lichkeiten der Samländischen Steilkünste, von Masurens „buckliger Welt" und dem ganzen Zauber dieser Gegenden kündeten. Als dann der verdiente Provinzialkonservator Richard D e t l e s s e n sein treffliches Werk „Das schone Ostpreußen" veröffentlichte (1916), da setzte er gleichsam den Schlußstrich unter dieses Kapitel, .das so lange von Ostpreußen als Paradies" und „dunklem Erdteil" gefabelt, und enthüllte nun endgültig ein besonders eigenartiges Juwel in der Krone der deutschen Landschaften.
Oftpreußischer Bernstein.
Von Kurt Schmidt.
Das Palmnicker Bernsteinwerk soll im Rahmen der ostpreußischen Arbeitsbeschaffung wieder in großem Umfange in Betrieb genommen werden.
Ostpreußen ist den Bewohnern des Reiches auch durch seinen V ernst e i n bekannt, den gelben Schmuckstein, der seit den Zeiten des Altertums immer wieder in wechselndem Umfange zur Mode geworden ist. Bernstein kommt wohl auch in Sizilien oder in Rumänien vor, nirgends aber findet man auf der Erde einen Winkel wie die samländische Küste Ostpreußens, die diesen Stein in solcher Güte und in solchen Mengen lieferte. Auch in anderen Teilen Norddeutschlands bis nach Holland sind Bernsteinfunde nicht selten, und dieses Material ist mit dem ostpreußischen identisch, denn es läßt sich nachweisen, daß diese Funde durch geologische Vorgänge der Eis- und Nacheiszeit aus Ostpreußen entnommen und in jene Gegenden verschleppt worden sind.
Auch im Altertum war die Natur des Steins als verhärtetes Baumharz bereits klar erkannt, aber man glaubte, es handele sich um ein Produkt, das sich eben erst bilde, und über den Fundort waren die Vorstellungen, da das wertvolle und sehr gesuchte Material von Hand zu Hand ging, einigermaßen verworren. Im deutschen Mittelalter wurden Heimat und Gewinnung bekannter, aber damals konnte man sich nicht erklären, daß der Bernstein, ein Harz festländischer Bäume, vom Meere ausgeworfen werden sollte. Dieser Widerspruch bleibt bestehen, wenn wir auch das Harz auf seiner ältesten Ablagerungsstätte, in der „Blauen Erde", einer Meeresablagerung neben anderen Meeresversteinerungen finden, aber er wird für uns dadurch erklärbar, daß der Bernstein ein fossiles Baumharz aus einem längst vergangenen Abschnitt der geologischen Vorzeit ist und schon verschiedene Umlagerungen erfahren hat, bevor er in jene Ablagerung hineinkam.
Erst Ende des achtzehnten Jahrhunderts schwand jeder Zweifel an der Harznatur des Steins, der Naturforscher ß i n n 6 bemühte sich, die Beweise für die pflanzliche Herkunft des Materials zusammenzutragen, und heute sind wir wohl in der Lage, uns ein halbwegs zutreffendes Bild von einem Bernsteinurwald zu-machen; die Bernfteinflora, unter der die immergrünen Eichen, die Cypreffen, die Thuja und die Fächerpalmen am häufigsten waren, bedurfte zu ihrem Gedeihen einer mittleren Temperatur von 20 Grad Celsius, also eines Klimas, wie es damals in einem nordischen Festlande geherrscht hat, wie es heute aber etwa in Nord- asrika vorkommt.
Es ist noch heute eine Lieblingsbeschäftigung der badenden Kinder, an der samländischen Küste kleine Bernsteinstückchen zu sammeln, die sich besonders im angetriebenen Blasentang finden lassen, und dieses Auf- sanimeln ist in der Tat die älteste und primitivste Gewinnungsart des Harzes. Besonders bei heftigen Nordweftftürmen, wenn der Boden der Ostsee stark aufgewühlt wird und die großen Tangmassen herantreiben, stehen die Bernsteinfischer mit ihren Käschern (Fangnetzen) in der Brandung und fischen, da diese Tangmassen mit der zweiten oder dritten Welle sehr weit abgetrieben werden können. Auch durch Stechen gewinnen die Fischer oft schöne Stücke. Sie fahren bei ganz ruhiger See aus, wenden die auf dem Meeresgründe liegenden Steine mit Haken um und fischen den losgelösten Bernstein mit Netzen auf. Besonders ergiebig war diese Art der Gewinnung lange Zeit an der Brüsterorter Spitze, wo sich bis weit ins Meer ein Steinriff hinzieht, an dem bei stürmischem Wetter große Mengen Bernstein hängen bleiben. Der Gewinn, den die Fischer der kleinen Stranddörfer dadurch hatten, ist nicht zu unterschätzen; so hatten die Fischer von Groß-Kuhren im Jahre 1911 zehn Zentner Bernstein gewonnen, für die sie einen Bergelohn von sechstausend Mark erhielten. Ein Fischer bekam für ein besonders schönes Stück sechzig Mark. Das „Gold des Sanllandes" kommt zwar an Wert nicht dem wirklichen Gold, wohl aber bei Stücken von über 75 Gramm dem des Silbers gleich.
