Ausgabe 
24.11.1933
 
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einen Augenblick. Briesen aus. Alle

Herr o. U., nicht wenig betroffen, zögerte Tann bückte er sich und nahm einige von den

die Decke zeigte ein Loch, von dem lange Rtsie ausstrahlten. Als er am Ende das Schreibzimmer von Madame öffnete,trat er so­zusagen wieder ins Freie. Denn dieser Raum war durch einen Treffer fast völlig aufgespalten. Der Sekretär war umgcstürzt, zersplittert und der Platte beraubt: aus seinem Innern aber er­goß sich ein breiter Strom in violetter Farbe auf den Fußboden und bis in die Mitte des Zimmers.

Es waren Briefe,- alle von gleicher Farbe und Form, und zwar ihrer Hunderte. Einzelne von ihnen zitterten und bewegten sich in leichtem Zugwind.

waren an den g leichen Empfänger gerichtet. Sie zeig­ten am Kopf den Namen des Schlößchen hier, waren also einmal von hier abgesandt, am Ende jedoch offenbar wieder zurückgegebcn und schließlich gesammelt in diesem Schreibtische ausbewahrt wor­den. Aus der Unterschrift erfuhr der Rittmeister freilich auch den Namen jener Dame, in deren Zimmer er so gerne dann und wann ein Viertelstündchen verbracht hatte. Er begann den An­fang eines Schreibens zu lesen, ließ aber das Blatt bald sinken und schob es rasch wieder in den Umschlag. Ein Brief, der noch in dem umgestürzten Sekretär am Grunde der Lade geblieben war, zeigte in der Datierung das Jahr 1896. Ein anderer, aus dem verbreiterten Strom in der Mitte des Zimmers genommen, wies das Jahr 1912. Was hier lag, war die eine Seite einer Liebes­korrespondenz, die über fünfzehn Jahre gedauert hatte.

Eben, als Herr v. U. zu dieser Einsicht gelangt war, und noch gebückt über dem Berg von Briefen verharrte, jenen vom Sitzen am Sekretär schon vertrauten Duft einziehend, kamen durch die Flucht der Zimmer trampelnde Schritte. Der Rittmeister erschrak und wurde besten inne, daß er diesmal in der Eile vergessen hatte, die Türe hinter sich abzuschlietzen.

Es war eine dringende Meldung, die ihn sofort hatte erreichen müssen. Während der Soldat, der ste vom Telephon brachte, sich hier verwundert umblickte, durchflog der Rittmeister, was auf -em Zettel stand.

Reserven waren von rückwärts in Anmarsch und sollten hier konzentriert werden. Da hieß es, in den Kellern zusammenrücken. Möglicherweise war an dieser Stelle ein Vorstoß beabsichtigt, um die entstandene kleine Einbuchtung der Front auszugl^jchen. Das alles aber bedeutete Bewegung, Ueberflutung jedes Winkels hier mit frischen Truppen, und wohl auch den Abschied von diesem Schlößchen, das in seinem hilflosen Zerfall noch liebenswerter geworden war.

Herr v. U. sah in einer Art von augenblicklicher Ratlosigkeit auf den Strom der zutage gekommenen Briefe vor seinen Füßen. Da und dort regte sich ein Blatt im sachten Winde, hob sich, wie um in den Park hinunter zu flattern. Er befahl den Feldwebel hierher und zwei Mann. Dann ging er ins Nebenzimmer. Da fand sich denn, nach einigem Umhersehen, eine Art großer Kassette ober Truhe, die er nach vorne trug. Während Herr v. U. noch mit dem sorgfältigen Einschichten der Briefe beschäftigt war, wobei er darauf achtete, keinen übrig zu lassen, kamen die Leute. Der Feld­webel empfing die nötigen Anordnungen und verschwand wieder: die beiden Soldaten aber, denen zu bleiben befohlen war, be­trachteten verwundert durch ein paar Augenblicke des Rittmeisters Hantierung, halfen dann aber gleich ohne ein weiteres Wort ordentlich beim Zusammenschichten der leise duftenden kleinen Vriefumschläge. Herr v. U. schloß am Ende den Deckel der Kas­sette, versperrte sie und ließ das Ding in den Garten hinunter tragen. Den Schlüssel rootf er hier tn den Schutt.

Sie hoben nach seiner Anweisung eine Grube aus. Dann ging er durch den Park und die Laufgräben in die Stellung. Als er wiederkam, war die Grube fertig und tief genug. Die Truhe stand daneben. Indessen war es an der Front etwas unruhig geworden, das Schieben hatte neuerlich begonnen. Gegen Abend kam der Rittmeister endlich zur Ausführung seiner Absicht.

