Ausgabe 
24.4.1933
 
Einzelbild herunterladen

Tikch und schenkte langsam die Neige aus der Flasche. Lore sah ich durch die Saaltür zwischen den Tanzenden verschwinden.

Mir quoll das Herz; ich hatte aus der Ecke, wo ich saß, alles genau beobachtet. Nach einer Weile machte ich mich los und trat in den Saal, um sie zu suchen.

Sie war nicht unter den Tanzenden; als ich mich aber zwischen den walzenden Paaren durchgedrängt hatte, sah ich sie in einer Fensternische stehen und scheinbar regungslos in das Gewühl hineinslarren; sie war säst so blaß wie die weiße Rose in ihrem Haar.

Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr?" fragte ich, indem ich aus sie zutrat.

Eine tiefe Röte überzog auf einen Augenblick chr Antlitz.Oh, doch!" sagte sie leise.

Wollen wir tanzen, Lore?"

Sie senkt«, während sie mir die Hand reichte, den Kopf so tief, daß ich ihre Augen nicht zu sehen vermochte; aber ich sah, wie ihre kleinen, weißen Zähne sich tief in ihre Lippen gruben.

So tanzten wir denn zusammen; nur ein paar Runden, denn auch sie mochte fühlen, daß es mir nicht ums Tanzen war. Bald standen wir nebeneinander vor der großen Ausgangstür, deren beide Flügel weit geöffnet waren. Ich blickte unwillkürlich hinaus; es war sehr finster, nur die Stämme der nächsten Buchen waren von dem herausfallenden Schein beleuchtet. Aber ein Strom bewegter Nachtluft trieb erfrischend gegen uns heran; und während von der einen Seite das Kreischen der Geigen und das Scharren der Tanzenden an mein Ohr schlug, vernahm ich zugleich von draußen das traumhafte Rieseln in den Laubkronen des Waldes.

Das Mädchen stand neben mir, ohne zu sprechen, di« Augen zu Boden geschlagen. Ich faßte mir ein Herz.Wie mag es Christoph gehen?" fragte ich.

Sie fuhr zusammen und murmelte etwas, das ich nicht verstand; aber auf ihren blassen Wangen wurden zwei dunkelrote Flecke sichtbar.

Was würde er sagen", suhr ich fort,wenn er hier wäre!"

Ich sah, wie sie nach Atem rang, und wie ihre herabhangende Hand krampfhaft an dem Kleide fingerte.O bitte", stieß sie leise hervor,nicht hier, nur nicht hier!"

Wo denn? Wollen Sie mich hören, Lore?"

Sie blickte zu mir auf.Draußen", sagte sie leise,ich werde gleich herauskommen; lassen Sie uns abtreten nach dieser Runde! Ich habe Sie schon bitten wollen, als ich Sie vorhin im Nebenzimmer sitzen sah."

Wir tanzten noch einmal; dann führte ich sie zu Platz und trat durch die Tür in den kleinen Säulengang hinaus. Es donnerte in der Ferne; und als ich die beiden Stufen ins Freie hinabstieg, wetterleuchtet« es, daß ich auf einen Augenblick die einzelnen Baumstämme bis an die See hinab und drunten das Blinken des Wasserspiegels unterscheiden konnte.

Ich ging um das Haus herum bis an die Kegelbahn und wartete dort. Nicht lange, so sah ich auch den Schimmer eines weißen Kleides, ich hörte den leichten Schritt des Mädchens, und gleich darauf stand sie selbst tief aufatniend vor mir. So war ich denn endlich wieder mit ihr allein, im Dunkel, in der Sommernacht; aber es waren andere Zeiten. Ehe ich sie anzureden vermochte, hatte sie ein Papier aus der Tasche gezogen, der Schein eines Blitzes fuhr darüber, und ich erkannte Poststempel und Siegel eines Briefes.Er ist von Christoph", sagte Lore, indem sie das Papier in meine Hand legte, die ich unwillkürlich darnach ausgestreckt hatte.

Von Christoph!" rief ich;wann haben Sie den Brief erhalten?"

Heute!" erwiderte sie leise.

Und Sie sind doch hierhergekommen?"

Sic schwieg.

Darf ich den Brief lesen, Lenore?"