Daß der Bernstein staatliches Eigentum sei, wurde schon durch ein Gesetz der Ordensritter festgelegt, durch die das Harz überhaupt erst in großem Umfang an die Fabriken in Danzig, Lübeck und Königsberg verkauft wurde. Auch heute noch ist aller Bernstein Eigentum des Staates und muß an die staatlichen Abnehmer an der Küste abgeliefert werden, die dafür je nach Größe und Güte des Fundes eine Vergütung zahlen und dann den Bernstein an die staatlichen Bernsteinwerke in Königsberg senden. Erst seit 1872, als durch Grabungen feftgefteUt worden war, daß sich die „Blaue Erde" weit landeinwärts erstreckt und Überall mit dem ge" u Harz ziemlich gleichmäßig durchsetzt ist, wurde die Bernsteingewin- nung bei den Stranddörfern Palmnicken und Kraxtepellen bergwerksmäßig betrieben. Diese „Blau Erde" zieht sich unter der ganzen samländischen Küste in einer Stärke von einem bis zu sechs Metern hin und läuft in einer Tiefe von fünf bis zwölf Metern in das Meer hinein. So erklärt sich auch der Auswurf des Harzes durch die Wellen, die an der Erde unaufhörlich nagen, den Bernstein loslöfen und an die Küste treiben.
Bis zum "Jahre 1924 gab es im Palmnicker Bernsteinwerk richtige Schächte und Stollen, die bis zwanzig und dreißig Meter in die blauen Erdschichten hinunterführten. Die Tätigkeit der Bergleute bestand darin, die blaue Erde auszuschachten, sie in Wagen zu laden und ans Tageslicht zu befördern, wo die Erde mit Wasser durchspült und durch Siebe geleitet wird, bis schließlich die Erde verschwunden und der Bernstein zurückgeblieben ist. Aber seit 1924 hat man den Tiefbau als wenig lohnend eingestellt, und die Gewinnung geschieht allein durch den Tagbau, bei dem die kostspielige Stollenanlage und die stete Wassergesahr fortfallen. Mit
Trockenbaggern wird die über der Blauen Erde siegende Erdschicht a». gehoben und die dann freiliegende wertvolle Erde hinausbefördert Dann erst beginnt die ziemlich langwierige Bearbeitung des Bernsteins: er hat im Rohzustände eine verschmutzte, gelbbraune Rinde, die erst durch längeres Schleifen in Sandtronuneln abgeschliffen werden muß. Erst dann kann an die sehr mühevolle Arbeit des Sortierens nach Farbe und Wert gegangen werden; man unterscheidet etwa 250 Handelssorten. Die kleinen Bernsteinstücke, die man früher nur zum Räuchern verwendete, werden letzt in ziegelartige Formen gepackt und unter hydraulischen •prellen zu Bernsteinblocken zusammengeschweißt, sie dienen außerdem zur Herstellung von Lack und Bernsteinöl.
. Um eine zahlenmäßige Vorstellung von dem Umfang der Bernstein- lndustne zu gewinnen, fei noch gesagt, daß im letzten normalen Friedens- )ahre 1913 in Palmnicken im Ties- und Tagebau 433 Tonnen Bernstein gefordert wurden, zu denen noch gegen 60 aus der Strandbergung hinzukamen. Damals wurden gegen 1700 Menschen direkt und indirekt durch das Bernsteinwerk beschäftigt, und rechnet man noch die Zahl der Heimarbeiterinnen hinzu und die Angestellten, die in den Bernsteinfabriken Ostpreußens und des übrigen Deutschlands arbeiteten, so erhält man einen Begriff von der immerhin nicht unwesentlichen Bedeutung des Bernsteins für das Wirtschaftsleben.
Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Walter Julius Bio em (GDS.).
(Fortsetzung.)
