doch die ganze Umgebung die Szenen der Odyssee, freilich in dem schematisierenden Spiegel des Modebuchs der Zeit, des „Telemach" von F e n k - Ion, gesehen, auserstehen lassen.
Aus solchen Spielereien führt uns Weimars Theaterkunst wieder zurück in die weite freie Natur, mit deren Mächten sich die Bühne zu ungeahnt großartiger Wirkung verbindet. Im Park von Belvedere, gleich westlich vom Schloß, liegt ein kleines Naturtheater mit halbmondförmigem Zuschauerraum, abgeschlossen durch eine hohe als Schallwand dienende checke; auch in Tiefurt, in Ettersburg gab es solche Bühnen. Aber noch lieber wählten die begeisterten Schwärmer der neuen Zeit die Natur selbst zur Szene. K l o p st o ck wollte seine „Bardiete" im charz auf der Roßtrappe oder einem ähnlichen Felsen des Bodetals auffllhren lassen. Goethe verlegte die Bühne mitten hinein in die Landschaft. So wurden Einsiedels romantische Oper „Die Räuber" und „Ado- lar und chilaria" mitten im Wald beim cherdseuer der Pechpfannen und Fackelbeleuchtung aufgeführt und das Ilmuser bot für Goethes Singspiel „Die Fischerin" eine ideale Szenerie. Aus den in Abendnebel gehüllten Bäumen und Büschen klangen die Musik und das sanft tönende Spiel der zarten lieblichen Lieder wie der Gesang unirdtscher Geister, bei loderndem Fackelschein und den Userfeuern, die in milderem Licht über die Wellen des Flüßchens glitten. Ueberall schlugen damals die Theatergeister ihr leicht gefügtes Lager auf:
„In engen Hütten und im reichen Saal, Auf Höhen Ettersburgs, im Tiefurts Tal, Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht Und unter dem Gewölb der hohen Nacht."
Gommerlied.
Von Paul Gerhardt.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud In dieser lieben Sommerzeit, An deines Gottes Gaben: Schau an der schönen Gärten Zier, Und siehe, wie sie mir und dir Sich ausgefchmücket haben.
Die Bäume stehen voller Laub, Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide.
Narzissen und die Tulipan, Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide.
Die Lerche schwingt sich in die Luft, Das Täubchen fleucht aus feiner Kluft Und macht sich in die Wälder. Die hochgelobte Nachtigall Ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.
Die Glucke führt ihr Völklein aus, Der Storch baut und bewohnt [ein Haus, Das Schwälblein speist die Jungen;
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh Ist froh und kommt aus seiner Höh Ins tiefe Gras gesprungen.
Die Bächlein rauschen in dem Sand Und malen sich in ihrem Rand Mit schattenreichen Myrten;
Die Wiesen liegen hart dabei Und klingen ganz von Lustgeschrei Der Schaf und ihrer Hirten.
Die unverdroßne Bienenschar Fliegt hin und her, sucht hier und dar Ihr edle Honigspeise;
Des süßen Weinstocks starker Saft Bringt täglich neue Stärk und Kraft In seinem schwachen Reise.
Der Weizen wachset mit Gewalt Darüber jauchzet jung und alt Und rühmt die große Güte Des, der so ohne Maßen labt Und mit so manchem Gut begabt Das menschliche Gemüte.
Ich selber kann und mag nicht ruhn, Des großen "Gottes großes Tun Erweckt mir alle Sinnen;
Ich finge mit, wenn alles singt, Und lasse, was dem Höchsten klingt, Aus meinem Herzen rinnen.
Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Malier Julius B l o e m (GDS.).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Zu diesem Hause gehört noch ein anderer Mensch, ein junges Mädchen: Ellis Zimmergenossin.
Dieses Mädchen lebt im Armeleuteviertel unserer Stadt. Wenn Rosemarie Reubold mit ihren schnellen, „hochbeinigen" Schritten abends aus der Pianosortesabrik Wehrhahn & Söhne heimkommt, wo sie als Klavierstimmerin angestellt ist, sehen alle ihr nach. Niemand grüßt sie, niemand redet sie an, keiner der jungen Männer wagt es, ihr einen Liebesantrag zu machen. Sie schlägt sich mühsam'durch das schwere Leben, kein Mensch hat etwas gegen sie einzuwenden. Nur: sie kennt die Sprache nicht, die in dieser Gegend gesprochen wird.
Rosemarie hat seit langem in Ellis Mansarde eine Zuflucht gefunden, als sie, am Ende aller Mittel, nicht mehr wußte, wohin: sie stand mit einundzwanzig Jahren und einer beinah beendeten Ausbildung zur Pianistin vor dem Nichts. Das gibt es gar nicht, das Nichts, behauptet Elli, auf irgendeine Weise geht es immer weiter.
Demnach blieb auch Rosemaries Leben nicht plötzlich auf der Stelle stehen, vor diesem Nichts, sondern es ging immer weiter, es stürzte allerdings aus einer unbegrenzt verwöhnten Kindheit pfeilgerade in I Ellis Mansarde bei der Witwe Wagenschanz. Es ging also offenbar nur darum weiter, weil Elli dastand und diesen Sturz auffing.
