heiteren Sinfonie ...
Ueberall in Deutschland, wo es einen Hof, ja, wo es eine angeregte Gesellschaft gab, konnte man um die Mitte des 18. Jahrhunderts solche Szenen beobachten. Mit der Leidenschaft für die Komödie, für die Liebhaberbühne blühte die Freude am „Theater im Grünen" auf. Mochten es vornehme Herren und Damen sein, die ein Lustspiel von R e g n a r d und M a r i v a u x, von G e l l e r t und L e s s i n g spielten, oder fahrende Komödianten, die eine kleine Oper oder ein „Hanswurstspiel" agierten — stets bevorzugten sie in schönen Sommermonaten das Naturtheater. In
Die reichen und fruchtbaren Möglichkeiten, die das Naturtheater besonders für die Pflege des Volks- und Heimatspiels, des nationalen Festspiels sowie religiöser Ausführungen in sich schließt, ist von den führenden Mannern des neuen Deutschland mit sicherem Blick erkannt und eine neue Freilichtbiihnen-Bewegung ist im Werden. Es ist eine lange und sto^e Ahnenreihe aus die das Naturtheater auf deutschem Boden zuruckblickt, die freilich eine sehr entscheidende Wandlung erfahren hat. Denn was einst dem Vergnügen weniger Bevorzugter diente, daran soll heute das ganze Volk Anteil haben. All jene Vorsahren aber, über die heute die Ausstellung des Kölner Theatermuseums einen aufschlußreichen Rückblick gewahrt, sind uns wert als Zeugen des Kulturgeistes ihrer Epoche, ihrer Anmut- und PrachteNtsaltung oder ihrer Naturverbundenheit ...
Auf den anmutig verschnörkelten „Stickereien" des Blumenparterres glühen die bunt leuchtenden Rabattenbeete im warmen vollen Licht des frühen Nachmittags. In den dichtberankten engen Laubengängen, in den bizarr sich kreuz und quer schlängelnden starren Buchsbaumhecken aber tauchen die Schatten schon alles in ein goldiges Dämmern und umspielen zärtlich die Herren im lichtgepuderten Haarbeutel, mit den zierlichen Degen an der Hüfte, und die Damen, die im lustig lichten Reifrock an ihrer Seite schweben. Das zierliche Gitterwerk der schlanken Laubspaliere öffnet sich in einer weiten „Salle de verdure", wie sie Le Nötres er- sindungsreicher Geist ersonnen: die hohen dichten Hecken ziehen grüne Wände um den Raum, dessen Hintergrund durch malerisch gruppierte • Baummassen abgeschlossen wird. Vorn Bänke und Sitze aller Art, dann ein heckenumzäunter Streifen für das Orchester, das eben die Instrumente stimmt, und dahinter eine richtige Bühne mit Kulissen, von kundiger Hand in die lebende Mauer hineingeschnitten, durch hohe Fichten säulenartig betont, mit großen Urnen, und einer Apollostatue als Prospekt, um die der Musen edle Schar sich reiht. Kaum hat man Platz genommen, da stieben sie auch schon hervor, die Spieler: im grüngoldenen Glanz flirren die Seidenkleider lustig auf, flattern die kecken Mäntelchen im säuselnden Wind, und die Ouvertüre setzt ein mit den perlenden Klängen einer
Rheinsberg und Monbijou sind es F r i e d r i ch d e s G r o ß e n Mutter und Brüder, die das Theaterspiel im Freien über alles lieben in Sans- päreil bei Bayreuth seine Schwester Wilhelmine; in Nymphenburg sitzen Kurfürst K a r l A l b e r t und sein Hof im Amphitheater unter den blühenden Linden, in Ludwigsburg hat Herzog Karl Eugen mitten im Salonwalde aus Buschwerk eine entzückende Buhne anlegen lassen und aut dem idealen Naturtheater in Schwetzingen eiert manK a r IT he o- dors Genesung mit der Aufführung einer italienischen Oper. In Gotha führt die geistreiche Luise Dorothee auf ihrer Buhne tm Garten Racine und Voltaire auf, und in Schwerin wird sogar die Schönemannsche Truppe zum Spielen im Freien herangezogen. Der Erzbischof von Salzburg hat im Mirabellgarten und der von Wurz- burq in Veitshöchheim sein Naturtheater. In Weimar nimmt O o e t he in seinen großartigen Inszenierungen diese Tradition auf und steigert sie zu höchster Bollendung. Auch in Bürgerkreisen hat man vielfach un (Sorten ein hübsches Gerüst aufge djlagen. So erzählt z. B. Gros B e h n borff von einem Besuch im Madoreschen Garten, „wo ]unge deutsche ^Bürocrmäbchcn eine französische ^omöbie spielen. .