Erst als es ganz dunkel wird, Mondschein mit einer haarscharfen Sichel, beendet die kleine Elli ihre flinke Arbeit, sie öffnet das Tor und setzt sich noch ein bißchen an den Platz des Führers. Man kann hier im dunklen Holzschuppen so gut das Steuerrad ergreifen und mit gespannten Augen ins Leere starren. Wenn man dazu noch ein gedämpftes Knurren ertönen läßt, so ist die Einbildung vollkommen, flüchtige Länder ziehen vor Ellis trunkenem Blick vorbei, schwarze Teerstraßen schlucken jede beliebige Geschwindigkeit, es geht in schwindelerregender Fahrt um enge Kurven, die steilsten Berge hinauf und Abhänge hinunter, daß das Auge der Führerin sich vor Grauen schließt, aber nein, keine Angst, ein Tritt auf irgendeins von den drei Pedalen da unten, welches ist gleichgültig, und sofort steht der Wagen wie angenagelt. Dabei ist es vollkommen ungefährlich, so im Holzschuppen spazieren zu fahren.
Nach langer Zeit nähern sich leise Schritte, sehr jung, sehr rasch, vor dem geöffneten Schuppen bleibt Rosemarie stehen und lugt herein. Sie trägt Mantel und Hut. Rosemarie kommt jetzt oft ziemlich spät heim. Natürlich muß jemand für Peter sorgen.
Elli sitzt ganz regungslos und beobachtet die andere, die mit sachverständig kühlem Blick nach den Lampen sieht, bann schraubt sie an diesem glänzenden Bügel da vorne, Elli weiß nicht, wie das Ding heißt, irgend etwas herunter und steckt einen Finger hinein. „Schlamperei", murmelt Rosemarie.
„Wieso?" meldet Elli sich empört.
Die Freundin zuckt zusammen. „Sag' doch einen Ton, wenn du da bist. Hier ist das Kühlwasser drin, und wahrscheinlich kümmert sich kein Mensch um die Batterie; ist die eigentlich geladen oder nicht? — und die Gummis stehen auch halb leer."
„Keine Ahnung von sowas."
„Wenn das hier noch lange herumsteht, ist es verrostet und verkommen."
„Aber ich putze es doch alle paar Tage, Rosemarie."
„Warum tust du das? Laß doch den Doktor dafür sorgen."
„Der hat alle Hände voll zu tun."
„Dann mag seine Mutier sich drum kümmern."
„Die Alte? Die versteht von sowas nichts!"
„Du etwa, Elli?"
„Mein Herzchen", höhnt Elli, „jemand muß es tun." Damit ist diese Frage für Elli erledigt. .Jemand muß es tun, und wenn niemand sonst es tut, tu ich's. Sehr einfach ist die Welt eingerichtet.'
„Warum fährt Dr. Wagenschanz nicht mit [einem Auto?"
„Er kann doch nicht fahren."
„Warum lernt er es nicht? Hat er keine Zeit?"
Elli orakelt: „Zeit ist Geld."
Flüchtig streichelt Rofemarie über das blanke Metall. „Schade!" Sie geht ins Haus.
Das findet Elli ja auch, es ist schade um den Wagen, und weil niemand damit fahren kann, so wird, wohl der Sommer verstreichen. Es gibt so schöne Straßen im hohen Harz, die von den Gummis aufradiert werden wollen, dazu sind sie da. Diese Gedanken lenken Elli zu Anton Wagenschanz und seinen Nöten zurück, neuerdings bekommt die Geschichte ein bedenkliches Aussehen, lauter unverkäufliche Tuben in der Ecke aufgehäuft, und keine eitle Frau hat die mindeste Ahnung davon, also keine Frau schlechthin weiß etwas von der Creme Erotikon. Wenn Anton umwirft, fängt er vielleicht wieder an, sie zu lieben.
Elli mag jetzt schlafen gehen, wenn sie will, oder oben in der Mansarde noch ein Stündchen mit Rosemarie plaudern, denn an Schlaf läßt sich nicht denken in dieser warmen Frühlingsnacht, man ist halb verrückt und weih nicht wieso. Rosemarie hat ein anderes Aussehen bekommen in den letzten Wochen. Kunststück! Oder liegt es an der neuen Frisur? Die Haltung hat sich verändert, wie denn nur? Elli merkt wohl, ihre Freundin macht sich Hoffnungen. Es ist die Hoffnung, aus der Tretmühle herauszukommen, und die Sehnsucht nach einem würdigen Leben,in welchem Rosemarie ein Mensch sein dars und — sogar! — ein Weid.
Viel verlangt, heutzutage, findet Elli, als sie aus dem Führersitz hkrausschlüpft und das Tor des Schuppens abschließt. Aber zum Schlafen ist es wirklich zu früh. Sie treibt sich unschlüssig einige Minuten vor dem Wagenschanzhaus herum, dann kommt ihr in den Sinn, man konnte mal nach dem Kandidaten Kieselbach sehen, von selbst liefert der das Inserat ja doch nicht rechtzeitig ab.


