lange nicht mehr — schreibt er an ben befreundeten Maler Genetti —, wohl aber alles Ernstes, wenn ich mich noch einige Jahre herumgeschtagen habe, an ein kleines Haus in einem Ort, wo ein Kloster ist, mit Bibliothek, Orgel, Jagden und schöner Gegend, Wiesen für ein paar Kühe, Garten für Kraut und Erdäpfel und, wenn's recht gut, einem alten Schimmel, der mir die Leber zurecht schüttelt. Ich wäre imstande, dann nichts zu machen als Miniaturen wie „der munberlu'
.komm und steh, wie schön es bet mir ist?' — jetzt hab ich von den tau end Rosen, die damals blühten, die letzten meinem herzlieben Kinde mitgegeben, bei5, ein 23ilb bet ©efunbijeit, uns ben gnnjen Tug 311311* rufen fchien: Freuet euch, freuet euch, wie fchön ist alles! Aber auch das muß getragen fein. Ich las Deinen Brief, als ich von dem traurigen Gang zurückkehrte, und konnte mich freuen über deine Freundlichkeit und über den hellgrünen Nachklang, der aus den fchönen oberöfterreicher Zeiten in Dir lebendig ist. — Das Kind war schon, wie ich die Sachen packte, am Keuchhusten unwohl, der stch auf die Lunge roarf und es — an feinem ersten Geburtstag — hinüber nahm. Ich habe mir ein Grab neben dem feinigen gekauft, da will ich liegen." Was ihn so standhaft ein läßt, ist der selbstverständliche Glaube an ein Jenseits. „Was Du vom Aufhören des Individuums fagft, das ginge mir gerade noch ab. Es ist mir mein Lebtag nicht eingefallen, daran zu zweifeln. Wie oder wo, das macht mir keine Sorgen. Sollten wir wirklich unfern alten Schubert nicht mehr sehen und foviele Freunde, und sollten keine guten Tage bereitet fein für fo viele, die ihr ganzes Leben in Qual und Krankheit zubringen?" , „ . . .
Suchen wir das Gemeinsame in diesen Briefstellen und Schwinds Bildern fo ist es die fchöpferifche, entwirrende Auswahl aus der Wirklichkeit und der zündende Kontakt zwischen Naturbeobachtung und dichterischer Kombination. Schwind selbst hat das ungewollt so definiert: „qur mich ist die romantische Welt die, wo man feine Feinde niederhaut, für eine Freunde ins Feuer geht und einer verehrten Frau die Fuße küßt. Dazu ein Hintergrund von gesunder und lebendiger Natur statt unserm Kanzleitisch." Malereien und Briefe sind bei aller Unmittelbarkeit ohne laute Ausbrüche, dafür munter gesprächig wie ein plätschernder Vach. —
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Das ist bei Adolph Menzel ganz anders. In Menzels Briefen ist ein viel größerer laullicher Ueberschwall, sie find akustischer als die von Schwind Man wird unwillkürlich an Menzels besondere Fähigkeit erinnert in seinen Bildern Schallillusionen zu erwecken, das Flattern von Fahnen, das Geschwirrs von Stimmen in einem Festsaale oder gar das Getöse in einem Walzwerk. So geben auch feine Worte nicht nur die Vorstellung vorn Aussehen, sondern von allen Lebensäußerungen der Dinge zugleich, und um den Wirrwarr seiner Pariser Reise tumultuansch erstehen zu lassen, braucht er nur eine Reihe von treffenden Schlagworten aneinander zu fügen, wie „Hausknechte, Ritterruinen, Illuminationen Schlöffer, Weinberge, Nachttöpfe, Gasthofsrechnungen, Maschinen, herumfliegenden Eifenbahndreck, Kunstwerke, Springbrunnen usw