Ich habe Sie darum bitten wollen."

Ich ging an eines der erleuchteten Saalfenster in der Hintern Front des Hauses. Lenore war mir langsam gefolgt, und ich fühlte, wie während des Lesens ihre Augen unablässig aus mich gerichtet waren.

Es war ein langer Brief; Christoph gab von seinem Schweigen Rechen­schaft. Er hatte das Geschäft seines Oheims übernommen; aber die Ber- hältnifse waren lange in der Schwebe gewesen, da alles von einer Ver­heiratung der Tochter mit einem wohlhabenden Schornsteinfegermeister abgchangcn; schon sei er, da eben ein neugieriger Schneider aus der Heimat ihn besucht habe, mit dem Geräte zu ihrer Hochzeitskammer be­schäftigt gewesen, als di« ganze Sache noch einmal in Frage gestellt worden sei. Jetzt aber war endlich alles geordnet, die Tochter hatte Hoch­zeit gemacht, und er selbst sollte in den nächsten Tagen das Meisterrecht in der fremden Stadt erwerben. Dann lud er sie ein zu kommen, da er nicht fort könne, um sie zu holen.Sobald ich. Deine Antwort habe", das waren die letzten Worte des Briefes,schicke ich Dir das Reisegeld; es liegt schon abgezählt und eingesiegelt. Das Haus wirst Du leicht er­kennen; neben der grünen Bank, Die vor der Tür ist, steht eine Linde, wie daheim vor Deinem Elternhaus; eine Kammer, die ich selber für die jungen Metsterleute hergerichtet habe, ist ganz davon beschattet."--

Ich hatte den Brief zusammengesaltet und reichte ihn zurück. Aber Lor« schüttelte den Kopf.Schreiben Sie ihm, Herr Philipp!" sagte sie, während eine Träne nach der andern über ihre Wangen tropfte; und leise und mühsam setzte sie hinzu:Er hat es gut gemeint."

Und Sie wollen nicht selber kommen?" fragte ich.

Sie sah mich an, mit einem Blick so voll von flehender Verzweiflung, daß ich bereute, diese Frage an sie getan zu haben.Lore", sagte ich, kann denn niemand helfen?"

Sie senkte den Kopf, Indem si« mit der Stirn an eine Fensterscheibe lehnte; die weiße Ros« lag noch immer duftend auf dem glänzend schwar­zen Haar.Er war, da er noch lebte, nur ein armer, törichter Mann', sagte sie und ihre Stimme brach fast in verhaltenem Schluchzen,aber er war doch mein Vater, und es hat mich sonst doch keiner so geliebt er würde mich auch jetzt noch nicht verstoßen."

Als sie das gesagt hakte, schwiegen wir beide; nur hatte ich, ohne daß ich es wußte, ihre beiden Hände ergriffen, und sie ließ sie mir. Da hörte ich von der andern Seite des Hauses, von der Halle her, die Stimme des Raugrafen ihren Namen rufen.

Sie fuhr zusammen.Lore", sagte ich,können Sie denn nicht los von jenem Menschen?"

Ihre Augen blickten mich groß und traurig an.O doch!" sagte sie leise; und mir war, als sähe ich ein Lächeln um ihren Mund; aber ein Lächeln wie in verhüllter Arglist. Indem wurde noch einmal und mehr in unserer Nähe gerufen. l

Sie trocknete hastig ihre Augen.Leb' wohl, Philipp, leb' wohl!" lüsterte sie. Ich empfand den Druck der beiden kleinen Hande; dann war sie fort.

Wie lange ich noch unter den Bäumen auf und ab gegangen, weiß ich nicht. Ich kam erst wieder zum Bewußtsein der Dinge um mich her, als drinnen im Saale plötzlich die Tanzmusik aufhörte und ich statt dessen das Schreien der großen Eulen vernahm, die tiefer im Walde ihr Wesen trieben.

Als ich bann, um über die Steintreppe zu dem Fußweg zu gelangen, an der vordem Front des Hauses vorüberging, sah ich Lore noch einmal. Sie stand unter der Halle, den Arm um eine der Säulen geschlungen, und blickte durch die Bäume auf die See hinab, wo eben em Wetter- schein blendend über das Wasser leuchtete.

Am Strande.

