Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang <953
Montag, den 24.3uH
Nummer 56
Stilleben.
Von Gottfried Keller.
Durch Bäume dringt ein leiser Ton, Die Fluten hört man rauschen schon. Da zieht er her die breite Bahn, Ein altes Städtlein hängt daran.
Mit Türmen, Linden, Burg und Tor, Mit Rathaus, Markt und Kirchenchor: So schwimmt denn auf dem grünen Rhein Der goldne Nachmittag herein.
Im Erkerhäuschen den Dechant Sieht man, den Römer in der Hand, Und über ihm sehr stille steht Das Fähnlein, da kein Lüftchen geht.
Wie still! Nur auf der Klosterau
Keift fernhin eine alte Frau;
Im kühlen Schatten nebendran Dumpf donnert's auf der Kegelbahn.
Oie Heirat des Verurteilten.
Eine lustige Geschichte von Paul E r n st.
Zwei junge Männer trafen sich etwa gegen Ende des siebzehnten ilchrhunderts an einem schönen Frühlingstage vor den Toren von Stock- Hilm. Der eine war stattlich gekleidet und ritt auf einem schönen Pferd, dir andere ging bescheiden zu Fuße, und sein Anzug ließ nicht auf eine zioße Reisekasse schließen.
Der Fußgänger grüßte den Reiter; der Reiter antwortete höflich; es eiiwickelte sich ein Gespräch; es stetlle sich heraus, daß die beiden jungen Haren von Adel waren, und nach Stockholm gingen, um sich dem König «rzustellen; der Reiter saß ab, ließ sein Pferd am Wegrand grasen und fejte sich zu dem anderen auf einen Steinhaufen; dann erzählten sie sich iljre Geschichte, deren wesentlicher Inhalt war, daß der Reiter wohl- d-vende Eltern hatte und Lindstern hieß und der Fußgänger arm war UTö sich Ridderschwert nannte. Lindstern fand, das Leben habe ihm bis jeit immer übel mitgespielt, Ridderschwert hatte bis nun noch keinen @iunb zum Klagen gefunden. Lindstern machte dem anderen den Vortag, sie wollten Freunde sein,. Ridderschwert nahm an und eröffnete kn Bund mit der Bitte um ein Darlehen von drei Reichstalern, die der ijreunb gleich aus einem Täschchen vorzog, das ihm seine Mutter selber Mäht und um den Hals auf die bloße Haut gehängt hatte, damit es ihm lifjt gestohlen werde. Nachdem sie noch eine Weile geplaudert, verab- ttieten sie ein Gasthaus, wo sie sich treffen wollten; Lindstern schwang fc wieder auf sein Pferd und ritt weiter, und Ridderschwert zog zu Fuß fit ter ihm her.
Sn der Stadt trafen sie sich nach ihrer Verabredung, ruhten sich aus, lesen ihre Kleider in Ordnung bringen und wurden den andern Tag ■fei Hofe vorgestellt.
: Die Königin gab ein Gartenfest und lud die beiden Herren ein; sie leib ft war als Diana Kkleibet, ihre Hofdamen als Nymphen, der König •Is Endymion, der Oberhofprediger als Eilen, und wer von den Herr- Mten am Hofe sonst noch Geld genug hatte, für eine Maske, der stellte iah seinen Fähigkeiten irgend einen anderen Gott, Halbgott ober mythi- jhn Helden vor. Die beiden Freunde machten runde Augen, wie sie die lic en schönen Mädchen in den anmutigen Gewändern sahen, und Ribber- [i)Dert stieß Lindstern in die Seite, daß er braun und blau wurde. Eine h’ npbe blieb plötzlich vor den beiden stehen, sah sie schalkhaft an, erhob
■ ihr.-n Speer und zielte auf sie; Lindstern zuckte zurück und Ridderschwert auf sie zu; da wirbelte sie den dünnen Speer hoch in der Hand, ! rite hell und eilte leichtfüßig davon über die Wiese, wo Maßliebchen AI Veilchen zwischen dem niedrigen Gras blühten. Ridderschwert fragte •intn kurzatmigen und dicken Herrn, der eine Lyra in der Hand trug >/ den Apollo barstellte, nach dem Namen des schönen Mädchens; der F® antwortete mit stolzglücklichem Lächeln auf dem breiten Gesicht, m er sich den Schweiß abwischte: „Das ist nämlich meine Tochter, [t5 Fräulein von Palmschild."
, Lindstern war blaß geworden. Er zog Ridderschwert mit sich fort an x» einsame Stelle des Parks, legte die eine Hand auf sein Herz, ergriff F*' der anderen die Rechte seines Freundes und rief: „Die ist es." „Was?" P.ite Ridderschwert verwundert. „Die ich liebe", sagte der andere. Rid
derschwert lachte. „Es ist die wahre Liebe, die Liebe auf den ersten Blick", beteuerte Lindstern. Ridderschwert kaute an seinem Schnurrbärtchen und sagte: „Geschmack hast du, sie ist ein verdammt hübsches Frauenzimmer. Wenn du die kriegst, dann kannst du von Glück sagen." Hier traten Lindstern die Tränen in die Augen, er sank dem andern an die Brust und sprach: „Sie wird sicher schon versprochen sein." „Na, dann frage sie doch", riet ihm der Freund. Lindstern erwiderte, er werde nie den Mut haben. Ridderschwert lachte und sagte: „Dann werde ich sie fragen." Lind- ftern errötete, dann drückte er dem Freunde stumm die Hand und ging von ihm fort. „(Eine putzige Kruke, hat Angst vor einem hübschen Mädchen", sagte Ridderschwert für sich; „aber ein anständiger Kerl; wir wollen sehen, was sich machen läßt". Er strich sich die Handschuhe glatt, girza wieder zu der Gesellschaft, suchte, bis er Fräulein von Palmschild fand, und trat auf sie zu, verneigte sich und zog tief seinen Hut ab. Die schöne Nymphe errötete; er lachte. „Weshalb lachen Sie?" fragte sie ihn unwillig.
