Fe'd-egräSms einer Liebe.
Novelle von Heimito Doderer.
Copyright 1932 by I. L. A. Wien.
Die folgende kleine Begebenheit erzählte mir einmal mein Schwadronschef, und ich darf sagen auch Freund und Kamerad, der Rittmeister Freiherr von U., der sie in Nordfrankreich erlebt hat. Er war damals — für lange Zeit wieder hatte der fröhliche Neiterkrieg geendet! — Kommandant einer Maschinengewehr- kompanic, also einer selbständigen Abteilung, die man entlang der Front überallhin dirigierte und dorr einsetzte, wo es gerade schlimm herging. Einstmals nun kamen sie da in eine Stellung, deren Gräben sich nahe vor einem waren Traum von Schlößchen hinzogen, das verlaffen stand, und teilweise durch dessen Park hindurch: beides, Gebäude wie Garten, waren von der feindlichen Artillerie schon übel zugerichtet, die alten Bäume großenteils längst niedergelegt, so daß man aus den Zimmern, wo die dienstfreien Mannschaften bequem zu nächtigen pflegten, frei water einem trüben Novemberhimmel über das trichterzerwühlte Vorfeld sah. In einem dieser Zimmer nun hatte auch Herr von U. sein Lager aufgeschlagen und das Feldtelephon eingerichtet.
Indessen übersiedelten seine Leute bald mehr und mehr in die Kellerräume. Denn das Haus zerfiel. Die Treffer leichter und schwerer Granaten hatten ausstrahlende Nisie im grauen Mauerwerk auch dort erzeugt, wo dieses heil geblieben war, und gleich neben der Auffahrt lief ein solcher Sprung vom Portal weg, mitten durch eine Gruppe Kränze windender Putten hindurch, denen hier bei heller Bruchfläche, ein Aermchen oder Beinchen, dort schon der halbe Körper fehlte: ja einer dieser kleinen Engel war in ganzer Person herabgefallen und lag nun neben der Freitreppe mit dem Gesicht nach unten zwischen den zahlreichen Wagenspuren: denn bis hierher kamen des nachts Munitionsfuhrwerke und die Fahrküchen. .
Herr v. U. aber hauste noch immer in seinem Eckzimmer oben am linken Flügel des stark mitgenommenen Gebäudes. Dieses Zimmer zeigte in der Einrichtung den gleichen Charakter wie alle Räume hier: eine gewisse Leichtigkeit und Zierlichkeit, die sich bis in die verblaßten Stiche fortsetzte, die da und dort hingen, von schmalen Golüleisten eingefaßt. Einen Wandteppich gab es, den Triumph der Ariadne darstellend. Im ganzen Hause, außer etwa im Speisesaal, stand kein einziges wirklich schweres Möbelstück, kein breiter Schreibtisch, kein mächtiger Schrank. Die Dinge hier mochten großenteils aus dem mittleren achtzehnten Jahrhundert stammen, manches auch aus napoleonischer Zeit.
Herr v. U., der die letzten Tage dieses Schlößchens als deflen Bewohner miterlebte, und dessen eigene letzte Tage es wohl auch jederzeit hätten werben können, schlenderte nicht ungern durch die blassen und weiten Räume, in welchen, wenn sie auch vom Schwarm seiner Leute wieder verlassen waren, doch noch immer zwei allzu verschiedene Welten im Streite zu liegen schienen. Ber- . wüstet war verhältnismäßig wenig. Aber dieses Wenige genügte, um den Eindruck einer schweren und tödlichen Wunde an einem zarten Körper zu machen. Der weiße Speisesaal im Mittelbau war von der Mannschaft belegt worden, und nicht anders wie ein Schlafsaal in der Kaserne. Reihenweis, Mann neben Mann, hatte jeder seinen Platz am ausgeschütteten Stroh gefunden. In der Mitte hatte man einen entsprechenden Raum als Gang freige- halten, damit nicht beim Alarm einer über den andern steigen müsse. Nun freilich war das Stroh wieder hinaus und in den weniger freundlichen Keller geschafft worden: und nicht mehr lagen zu Häupten jedes Schlafplatzes die Werkzeuge des Soldaten in unscheinbar-strengem Grau: Sturmhelm, Spaten und der Leibgurt. Der Raum war leer wie früher, jetzt aber so vernachlässigt wie verlassen. Die einstmals matt spiegelnden großen Vierecke des Parketts lagen unter Staub und Schmutz erblindet und von den Stieseln zerkratzt: und daß man hier immer truppweise dieselben Wege getrampelt war, konnte noch aus einer breiten Bahn von trockenem Lehm entnommen werden, die sich vom Eingang her durch die Länge des Saales zog, eben jenen frei- gehaltenen Gang zwischen den einstigen Lagerstätten andeutend. Diese selbst aber hatten ja den Boden gedeckt und geschützt, und seine zu beiden Seiten des Schmutzstreifens reinere Fläche hob jetzt jene langgestreckte Spur kriegerischen Treibens noch schärfer hervor. Uebrigens setzte sich diese als schmales Band noch durch zwei angrenzende Salons und bis in die Flügel fort, wo der Rittmeister wohnte. Denn der Lehm aus den Gräben klebte an den Stiefeln der meldenden Unteroffiziere und Ordonnanzen ebensogut wie an jenen aller übrigen Soldaten.
