Ausgabe 
25.9.1933
 
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Das ist alles anders, Elli. Geht viel tiefer. Bis in die Wurzel." Sie überlegt mit ihrem ungelehrten Köpfchen, was wohl bis in Peter Schönleins Wurzel gehen könnte. Die Leute haben jeder seine Sorge, jeder seinen Gram, und jeder bekümmert sich nur um den Dreck, in dem er selber bis an den Hals steckt. Es ist nicht mehr die Zeit, in der man sich stolz im Zusammenhang mit dem Ganzen empfindet. Aber so groß und plötzlich aufgewacht ist jetzt ElliS Bemühen, daß sie bis zu der zweifelnden Frage vor­dringt:Ist es wegen Deutschlands^"

Der Mann spielt mit seiner großen, blanken Papierschere. Aber nein, Kindchen. Was kann ich dafür? Ich habe immer ge­

tan, was ich konnte. Man kann sich zwar Vicht vorstellen, baß man so tief unten, als ginge es nie wieder hrnauf, als Einzelner glücklich sein kann." Er stockt immer wieder und laßt seine Augen auf dem spiegelnden Metall der Schere, klapp, macht sie mit einem bell reibenden Ton, klapp, und schneidet etwas nicht Vorhandenes weg,*kl ap p. ^,Oder"doch. iclleicht ist es sein Unglück, das uns alle innerlich schwanken macht, bis wir uns >elber anzweiseln. So sind wir ja selber: Deutschland ist seit allen Zeiten ein Traum, von dem viel geredet wird, aber er verwirklicht sich nicht, er wird nie­mals Wirklichkeit werden, er scheitert immer wieder an den Deut­schen. Wir sterben unfertig, ein ganzes Volk. Und wa» uns ge­lingt, das kommt immer mühsam aus irgendeinem Elend hervor, U es^ja^e°igentlich gewohnt", flüstert Elli beklommen. Sie

versteht soviel wie ein Hund, der seinem Herrn zuhort: den Ton. Also alles. Also mehr als alles. Es tut Schonlein wohl, mit einer Frau zu reden, die ihm nichts erwidert um des Erwiderns willen.

Er greift zum Fernsprecher.und bestellt ein paar Flaschen Wein, ausgesuchte Sorten, nicht teuer, etwas, was man findet, wenn man gelegentlich den Prozeß eines Weinhändlers gewonnen hat. Aber diese Bestellung gilt nicht, wie sich zeigen wird.

Denn jetzt erscheinen die Gäste. Nur zwei? Nur Doktor Wagenschanz, und in seinem Gefolge Rosemarie Reubold? »Mein Neklamemann brütet ein wichtiges Ei aus", gibt Anton zur Kennt­nis,und wünscht dabei ungestört zu bleiben. Sie genehmigen darum diese intimere Zusammenstellung." t m .

Genehmigt", sagt Schönlein leichthin. Er nimmt Rosemaries Hand, drei Wochen war sie nicht hier, früher immer, Tag für Tag, sie blicken aneinander vorbei und reden sich mit Sie an. Ohne Frage, das ist richtig vor den andern, aber ohne Frage, es ist auch nötig so vor ihnen selbst. .Ich werde dir heute zeigen, denkt er in ihre streng gewordenen Augen hinein, was du aufgegeben

'Warum sind Sie denn heute weggelaufen, Elli?" erkundigt sich Doktor Waqenschanz gemütlich.Sie hatten nämlich eine Viertelstunde später erfahren, daß Sie aufgebessert worden sind, bedenken Sie, heutzutage!" Der Wein steht auf dem Tisch.Um wieviel war es noch", überlegt er,um zehn Mark.

Wenn schon." Sie rümpft gegen ihn die frechen Lippen. Wird ja doch nicht ausgezahlt. Bessert mich nur auf, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Ich habe trotzdem kein Gluck. Anton ergreift die Flasche und prüft die Marke, ohne daß er sich etwas dabei denken kann.Wein?" Man sieht und spurt ihn in Peters Arbeitszimmer hinüberstampfen, dort sucht er eine Telephon- nummer heraus.Schicken Sie sofort drei Flaschen Sekt zu Herrn Rechtsanwalt Schönlein." . .

Was für eine Sorte, wenn ich bitten darf? lautet die Frage.

Die teuerste." Abgehängt. . ,

Prolet!' denken Rosemarie und Peter einstimmig.Haben Sie heute eine Feier?" erkundigt sich der Gastgeber mit gerun- Acltei (Stitnc.

