Ausgabe 
26.5.1933
 
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Geheuer Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1955__________________________Freitag, den 26. Mai____________________________Nummer 40

Stunde der Besinnung. .

Von Edmund Finke.

Weißt du, wenn wir abends beim gedeckten Tische von der Jugend sprechen, die so rasch verging, ist's, als funkelte in einer dunklen Nische sanft ein Spiegel, der in wundervoller Frische unterm Spinngeweb der Stunden hing.

Und es schimmert im verblichenen Damast« Prunk und Abglanz ritterlicher Zeit, bunte Reiher fliegen tief durch die verblaßte Landschaft hin, in Aufbruch und Gehaste steht verzaubert eine Jagd darin.

Lächelnd heben wir vom traumdurchwebten Linnen unfern Blick zu Butter, Käs und Brot;

deutsch sein, das heißt nicht: verlieren und gewinnen, das heißt: öienen, opfern, sich besinnen

was tut not?

Es tut not, zum Dritten Reich zu stehen, es tut not: Gehorsam, Würde, Mut, Treue halten, mit 'dem Führer gehen, jede Pflicht, zu der du ausersehen, jede Tat in seinem Dienst ist gut.

Trug uns auch die Sturmflut unsrer Stunden in das tiefste Wellental der Zeit, blutend noch aus abertausend Wunden steigt das Reich, zu dem wir heimgefunden, aus der Asche der Vergangenheit.

Andenken des armen Hans.

Eine Erzählung von Paul Alverdes.

Eigentlich hieß er seiner ungemeinen Körperkräfte wegen in unserem Freundeskreis der starke Hans, doch hörte ich ihn nach feinem Tode von allen, die ihn gekannt und geliebt hatten, nur noch den armen Hans nennen, und so will ich sein Andenken unter seinem letzten Namen bewahrt haben. Der arme Hans also war der erklärte Führer und der Abgott eines Rudels von Knaben und Jünglingen vor dem Kriege, und er war mein Freund und mein Lehrer. Er war vier oder fünf Jahre älter als ich.

Was er mich lehrte: Er lehrte mich Eisläufen, Radfahren und Schwim­men; die Laute schlagen. Singen und Ziehharmonika spielen; er lehrte mich Nähen, Kocheg, Stiefel schmieren, ein Zelt aufschlagen und die Nacht im Freien zu schlafen; er lehrte mich Mühsal, Entbehrung und Abenteuer suchen und lieben und die selbstwillig aufgenommene Gefahr mit Fassung bestehen. Er lehrte mich Heiterkeit, denn Heiterkeit war vor allem sein wahres Element, unter ihrem Zeichen schien er geboren, und er schöpfte sie immer neu aus der Unerschöpflichkeit eines wunderbar gesunden, wunderbar starken Körpers und eines reichen und hellen Ge­müts. Auch jene Schwermut, welche ihn in mancher Nacht in Tränen ausbrechen machte, vor denen ich ratlos war, in mancher Nacht auf den Hochmooren der Eifel oder in den einsamen Waldschasten des Sauer­landes, auch diese Schwermut ist vielleicht nichts anderes gewesen als unerlöste Heiterkeit, nichts als der Ueberschwang einer mit Leidenschaft allen Erscheinungen dieser Erde zugewandten Seele.

Der arme Hans war eher klein als groß, schmal in den Hüften, an Brust und Gliedern mit Muskeln bepackt und von Schultern breit wie ein Schrank. Oftmals, beim verwegen spielenden Klettern auf Bäumen und Felsen, beim Reiten auf ungesattelten störrischen Bauerngäulen, beim Schwimmen in strudelnden oder eisigen Flüssen, bei Raufereien mit zudringlichen ober betrunkenen Stromern, schien er die Gefahr einzig um der Gefahr willen zu suchen und herauszufordern. Mit weihen Zäh­nen aus dem braunen Gesicht lachend, mit irgend einer Trophäe ge­schmückt, einem Riemen etwa, einem Stecken oder einem Laubzweig, kehrte er bann in ber gut gespielten Haltung eines Opernhelden ober eines siegreichen Ringkämpfers in unfern Kreis zurück; er war nicht wenig stolz auf sich, aber er verbarg cs unter Spott auf sich selbst. Über­

haupt war seine schauspielerische Begabung erstaunlich. Er vermochte redend und singend nachzuahmen wen und was er wollte, und wenn er am Kochfeuer oder auf dem Lagerstroh sein Abenteuer noch einmal zum Besten gab, was spätestens doch am gleichen Abend geschah, so pflegte er nicht nur die Menschen, sondern die Tiere selbst, die dabei waren, oder den Wind, der wehte, den Regen, der brauste, das Feuer, das knisterte, mit vielfältig beschwörenden Gebärden und Geräuschen noch einmal für uns wahrnehmlich zu machen. Dann war alles bunter und hinreißender, als es das Leben selber jemals gewesen fein mochte, und das Vergangene nicht vergangen, sondern lebte fort, so oft wir es von ihm begehrten.

