Ausgabe 
25.8.1933
 
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'Berantirortlicö: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerf ttäts-Duch- und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen.

Sie klopft an sein Kellerfenster. Aus dem ersten Stockwerk herunter oibt seine Wirtin Bescheid, der Mann habe eine Reise durch alle mög­lichen Wirtschasten unternommen, und nun säße er schreibend und stern­hagelbetrunken in seiner Kneipe. Schreiben? Elli macht sich erwartung ö° De^Kandidat^sitzt wirklich in der Arbeitslosenkneipe, er.hat^em altes Kollegheft vor sich und kritzelt mit einem winzigen Rotstiftstummel h n- eiu das fieft wurde in besseren Tagen einseitig beschrieben, uich nun klemmen sich in Spinozas Lehre vom Parallelisrnus zwischen Körper und Geist die flammenden Aufrufe an das deutsche Volk zum Berbrauch von Doktor Wagenschanz' Erotikon.Es wird herrlich, Fräulein Elli.

Sie will sich ein luxuriöses kleines .Helles bestellen, aber Kieselbach ladet sie zu einem dicken Grog ein, der wunderbar heiß ihr ungewohntes Kehlchen hinabrinnt. Sie läßt sich geduldig vorlesen, was b's ietzt ge- schrieben steht, und manchmal nickt s,e freudig, wenn em besonders.schöner Satz kommt.Aber der Herr Doktor hat doch keine Broschüre bestellt, sagt sie schließlich,sondern bloß ein kleines Inserat."

Davon verstehen Sie nichts, gutes Kind, hier habe ich getan, was mir die Muse befahl, und nun werden wir den Extrakt auf dl« kürzeste Formel bringen." Die Schankmaid liefert erst einen zweiten Grog für Elli und dann Papier und einen Bleistift. Elli und der Kandidat suchen die schönsten Satze und Gedanken hervor und umranden sie mit dicken Strichen ...Ob hoch, ob niedrig, jede Frau sehnt sich nach der Schönheit!" .

Kieselbach hat keine Anzeige für die Creme Erotikon geschrieben, son­dern eine feine Abhandlung über den Segen der Jugend.Es ist ja nicht wahr", liest er mit großen Gebärden und feuriger Betonung den aushorchenden Gästen vor, deren Spielkarten vor Staunen tn der Luft hängen bleiben,es ist nicht wahr, daß eine Frau so alt ist, wie sie sich fühlt sondern sie fühlt sich so alt, wie sie aussieht. Ein verfang es Gesicht strafft nicht nur die haut der Wangen: das Selbstvertrauen kehrt zurück, die Haltung wird zuversichtlich, die Atmung lebhafter, unb em frischer Blutstrom wäscht die trüben Gedanken aus der Seele, und so schreitet der jugendlich aussehende Mensch von Erfolg zu Erfolg.'

Vielleicht schrieb der Geist Spinozas an dieser Abhandlung mit. Elli versteht kein Latein, und als der Kandidat mit feuriger Stimme von der zuversichtlichen Haltung spricht, muß sie unwillkürlich an Rosemarie den­ken und an den ganz veränderten Eindruck, sollte vielleicht Herr Peter Schönlein nicht so sehr an dieser Verwandlung beteiligt sein als etwa die Salbe Erotikon? In Ellis Nachtkästchen liegt nämlich auch eine Tube davon, sie hat sich schon lange nicht mehr banim gekümmert, Elli mit ihren neunzehn Jährchen bedarf noch keiner Schönheitscreme und keiner Pflege, um so hübsch zu sein, wie sie es irgend kann.

In aller Herrgottsfrühe erscheint sie in der Farbenfabrik. Anton und Fabisch sitzen, statt Erotikon zu fabrizieren, trübselig vor dem Hausen der unverkauften Tuben.Na seht ihr, hier ist das Inserat!"

Ach, Kohl", erklärt Anton,wir haben eben eingesehen, es hat keinen Zweck mehr, daß wir uns so abschinden. Außerdem sind meine Vorräte zu Ende. Mit andern Worten, der Betrieb geht ein, Herr Schönlein hatte recht, es waren die kornetischen Werke."

Elli flüstert entgeistert:Was soll denn werden?"

Nichts."

Nichts" höhnt sie mit seiner Stimme,nichts gibt es gar nicht! Tun Sie mal was, um Ihre Sachen loszuwerden, hier ist das Inserat, zum Donnerwetter!"

Du bist sehr geschäftig, mein Kind. Vielleicht treibst du ,emand auf, der es uns aus Gefälligkeit abdruckt?"

Das kommt nicht in Frage", erwidert Elli entschlossen,zahlen muß man überall. Aber wenn Sie keinen Schwung mehr haben, dann werde ich Feuer/dahinter machen!"

