Ausgabe 
24.7.1933
 
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nur

In das Milieu der Witwe Wagenschanz kann sich Rosemarie nicht

der Geschlechter.

behandeln, Fräu-

haben", fährt er

stören läßt.

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: Dr. Hans Tbyrivt. Druck und Beklag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, (Sieben.

In fünf Jahren würden Sie mich weniger abweisend lein Reubold."

ein wenig.

Eine arme Klavierstimmerin.

versinken."

Ach was, Mann, lernen

Elli, die niemals Nähen noch stille stehen. Rosemarie Hahn & Söhne.

Der Anwalt Schönlein,

ein­fiel Jn-

Sie schwimmen."

gelernt hatte, ließ ihre Nähmaschine kaum ging täglich in die Pianofortefabrik Wehr-

marie die Nachricht ihres Vormundes, ihre Mittel seien erschöpft. Sie fügt sich nur aus Not in ihren schlechtbezahlten Beruf. Selbst eine Frau mit geringerem Hochmut würde leiden unter der rauhen Offenherzigkeit ihrer neuen Mitmenschen, die so ehrlich und gutmütig sein mögen, wie sie wollen: sie sitzen sich alle zu hart auf dem Pelz, sagen sich die un­geschminkte Meinung, und die Nöte des Lebens machen sie oft böse und zänkisch. Ererbte Vornehmheit hat gelernt, einander aus dem Wege zu gehen, eine Warheit zu verschweigen, eine Meinung verbindlich abzurunden.

Jeder kennt Rosemarie von den Wohltätigkeitskonzerten, in denen sie den Gesang Lisa Schönleins auf dem Flügel begleitet. Die stets um eine Liebschaft verlegenen Herren unserer Stadt bedürfen keiner über­triebenen Menschenkunde, um zu erkennen, daß Fräulein Reubold unter ihrer Vereinsamung leidet. Wäre sie ein häßliches Entlein, so hätten die gastlichen Kreise sie vielleicht ganz gern im großen Teich geduldet. Sie besitzt aber so vorteilhafte Gaben der äußeren Erscheinung, gewählter Formen und einer sorgfältigen Bildung, daß es hier bei uns nicht wenige Mütter gibt, die ihren Töchtern einen so scharfen Wettbewerb ersparen möchten und Väter, die eine Torheit ihrer Söhne befürchten.

Für sie setzen sich eben nur die jungen Herren mit einem lodernden Idealismus ein, und das ist keine gute Empfehlung für ein alleinstehendes

Mädchen Mögen in den Großstädten die alten Sitten zusammenbrechen, bis in unsere Stadt hat die neue Zeit nur ihre Maschinen geschickt und glücklicherweise kaum einen Hauch ihrer Gesinnung. Die alteren Leute wenigstens bieten alle Strenge auf, um diesen Zustand zu erhalten. Der Kommerzienrat Wehrhahn führt mit feinen beiden Söhnen einen heftigen .Kampf um ihre Autos, obwohl der Wettere, Herbert, vor einigen Wochen immerhin dreiunddreihig geworden ist. Diese zu einer ständigen Ein- richtung gewordenen Einsprüche werden mit väterlicher Besorgnis be­gründet, und Professor Busch vom Städtischen Krankenhaus, dem man an jedem Sonntag abend die Verunglückten der Harzstraßen zum Zu- sammenslicken überbringt, stimmt den Bedenken mit Nachdruck zu.

Dieser Herbert Wehrhahn nimmt in der Pianofortefabrik längst eine leitende Stellung ein, als Chef der Personalabteilung bleibt er trotzdem unentwegtder junge Herr". Er besuchte vor vielen Jahren die Univer­sität und tarn mit einer quicklebendigen kleinen Braut zurück, einer Stu­dentin im gleichen Alter wie er, Tochter eines Konsistorialrats mit sieben Kindern. Unter dem Druck, vor allem seiner Mutter, wurde diese junge Liebe so gründlich zu Tode gequält, daß er sich nicht mehr mit Heirats- gebauten trug.

Aller Vermutung nach sind es keine soliden Absichten, wenn er sich in einen der schalldichten Räume bemüht, wo eine Klavierstimmerin mit Namen Reuboldt arbeitet; er kommt nur wenige Minuten, aber fast Tag für Tag. Vielleicht reizt ihn sogleich, daß sie ihn bei seinem Ein­treten stets mit dem kalten Blick einer Arbeiterin grüßt und sich im übrigen nicht um ihn kümmert. Obwohl seine gesellschastlichen Fähigkeiten bekannt sind, macht es ihm ernstliche Mühe, mit ihr überhaupt ein Ge- spräch zu beginnen, ihre kurzen Antworten vereiteln jeden Zusammenhang, auch dann, wenn er etwa sachlich von der Klanggüte des Zedern­holzes redet.

