Arena hin.
(Fortsetzung folgt.)
V-ran.wörtlich: Di. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl',che Univerjitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
phin gar nicht leicht zu gehen hatte. WaS wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin der Speichel an die Nüstern spritzte,- er peitschte mit dem Schweif, er trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein ritz so hestig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte, vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuerten die beiden Freunde seitab und rasten über die Aecker den Abhang hinan' in Hellem Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? Eine Wonne, mit dem starken Wallenstein aus und davon- zu^Di-N Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin nicht! „ , a . „
Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf Dauphin herab, als sei er der Verführte, als fei er nur mitgezerrt worden, schuldlos wie ein Kind.
Dann ging's wieder in einen Zirkus.
In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und um so länger mußte er allein vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen. Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte,- er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu schlagen und überängstlilch nach einer Stütze zu tasten! Musik begann oft zu erschallen, wenn Dauphin so stand. Der Direktor fuchtelte graziös mit den Händen in der Luft herum und sang dazu.
Heissa, wenn noch die Peitschenspitze an Dauphins Hrnterhufen herumzutrommeln ansing, so konnten sich die Füße nicht mehr halten und trippelten hierhin und dorthin und erfaßten bald den Taktschlag der Weise. Da konnte der Herr Direktor getrost feine Peitsche beiseite werfen und näher kommen! Konnte ganz nahe kommen, konnte seinen Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben, so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder! habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen miteinander, der Direktor tanzt mit dem kleinen Dauphin!
Solcherlei vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er zählte die Jahre seines jungen Lebens. Er zählte die Stunden des Tages, die Lebensjahre eine» feden Menschen, der sein Alter nicht mehr zu wissen schien. Er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der seinen glorreichen französischen Nanren deutsch ausgesprochen hatte. Er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr,- er verbeugte sich höchst artig vor seiner Königin. t o ,,
Kein Wunder also, daß die Kinder das Gaulchen mit 6er weißen Blesse so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten Dauphin, liebten ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen sie über ihn, an den Plakatsäulen sahen sie ihn in Hellen, fröhlichen Farben und vergaßen ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die Ställe besuchten, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines
: Kind kam einmal im Stall auf Dauphin zu und sagte:
Wo^ also^sprang ^Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in jener Stadt.
12.
Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des .Krieges in jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm des Flußes schnnegt.er ffunft soweit beendet hatte, daß er meinte, nun
müsse er hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn zu, zog ihn vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmäntelchen aus und nahm den weißen Husarenbufchcl von seiner Stirn, so daß Dauphin schließlich ganz nackt dastand.
Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit großer Handbewcgung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten:
„Was kannst du noch, Freund Dauphin?"
Dauphin schüttelte den Kopf. .
„Sonst kannst du nichts?" fragte schelmisch die sanfte Königin und lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß Dauphin noch etwas ganz besonderes könne. Und zu ihrem hohen Gemahl sagte sie hinüber:
„Sagten Sie mir nicht, Majestät: Dauphin übertreffe seinen Ruf?"
Da stand er und schämte sich ein wenig.
Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel dem Gäulchen ein, daß er noch etwas könne. Es st eß den Atem heftig durch die Nüstern, sah zu zwei Buben, die bei einem Offizier saßen, als spiele es nur für sie, und schritt so seinem Direktor entgegen. ... r. -
Dieser stützte die Leiter auf, und Dauphin hebt den linken Vordcrfuß auf die erste Sprosse der Leiter, dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest nnd aufrecht auf den Hinterbeinen und marschiert, so tm raschwechselnden Takt der volldrößnenden Musikkapelle in allen Gangarten 'durch die
Blut rinnt über dir weiße Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch den Kakao schleifen? ^b^Soll^ich Miezt fortsühren?" fragt der Bursche. Der Direktor """,Na,'°und du, Proletarier, was ist denn dir heute in den Schädel gestiegen, he, wat?" ... - . ,
Dauphin scharrt mtt dem linken Vorderfuß,- der Lederriemen ^"^Hab''°ich"wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's jut- machen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?"
