Wehem ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Zahrgang l9ZZ__Zreitag, den 24. November___________________________Nummer 9|
Oie wir entronnen sind.
Von Hans L e i f h e l m.
Die wir entronnen sind dem Sterben vor der Zeit, Wir gehen immerdar im Totenkleid,
Uns ist in Blut gestählt und altert nicht das Herz, Ein jeder Morgen morgenneu, ein jeder Tag wie Tag im März.
Knaben, Jüngling, Mann — wir gruben viele ein,
Wir hörten statt des Lerchenrufs den Totenvogel schrein, Und streifte Nacht für Nacht der dunklen Flügel Schlag, Uns rührte an mit seiner Hand der Tod vor Tag.
Das läßt uns nimmermehr für uns allein, Das läßt uns immerdar mit unfern Toten sein, Mit unfern Toten durch das lichte Leben gehn, Mit ihnen schlafen und mit ihnen auscrstehn.
Schlafen den Schlaf, in dem kein Traum lebendig ist, Kristallne Ruhe, die des Wandelns ganz vergißt, Und auferstehn, wie der nur aufersteht, Durch den der Atem der Erweckung geht.
Wir bringen Botschaft mit von ihnen, die verstummt, Lächeln und Blick von ihnen, die vermummt, Von ihrem Leib, der modert und verfällt, Tragen wir Puls und Atem durch die Welt.
Ore Stimme der Toten.
Von Dr. Ernst Keienburg.
Ausl laßt uns leben, damit unsre Toten lebenl
G 0 r ch Fock.
Es geziemt uns, den ersten Totensonntag im Jahre der Volkstrneuerung in einem Geist zu begehen, der den Tob als Brücke uni) zukunftsbildende Macht begreift und mit hoher sittlicher Freu- ügkeit dem Vermächtnis der Schlafenden gerecht wird. Denn rote iönnte ein Geschlecht, das durch Stahlgewitter und Sintfluten gelbritten ist, so ungebeugten Mutes ans Werk des Künftigen, gehen, wenn es nicht auf seinem schweren Gange den Gleichichritt der Toten neben sich fühlte, deren unsichtbare Hände uns segnen, damit ii'ir Vollender seien.
Zwei Jahrzehnte Opfergang! Kein Haus ohne Kreuz, keines ieutschen Menschen Erinnerung ohne Leid. Deutiches Blut, versickert auf zerwühlter Erde, Legionen von Greifen unk' K udern Md Verzweifelten, hingemäht durch tückische Machte in der eigenen Heimat. — Millionen von erloschenen Augen sind heute auf uns berichtet. Sie fordern und mahnen. Ihr Anblick ist unausweichlich. Cie schauen in unser Verborgenstes. Sie stehen auf und fragen rach den Saaten, die aus ihren zermorichten Leibern iprießen füllten
Das Heer der Toten ruft auf das Heer der Lebenden.
Wehe der Nation, die nicht vor ihren Toten bestehen kann!
Der letzte Sinn des Todes ist die Erkenntnis des Unvergäng- lichen, das Hinschenken an die Idee des Ewigen. Wo jemals große Menschen die Erschütterung des Todes spurten, übertönt ihre Prophetie die Klage über das Hinwelken,- über den Grabern er- keben sich die Bogen des Unendlichen. Stimmen erheben sich, mach- [tifl wie Orgeltöne, schwingen sich über die Jahrhunderte, eine An- s ge von der Größe und Gottgewolltheit der deutschen Passion.
Da stellt einer in der Hoch-Zeit deutschen Mittelalters, Met - fier Eckhardt, geistiger Gipfel der gotischen Menschen deutscher Prägung. Mächtig tönen seine Worte: r .. .
„Willst f|’i Gottes Kind sein, so gehe hin und leibe! — 3m Leiden prüft Gott den Menschen, ob er ^bewahren könne, wie man Gold prüft und brennt in einem Feuerofen.
: Und wieder spricht einer, der bienend zu seinen Fußen satz, k-r Mystiker Heinrich Seuse: „
„Ein Mensch, der nicht gelitten hat — was weiß der!