Herr v. U. betrachtete nach der Umquartierung seiner Leute in dem Keller nicht ohne wehmütige Verwunderung diesen einst so heiteren Raum, dem eine Terraffe vorgelagert war mit einer breit gegen den Garten zu ausladenden Treppe. Die Veränderung hier im Saale schien ihm eigentlich weit größer zu sein, als sich so im einzelnen feststellen ließ: denn man hatte ja hier um nichts mehr getan, als einen langen Speisetisch mit schwerer Marmorplatte, der vorher in der Mitte gestanden war, an die Riiwand geschoben, und vierundzwanzig leichte goldene Sesselchen obendrauf getürmt. Da und dort lagen in dem weiten Raum allerdings noch Reste von Stroh umfier; und in einer Ecke waren leere Verschlüge übereinandergestellt.
Er besann sich unter alledem an den Tag seiner Ankunft hier. Gerade damals war die Front an dieser Stelle um einige Kilometer zurückgenommen worden, und der nächste Morgen hatte die Bäume im vorderen Teile des Parkes splitternd und brechend im schweren Feuer der feindlichen Artillerie gese^-n Wn df-^rn Morgen auch hatte das Haus den ersten Treffer bekommen. Aber am Nachmittag vorher, als sie bei eben erst ansetzender Dämme
rung den Saal hier betraten, lag alles noch wie in eine Ich, Insel von Stille geflüchtet, die im zerwühlten Land ringsch wahrhaft selten geworden war. Der Schritt hallte, der Abend st»,, blau und hoch in den Scheiben, man sah über den Park binn- , und zwischen den kahlen Bäumen hindurch auf die Kontur fern t Hügel, die sich scharf gegen den Himmel absetzte. Herr v. \ betrat die Räume in den Seitentrakten, und gleich damals es, daß er im linksseitigen das letzte Zimmer bezog, den andch Flügel aber ganz absperrte.
Heute, wie fast jeden Tag seither, legte er hier im Speisest f die schmutzigen Stiefel ab, schloß die hohe weiße Tür aus uy hinter sich wieder zu, um diesem kleinen Reich einen kurzen Ä- such abzustatten. Er sand alles unverändert. Noch hatte hier h, Treffer eingeschlagen, der die Vcrschloffenheit dieser Räume oti gespalten und sie dem Wind und Wetter, dem Schmutz und St«y preisgegeben hätte. Wenn da drüben, in dem andern Teil, wo « wohnte, zwei allzu verschiedene Welten auch in einem sozusa«» unsichtbaren Streite zu liegen schienen — hier war solcher Stiel noch nicht begonnen: eine zarte Wolke von Duft nahm ihn gleis hinter der Türe auf, weder durchkreuzt von dem öligen Geich der Gewehre, noch von den erfreulichen Gerüchen, die allabendlij mit den Fahrküchen eintrafen und aus den Eßschalen dort i,j Saale gedampft hatten. Es blieb hier stille, auch wenn einmf von draußen Lärm herandrang: man empfand ihn als fern, ne er gleich nah. Herr v. U. pflegte langsam bis in das letzte SinuM im Flügel vorzuschreiten. Hier ließ er sich dann für ein klewi Weilchen nieder.