Wie mit dem Pinsel so gibt er auch mit der Feder nicht bloß eine treue Schilderung, sondern steigert die Lebendigkeit selbst der toten Ge- genstände ins Beängstigende und Wilde. Das triviale Erlebnis einer Erkältung wird in einem Brief an feinen Intimus, den Potsdamer Arzt P u h l m a n n, mehr als deutlich, tritt fo dicht heran, daß man die Luft des Krankenzimmers zu atmen glaubt: „Hochgeliebter! Könnte ich vor Husten zum Flennen kommen, so flennte ich, daß ich diesmal eben vor Husten nicht dahin kommen wende, Dich selber zu sehen, zu bewun- schen zu umhalsen. Ja allerdings ohne Hyperbel seit fast 14 Tagen hat ich ein anfänglicher Catarrh in ein exclusives Gehuste concentnert, daß ich, wenn auch in meinem übrigen Befinden davon unbehelligt doch sehr belästigt und genirt bin beim Sprechen und gar Ausgehen in dieser immer noch winterlichen Temperatur. S'ist unausstehlich! In diesen Tagen wo ich's einmahl nur mit den Hausmitteln, ick est Bonbons aller Nationen und Thees und warmem Zuckergewässer habe durchsetzen wollen, bin ich denn auch inne geworden daß sie im Durchschnitt so wirksam sind als die Medikamente gegen Wanzen, Liebe, Zahnschmerz, Prellerei der Wiener Kutscher und vieles Andere Berechtigte im Leben. Kurz ich bin eben vermahlen nicht so ungeniert um mich an diesem Freudentage in Schwatzen Lachen eventuell Trinken so gehen lassen zu können wie ich möchte, ba^er lasse uns unser Kommen und Feiern auf einen künftigen andern Sonntag verschieben."
Die geradezu tolle Luft am Historischen, die der Maler Friedrichs des Großen in seinen berühmten Bildern zeigt, spricht auch aus der barocken Uebertreibung und Schnörkelhaftigkeit seines Briefstils „Trotz allem Merger Friedrich über Alles!" ist das Motto feiner Tätigkeit, und leidenschaftlich vertieft er sich in Welt und Umwelt des genialen Preußenkönigs. Ihm ist es nicht wie Schwind in feinen Werken aus der deutschen Geschichte nur um die typische Wahrscheinlichkeit, sondern um die wissen- schaftliche Richtigkeit der dargestellten Sache zu tun.
Wie verschieden Menzel und Schwind, beide begeisterte Musikfreunde, die Töne aufgenommen haben, welche weitgetrennten Gedanken sie sich über den Sinn ihrer eigenen Kunst, der Malerei, machten, laßt sich im einzelnen in ihren Briefen vergleichen. Auch Menzel, der stets mit feinen Geschwistern zufammen lebte, beffen Freunde weniger berühmte Namen trugen wird durch ein starkes, außerordentlich ernstes Mitgefühl ausgezeichnet. „Das Leben will einmahl mehr ertragen und durchgemacht als genoßen fein", ist der stoische Schluß seiner Erfahrungen und feines Glaubens an eine höhere Bestimmung. Als Menfch und Künstler gilt ihm Bereitschaft für alle Fälle und zu jeder Zeit als das Höchste. „Nichts reut bitterer als Versäumnisse aus der Unlust zu der man sich durch augenblickliches Mißbehagen oder Verdruß, den ja doch bas Leben gleich fortfpült, hat herabdrücken lassen. Wie gesagt man muh grabe in wichtigen Zeiten gar keinen Anspruch an ein Selbstgefühl feines eigenen Daseins machen." In diesem Sinne schreibt er im Revolutions>ahr 1848: „Wie ich Ihnen überhaupt gestehe, es schmerzt mich jetzt zum Ersten- male was mir bis dahin ziemlich einerlei war: bah kein großer starker Kerl aus mir geworden ist", und 1866 blickt er auf dem Schlachtfeld dem Tod ins Antlitz, während Schwind an Ludwig Richter schreibt: „Wären die Preußen in Wien eingerückt, fo hätten sie mich auf meinem Gerüst malend gefunden, in der Zuversicht, daß sie doch nicht ein paar arme Maler herabschießen würden wie die Spatzen. Ich kann in meinem Alter wegen Geschichten die mich am Ende nichts angehen, nicht ein Jahr versäumen." In diesem verschiedenen Verhalten liegt der ganze große Unterschied der beiden Naturen.