Grabmale türmten sich auf und zerfielen zu Schutt, mancher deutscher Frühling wurde zu Grabe getragen, jene mahnenden, aufrichtenden Stimmen aber blieben, sie drangen aus dem schweren Erdreich an die Ohren der Lebenden und rührten ihre Seelen auf, daß sie das Vermächtnis der Toten erfüllen sollten:
„Ach Bruder, werde doch, was bleibst du Dunst und Schein, wir müssen wesentlich ein Neues worden sein!"
Dessen Flehen so aus Grüften zu uns findet,- als wäre es zu dem heutigen Tage heiß in unsere Herzen gesprochen, ist der Schlesier Angelus Silestus, den sie vor drei Jahrhunderten der Erde übergaben. Seine gläubige Todesüberwinöung aber hatte Flugkraft tausendfältiger Keime, die in unseren Edelsten trieben und wirkten, wie in jener herrlichen Ode, die wir Matthias Claudius verdanken:
Der Säemann säet den Samen, die Erd empfängt ihn, und über ein Kleines keimet die Blume herauf —
Du liebtest sie. Was auch dies Leben sonst für Gewinn hat, war dir klein geachtet, und sie entschlummerte dir!
Was weinest du neben dem Grabe und hebst die Hände zur Wolke des Todes und der Verwesung empor?
Wie Gras auf dem Felde sind Menschen dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage gehn wir verkleidet einher:
Der Adler besuchet die Erde, doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub und kehrt zur Sonne zurück!"
Höre, deutscher Mensch, die Stimmen deiner Besten, die je mkk den Schatten des Todes und der leiblichen Vernichtung rangen. Was denn ist der Tod als eine Brücke, wie Friedrich Hölderlin, der große Glücklose, sprach:
„Er erschreckt uns, unser Retter, der Tod. Sanft kommt er leis im Gewölle des Schlafs, aber er bleibt fürchterlich und wir sehn nur nieder ins Gras, ob er gleich uns zur Vollendung führt aus Hüllen der Nacht hinüber in der Erkenntnisse Land."
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Nicht „nieder ins Grab zu sehen", sondern auszublicken, gebietet das hohe Vermächtnis der Verblichenen. Noch ist die Erde schwer vom Saatgut der feldgrauen Toten. Noch sind ihre Stimmen so gegenwärtig in uns, noch liegt der Druck ihrer Hand so fest in der unseren, noch ist ihr Atem so dicht an unserem Ohr, daß wir sie kaum gestern von uns gegangen wähnen. Dennoch umschwebt schon höchste Prophetie die endlosen Kreuze. Wir blättern in ver- gilbten Briefen und lesen dies und das, was sie in ihren Unterständen schrieben, was sie zwischen Tag und Nacht, Vortrupps der Ewigkeit, beim Kerzenlicht auf schlechtes Papier chinfieberten — wir lesen bas heute mit einem neuen, erschreckend nahen Sinn und feierlich berührt wie von dem letzten Willen eines lieben Verstorbenen.
Eine leise, tiefe, männliche Stimme hören wir, heröringend aus einem Wellengrabe am Skagerrak. Der Dichter und Heimat- mcnsch Go rch F.o ck sprach vor seinem Heldentode:
„Wer seine Ewigkeit verliert, verliert damit seine Toten! Und was ein Mensch ohne Ewigkeit ist, das habe ich hier im Felde jeden Tag spüren können. Das will ich kniend aussprechen: der Lebenden sind wir ungewiß, aber nicht der treuen Toten, die unwandelbar bei uns bleiben."
So sprach einer, der des leiblichen Todes gewiß war, und aber Tausende solcher Zeugnisse sind uns verblieben vom tröstlichen und mannhaften Sterben. Wie aber sollten wir Lebenden schwächer sein als die Toten und unwürdig dereinst, zu effen vom Brote des Todes! Mit Freudigkeit wollen wir zeugen für ihre Unverweslichkeit. Mit Freudigkeit erfüllen ihr Vermächtnis!