Dieser Vorfall, der allem Gastrccht widerspricht, schafft eine feindselige Stimmung. Rosemarie öffnet stehend den Tastendeckci des Flügels, ihre Finger fahren ein paarmal unentschlossen zu­stoßend über die blanken Tasten,' aber bevor eine Melodie er­kennbar wird, bricht das Mädchen ab.

Neben Sie noch?"

Ich habe wenig Zeit."

Und wie steht es mit den Konzerten, die Sie geplant haben? Sollten die Waqenschanz-Werke sich in einiger Zeit durch- gebisscn haben", mischt Anton sich ein,so kann Fräulein Reubold so viele Konzerte veranstalten, wie sie mag." ,

Wird sie dann noch mögen?" zweifelt Peter.Was lesen «ie?

examiniert er.Nichts? Sagen Sie, warum muß man in unferm Land immer so gründlich die Fahne wechseln? Warum kommt man hierzulande aus den Gebirgen von Jahrtausenden und ver­liert sich spurlos in der Ebene unsrer flachen Gegenwart?

Peter, bitten ihre Augen, vergiß nicht, daß ich bei dir em-

gcladcn bin. , , t .

Sein Blick antwortet: ,Jch habe dich nicht eingeladen. da» hat dein Herr Chef getan, und er spendiert jetzt auch folgerichtig den Sekt.' Dieser ist in wenigen Minuten zur Stelle, kellerkalt, cui Pfropfen knallt protzenhaft an die Decke, der Schaum strömt ui die Gläser, die Schönlein aus dem hintersten Winkel des Geschirr schranks hervorgesucht hat. Beim Sekt, wenn man ihn selten trinkt, denkt man gern: wann trinken wir die nächste Flasche, wann tranken wir die vorige, das war noch in Lisas Zeit! Anw damals wollten die innerlichen Zustände keinen festeren Umn« gewinnen, nur die Erinnerung täuscht ihn jetzt vor. Prost, Meteor meines Lebens, wir sind alle nur Raketen und verpuffen rubmw^i

Uebrigens, Gastgeber ... Mit der Sicherheit seiner dialektitchen Fähigkeiten baut Peter a» den hohen Bogen eines Gesprächs, ote hie und da von den Pfeilern der höchst einsilbigen Erwiderungen. Rosemaries gestützt werden. In diesem Zusammenhang komm: e« auf Elli nicht an, sie besitzt die glückliche und weit verbreitete Gabe, mit Spannung auch da zuzuhören, wo sie kein Wort ver- steht. Wichtig ist nur, daß die Unterhaltung auf ästhctilchcn Fit­tichen hoch iiber Doktor Wagcnschanz' Bauernschädel hinwegglettcl- Schönlein bat den Mann nicht eingeladen, oder wenn, dann nur" um Ellis Entlassung bei einem Glase Wein abzuwcndcn. Gle,au- viel, zartbesaitet ist der Grünkramdoktor nicht. Bün Musik rcocn. die beiden ans der anderen Welt, sie finden sich leicht durm ö Gewirr unverständlicher Fachausdrücke, schon gleitet «chonici nut einer spielenden Wendung in die Literatur.

(Fortsetzung folgt.)

"3eranttoo<tlid); l)r. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen

meaen drei Worte genügen schon, die Sache geht in Ord­nung. Aber dafür wird Schönlein am Abend Gäste haben, die ihm gleichgültig oder zuwider sind und schlimmer, nach der abgrund- tiefen Zeit mehrerer Wochen wird Rosemarie wieder seine Woh­nung betreten, es war keine Fermate, die Musik spielt überhaupt nicht mehr, der Taktstock ist schon weggelegt. r,

>n diesen Wochen quälten ihn die beruflichen Aergerlichkeiten, das Uebliche, das man allein so heftig empfindet.

Aber vor allem kam heute früh ein Brief von Lisa.

,Jch habe immer das Grenzenlose geliebt", schreibt sie aus ihrer süddeutschen kleinen Theaterstadt,bin ich darum von dir weggegangen? Aber das weiß man selber nicht so genau, und wenn man einen Menschen kennt wie ich dich, verwickelt rnan sich in seinen Widersprüchen. Denn du bist ia grenzenlos, und gerade düs kann ich an. dir nicht leiden. Die sieben Jahre, die ich dir gab, fehlen mir nun, ich kann nicht mehr so übermütig auf der Him­melsleiter meines Lebens klettern, weil ich in den sieben Jahren mit dir gelernt habe, wie schwer das Klettern fallt: und wie! trüge­risch der Lohn bleibt, das bringst du leder Frau bei, die dich liebt. Hier singe ich nun, endlich, eine der drei Damen aus derZauber­flöte" immerhin eine beachtete Rolle. So geht es mit uns zu. wir ziehen am Himmel herauf und leuchten vor uns her rote Meteore, schließlich verpuffen rotr wie Raketen.