Ein wahrer Katarakt von Geschossen ging eben wieder über das Schlößchen nieder, und als er, tiefgebückt, die Kassette in ihr Grab herabsenkte, stürzte dort rückwärts im Mittelbau Gemäuer und Dach vollends ein: es schien, als wollte das Schlößchen krachend in den Erdboden versinken. Staubwolken schwebten zwischen dm kahlen Bäumen. Er richtete sich auf, sah in das kleine Grab da hinunter und nahm dabei etwas geistesabwesend den Sturmbelm ab. Die Dunkelheit begann zu sinken, dort drüben zuckten die Mündunqsblitze der ununterbrochen feuernden Batterien, deren Genosse wie ein rauschender Wasterfall über ihm ihre Bahn zogen.

Eben als er die Grube zugeschüttet und die Erde festgestampft batte begann rückwärts die eigene Artillerie mit höllischem Lärm das Feuer zu beantworten. Jbr Dröhnen rollte den Himmelsraum entlang, dessen Ränder überall von wechselnden Lichtern zerrissen nmretL Ein Mann kam durch den halbdnnklen Park aus ibn zu­gelaufen und schrie tbm eine Meldung ins Oür. wahrend in der Stellung vorne eines von des Rittmeisters Maschinenaeweüren eilig zu schnattern begann. Jetzt erfuhr er, daß die ersten Ver­stärkungen eben einträfen, und der Angriff flir morgen fünf Ilhr früh, befohlen sei. Er warf noch einen Blick ans die plattgestamp cke Erde zu seinen Füßen, konnte aber in der raschhereingebrochenen Dunkelheit nicht« mehr ausnehmen,- die Stelle glich. jetzt ganz dem umliegenden Roden. Als er sich wandte, geschah ein schwerer Einschlag' und ausblickend sah er das eine Ende des Gebäudes, wo einst das Schreibzimmer von Madame aewesen, in einer dichten Wolke von Dampf und Staub zusammcnbrechen.

JRiefefe.

Die Geschichte eines kleine« Pferdes.

Von Nikolaus Schwarzkopf.

lNachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt, das er noch nicht kannte, und mußte vorerst am Vorhang recht lange warten. Sah die Kunststücke aller Freunde, aber erst, als alle wieder aus der Manege verschwunden waren, durfte er Hinei,r.

Husch, hinaus! Aus die Barrierei

Spar' deine Peitsche, Direktorlel

Ah, aah, aaah!" rief die Menge, und die Kinder tobten: Pause I"

Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vor­hang, indes die Leute von ihren Plätzen sich erhoben.

Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer hinaustragen, viele Wochen lang.

Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte man ibn nicht eigens angekauft. Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen.

Es geschah, baß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte! Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: Komm her!" so hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und daselbst zu Seiten des Direktors zu stehen, bis ein neuer Befehl kam. Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich wer wüßte das nicht schon!a genoux! Beim ersten Ruf klappte alles sehr gut, und die sieben Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab, Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende.A genoux! knallte der Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien.

Dauphin, der tn diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken die Genossen, aber Miezi draußen kam nicht herunter. Die Peitsche trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohr vorbei und umher in allen erregten Tonlagen, allein Miezi kam nicht herunter, und die Reihe ward unruhig und konnte nicht länger unten bleiben.

Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!" donnerte der Direktor, und sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, «nd die übrigen folgten.

Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief außer der Reihe, trottete nach der Mitte zu, ward vertrieben von der Peitsche, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm ein­drängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, ver­zögerte seinen eiligen Schritt, und Miezi fchob sich vor ihn und raste mit voran. Die Peitsche züngelte nicht, surrte vielmehr von oben herab auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Nundlauf.

Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinn­backen. Dieser rast weiter in der wirren Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren Platz.

Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche rennt mit und schlägt unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen Peitsche.

Der Führerin knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum am Mund, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht.

Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen? Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihn hin, und sogleich schneidet die Petschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut kreischt der Direktor, was man nicht mehr verstehen kann. Ost zischt das Wort:So siehste aus!"

Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette. Die Peitschen ver- laffen nun die arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang, er steht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält, und sucht auch den seinen wieder.

So, so ist's gut, so ischt's guat!"

Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt, bald hoch, bald tief, wie ein Lied, wie ein schmeichelnder Gesang!

Komm her!" heißt es nun wieder.

Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander!

A genoux! ertönt's jetzt streng und roh.

Miezi aber kommt nicht herunter, und auch Dauphin hockt in halber Senkung und kommt nicht nieder.

Schluß!" kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine Fahne alter Veteranen.

Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!"

Die Gaffe am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Be­freiten hinaus. Er wirft die lange Peitsche vor sich, der Herr Direktor, der Bursch gibt ihm die kurze.

Miezi torkelt: ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint die alte Wunde aufgebrochen zu sein: Ein Strömlein