Ausgabe 
25.9.1933
 
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Eichener ZamMenblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 4933 Montag, den 25.5eptember Nummer^

Oer geheimnisvolle Nachen.

Von Friedrich Nietzsche.

Gestern nachts, als alles schlief, Kaum der Wind mit ungewißen Seufzern durch die Gasten lief. Gab mir Ruhe nicht das Kisten, Noch der Mohn, noch, was sonst tief Schlafen macht, ein gut Gewissen. Endlich schlug ich mir den Schlaf Aus dem Sinn und lief zum Strande. Mondhell roar's und mild, ich traf Mann und Kahn auf warmem Sande, Schläfrig beide, Hirt und Schaf: Schläfrig stieß der Kahn vom Lande. Eine Stunde, leicht auch zwei, Oder war's ein Jahr? Da sanken Plötzlich mir Sinn und Gedanken In ein ewges Einerlei, Und ein Abgrund ohne Schranken , Tat sich auf: da war's vorbei!

Morgen kam: auf schwarzen Tiefen Steht ein Kahn und ruht und ruht ... Was geschah? so rief's, so riefen Hundert bald: was gab es: Blut?--

Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen Alle ach, so gut! so gut!

Revolte aufA XVIII.

Von Carl Maria Gilgen.

Weithin leuchtete die glänzende Metallhülle vonA XVIII". Das Riesenluftschiff schaukelte sich leicht im Morgenwind und zog knarrend die Seile am Ankermast an. Die Autos flitzten über den großen Flugplatz. Trotz der frühen Morgenstunde fanden sich die leitenden Funktionäre der Regierung ein, denn heute sollte A XVIIT die größte Fahrt, die je ein Luftschiff unternommen hatte, antreten und gleichzeitig allen Ländern beweisen, wie der Staat mächtig sei und wie gerüstet. Das Riesenlustichifs sollte ohne Zwischenlandung einen Rundflug um die Erde unternehmen nut voller Kriegsausrüstung und vollzähliger Mannschaftsbesatzung. Es sollte damit gezeigt werden, daßA XVIII" jeden Stützpunkt auf der Erde angreifen und wieder zurückkehren könne, ohne eine Zwischenlandung vornehmen zu müßen. .

Der Präsident, gefolgt von den Regierungsmitgliedern durch­schritt zum letzten Mal die Räume des Luftschiffes, besichtigte die Bombengondel, die Abwurfapparate und die Gaskammer.

Der Kapitän Loberano durfte mit dem Präsidenten ein Glas Champagner aufGut Fahrt" leeren. Wenige Augenblicke water hob sichA XVIII" majestätisch in die Lüfte und verschwand wie ein Traum in den sich ballenden Nebeln des Westens.

- In sechzehn Stunden hatte das Luftschiff das Meer überflogen. Es mußten Stürme zerschnitten werden, und oft übertonte das Rauschen des Meeres, das seine Wellenberge schäumend empor­warf, das Knattern der Motoren. In allen Städten, dieA X> überflog, sammelten sich die Menschen in den Ltraßen, stuf Platzen und Tüchern. Sie starrten empor und bewunderten die,e-. Unge­heuer. Tie Zeitungen brachten Artikel gegen den Krieg und tur verdoppelte Aufrüstung, das Tischgespräch in den ^okalen dreyre sich ausnahmslos um dieses Ereignis.

Rapport über die Motore!" ruft der Kapitän von der Führer­gondel in den Apparat. ,

Alles in Ordnung", tönt es von der Motorengonöel zuruck.

Ter Flug klappt ganz vorzüglich. Jetzt zeigen wir der Welt einmal unsere Zähne", meint dann Loberano zum Zweiten Kapi­tän und reibt sich die Hände.Ich gehe zur Ruhe, Hick» , fugte er dann hinzu.Lösen Sie mich ab. Wir nehmen die Gerade gegen Westen. Bevor wir zur Gebirgskette kommen, e-> kann nicht vor acht Stunden sein, wecken Sie mich, falls ich nicht bereit-- am Posten sein sollte." ... , . .-

Sicks übernahm den Dienst. Er revidierte in gewißen Abhan­den die Bußole und gab die Berichte durch die Funkstation an den Heimatflugplatz ab, mit dem, das Lustühiff ständig in Ver­bindung war. Es mochten ungefähr vier stunden vorüber »ein, und der Morgen kam langsam über die Erde geschlichem da horchte Sicks auf. Sollte er sich getäuscht haben? Wahrlcheinlich, denn,da- war doch unmöglich! Bald hatte er sich wieder beruhigt. Eben

wollte er sich eine Zigarre anzünden, da wieder. Er horchte. Jetzt konnte er sich nicht getäuscht haben: Ein Pfeifen zerschnitt das Motorgeknatter.

Hicks rief die Motorengonüel an:Was ist mit den Mo­toren los?" - '

Alles in Ordnung!"