So erlebt das 18. Jahrhundert eine l)o$bliUe bes u"
schafft die Vorläufer unserer modernen Freilichtbühnen. Woher stammt nun aber diese eigenartige Form des Schauspiels unter freiem fummel. Seitdem sich unter Griechenlands Sonne die Menge m feierlicher Andacht zum Genuß der antiken Dramen vereinigte, hatte man immer wieder die großen Stimmungsgewalten der Natur zum Mitspielen ausgefordert. Besonders das Barock liebte es, auf freiem Platze mächtige P™ntD0“e Gerüste, Arenen und ungedeckte Festraume auszusch.agen. Als das groß- artigste Denkmal eines solchen Festbaues ist der Dresdener Zwinger erhalten, ursprünglich ein sogenanntes Amphitheater mit ty^ernen Galerien und Balustraden, wie sie ähnlich in Modena, Florenz, Paris schon früher errichtet worden waren. Diese Theater blieben, auch wenn sie nicht das Ausnahmeschick al des Zwingers erlebten, in Stein verewegt zu werden, lange stehen, so in Wien die herrlichen Bauten im Garten der Burg ober bes Schlosses Favorite, in denen die großen italienischen Opern am Namenstag des Kaisers aufgeführt wurden. Eine ähnlich großartige Naturbühne errichtete der berühmte Theaterarchitekt Ga ll i-B > bi en a 1723 im Schloßgarten zu Prag. Dieser Bau, der 1757 bei ber Belagerung ber Stabt durch die Preußen in Flammen aufging, faßte 3000 Zu schauer Aber diese Prunk- und Prachtbühnen, erbaut für die üppige Dekorationskunst und eine fDlaffenentfaltung von Cho"? und Tanzen bei der großen Oper, hatten nichts von der Intimität, der Naturnahe, die die eigentliche Bühne im Grünen auszeichnete. Die völlige Eingliederung und Einbettung der Bühne in den Rahmen von Baumen und Hecken konnte erst durch den architektonischen Gartenstil erreicht werden.
Wie der Architekturgarten mit seiner strengen Gliederung und seinen sorgfältig angelegten, ja sogar gemalten Perspektiven zuerst in der ich >e- nischen Spätrenaissance erscheint, so treffen wir auch hier, 3uerft auf wirkliche Gartentheater. Vor allem jedoch ist es der große französische Garten- tünftler L e Nötre , der in dem Labyrinth seiner Hecken, seiner Lauben- qänqe und wunderlichen Buchsbaumfiguren eine regelrechte Architettur- anorbnung burchsührte. Da gibt es Speise- unb Tanzsale, Kabinette und Bouboirs „im Grünen", unb so stellt sich von selbst auch ein Theater ein ohne daß bei biefen gärtnerischen Spielereien gleich an wirkliches Komöbienspielen gebucht wäre. Welch herrlichen Schauplatz bot nun ein solch theätre de verdure" ber leidenschaftlich dem Komodienspiel ergebenen Gesellschaft des Rokoko! Es bedurfte ja nur geringer Umformungen ber Gartenarchitektur, um es zur Bühne umzuwandeln. So finden wir in dem nach wohlerhattenem ältesten deutschen Naturtheater, dem des Salzburger Mirabellgartens, die Kulissen in die schon vorhandenen Laubengänge erst hineingeschnitten; die Buhne verjüngt sich sehr stark nach hinten; das Proszenium ist von zwei Löwen flankiert, neben denen Treppen hinunterführen. Aehnlich ist das Rheinsberger „Theater in, Grünen", dessen lebendige Hecken sich im Hintergrund so nahe zusammenschließen, daß der Blick gleichsam in eine geheimnisvolle ftim- munggebende, duftige Ferne gelockt wird. Solche Buhnen schossen damals in allen großen Gärten, wo sich eine heitere Gesellschaft zum Komödien- pielen zusammensand, aus dem Boden. Die stattlichste, dauerhafteste tf orm repräsentiert das noch he>ute tresslich wirkende Naturtheater im Park z Herrenhausen bei Hannover. Es ist massiv angelegt; vor dem terrassenförmig ansteigenden Zuschauerraum breitet sich die große tiefe Buhne, im Hintergrund durch eine Balustrade abgeschlossen. An ben Spalier- wänden, die mit Buchengebüsch bepflanzt sind, werden die Kulissen durch Steinstatuen auf hohen Sockeln und kegelförmig gefdjmttene Taxusbäumchen akzentuiert. Ein ebenso anmutiger wie feierlicher Schauplatz für die ernste und die kornische Muse!