Ganz damenhaft sitzt Rosemarie auf ihrem Schemelchen, in unge« zwungener Haltung, zur Ehrerbietung ist allerdings kein Anlaß. Sie be­trachtetden jungen Herrn". Ein merkwürdiges Gesicht, das aufgedunsen wirkt, obwohl es schlank ist, und finster, obwohl es freundlich blickt; die Backenknochen kann man unter der Haut nicht erkennen, doch die Stirn liegt ebenmäßig und flächig gerundet. Rosemarie bedarf keiner Phantasie, um sich das erfreuliche Bild vorzustellen: sie neben diesem gepflegten jungen Menschen, in den grünen Lederpolstern seines schneeweißen Rennwagens lehnend, in lässiger Haltung, aber die Farbenzusammenstellung konnte noch etwas betonter geschehen, der junge Herr würde ihr sicher gern einen grünen Ledermantel verehren, der zu den Polstern seines Wagens genau paßt. In dieser unmißverständlichen Aufmachung rollt man durch das künftige Maienlicht des hohen Harzes, oder besser noch, man paradiert im Schriltempo unter den herrlichen Kastanien unserer Weifenallee, und alles ist beinah wie einst. Ernsthaft, es gibt einen spürbaren Stich durch Rosemaries Herz, wenn sie sich eine so vorteilhafte Veränderung ihres Daseins vorstellt ...

Sie führen ein Leben, Fräulein Reubold, das weder Ihrer Herkunft noch Ihren Fähigkeiten entspricht."

Sofort dreht sie ihm den Rücken zu und ergreift wieder ihre Saiten« schlüssel.Sie machen sich wohl keine Vorstellung, Herr Doktor, wie oft ich diese Einleitung ungefähr mit den gleichen Worten zu hören be­kommen habe."

Einleitung?"

Ich habe zu arbeiten." Sie gibt ihm keine Antwort mehr und han­tiert mit dem großen Hakenschlüssel, als wäre niemand anwesend.

Es ist eine hübsche Sitte", fängt ihr Belagerer nach einer Weile von neuem an zu schießen,daß man den Frauen keine allzu deutlichen Vorschläge macht und trotzdem genau verstanden wird."

Oh! Ich verstehe Sie auch vollkommen genau." Rosemarie überlegt mit großer Eindringlichkeit, wie es wäre, wenn sie als Tochter eines reichen Hauses diesem Mann begegnete, beide von ungefähr gleichem Vermögen und gleichem Bildungskreis. Sie kennt ihn auch außerhalb der Fabrik recht genau, Wehrhahn jun. verkehrt in dem einzigen Bürger­hause, das auch ihr osfensteht: beim Rechtsanwalt Peter Schönlein. Unter den Umständen dieses Wenn würde sie den jungen Wehrhahn schätzen.

eignen."

Mit geschäftsmäßigem Griff prüft Rosemarie ein paar Quinten.Ich brauchte nicht einmal fünf Jahre dazu, Doktor Wehrhahn, um mich zu der Erkenntnis durchzuringen, wie die Höflichkeit derjungen Herren" in Wahrheit aussieht."

Er kennt seinen Beinamen, er kneift die Lippen, er bestätigt ihr höflich die Richtigkeit ihrer Vermutung.

So geht es noch eine ganze Weile zwischen ihnen weiter, ohne daß der junge ächef etwas anderes zu sehen bekommt als Rosemaries Rücken, und ohne daß sie sich in ihrer Arbeit durch diese Unterhaltung im mindesten

Nicht lieben.

Und er berechnete mit nahezu logischer Strenge, wie es im Innern der Klavierstimmerin Reubold aussieht. Er weiß wie deutlich sie sich der Hoffnungslosigkeit ihrer Lage bewußt ist. Jeder tag beweist ihr, daß das Leben keine Purzelbäume schlägt, oder wenn, so nur nach unten.

Der Doktor Wehrhahn hat selten eine Frau auf kaltem Wege so durch­schaut, wie diese, aber seine Erkenntnisse bringen ihn keinen Schritt voran; er ist sicher, daß sogar gewisse Drohungen beruflicher Art bei ihr nicht verfangen würden; soweit stehen die Dinge aber noch nicht. Also bleibt bei allem Verstand nur die ordinäre Anziehungskraft v

gewöhnen. Sie stammt aus sehr wohlhabenden Kreisen, ihr Vater im Krieg, seine Taselglassabrik verkrachte, die Mutter starb vor der _ flation, und mitten in einer hoffnungsvollen Ausbildung erhielt Rvfe-