Hicks lief durch den Gang zur Motorengondel hinüber. Dort traf er sonderbarerweise den ersten Motorenmeister Erne, der jetzt Ruhepause hatte. Erne empfing den Kapitän mit strammer Meldung. Doch Hicks merkte sofort, daß ein listiges Leuchten tn seinen Augen lag, auch schienen in den gewechselten Worten Trotz und Haß aufzuflackern.

Hicks ging in die Führergondel zurück. Er ließ Kapitän Lo­berano wecken. Inzwischen war der Morgen über die Erde ge­kommen, die satt und schlaftrunken tief unten sich dehnte.

Da stimmt etwas nicht", tagte Loberano, nachdem er sich von den Wahrnehmungen Hicks' überzeugt hatte.Ich werde nachsehen, kommen Sie mit."

Als beide in den Gang des Lustschiffes einbiegen wollten, um nach rückwärts zu gelangen, fanden sie die Tür verschloßen. Es half kein Rütteln und kein Rufen.Verflucht, was geht da vor?"

Sie liefen zurück in die Führergondel und riefen durch den Apparat die Motorengondel an. Dort meldete sich der erste Mo­torenmeister Erne:Alles in Ordnung, Kapitän!"

In dieser Meldung lag breites, höhnisches Grinsen.

Zum Teufel, die Gangtür ist versperrt! Was soll das, Erne?" Daß Sie sich als Gefangener betrachten müßen, Kapitän. Wir fliegen vorschriftsmäßig ostwärts. Sind wir über dem Ge­birge drüben, dann landen wir, und Sie sind wieder frei. Sie können dann Ihrem Vaterlande melden, daßA XV11I" von den Vereinigten Ostrepubliken dankend übernommen wurde und sich in ausgezeichnetem Zustande befinde." Mit einer Lache schnitt das Gespräch ab, denn Erne hängte den Apparat auf.

Was nun?" Loberano und Hicks, die beiden Kapitäne, standen einander wortlos gegenüber. Sie liefen die Gondel auf und ab. Ihre Gehirne arbeiteten.

Verteufelt, das Luftschiff steigt! Sie wollen über das Gebirge hinüber ... rief Loberano.

Zufällig hatten sie eine zweite Senbestation in der Führer­gondel. Nach wenigen Augenblicken konnte Hicks eine Meldung abfangen, die der meuternde Funkbeamte abgab:A XVIII" nimmt jetzt die Höhe des Gebirges, um es glatt zu überfliegen. In drei Stunden ist das Luftschiff drüben."

Diese Meldung war für die Vereinigten Ostrepubliken abge­geben worden. Da funkte Hicks an das heimatliche Kommando. Beide warteten gespannt auf Antwort. Sie ließ längere Zeit auf sich warten. Endlich traf sie ein. Sie lautete:Gas auslaßen. Steigen verhindern. Unbedingte Landung vor dem Gebirge er­zwingen. Auch auf Kosten des Luftschisfes. Oberkommando."

Das ist zu machen", sagte Hicks.

*

Inzwischen stieg das Luftschiff stetig und würde bald die Höhe des Gebirges erreicht haben.

Wir dürfen keinen Augenblick versäumen!"

Vorher, müßen wir nun unsererseits den Gang verrammeln, damit Erne uns nicht bei unserer Arbeit stören kann." Mit allem Erreichbaren wurde der Gang verstellt. Außerdem hoben sie auf eine Länge von acht Metern den Boden der Gondel aus und warfen ihn in die Tiefe. Bretter oder Leitern waren nicht an Bord, so daß es ausgeschloffen war, diese Kluft, die in die Tiefe mündete, zu überbrücken.

Mühsam krochen die beiden Kapitäne, den Gang, der zur vor­deren Glasklappe führte, empor. Anfangs innen.Bleiben Sie in der Führergondel, Kapitän und beobachten Sie. Sollte ich ab- ftürzen, dann arbeiten Sie weiter. Wozu sollen wir beide uns opfern und das Werk zum Scheitern verurteilen."

Gut, Hicks. Es wird Ihnen nicht vergeßen werben!" Loberano kroch in die Führergondel zurück. Inzwischen hatte Hicks die Außenseite des Luftriesen erreicht: nun Hetetrte er an einer kleinen Metalleiter zum Gasventil empor. Sproße für Sproße. Ganz langsam, denn ein Sturm rüttelte an dem Körper, alle Sehnen spannten sich an, die Muskeln strafften sich, der Körper suchte sich an den Leib des Luftschiffes anzupreßen, um dem Luft­zug möglichst wenig Widerstand zu bieten.

Nur langsam ging es aufwärts. Ganz langfam. Olck-> ver­schlug es oft den Atem. Er durfte sich nicht der Fahrtrichtung zuwenden. Er hatte das Gefühl, als würde ihm die Brust ein­gedrückt. Jetzt ... Er hatte den Bentilhebcl erreicht. Mit beiden