„Wir haben uns immer darüber gestritten, ob die Mädchen auch im Dunkeln erröten", erwiderte er, „und ich habe stets behauptet, das ist nicht der Fall. Aber nun sehe ich, daß Sie nur bis zum Hals erröten, und man sieht doch mehr als nur Gesicht und Hals." Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wendete sich ab. Er ergriff ihre Hand und sprach: „Verzeihen Sie den Scherz, er war zu dreist." „Was wollen Sie von mir?" fragte sie leise. Hier nun wurde er plötzlich verlegen, er stotterte: „Ich sollte Sie von meinem Freund Lindstern fragen ...", aber mehr konnte er nicht Vorbringen. Sie'merkte seine Verlegenheit, lachte hellauf, sah ihn unter ihren Tränen schelmisch an und rief ihm zu: „Weshalb fragen Sie denn nicht für sich selber?" Damit lief sie fort, und es war ihm vor feinen trunkenen Augen, als ob die Blumen und Gräser sich unter ihren Tritten nicht bogen.
„Donnerwetter", murmelte er; „das kann mir keiner Übelnehmen"; und damit machte er sich mit langen Schritten hinter der zierlichen Nymphe her. Wirklich erreichte er sie auch nach einiger Zeit wieder; sie stand vor einem dichten Gebüsch und konnte nicht weiter, er stellte sich breit vor sie hin und verhinderte, daß sie ihm vorbeifloh, dann sagte er: „Ich frage für mich." Da nahm sie ihren Speer, stieß dem Verehrer mit dem stumpfen Ende in die linke Weiche, wo die kitzlige Stelle ist, er bog sich vornüber, und nun entwischte sie ihm lachend. Sein Hut war zur Erde gefallen, er hob ihn auf, setzte sich ihn wieder auf den Kopf und sagte zu sich: „Sv, das ist in Ordnung, jetzt wird der Alte gefragt."
Wie er aber den Alten aufsuchen wollte, traf er den Freund, der erwartungsvoll beide Hände gegen ihn ausstreckte, um dankbar seine Rechte zu ergreifen, und fragend ausrief: „Nun?" Die Sache war ihm doch peinlich, und so antwortete er denn brummig, in einem Tone, als ob der andre schuld sei: „Sie liebt überhaupt mich". Entgeistert wich Lindstem zurück, sah ihn starr an, plötzlich zog er seinen Segen und rief: „Nimm Deckung". So fochten sie nun, und da Ridderschwert geschickter und schneller war als der andre, so lag Lindstem bald auf dem Boden. Das Geklirr der Waffen hatte Menschen herbeigezogen, man ergriff Ridderschwert, der auf den bewußtlosen Körper starrte, beschäftigte sich mit dem Verwundeten; ein Arzt erklärte die Verletzung für sehr gefährlich; der König erschien, Fräulein von Palmschild kam, machte einen langen Hals, und als sie den verstörten Jüngling erblickte, den die Umstehenden festhielten, fiel sie in Ohnmacht. Um dem Duellunwefen zu steuern, hatte der König ein scharfes Gesetz gegeben, nach welchem jeder, der einen andern im Zweikampf verletzte ober tötete, mit dem Tode bestraft werden sollte. So wurde der unschuldige Jüngling denn ergriffen und in ein Gefängnis geschleppt; der König hatte selber die schärfsten Befehle gegeben.
Der dicke Herr von Palmfchild liebte feine Tochter zärtlich und mußte alles tun, was sie wollte; so ging er denn zum König und bat für den Verbrecher; der König antwortete ihm, er dürfe nicht begnadigen, so leid ihm auch der junge Mann tue. Fräulein von Palmfchild meinte so lange, bis die Königin ihren Gemahl aufsuchte und Fürbitte tat; der König war unerbittlich und sagte, er würde seinen eigenen Sohn hinrichten lassen, wenn er duellierte. Lindstem wurde gut gepflegt, und da er ein junger gesunder Mann war, so genas er wieder; als er eben gehen konnte, erbat er ein Gehör, fiel dem König zu Füßen, erzählte, wie er selber zuerst den Segen gezogen habe und wie sein Freund eigentlich unschuldig sei. Der König antwortete ihm: „Gott hat mich auf meinen Thron gesetzt, daß ich tue, was recht ist, und nicht, was mir gefällt."
Nun hatten die Richter das Urteil gesprochen und Ridderschwert sollte in einer Woche hingerichtet werden. Da erklärte Fräulein von Palmschild ihrem Vater: „Ich liebe ihn und will mich mit ihm verheiraten, damit ich wenigstens nachher seine Witwe bin und vielleicht einen Sohn von ihm großziehen kann." Der Vater tat natürlich alles Mögliche, um sie von diesem Plan abzubringen, er versprach ihr ein Reitpferd, ein Brokatkleid, einen Brillantschmuck, er schlug ihr vor, sie solle Lindstem heiraten; sie bestand auf ’.hrem Willen; die Königin küßte sie und sagte ihr, sie sei ein mutiges Mädchen, auch der König ivrach sich anerkennend


