Leistung fft, die allerdings wohl nur von den wenigsten völlig erkannt werden kann, — das weiß ich allerdings. — .
Ich erwähnte eben die Miegel als Seherin. Es ift das eine irr fabelhaftesten Gaben der einzigen Frau, sie ist ganz das, was das lateinische Wort vates ausdrückt: Dichterin, Priesterin, Seherin. Die Gabe des Zweiten Gesichts spukt über alle Seiten des Buches hin, und wir erleben mit Staunen, daß hier ein Mensch unter uns geht, der an Dinge glaubt, wirklich' glaubt, die wir nur als Bestandteile des Mythos und der Sage im Gedicht gelten lassen. So liegt etwas Unheimliches, ja Tragisches über ihrem Werk, und wir fühlen sie von uns getrennt durch eine gläserne Wand, vor der Humor und Leichtmut scheu zur Seite treten, hinter der die Dämonen ihr Spiel treiben, Wirkliches zum Sinnbild, Unwirkliches zum gespenstischen Leben wird.
Agnes Miegel tritt dadurch ganz nah neben die andere große Dichterin unseres Volkes, die D r o st e - H ü l s h o f f. Beide niederdeutschen Stammes, beide vogelsprachekund wie Salomo und wundergläubig wie eine Norne, beide ganz ausgesprochen balladische Talente. Das Leben der Droste spielte sich auf zwei einsamen Burgen ab, das der Miegel seit nunmehr einem halben Jahrhundert fast nur in Königsberg, beide haben das Reisen nicht nötig, da eine unerhörte innere Schau ihnen viel mehr von Ländern und Völkern greifbar nahe führt, als alle Reisen, uns anderen Beide blieben unverheiratet, beide haben viel gelitten, beiden eignet der gewisse spröde Sprachton, der sie von allen anderen Dichtern so leicht unterscheidet. U-nb beide sind ganz nahe der ewigen Natur verschwistert, so nahe, daß sie „in regloser Luft durchsichtiger Flügel Geklirr" hören, und das Gespenst sehen, das ihnen „mit gleichem Rubine die gleiche Hand" entgegenstreckt, die sie ihm reichen.
Ganz so strecken auch die beiden Dichterinnen sich aus dem äußersten Westen und dem äußersten Osten des Reiches die Hände über Deutschland entgegen, die vom Jahre 97 des achtzehnten und die vom Jahre 79 des neunzehnten Jahrhunderts. Und beiden glänzt an gleicher Dichterhand der gleiche Rubin ewiger Kunst...
Erntelied.
Von Hermann Sudermann.
Der letzte Streifen Glut verglimmt, Zum Gestern oerftattert das Heut, Und in den rötlichen Nebeln schwimmt Ein Tropfen Abendgeläut.
Ich sitze vor meines Vaters Haus Auf der weißgestrichenen Bank Und horch' auf die dämmernde Straße hinaus Und die rauschenden Pappeln entlang.
Dort, von dem Dunkel der Kronen umfchirmt, Ist ein heimliches Leben erwacht;
Heuwagen schwanken hochgetürmt Durch die rötliche Sommernacht — Und oben Mädel in krausem Gewühl Und Bursche ganz dicht nebenbei — Und aus dem prickelnden, duftenden Pfühl Ein Kichern — ein Singsang — ein Schrei.
Und also sind sie vorübergefahr'n. Und es folgen ihrer noch viel, Und ich wette, auch heute, nach vierzig Jahr'n, Ist es das alte Spiel.
Und immer noch fahren unverwandt Der Liebe törichte Fracht Heuwagen im alten Litauerland Durch die rötliche Sommernacht.
Ostpreußen.
Aus der Geschichte seiner „Entdeckung"
Von Dr. Rolf Gärtner.
Die enge Verbundenheit mit Ostpreußen ist dem deutschen Volk erst in den letzten beiden Jahrzehnten so recht zum Bewußtsein gekommen. Die Zerstörung in den ersten Wochen des Krieges, die Abtrennung durch das Diktat von Versailles haben uns die Nord-Ostmark, die in der Geschichte eine so bedeutsame Rolle gespielt, immer näher gebracht. Heut kann die Provinz als das Lieblingskind der Nation gelten, und die Ostland-Treue- Fahrt Ende August wird dafür ein eindrucksvolles Zeugnis liefern. Die deutsche Ost-Messe in Königsberg, die Jubiläumsfeier des Königsberger Domes sind weitere Ereignisse, die die Augen nach unserem Osten lenken. Wie lange hat es aber gedauert, bis es so weit kam! Man kann geradezu von einer „Entdeckungsgeschichte" sprechen.