Anderwärts wird der Theaterraum, wenn auch in engster BerbmDung mit dem Garten, reicher ausgestattet. So in den» entzückenden Natur- theater zu Schwetzingen, dessen klare Gliederung freilich im heutigen Zustande völlig verwischt ist. In der Tiefe, mitten im lauschigen Waldesschatten, lag der halbkreissörmige Zuschauerraum, dessen Langen- uno Querachse mit possierlich gehaltener Würde die sechs Sphinx-Figuren- Symbol der rätselhaften Publikumsseele — bewachten. Die breite mach >ge Szene von kurzgeschnittenen Rottannenhecken umrahmt, steigt terrallen- förmig an und wird durch eine niederrauschende Kaskade (die aber ursprünglich sehlte) belebt; aus mächtigen Quadern ist eine Grotte gefugt, über deren Eingang zwei Urnen haltende Najaden thronen; das. Ganze bekrönt, als weihevoller Abschluß, der von schlanken Säulen getragene, kuppelüberwölbte Rundbau des Apollotempels, in dem der leierschlagenoe Musensührer gleichsam den Grundton gibt für das szenische Spiel weiter im architektonischen Ausbau geht bas „romanische Theater v ber Eremitage erbaut von ber Markgräsin Wilhelmine von Ba Y- r e u t h. Ruinensentimentalität mischt sich hier mit Naturschwärmerei. Ein Stück antikisierende Landschaft ist hier hervorgezaubert, ebenso an mutig gekünstelt wie das Griechentum, das in dem italienischen Soloratur- gefang und den regelrecht verschnörkelten Figuren des Tanzes zum ^ii-- druck tarn. Und noch weiter in der „natürlichen Unnatur" ging bas oer- schwundene Theater des Lustschlosses Sanspareil bei Bayreuth, so
aus- der alte Palmschild weinte und sagte, die Worte der H^rschasten stien sein einziger Trost; und so wurde denn die Hochzeit im Gefängnis 0Cf ®ine Woche lang lebten die Neuvermählten Zusammem Der König hatte Befehl gegeben, daß ihnen zwei Zimmer unb eine Küche im G fänqnis eüageräumt wurden, bie junn.e Frau hatte die Zimmer behaglich unb zierlich Mit schönen Möbeln ausgestattet die Küche mit blankem Kupfe^rgeschirr, der König hatte ein köstlich geschnitztes Bett geschenkt, die Kön ain die Bettwäsche, alle Freunde, Verwandten und selbst die entferntesten Bekannten, ja ganz sremde Menschen, hatten Silbergerat, lep- pidie, Bilder und allerlei anderen Schmuck mdie junge Wirtschaft ge- jtiftet; unb so saßen bie beiben behaglich und heiter in ihrer Weltabgesch ^"unterdessen aber war Lindstern nicht müßig. Damals hielt stch gerade eine russische Gesandschast am schwedischen Hof auf, unA man wußte, daß ber Sönia genötigt war, jede mögliche Rücksicht auf die Russen zu nehmen. Lindstem^ hatte mit den Herrn dieser Gesandtschaft freundschaftlich Beziehungen angeknüpft, unter großen Qualen freilich, denn die Rußen tranken entsetzlich viel, und zwar reinen Schnaps. So hatte er denn vermocht, sie für 1 feinen Freund zu erwärmen; wie die beiden verheiratet waren hatte er sie mit den Russen besucht; die junge Frau hatte em reizendes Essen angerichtet, nach dem Essen hatte man getrunken, gesungen, getanzt, dann hatten alle untereinander Bruderschaft gemacht dann hatten die Russen die Gläser zerschlagen, und zuletzt hatten sie erklärt der Zar werde nicht dulden, daß ihr Freund wegen einer solchen ’ÄfÄÄ »-M 6*6W ">«!■
ganze Hof versammelt, der gute Ridderschwert mit gebundenen Händen nacktem Hals und geschorenem Haar ankam, begleitet von seiner geliebten Frau, welche ihre Hand unter (einen Arm geschoben hatte, da erhoben sich plötzlich die Russen, schritten vor die Majestäten, machten eine tiefe Verbeugung und erklärten, daß sie für das Leben des jungen Mannes bäten und ihrem Zaren schreiben wollten, daß sie Me Bitte an bie Majestät richteten als ein Zeichen der Freundschaft für den Zaren, denn wenn der Zar die Geseichte des jungen Mannes höre, fo werde er sich gewiß freuen, wenn er"seinetwegen begnadigt sei.
Der König wollte ja gern begnadigen, und nun er durch die Bitte der Gesandten einen Grund hatte, erhob er sich erfreut und sag e: „Ich erweise gern meinem erhabenen Vetter von Rußland triefe Gefälligkeit Da freuten sich die Russen so, daß sie in ihrer Begeisterung platt auf bie Erde fielen und Hurra riefen, wie sie es vor ihrem Monarchen tun, der alte Palmschild stimmte mit in das Hurra em, die andern Leute auch, die junge Frau schnitt mit ihrer Schere, die sie am Gürtel hangen hatte, bie Bande des Gefangenen durch, fiel ihm um ben Hals unb küßte ihn, Lindstern kam zaghaft herbei und wünschte ihr Gluck da fiel sie auch ihm um den Hals und küßte ihn, und das machte Lindstem so glücklich, daß er nun auch seinen Hut schwenkte und noch einmal Hurra rief, als die andern schon aufgehört hatten zu schreien, was denn em allgemeines Gelächter und eine große Fröhlichkeit bei allen erzeugte.
Theater im Grünen.
Die Vorfahren unferer Freilichtbühnen.
Von Dr. Richard Schröder.