Bei ^der^ Rückkehr findet Peter seine Besucherin ausgeweint, blaß und zusammengekauert.Also Sie beruhigen sich, Kindchen, es ist alles ins Lot gebracht, morgen früh werden Sie wieder an Ihrer geliebten Schreibmaschine sitzen."

Schon gut", antwortet Elli gleichgültig,es hat sich was mit der geliebten Schreibmaschine. Aber ich habe mir gleich gedacht, Sie werden es schon wieder zusammenputzen. So oder so.

Elli, was fehlt Ihnen?"

Ich habe eine kleine Pfefferminzvergiftung. Die ganze Tute mit den scharfen weißen und rosa Pralinen, ein Viertelpfund, ist leer. Im nächsten Augenblick muß Elli über sich selber lachen, so unmäßig und übertrieben, daß ihr Gelächter nicht anders als wieder in einem sinnlosen Weinen endigen kann, ein kleines Mäd­chen, das seine Arbeit verlogen und sofort wiedergefunden hat, alles bleibt wie es war, hinauf und hinab rast das Geläuf über die Tasten dieses Seelchens. . m l ,

Die Pfefferminzbonbonvergiftung heilt Peter mit zwei starken Kognaks.Nun ist doch alles wieder gut?"

Ach, gut. Ich habe niemals Glück. Niemals.

Wieso? Das ist mehr Glück als Verstand. Was verlangen Sie noch?"

Ich weiß es nicht, Herr Schönlein. Alles wurscht." .

Der Oktoberabend draußen brachte Nebel, Peter hat kalte Fuße bekommen. Er schickt Elli in die Küche und läßt sich einen Tee kochen, und sogleich lächelt sie und springt davon, die. Kanne Tee für Peter Schönlcin verleiht ihr ein größeres Selbstgefühl als tue wiedergewonnene Schreibmaschine.

Währenddessen sitzt Schönlcin vor seinem Arbeitstisch, an die­sem männlichen Platz, und blickt mit leeren Augen an den ee= wohnten Dingen vorbei. Er ging während dieser Wochen durch Zimmer, die zum zweitenmal verwaisten, jedesmal möchte das Herz sich von Grund auf verwandeln, jedesmal verhält es sich nach demselben fehlerhaften Grundriß. Er knipst die Lampe an, Elli stellt ihm schüchtern sein Teetablettchen hin.Warum wollen Sie denn niemals Glück haben, Elli? Sie sind hübsch und leicht­herzig. Oder wissen Sie jemand, der wirklich Glück hat?"

Sie, Herr Schönlein!" strahlt sie ihn an. Sie sagt nicht: Doktor Wagcnschanz, weil er mit seiner Fabrik vorwärts kommt: oder Rosemarie, weil sie Geld verdient.

Ich möchte wissen, wieso."

Sie haben eine schöne Wohnung, die Leute kommen zu Jh,nen und fragen Sie um Rat, Sie haben immer etwas zu tun, niemand kann Ihnen kündigen. Das ist doch allerhand."

Das ist nicht genug, Elli."

Verdienen Sie nicht genug Geld?"

Er lächelt.Ich verstehe mich einzurichten." Das stimmt genau, - und es ist sicherlich jener Reichtum, der wieder in die Mode kommt: er versteht sich einznrichten und ist stolz auf seine Be­dürfnislosigkeit. , , , .

Elli hockt auf der dunkelsten Kante seiner Schreibtischplatte, läßt sie schlanken Beine herunterbaumeln und fängt an, Rätsel zu raten: Ob er mehr Prozesse verliere als andere Anwälte? Oder", wagt sie sich vor,ist es, weil jetzt keine Frau hier ist?"

Wohl nicht. Ich würde schon diese oder jene finden."

Das glaube ich nämlich auch. Was sollen wir denn da sagen", trumpft sie aus,wir kommen doch überhaupt nicht vor­wärts, haben keine Aussichten und arbeiten für fremde Leute, und es kann uns eigentlich nur schlechter gehen. Aber Sie haben es zu etwas gebracht. Warum genügt es Ihnen nicht?"