Zwar hat der Königsberger Professor und Konsistorialrat Dr. Johann Gottfried Haffe in feiner 1799 erschienenen Abhandlung „Preußens Ansprüche, als Bernsteinland das Paradies der Alten und Urland der Menschheit gewesen zu sein", des Näheren bargelegt, warum Ostpreußen „als das älteste und in der Geschichte berühmteste Land der Erde" das biblische Eden sein müsse. Aber viel Glauben hat er mit dieser Ansicht vom paradiesischen Ostpreußen nicht gesunden. Ganz im Gegenteil hat Ostpreußen unter der Geringschätzung und Nichtachtung des übrigen Deutschland zu leiden gehabt, nur deshalb, weil es niemand kannte, weil es als „Ausland" betrachtet wurde, wie schon ein Blick auf irgendeine ältere Karte beweist. Mit bitterer Ironie, aber mit gutem Recht schrieb der Geograph Dr. Hugo Bonk 1895 in der „Altpreußischen Monatsschrift": Bei dieser Gelegenheit muß auf die merkwürdige Tatsache aufmerksam gemacht werden, daß es im Zeitalter der Erschließung des „Dunklen Erdteils", wo schon fast jeder Berg auf dem Mond feinen Namen hat, in Deutschland ein Gebiet gibt, dessen Entdeckung erst vor kurzem begonnen hat. Einzelne Teil« Ostpreußens sind bis vor nicht
langer Zeit gerade so bekannt gewesen, wie die dunkelsten Teile von Afrika. Es wäre wünschenswert, daß, wie dereinst die Kreuzfahrer den Zug nach Altpreußen als bequemes Surrogat für den Orient nahmen, daß fo auch heute die vom Entdeckungseifer beseelten Männer die bequemere Reise nach den dunkelsten Teilen von Ostpreußen der beschwerlicheren nach anderen dunklen Gegenden vorzögen. Und er regt die Aufgabe an, „eine Geschichte der Entdeckungen in Ostpreußen im 19. Jahrhundert zu schreiben".
Als Herder, der Sohn Mohrungens, der später die Stätten seiner Heimat nie wiedergesehen hat, in feiner „Adrastea" „Gemälde aus der preußischen Geschichte" darstellte, da knüpfte er an die Phantasien Hasses an, und erzählte die Sage, Phaeton sei bei seiner Fahrt auf dem Sonnenwagen des Vaters in die Ostsee gestürzt, feine Schwestern, die Helia- ben, feien in Palmbäume verwandelt worden, und hätten als solche im Strahl der Sonne goldene Tränen vergossen — den Bernstein. Er besang das heilige Bernsteinland und seine uralte Geschichte, aber für die Gegenwart feines Geburtslandes fand er keine Worte. Damals galt Ostpreußen noch allgemein für eine „Wüstenei". Es bedurfte des genialen Scharf- und Weitblicks eines weltdurchwandernden Univerfalgeiftes, der mit grenzenlosem Erstaunen am äußersten Ende seines Vaterlandes Wunder entdeckte, die der Pracht des heißgeliebten Italien, des berauschenden Spanien nicht zu weichen brauchten: Wilhelm von Humboldt, der „Römling", in der Zeit der Not zum Wirken für König und Reich heimgekehrt, sand auf feinen Dienstreisen Ostpreußens Schönheit wie einst Saul (ein Königreich. Von einer stürmischen Mondnacht an der samländischen Küste schreibt er an seine Frau: „Es war ein sehr großes Naturschauspiel. Ich werde die Nacht nie vergessen; sie ist das größte und schönste, was ich feit meiner Abreife aus Italien erlebt habe." Und von einer Wanderung über die kurifche Nehrung entwirft er eine glänzende wortgewaltige Schilderung, die mit den Worten beginnt: „Die kurifche Nehrung ist fo „merkwürdig, daß man sie eigentlich ebenso gut wie Spanien und Italien gesehen haben muß, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll. Ein schmaler Strich toten Sandes, an dem das Meer unaufhörlich auf einer Seite wütet und den an der andern eine ruhige große Wasserfläche, das Haff, bespült. Die ödesten Sandhügel, die schrecklichsten, traurigsten Kiefern, die ganze Stunden lang, fo weit man sehen kann, bloß aus dem Sand ohne einen einzigen Grashalm emporwachsen, und nur oben durch die Luft zu leben scheinen, eine Stille und Leere, selbst von Vögeln auf dem Lande, die dem Brausen des Meeres nichts zu übertäuben gibt, nur einzelne große Möven, die am Ufer hinfchweben. Auch im Memelgebiet, „wo schon die Namen erschrecken", findet er di« Gegenden doch sehr anziehend.
