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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955 Hreitag, den 25. August Nummer 65
Oie schöne Agnete.
Von Agnes M i e g e l.*)
Als Herrn Ulrichs Wittib in der Kirche gekniet, Da klang vom Kirchhof herüber ein Lied, Die Orgel droben, die hörte auf zu gehn, Und die Priester und die Knaben, alle blieben stehn, Cs horchte die Gemeinde, Greis, Kind und Braut, Die Stimme draußen sang wie die Nachtigall so laut: „Liebste Mutter in der Kirche, wo des Mesners Göcklein klingt, Liebe Mutter, hör, wie draußen deine Tochter singt, Denn ich kann ja nicht mehr knien vor Marias Schrein, Denn ich kann ja nicht mehr knien von Marias Schrein, Denn ich hab ja verloren die ewige Seligkeit, Denn ich hab ja den schlammschwarzen Wassermann gefreit. Meine Kinder spielen mit den Fischen im See, Meine Kinder haben Flossen zwischen Finger und Zeh, Keine Sonne trocknet ihrer Perlenkleidchen Saum, Meiner Kinder Augen, die schließt nicht Tod noch Traum Liebste Mutter, ach, ich bitte dich. Liebste Mutter, ach, ich bitte dich flehentlich. Wolle beten mit deinem Jngesind Für meine grünhaarigen Nixenkind, Wolle beten zu den Heiligen und zu unsrer lieben Frau Vor jeder Kirche und vor jedem Kreuz in Feld und Au. Liebste Mutter, ach, ich bitte dich sehr. Alle sieben Jahre einmal darf ich Arme nur hierher. Sage du dem Priester nun. Er soll weit auf die Kirchentüre tun — Daß ich sehen kann der Kerzen Glanz, Daß ich sehen kann die güldene Monstranz, Daß ich sagen kann meinen Kinderlein, Wie so sonnengolden strahlt des Kelches Schein!..." — Und die Stimme schwieg. Da Hub die Orgel an, Da ward die Türe weit aufgetan — Und das ganze heilige Hochamt lang —
Ein weißes, weißes Wasser vor der Kirchentüre sprang.
Agnes Miegel.
Von Börries, Freiherrn von Münchhausen, GDS.
Agnes M i e g e l s erste drei Gedichtsammlungen, 1901 bei Cotta, 1907 unb 1920 bei Eugen Diederichs, enthielten 158 Gedichte. Der Sammel- »and, den sie 1927 in Jena herausgab, umschließt 79 Gedichte. Das bedeutet, daß die Dichterin unserer Zeit genau die Hälfte alles dessen, was sie früher veröffentlichte, in diesem abschließenden Bande ausgemerzt hat. Ich kenne kein gleiches Zeichen künstlerischer Selbstkritik im Schrifttum wie dies. Und ich will gleich sagen, daß mir eine Selbst-Amputation »on solch wahrhaft indianischem Stoizismus doch allzu nahe ans Herz zeht, wobei der Chirurg an sein schönes Fachwort „allzu proximal", der Freund deutscher Dichkunst an sein Herz, das auch die heute verworfenen Dichtungen liebte, denken mag.
Darf ich mich, da ich mich mit diesem Satze nun seit 30 Jahren so oft wiederholt habe, heute noch einmal wiederholen: Agnes Miegel ist der zrüßte lebende Balladendichter unseres Volkes, und wir andern alle nüfsen tief den Pallasch vor ihr neigen! Keiner von uns kann, was sie tann, — keiner!
Sie beherrt alle Register der mächtigen Orgel, alle Pfeifen der königlichen Kunst klingen bei ihr gleich voll und stark, zart und weich. In der »Griseldis" das geschichtliche Stimmungsbild, dessen Handlung weiter ticfjts ist, als daß die verstoßene Griseldis aus dem Hause ihres Herzogs Unausgeht. Aber wie ist das gemacht, daß in Beginn des kurzen Gedichtes der Herzog so lieblos ist, und am Ende der große Hund so zärtlich ...
Und duckte sich, als er die Herrin erkqnnt, Und leckte schmeichelnd die kalte Hand. Der Dogge Augen glommen grün Im Lichte, das durch die Fenster schien...
*) Aus dem Balladenbuch.gesammelt von Ferdinand Aoena- lius, herausgegeben vom Kunstwort, Mönchen, Georg D. W. Callwey.
In der Mitte des Gedichtes aber, als Antwort auf die Absage ihres Geliebten, steht nicht ein einziges armes Wort, steht nichts als einq einzige stumme Gebärde:
Um des Bettes eichenen Pfosten schlang Ihre Rechte sich zitternd und todesbang, Ihre Linke liebkoste die Lagerstatt Und strich die schimmernden Laken glatt...