Erst geht sie zur Witwe Wagenschanz und macht ihr ganz energisch klar, daß sie als die Mutter jetzt auch mal was für ihren Sohn tun müsse, rund hundert Mark feien auf der Stelle nötig, also bitte! Die alte Frau entrüstet sich sehr, sie brauche ihre Spargroschen für ihre alten Tage, davon könne sie nichts abgeben, auf keinen Fall. Sie streiten hin und her, die alte Wagenschanz begreift einfach nicht, wie Elli ihr das überhaupt zumuten kann.Tja", meint_öas Mädchen erbost,graue haare haben Sie und machen sich noch Sorgen für Ihre Zukunft, und Ihr bißchen Geld geben Sie Leuten, von denen Sie keine Ahnung haben, statt daß Sie Ihrem eigenen Fleisch und Blut und feiner jungen Kraft vertrauen.

Wohin jetzt, wen kann man anpumpen? Sie geht zum alten Tifchler Groth und handelt von ihm zwanzig Mark heraus, rückzahlbar binnen Jahresfrist in Hemden, Flicksachen und Bügeleien. Die Klempnersfrau von gegenüber, hochschwanger mit dem sechsten Kind, gibt ein großes Silberstück gegen zu liefernde Kinderwäsche. Na siehste, es geht mal wieder auf Anhieb! Der nächste Erfolg, zehn Mark, wird erzielt bei Fräulein Lilly Schammel, der Bardame aus dem Nebenhaus, die auf diese Weise billig zu einem neuen Seidenkleid kommt, Stofs und Zu­taten muß sie selber liefern. Das Fräulein aus der Var liegt am Hellen Morgen noch zu Bett, Elli ekelt sich ein bißchen vor der Schlamperei in diesem Zimmer, aber cs kommt ihr nur aus das Geld an.

Das Geld und Kieselbachs Inserat in sauberer Maschinenschrift steckt in ihrem abgegriffenen Handtäschchen, das ganz heiß wird in ihrer Hand: Antons Zukunft steckt darin. Sie denkt, nur ein wenig muß sie ihn noch stemmen, ganz dicht vor dem Gipfel verliert er die Puste, aber er soll sehen, Elli schiebt und hetzt ihn hinüber!

Jetzt beginnt ein Bauerlauf von Familie zu Familie, sie bekommt überall Abweisungen, oder man gibt ihr fünfzig Pfennige, um sie loszu­werden. Sie stellt sich in ihrer Verzweiflung in einen Telephonauto­maten und versucht mit Peter Schönlein zu sprechen, aber die Sterne haben sich gegen sie gekehrt, sie kann ihn nirgends erreichen.

Doch sie hat Immer noch Pulver zu verschießen, eilt in die Kneipe und hält vor Kieselbach und den anderen Arbeitslosen eine flammende Ansprache, es müsse eine Sammlung veranstaltet werden, sie, Elli, per- bürge sich für die Rückgabe des Geldes.Das ist ganz gut und schon sagt der Kandidat,, aber Sie haben sich offenbar in der Adresie geirrt, bei uns ist doch nichts zu holen." Jemand kommt auf den Gedanken, man könnte etwas Geld vom Kneipenwirt verlangen.Dem Kerl saufen wir seit Jahr und Tag seinen Schnaps und sein Bier weg, und wenn Sie nichts geben, dann suchen wir uns ein anderes Lokal.

Der Wirt in die Enge getrieben, rückt nach langem Verhandeln schließlich dreißig Mark heraus, keinen Pfennig mehr. Elli unterschreibt mit kühlem Bleistift den Bürgschein. Sie hat immerhin schon ein ganz hübsches Sümmchen aufgetrieben, als Anzahlung sollte es auf alle Falle genügen. Aus zur Farbenfabrik! Mit Kieselbach, Gambel und vielen andern, die von ihrer Geschäftigkeit angesteckt worden sind, stürmt sie hin­über.Hier ist massenhaft Geld, Herr Doktor, nun schnell damit zum Generalanzeiger"!"

Anton springt begeistert auf, verspricht Berge von Arbeit und lauft ans Telephon, um mit der Zeitung zu verhandeln. Es herrscht eine Stimmung wie am ersten Tag. Als er wiederkommt, ist schon beschlossen, daß jetzt drei oder vier kleine Trupps durch die Stabt schwärmen werden, um den Drogisten und Friseuren ganze Paketchen der Schonheitscreme amubieten, unter Hinweis auf die morgige Anzeige. Elli rennt nut fliegendem Röckchen heim, fte soll einige Briefe schreiben, die man den Leuten mitgeben will.

Die Kosmetischen Werke, die heute früh stillgelegt werden sollten, geraten in fieberhafte Tätigkeit. Die Pakete werden fertig gemacht, und lemanb muß zumGeneralanzeiger". Der junge Gambel hat schon oft mit wendiger Geschicklichkeit Botendienste geleistet, ihm erteilt Anton den Auftrag.Laufen Sie hinüber, hier ist das Geld, aber nicht ver­lieren!'" droht er.