Die Romantik vermochte dem Klassiker in dieser Weitsicht nicht zu folgen. Sie sah nur das Phantastisch-Wilde, das Unheimlich-Spukhafte, in der ostpreußischen Landschaft, wie es der Königsberger E. T. A. Hoffmann in feiner auf dem Schloß Roffitten fpielenden Novelle „Das Majorat" gemalt hat. Die Romantik begeisterte sich auch, nachdem Ostpreußen durch [eine führende Rolle in der großen Zeit der Erhebung eine kurze Zeit in den Mittelpunkt Deutschlands gerückt war, für die Gotik des deutschen Ordens, wie Schenkendorfs Aufruf zur Rettung der Marienburg beweist. Doch blieb die Provinz weiter das „Ausland", das man im „Reich" schon zu Rußland rechnete. Das zeigen am deutlichsten die beweglichen Klagereden, die der weitbekannte Hegelianer Karl Rosenkranz 1842 in der Einleitung zu seinen „Königsberger Skizzen" führte, dem Buch, das zuerst die Bahn gebrochen hot für eine tiefere Kenntnis, für ein besseres Verständnis ostpreußifcher Kultur. Er gesteht, selbst mit den wunderlichsten Vorurteilen nach der Pregelstadl gewandert zu fein: „Ich erinnerte mich, wie dunkel und fabelhaft meine eigenen Vorstellungen von Königsberg in Deutschland gewesen waren." Er kommt sich fast wie exotischer Reifeschriftsteller vor, der den abgelegensten und undankbarsten Stoff gewählt hat. „Pückler-Muskau geht nach Afrika, Theodor Mundt nach Krakau, George Sand nach Majorka. Aber Königsberg? Wer käme wohl zu ihm? Wodurch zöge es wohl an?" Es ift „für das Ausland nur ein Name" ober gar „nur eine Fata Morgana einiger zufälliger Umstände". Rosenkranz ift sich bewußt, „gleichsam ein Brachfeld zu kultivieren"; aber er hat die „tiefe Eigentümlichkeit", die „gediegene Bildung", die „Poesie der Erscheinung" dieser Stabt in sich ausgenommen unb stellt dies „schöne Königsberg" nun meisterhaft einem großen deutschen Publikum vor. Mit dem immer stärkeren Hervortreten des preußischen Staates, der sich feiner Führerstellung in Deutschland bewußt wurde, wuchs auch das Interesse für die Geschichte Ostpreußens, das die Wiege der Monarchie gewesen. Gustav Freytag bot in seinen einflußreichen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" ein farbenreiches Bild von der Kulturtat des Deutschen Ordens. Doch noch 1863 klagt Treitschke in seiner meisterhaften Abhandlung über das Orbens- lanb Preußen, daß man in Süb- unb Mittelbeutschlanb wenig begriffen habe von bem historischen Zauber biefes Bobens, „ben bas ebelfte deutsche Blut gebüngt hat im Kamps für ben deutschen Namen und die reinsten Güter der Menschheit", aus dem erst das innerste Wesen von Preußens Volk unb Staat recht zu verstehen sei.
Lcstalsorscher hatten sich bereits eifrig mit echt ostpreußifcher Heimatliebe ber Vorgeschichte, Geschichte, Volkskunbe und Kunst der Provinz angenommen unb haben ein außerorbentlich reiches Material gesammelt. Aber es blieb lange Zeit für bas übrige Deutfchlanb tot. Da fährt 1856 ber stets ausnahmelustige, stets anregende Wilhelm Lübke durch bas Laub unb schildert (eine Eindrücke mit lebendiger Begeisterung in einem Aufsatz „Acht Tage in Preußen" im Deutschen Kunstblatt. Die acht Tage haben mehr Leute für die ostpreußifche Kunst interessiert, als es acht Jahre ticfdringender Forschung vermocht hätten. S ch n a a s e beschäftigt sich im sechsten Band seiner großen Geschichte der bildenden Künste eingehend mit der altpreußischen Baukunst, deren Eigenart, kcaftvollc Schönheit und hohe Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Arc/tektur er hervorhob, und man erkannt« nun immer klarer den Wert der ost- preußischen Kunstdenkmäler. Die landschaftliche Schönheit aber ist erst kurz vor dem Kriege durch einige Dichter und Maler entdeckt worden, die von dem einzigartigen Wunder ber kurischen Nehrung, von ben Herr-