noch dazu an drei Abenden der Woche in Hahnemanns Tanz-Cafe Musik machen

Unglücklicherweise ließ Rosemarie, die nun wider Erwarten alle beide ernährte unb bcirum schon ein Wort riskieren konnte, auch eine Bemerkung fallen über diescheußlichen Möbel". Elli zischte hoch und redete bann drei Tage keinen Ton. Aber sie hatte sich vorgenommen, von Rosemaroe soviel wie möglich zu lernen, und plötzlich erkundigte sie sich ganz frteöltm: Warum sollen denn meine Möbel eigentlich so scheußlich sein?Sie Schnörkel, Elli, die vielen Verzierungen, alle Farben blind und abge­sprungen, sehen Sie sich bloß mal die Eisenbetten an, wie sehen denn die aus, und der Vertiko mit seinen geschmacklosen Säulen, und der runde Tisch ist viel zu hoch!"

Bei Gelegenheit flickte Elli die Hemden des alten Schreiners Groth. Statt einer Bezahlung nahm dieser eine Radikalkur vor mit dem runden Tisch, genau nach den Angaben des Fräuleins Reubold wurden die Beine gekürzt, Groth übertraf sich selber mit einem weinroten Schleiflack, plötz­lich stand in dieser Mansarde ein fabelhaft moderner Rauchtisch. Elli geriet in fieberhafte Tätigkeit, sie nähte Kinderwäsche für einen arbeitslosen Anstreicher, da strahlten die beiden Betten plötzlich in schneeweißem Glanze, der Vertiko verschwand und kam wieder als eine zauberhafte niedrige Kommode, nicht ein Stück blieb verschont. Kurzum, so ging es zu: im alten Häuschen der Witwe Wagenschanz entstand ein überaus modernes Zimmer- chen, geweißte Wände, und alles vollkommen kostenlos nach Ellis Be­grifffen. Doktor Wagenschanz kam herauf, sah es sich an.Sie werden vorwärts kommen, Elli, Sie werden es zu etwas bringen. Wir andern

Ausgezeichnet. Warten wir fünf Jahre."

In fünf Jahren werden Sie immerhin begriffen , . . ,

unbeirrt fort,daß Sie sich nicht für ein Leben in diesen Niederungen

auf den Rosemarie hoffte, rief sie nach einigen Wochen zu sich: er müsse es leider ablehnen, ihren Prozeß zu führen.Diese Jnslationsgeschichten sind vollkommen undurchsichtig, der Staat gibt ungern Armenrecht dafür. Wären Sie eine alte Frau, so würde ich diese Sache durchfechten. Die Jungen sollen sich selber auf die Hinterbeine setzen ober in den Psuhl sinken, in den sie gehören."

Im Laus der Zeit ist es nicht nur bei diesen sonntäglichen Besuchen geblieben, und auch nicht nur bei den musikalischen Abenden. Mindestens Lisa weiß, daß es nicht dabei blieb. Niemand spricht davon, und Elli in ihrem unerschütterlichen Gleichgewicht ahnt wohl nicht das mindeste, sie wird mitgenommen, tut das meiste und ist immer guter Dinge, etwas frech manchmal. An solchen Tagen blickt Peter Schönlein zuweilen hinter Rosemarie her, er dreht nur den Kopf nach ihr und auch das

Das sind vernünftige Worte, die jedem sofort einleuchten, der es nicht selbst erlebt. Es finbjibrigens die einzigen kraftvollen Worte, die Rose­marie je aus Peter Schönleins Mund vernahm.

Sie lernte Lisa Schönlein kennen, und wenn es ihrim Pfuhl" zu arg wurde, fo ging sie zu ihr und machte mit ihr Musik. Der Anwalt besitzt ein schönes Erbstück in seiner Wohnung, deren Kanzlei und Arbeits­zimmer die besten Räume wegnehmen, einen Flügel, demzuliebe man in der Küche essen muß. Lisa spielt darauf mit ebenso gutem Können wie auf der Schreibmaschine ihres Mannes, doch mit größerer Leidenschaft. Sie war wie Rosemarie Konservatoristin gewesen und hätte ein Semester später ihre Ausbildung als Sängerin abgeschlossen, da verheiratete sie sich übertrieben plötzlich mit Peter Schönlein.

Die Schönleins müssen nach außen den Eindruck machen, als ob sie keine besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden hätten. Es ist wahr, Schönlein gilt mit seinen drei vielgeschonten Alltagsanzügen für den Elegant unserer Stadt, und für seine Frau liegt immer etwas auf Ellis Nähmaschine. Elli bekommt nicht viel dafür, aber häufig werden die beiden Mädchen zum Sonntag eingeladen, ganz moderne Geselligkeit, die werten Gäste haben um zehn Uhr früh zu erscheinen und mitzukochen.