Im Sommer des Jahres 1916 riß dem armen Hans, der damals noch nicht lange Offizier war, eine französische Kugel eine tiefe Furche über den Schädel, und er wurde für sterbend nach rückwärts getragen. Unerwarteterweife aber genas er, obwohl er an Gehirnmasse fo viel ver­loren hatte, wie auf einen Eßlöffel geht. Nur eine völlige Lähmung feiner Füße blieb auf lange Zeit davon zurück. Als nach zwei Jahren auch diese sich zu beheben schien, glaubten viele, daß er nun ganz wieder der Alte werden würde; er ist es aber doch nicht mehr geworden.

Kurz vor seiner Entlassung besuchte ich ihn in seinem Lazarett. Er schien heiter wie nur jemals, doch als die Kameraden uns allein gelassen hatten, vertraute er mir ein Geheimnis an. Er vertraute es mir ganz alleine an, keinem Menschen sonst, wie er sagte, weil er ja sehe, daß ich sein lieber Freund geblieben fei. Es handelte sich um Tiere, äußerst hinterhältige und heimtückische Tiere von der Gestalt und dem Wesen etwa talergrotzer schwarzer Käfer, welche die Wände und die Decke und den Boden seines Zimmers mit schauderhaftem Gewimmel erfüllten, so­bald es dunkel sei und man ihn allein lasse. Riefe er aber, ober schalte das Licht ein, so seien sie mit einem Nu alle in ihren Verstecken ver­schwunden, und er habe dem Arzt und den Schwestern noch nicht einen einzigen zeigen können, was ihn bei der ganzen Sache am allermeisten ärgere und quäle.

Ich erschrak damals nicht sonderlich, denn ich hatte selbst eine geraume Zeit in einem Spital hinter mir, und gerne versprach ich ihm, auch ein zweites Geheimnis zu bewahren, das er mir ferner anvertraute. Es war der Besitz einer kleinen Spritze aus Glas, mit einer wasserhellen Flüssigkeit gefüllt, deren Hohlnadel er sich genießerisch auf die immer noch pralle und braune Haut seines Unterarmes setzte. Er hatte oftmals nämlich Anfälle so rasender Schmerzen, daß er tobte und von vier Männern nicht zu bändigen war; dann fuhr er mit seinem Bett, das auf Rollen stand, wie mit einer Karre im Zimmer hin und her, so schüttelte es ihn und fo stark war er immer noch, wie er mit Genugtuung berichtete.

Ein oder zwei Jahre lang sah ich ihn bann nicht wieder, hörte aber, daß er ganz gesund geworden sei und eines der reichsten und schönsten Mädchen unserer Stadt geheiratet habe. Er selber stammte übrigens aus einer unvermögenden Beamtenfamilie.

Wie betroffen aber war ich, als ich ihn nach meiner Rückkehr wieder besuchte. Er war unmäßig fett geworden und ganz weiß im Gesicht, atmete schnaubend durch die Nase und bewegte sich schwerfällig; ich sah, daß er die Füße nachschleppte und daß er es nicht verbergen konnte. Er war kostbar, aber stutzerhaft gekleidet und roch nach teuren Wassern und Seifen. Fast herablassend begrüßte er mich und schien sich unserer Freund­schaft nur verlegen zu erinnern. Ich blieb bei ihm zu Tische, weil es so

verabredet war; er auf eine leckerhafte und wollüstige Art unmäßige

Mengen der teuersten und erlefenften Speisen und trank schwere Süd- roeine dazu. Seine sehr schöne junge Frau sah ihm halb mitleidig und

halb verächtlich zu. Ich empfahl mich bald wieder, und es fügte sich, daß

ich nicht lange darauf die Stadt für immer verließ.

In jener Zeit, so hörte ich später, verstrickte er sich schon immer tiefer in allerlei zweifelhafte Abenteuer mit Spielern und Frauenzimmern, welche ihm zuletzt das Verfahren vor dem Strafgericht einzubringen drohten. Ich kann es mir nicht anders erklären, als daß er zwar körper- lief) und geistig ganz verwandell war, daß aber der eingeborene Hang zum Außergewöhnlichen, und wenn es nur verspielt und kindisch war, auch den Verwandelten noch mächtig bewegte wie einst. So mag er auf jene Gesellschaft und auf den Reiz des Geheimen, zuletzt auf den Reiz des Gemeinen und Widerwärtigen verfallen sein. In der Nacht vor seiner Verhastung, durch einen vorläufigen Gerichtsentscheid schon von seiner Frau getrennt, vergiftete er sich, auf einer Bank vor ihrem Haufe sitzend. Ein Gefährte aus Knabentagen teilte es mir in einem Briefe mit. Der arme Hans, schrieb er, habe durch einen Irrtum der Natur zweimal sterben müssen, denn er fei ganz ohne Zweifel durch jene Kugel damals getötet worden, wie es ihm bestimmt war, und alles, was sich danach noch mit ihm begeben habe, fei nichts gewesen als eine Gespenstere! der niedrigsten und jammervollsten Art. Ich glaube, daß er damit auf seine Weise nicht Unrecht hat, wenngleich ich nicht zu sagen wüßte, womit der arme Hans ein solches Schicksal verdient haben sollte.