Aller Augen richteten sich aus Dauphin, dem anscheinend fein gutes Stündlein bevorsteht. Ein Bursch, der aus der Barriere hockte, zieht die Kappe, nimmt zwei Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an. s
„Hast nich ooch eene pour moi? fragt der Direktor, und der Bursch holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. In dem Direktorengesicht hängen Schweißtropsen. Er tut ein paar Zuge und wirft die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals in die Hände ...
Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein halbjähriges Kind aus den Armen.
„Ah! Aaah! Aaahl" schreit alles, was ist da in dem Zelt. Alles bewegt sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor laßt i die Peitsche sinken, streckt, indes er zur Mutter und Kind geht, die Hand nach dem Burschen, der ihm die Zigarette gegeben, bekommt eine neue, zündet sie an und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm.
Er trägt's in die Manege zu Dauphin hin und sagt:
„Du guck, Jochem, welch ein liebes Gäulchen!"
Und zu allen rundum sagt er: r t ,
„Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!" worauf der Vater des Kleinen hinterher ruft:
„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!" , t
„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem an!" „ , t t o
Er setzt Jochem aus Dauphins Rücken, und der ganze Ztrkus gerät in den siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hopst wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, herbei, schwingt sich auf Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet so dahin, wirft's in die Luft, fangt s wieder, küßt es, drückt es an sich und jauchzt vor Freiluft und Freude. Wer jauchzt da nicht mit? Wer schweigt da noch?
Dauphin streckte, indes er wacker weiter lief, den Kopf weit nach vorn und stieß einen Schrei aus, der seltsam klang wie eine Schalmei aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil'.
Nur ein Viertelstündchen währte das fröhliche Zwischenspiel. Die kleine Tänzerin stieg ab, klapste Dauphin auf den Schenkel und fagte: ■
„Fort, Kleinzeug, mach morgen deine Sache besser!
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Dauphin machte am nächsten Tage seine Sache wieder besser, wie er überhaupt ein gelehriger Schüler war. Allein trotz aller Gelehrigkeit, trotz alles besten Willens, geschah es sehr oft, daß Dauphin die große und die kleine Peitsche zu spüren bekam, und wenn die Menschen,- denen er feine Errungenschaften darbot, Freude an ihm empfanden, wenn die Kinder ihn mit ihren kleinen Händen beklatschten, so dachten sie nur selten daran, daß hinter dieser Stellung vielleicht hundert Geißelhtebe staken, datz dieser so überaus lustige Sprung vielleicht tausend Geitzelhiebe beansprucht hatte! „Mit Wunden ganz bedeckt", verschlagen, zerschunden an Leib und Seele, kam Dauphin oftmals in die fröhliche Arena, aus den Händen der Häscher, aus dem verruchten Lederriemengesicht des Direktors in die überzuckert freundliche Miene des Abends angesichts der Menschen, die ergötzt sein wollten. Hundert Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen Menschenbelustigung! Hundert Stunden Erniedrigung für ein Vtertelstündchen kleinfrohe Menschenlaune! . , t
Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, und die Freude, Freude zu bereiten.
Es geschah aber, daß, als Dauphin die ersten Begriffe der Kunst besaß, er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner Art eher leisten konnte.
Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten, und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den ties hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde, sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen, die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht schwitze? ,
„Keineswegs!" entgegnete der alte Herr, aber ein hoher Eifer steckt in dem Kind. Es eignet sich zum Steiger, es hat Musike im Bauch, und wenn es Glück bat, kommt's zu was Großem."
Auch Wallenstein, der die Elementar-Schule erledigt hatte, zog mit Dauphin zuiammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in der Nachbarschaft weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt lag. c. „
An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Acker- fiö’uten. Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und zog leise aber stetig an der Koppel, so baß Dau-