Gambel saust ab.

Gambel ist ein einundzwanzigjähriger blonder Junge mit hohlen Wangen und fahrigem Blick, aber ein gutmutiger Bursche. Nicht hier daheim, nirgends daheim, aber hier fand er vor Jahren für kurze Zeit Arbeit, und so blieb er da und drückte sich herum. Er krampft seine Fäuste um den zerknitterten Umschlag und läuft in den blanken, damp­fenden Frühlingsmorgen hinein. Gambel kommt an einen Park und ver­schnauft für Minuten auf einer Bank. Neugierig befühlt er den dicken Briefumschlag, es sind viele Münzen darin, wieviel Geld eigentlich? Er bohrt mit einem Finger hinein, ein Taler und mehrere Fünfziger fallen heraus, dafür könnte man eigentlich einen heben gehen, -Boten« ^er^betntt eine Wirtschaft und trinkt zwei Schnäpse. Der Brief­umschlag hat sich von dem vielen Bohren ein Stückchen eingenffen Gambel erkennt die Ecken mehrerer verschmutzter Geldscheine. Er hat nicht die Absicht, irgend etwas Unrechtes zu tun, aber diesen hcllbze^ rifjenen Umschlag kann er doch nicht mehr abliefern, es kommt ja auch nicht auf den Umschlag an, nur auf das, was drin ist. Gambel zahlt über achtzig Mark bar in [einer Hand. Er schnüffelt, es riecht hier irgend­wo nach Pökelfleisch, Sauerkohl und Erbsenbrei, und weil es bei fo viel Geld wirklich nicht so genau daraus ankommt, bestellt er sich eine Portion, ,,e Er 9schUngt"'die Mahlzeit hinunter, in der größten Furcht, Doktor Waqenschanz werde jeden Augenblick hereinkommen und ihn halbtot prügeln Die Wirtsfrau sieht, daß er viel Geld unterm Tisch verbirgt, und als er zahlt, redet sie ihm zu, er solle das Geld zurückbringen. Gambel springt aus dem Lokal, ein Schuhmann steht in der Nähe, der Bursche läuft, was er laufen kann, immer kreuz und quer durch eine TI enge Straßen, jetzt hastet er durch den Stadtwald, von dem sich em schmaler Waldstreifen zu den Harzbergen hinüberzieht.

Gambel verkriecht sich in einen Busch, zerrt aus seiner Rocktasche das Geld heraus und betrachtet es mit verliebten Blicken. Er streichelt es. Er zählt es immer wieder. Er kann es noch gar nicht glauben. Es ist eine ungeheure Summe. Man kann davon geradezu viele Monate leben, be­sonders jetzt in dieser Jahreszeit. Man könnte sich nach Hamburg durch­schlagen, läßt sich anheuern und verschwindet in der weiten Welt, hat bas deutsche Elend hinter sich. Um Gambel herum duftet es nach fetter Walb- erbe, nach frischen Kräutern, auf solchem Baben kann man nachts liegen unb schlafen, tags roanbern, es ist eine unausdenkbare Vorstellung: nirgenbroo finbet die Erde ihr Ende, überall geht es weiter, bis nach h Gambel schleicht geduckt wie ein Soldat zwischen den Stämmen. Jetzt begegnet er einem Rehböckchen, die Schreie unbekannter Vögel be­gleiten ihn. _ ,,

Gambel taucht in die Tannenschatten des ersten Harzberges zur selben Stunde, als Doktor Wagenschanz ans Telephon gerufen wird, derGene­ralanzeiger" will ihn sprechen.Wir haben Ihnen in unsrer nächsten Nummer einen besonders günstigen Platz für Ihre Annonce offenge­halten, Herr- Doktor, aber es ist die höchste Zeit, daß Sie uns den Text-bringengegtou(,t> in diesem Augenblick müßte Ayton Wagenschanz Umstürzen wie ein gefällter Baum. Nichts davon wird be­merkt. Er stößt ein trockenes Lachen aus.Das hätte ich mir an allen Fingern ausrechnen können" Mit der größten Ruhe geht er nach Hause, wobei Elli ihn begleitet. Sie meint und schimpft.Ich kann tun und lassen, was ich will, mir geht alles schief, ich habe niemals Gluck. Wir müssen zur Polizei, der Kerl gehört ins Zuchthaus!"

Nun warte mal ab", beruhigt er sie,die Polizei kann dabei nichts Vernünftiges tun, die legen ein paar Akten an und machen einen Mords­betrieb und schlagen noch ein paar läppe kaputt. Darum kümmern wir uns gar nicht. Wir werden jetzt sehen, was sich tun läßt."

(Fortsetzung folgt.)

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