In der „Sancta Caecilia" eine heroische Legende: Die Heilige spielt trt ihrer weihen Burg hoch auf den Schieferfelsen der Wolken eine Fuge. Wieder ist die Handlung von beinahe asketischer Kargheit, aber um ihren gotisch-schmalen Leib wallt das königliche Gewand einer wahrhaft unerhört herrlichen Schilderung, blitzten die Funken der Sprache wie Geschmeide auf, einer Sprache, vor der sich das gequälte, geballte, verwickelte Deutsch gewisser Aestheten in den tiefsten Tartaros verkriechen muß. Und wo die Verse sich am Ende der Abschnitte rythmisch auflösen, da müssen wohl auch dem Unmusikalischen die Ohren klingen, als ob da nicht mehr Worte, als ob da die Noten der Heiligen-Fuge stünden:.
Und ihre ewig junge Stimme singt. —
In der „Agnes Bernauerin" eine geschichtliche Lyrik: Die Handlung ist hier ganz aus dem Gedicht hinaus verlegt, steht ganz jenseits in der Zukunft hinter der Ballade. Aber man braucht nichts vom Herzog Bernhard von Bayern und der Tochter des Baders Bernauer in Augsburg zu wissen, braucht nicht zu wissen, wie das Mädchen als Zauberin in der Donau ertränkt wurde. Die Ballade ist wundervoll in ihrer Schlaftrunkenheit und ihrer hellseherischen Andeutung, — sie steht unmittelbar neben einer geschichtlichen Lyrik Fontanes, dem „James Mon- mouth", mit dem zusammen sie den Parnaß dieser Gattung bildet.
Im „Rembrandt" haben wir eine Idylle Ostadescher Art, aber durchglüht von Rembrandtischem Helldunkel. Der verwitwete und kinderlose Meister malt aus der Erinnerung ein Kinderbildnis und ist so versunken in fein Werk, daß er halb nach hinten gewendet den Namen der geliebten Frau, ach, des geliebten Kindes ruft. Und vom Flur, wo die Magd die Fliesen scheuert, gellt es roh:
„Du Narr, was schreist du wieder nach den Toten!"
Und es will den greifen Genius ein Weinen ankommen, kindisch schiebt sich die Unterlippe vor ... da kommt die göttliche, die unerhörte Maler- Tröstung: Im Vorderhause erglimmen die Kerzen des Trödlers Aschkenas, und ihr Licht spiegelt auf Gracht und Kogge. Und der zitternde Greis, während ihm noch die Tränen aus den verschwollenen Trinkeraugen tropfen, beginnt zu lächeln und atmet auf... unb pfeift. Kaum je ist greifen Künstlers Leid und Trost so gewaltig ausgesprochen wie hier — Verdammung in den fürchterlichsten Alltag, Erlösung in alle Seligkeiten künstlerischer Schau.
Aber wo soll ich aufhören bei der Wiedergabe dieser Balladen, von denen jede einzelne ein Meisterwerk ist! Heber die „Mär vom Ritter Manuel" habe ich in meinen „Meisterballaden" ein langes Kapitel geschrieben, — ich könnte über jede andere ebenso viel sagen, um den Zeitgenossen klar zu machen, was für Schätze hier ruhen! —
Es ist eine sehr merkwürdige und nachdenkliche Erscheinung, daß neuerdings alle Sonderbegabungen der Ballade auf einmal als lyrische Dichter geradezu entdeckt werden. Die Ballade mit ihrem Sprachprunk und ihrer fabelhaften Vorlese-Wirksamkeit übertönte jahrelang, solange sie die große Mode war, die leiseren lyrischen Flöten. Heute hat sich das gewandelt, und wer ein wenig in die Schrifttumsgeschichten und die Zeitungsurteile hineinlauscht, der hört überall dasselbe: Aber überhört doch nicht die Lyrik!
Agnes Miegels Lyrik ist die eigenartigste aller Balladendichter. Auch hier begegnen uns Seite für Seite die Bestandteile der Ballade: Starke Bildhaftigkeit, prachtvolle Sprache, mächtige Tiefe aller Register. Es fehlt fast ganz das Singende, ich möchte sagen der Singsang, der etwa das Kennzeichen der Lieder von Löns ist. Dabei haben die Lieder alle eine ganz starke eigene Melodik, nicht nur da, wo sie, — ein häufiger Fall bei der Miegel — ein Lied anführen:
Die Kinder gehn im Reigen, Sie fingen ihren alten Sang: „Wir traten auf die Kette, Und die Kette klang ..."
Eines der in feiner Großartigkeit wohl ganz unerreichbaren Gedichte ist die politische Phantasie „England". Man denke: ein sozusagen unmöglicher Vorwurf, ein drei Seiten langes Kriegs- und Abrechnung;- und Droh-Gedicht, eine Verkörperung Englands, —
„Weißbrüstige Tochter Alfreds, die ihm die Keltin gebar —" ein Zwiegespräch zwischen ihr und der Dichterin, die hier völlig zur Seherin wird. Man frage ein Dutzend echte Dichter, jeder wird sagen: „Das ist nicht zu machen, das gibt kein Gedicht". Nun, ob es ein Gedkcht geworden ist, weiß auch ich nicht, aber daß es eine gewaltige dichterische