Aus Ellis Fenster bot sich, wenigstens nach oben, eine Aussicht, die man nur als hochherrschaftlich bezeichnen kann: in der Ferne erheben sich nach Norden die sanften blauen Hänge der Harzberge, im März spürt man von weither den Geruch aufgebrochener Erdschollen, während im November der feuchte, warme Duft des Moders aus den Wäldern nieder- . strömt. Unten vor dem Haus liegt ein häßlicher Kohlenschuppen, und neben ihm hat sich eine Klempnerei angefiebelt, aus deren Hof es den ganzen Tag von Blechgeraffel schallt. Es wurde nur sehr eng mit Ellis Diel zu großen, verschnörkelten Möbeln: eine Mansarde für zwei junge Mädchen. Die Witwe Wagenschanz war einverstanden, weil Elli erklärte, sie werde für beide bezahlen; sie hatte damals sozusagen eine Anstellung bei dem Rechtsanwalt Peter Schönlein, es war aber nur eine Aushilfe.
Vor Jahren juchte die Regierungspräsidentin eine musikalische Erzieherin für ihre kleine Tochter, auf diese Weise kam Rosemarie hierher an den Südrand des Harzes. Die Stelle war schon vergeben. Die junge Dame hoffte, wenigstens als Klavierlehrerin ein Auskommen zu finden. Diese große Kleinstadt mit ihren schönen Villen und den sanft ansteigenden Bergen im Norden gefiel ihr dessen als die Verlorenheit der Großstadt. Aber es ging ihr schlechter und schlechter, heute.begnügen sich die meisten, wenn sie Hausmusik brauchen, mit Rundfunk und Schallplatten. Rosemarie sah nicht ein, wieso die Besitztümer ihrer Eltern bis zum letzten Pfennig zugrunde gegangen sein sollten, sie verstand nicht von den Abrechnungen ihres früheren Vormundes. Schließlich ging sie zu dem jüngsten Anwalt unserer Stadt, sie nahm an, er werde auch der billigste sein, zu Herrn Peter Schönlein ging sie, der am Alten Ratsmarkt, gegenüber dem Schiller-Denkmal, wohnt, ihm trug sie ihre Sache vor.
Schönleins junge Frau arbeitete als [eine einzige Sekretärin in der Kanzlei. Das ist eine gute Sitte unter den jungen Leuten von heute, kein Mensch hat Geld, man heiratet trotzdem, und die Frau hilft bis zur Erschlaffung mit. Die Sekretärin eines Anwalts muß manchmal bis zur Erschlaffung arbeiten, das kommt vor. Damals, als Rosemarie zu Herrn Schönlein in die Kanzlei kam, lag seine Frau krank, Fehlgeburt, sagte man. Eine ganz junge Stenotypistin bemühte sich ohne viel Erfahrung und Sachkenntnis um Schönleins Akten.
Elli, um sie handelte es sich, war schwere Arbeit, schlechte Behand- । lung und elende Bezahlung gewohnt, und weil sie in diesem Hause gut ' behandelt wurde, so nahm sie die Arbeit wichtig und sah nicht so sehr ! auf die Bezahlung. Bei ihrer Vorliebe für gutes Wohnen sitzt sie gern in • hübschen Räumen, und in einer büchst unschuldigen Neigung verliebt sie sich regelmäßig eine Kleinigkeit in denjenigen, für den sie arbeitet. Das fällt bei Peter Schönlein nicht schwer, obwohl Elli seine junge Frau anbetet.
In dieser Kanzlei, in der immer eine rote Blume am Fenster steht, Tulpe ober Geranie oder Clivie, saß Elli neben diesem Fenster und der roten Saisonblume und tippte, während sie zuweilen schüchtern und voller Hochachtung auf die ungeduldig schlenkernden Beine der Besucherin schielte. Der Anwalt befand sich zu einem Termin auf dem Landgericht. Rosemarie machte auf Elli einen ungemessen vornehmen Eindruck, mindestens hätte es eines schärferen Blickes bedurft, um die vielen winzigen Schäden an ihrer Kleidung und die gekränkte Ungeduld in ihrer Haltung zu erkennen. Ein plötzlicher kleiner Unfall führte ein Gespräch herbei. „Fräulein, an Ihrem Strumpf geht eine Masche aus." — „Ach Gott, schon wieder, und es ist doch mein bestes Paar, ich bin nämlich eigentlich arbeitslos." — „Ich auch." — „Sie?"
Nach zwei Stunden rief Schönlein an, es dauere noch länger, Elli möge heimgehen und auch der wartenden Klientin sagen, er käme heute nicht mehr.
An diesem Tage entftanb die ungleiche Beziehung der beiden jungen Mädchen. Das Proletarierkind geriet sogleich in eine Abhängigkeit von Rosemarie, Elli lief sich die Sohlen durch für Besorgungen, nähte an den Kleidern ihrer neuen Freundin, sie wurde ausgenutzt, kurz gesagt. Und als f Rosemarie schließlich in vollendeten Hilflosigkeit in Ellis Mansarde zog, : übernahm Elli das Aufräumen und Stiefelputzen, das Einkäufen und i Kochen, und Rosemarie saß da, ließ sich bedienen und fand das ganz । selbstverständlich. Lange grollte sie der Jüngeren, daß Elli sie schließlich in die elende Stellung einer Klavierstimmerin steuerte, und weil sie zu zweit nicht gut von diesem Lohn leben konnten, mußte Rosemarie auch