Es war ganz offenbar ein Damenzimmer — wo überhaupt rs diesem Hause sand sich auch nur ein einziger wesentlich nwni licher Raum, ein Raum, den man etwa als Gemach des Ha«> Herrn hätte ansehen können? Der kleine zierliche Sekretär ftoni nahe bei einem Fenster gegen den Park hinaus. Daneben gab»! an der Wand einen Breiten gestickten Klingelzug. Der RittmeM setzte sich behutsam auf eine Chaiselongue. Man konnte von M aus schräg durch die Gardine in den Himmel sehen, ohne daß inf Blick einen der zersplitterten Bäume draußen streifte. Die 8rri schwieg. Nur dann und wann kam ein fernes Dröhnen tjerüta| Er begann nach einer Weile leise auf den Socken im Zimmer di und ab zu schreiten und ließ sich am Ende vor dem kleinen Schleuß tl' Dein Sekretär entströmte ein merklich starker Duft, der «ul den Laden zu kommen schien. Ob diese verschlossen oder dIm waren, wollte Herr v. U. freilich nicht untersuchen. Er überlmi sich der Einwirkung dieses Parfüms, stützte den Kopf aus I« Arme und schloß die Augen.
In diesen Tagen verbrachte er manche Viertelstunde in kleinen Boudoir und war allen Ernstes der Meinung, daß tiii daraus besondere Erholung komme. Während der letzten vieruw zwanzig Stunden verlegte die feindliche Artillerie, die bisher 1 der Hauptsache doch den vorderen Teil des Parkes, wo die M« ben liefen, bestrichen batte, ihr Feuer nach rückwärts, und in Treffer in dem Schlößchen, das nun mit entblößter Front hin!,« seinem von den Geschossen bald gänzlich rasierten Park IW wurden immer häufiger. Oft, wenn der Rittmeister sich für et: paar Stunden zum Schlafen hingeworfen hatte, drang der un der Einschläge in seinen Traum, freilich, ohne daß derlei eiw allen Frontsoldaten hätte erwecken können. Aber wieder muiw werdend, erinnerte er sich doch des kaum und halb gehörten P>°> tcrns und Prasselns stürzender Steintrümmer, und nicht leite“, wenn es die Zeit gerade zuließ, war dann sein erster Weg in m Flügel hinüber, um in den Zimmern von Madame — so mut”1 er§ " bei sich — nachzusehen, ob hier nichts geschehen sei. Jed'« immer noch stand alles unversehrt, ja ihm schien manchmal, sei diese Stille, die nach einer wohl sehr eiligen Abreise « Schloßherrin zurückgeblieben war, stärker als aller Stahl, draußen seine berechnete Bahn durchsauste, und in irgendei» Weise unverletzlich. ■!
Am Ende wurde es auch für Herrn v. U. notwendig, in o® Keller zu übersiedeln.
Als er dort, gegen Morgen erst aus den Graben komM^ seinen wenig freundlichen neuen Schlafplatz ausgesucht hatte, gann nicht lange danach, das Schießen wieder und diesmal, t»< es schien, mit großem Erfolg. In Pausen von wenigen MiE hörte man dort oben die krachenden Einschläge, Poltern Splittern von Balken und Stein und zwei ober dreimal ga° A anhaltende donnernde Einbrüche, denen ein langes Rauschen »i Rieseln nachfolgte. Nach einigen Stunden ließ das Feuer und schwieg endlich. «uj
Der helle Tag beschien eine säst völlige Verwüstung. Rittmeisters ehemaliger Wohnraum war sozusagen gänzlich gebrochen, Decke und Fußboden durchschlagen, die eine Sette fl«“ ben Park zu freigelegt, wohin sich auch bas steile Dach schon i1 J Sturze neigen wollte. Dieser linke Flügel bes GebäubeS schien st meisten gelitten zu haben, nächst ihm wohl der Mittelbau. * Gartenseite des Speisesaales war eingestürzt. Herr v. N. eilte n « vorne in die Stellung. Hier hatte man eine verhältntsnnw ruhige Nacht gehabt, das Feuer war offenbar nur dem Anmat - raume zugedacht gewesen, vielleicht war vom Feinde ein v« . kommen von Reserven oder deren Zusammenziehung hinter i Schlößchen vermutet worden.
Herr v. U. betrat sofort nach seiner Rückkehr die Ztmmer Madame. ,, „ .L m
Hier war es hell, und es schmeckte nach frischer Luft. Da- . ihm zuerst auf. Und damit wußte er auch schon alles. In den * deren Räumen gab's wenig Schaden, an eine Stelle alter, u war der Boden von Trümmern und Scherben übersät »no I
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