Ich hatte lange schlaflos auf meinem Kissen gelegen, an einem Plane sinnend, wie ich Lore mit Hilfe meiner Mutter einen andern Zufluchtsort eröffnen möchte, und, was vielleicht das Schwierigste fei, wie ich sie über­reden könne, einen solchen anzunehmen.

Als ich am andern Morgen spät erwachte, stand Fritz Bürgermeister, wie wir ihn als Knaben zu nennen pflegten, vor meinem Bett und lachte mich mit seinen treuen Augen an. Bald saßen wir nebeneinander im Sofa, und Fritz hatte vollauf von gemeinschaftlichen Freunden zu er­zählen, die er In Heidelberg zurückgelassen. Aber ich hörte nur mit halbem Ohr; meine Gedanken waren bei dem Erlebnis der vergangenen Nacht.

Einige Zeit nachher, als wir auf meinen Vorschlag das Haus verlassen und am Strande entlang in der schattigen Ulmenallee nebeneinander gingen, entlastete ich mein Herz und berichtete ihm alles, was ich über Lore und mit ihr selbst erfahren hatte. Fritz hörte schweigend zu, nur mitunter murmelte er halblaut einen derben Fluch, indem er di« im Wege liegenden Stein« mit dem Fuße fortstieß, oder er führte einen Hieb in die Lust, als hatte er einen Schläger in der Faust.

Es blieb auch nicht bei diesen Zeichen; acht Tage später stand er dem Raugrafen auf der Mensur gegenüber. Liber der Raugras schlug eine gefährliche Terz, und Fritz erhielt einenSchmiß", dessen Narbe noch setzt, wenn der Zorn ihm auffteigt, wie ein roter Blitz über sein« Stirn flammt.--

Als wir aus der Allee in den Wald gekommen waren und fast die Stelle erreicht hatten, wo der Fußweg die Anhöhe nach dem Tanzhause hinaus geht, sahen wir auf der andern Seite jenseits der Bäume mehrere Menschen auf dem Strande. Sie standen dicht am Wasser und schienen damit beschäftigt, etwas, das man nicht unterscheiden konnte, auf den Boden niederzulegen. In demselben Augenblick kam auch ein Mann in Fischerkleidung in den Weg hinauf.Was gibt's da unten?" fragte ich im Vorübergehen.

Nichts Gutes, Herr!" war die Antwort;ein junges Frauenzimmer ist verunglückt."

Lore!" rief ich und ergriff unwillkürlich die Hand meines Freundes.

Er stieß einen Laut des Schreckens aus.Was red'ft du nur!" sagte er abwehrend.

Gleichwohl stiegen wir in stummem Einverständnis durch die Bäume an den Strand hinab. Ich hörte währenddes die Leute drunten mitein­ander reden.Was der gefehlt haben mag?" sagte eine rauhe Stimme. Es muß doch eine von den vornehmen Fräuleins fein! Und in vollem Staat ist sie ins Wasser gegangen." Dann wurde es wieder still; nur die Wellen rauschten in der Morgenluft.

Als wir zwischen den Bäumen heraustraten, wurde ich fast vom Sonnenschein geblendet, der in vollstem Glanze vor uns über die weite Meeresbucht gebreitet war. Und in diesem Sonnenglanze lag auch sie; die Fischer traten bei unserer Annäherung zur Seite, und wir konnten sie ungestört betrachten. Es war kein Zweifel mehr. Das bleiche Gesicht­chen ruhte auf dem Ufersande; die kleinen, tanzenden Füße ragten jetzt regungslos unter dem Kleide hervor; Seetang und Muscheln hingen in den schwarzen, triefenden Haaren. Die weiße Rose war fort; sie mochte ins Meer hinaus geschwommen sein.

Viele Jahr« find seit jenem Morgen vergangen. Aus dem Kirch­hofe der Universitätsstadt, abseits im hohen Grase, liegt eine weiß« Marmortafel;Lenore Beauregard" steht darauf. Drei Heimats- genossen, in verschiedenen Teilen des deutschen Landes lebend, haben sie gestiftet.

'verantwortlich: l)r. Hans Thyriol. Druck und Derlag:Drühl'sche Univ erf itäts-Buch- und Steindrucker ei, R. Lange, Gießen,