Siehener Zamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1955
Montag, den 24. April
Nummer 52
Oie Heimat.
Von Friedrich Hölderlin.
Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat;
So tüm auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet.
Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst, Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder?
Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah, Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat
Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus
Und liebender Geschwister Umarmungen Begrüß ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile,
Ihr treugebliebenen! aber ich weih, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht. Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche singen, mir aus dem Busen.
Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn, Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden.
Wilhelmus von Naffauen.
Zum 400. Geburtslage des Befreiers der Niederlande.
Von Dr. Kurt Haack.
„Wilhelmus von Nasfauen bin ich von deutschem Blut" — diese Worte des niederländischen Nationalliedes betonen die deutsche Abstammung des Befreiers der Niederlande, der als die edelste Verkörperung niederländischen Wesens erscheint, und wenn in diesen Tagen Holländer und Flamen, die nördlichen und südlichen Niederlande, gemeinsam den „Vater des Vaterlandes" an seinem 400. Geburtstag feiern, dann stimmen deutsche Herzen in voller Eintracht zu, denn der Prinz von Oranien war stets stolz auf seine deutsche Abstammung, war ein deutscher Patriot, der am liebsten die Niederlande unter den «schütz des Kaisers gestellt und sie zu einem Bestandteil des Deutschen Reiches gemacht hätte, und wir dürfen stolz darauf sein, daß ein deutsches Grafengeschlecht mit Gut und Blut für die nationale und religiöse Freiheit des stammverwandten Volkes gestritten hat und gefallen ist, daß ein deutscher Held die Uebermacht der spanischen Herrschaft brach und damit einen Wendepunkt europäischer Geschichte herbeisührte.
Es war ein Zufall der Erbfolge der dem elfjährigen Grafen Wilhelm von Nassau-Dillenburg die großen niederländisch-burgundischen und französischen Besitzungen "seines Oheims Rene von Chalons in den Schoß warf. Er wurde am 24. April 1533 auf Schloß Dillenburg als ältester Sohn des Grafen Wilhelln des Reichen von Nassau geboren. Durch die Erbschaft wurde der Sproß eines deutschen und protestantischen Geschlechts zum Prinzen von Oranien und trat in den burgundisch-katholischen Kreis «in, in dem er nun auch erzogen wurde. Kaiser Karl V. überhäufte den liebenswürdigen, klugen und heiteren Jüngling mit Ehren, ernannte ihn mit 22 Jahren zum Befehlshaber an der französischen Grenze, und auf Wilhelms Schultern gelehnt, übergab er 1555 vor dem ganzen Brüsseler Hofe und allen Würdenträgern des Landes seinem Sohne Philipp II. die Herrschaft über die Niederlande. Oranien wurde auch dazu auserkoren, die Insignien des Reiches Ferdinand zu überbringen, als Karl auf die deutsche Kaiserwürde verzichtete. Wann der verhätschelte Liebling der spanischen Weltmacht in sich den Gegensatz erwachen fühlte, wann in ihm der Gedanke reiste, „das spanische Geschmeiß" aus seiner neuen Heimat zu verjagen, steht nicht fest. In seiner
„Apologie", die er auf der Höhe des Kampfes gegen den Bann Philipps richtete, führt er an, daß ihm der Austoß zu der entscheidenden Wendung in seinem Leben und Streben 1559 in Paris gekommen sei. Er weilte damals als eine der Geiseln für di« Durchführung des mit Frankreich geschlossenen Friedens am Hofe Heinrichs II., und der König soll ihm in der Verkennung seiner Anschauungen einen Plan von der Ausrottung aller Protestanten in Frankreich und den Niederlanden enthüllt haben. Während Heinrich die volle Zustimmung des Vertrauten des spanischen Königs voraussetzte, war der deutsche, aus protestantischer Familie stammende Edelmann davon aufs tiefste entsetzt, sagte aber kein Wort, sondern suchte nur möglichst rasch nach den Niederlanden zurückzukehren. Diele außerordentliche Selbstbeherrschung und Zurückhaltung hat ihm den Beinamen des „Schweigers" eingetragen, der sonst zu seinem offnen und freimütigen Wesen gar nicht paßt.
Die Abwendung vom Spanischen lag freilich tief in seiner Abstammung begründet, denn Wilhelm fühlte sich nicht nur als niederländischer Grande, sondern auch als deutscher lutherischer Standesherr, da er nach dem Tod seines Vaters das Haupt der Dillenburger Familie geworden war, sein ganzes Geschlecht, besonders seine ehrwürdige Mutter Juliana, stand fest zu dem Bekenntnis, das durch den Plan mit Vernichtung bedroht war. Oranien wird nun immer mehr zum Mittelpunkt und Hort des Widerstandes gegen die spanische Herrschaft und die Unterdrückung des neuen Glaubens. Mit Egmont, Horn und anderen hervorragenden Adligen setzte er die Abberufung des Kardinals Granvella durch. Als dann Philipp die Verordnungen des Tridentiner Konzils und die Inquisition in den Niederlanden durchzuführen befahl, erhob Oranien Einspruch und flüsterte im Staatsrat ahnungsvoll seinem Nachbarn zu, daß nun die größte Tragödie, die die Welt je gesehen, beginne. Nun schickte der König den finstren Alba mit einem spanisch-italienischen Heer nach den Niederlanden, um dem widerspenstigen und unbeugsamen Volk den Fuß auf den Nacken zu setzen; Wilhelm aber teilte nicht die kurzsichtige Vertrauensseligkeit Egmonts, den er unter Tränen bat, ihm ins Ausland zu folgen, sondern wandte sich 1567 von 150 Arkebusieren begleitet, nach seinen deutschen Besitzungen. „Man soll das Vöglein", sagte er, „nicht im Käsig finden." So entging er dem Schicksal Egmonts und Horns, die das Jahr darauf durch Alba hingerichtet wurden. Von Deutschland, von Dillenburg aus organisierte er nun den Kampf gegen die Gewaltherrschaft, gegen den Glaubenszwang, entfesselte mit ungeheurer, nie erlahmender Willenskraft und Zähigkeit die Bewegung für Freiheit und religiöse Duldung. Ohne diese deutsche Unterstützung hätte der Aufstand der „Geusen" nie zum Siege führen können. Seiner niederländischen Güter und Besitzungen durch die Spanier beraubt, durch die kriegerischen Unternehmungen 1568, die mißglückten, schwer verschuldet, als Katholik und tief religiöser Mensch in Gewissenskonflikten verstrickt, entwickelte er jetzt seinen Charakter zu jener stolzen Größe, die mitten im furchtbarsten Religionsstreit sich hoch über die Beschränktheit der Zeitgenossen erhob, Duldsamkeit und Milde forderte. Nun erst wird Wilhelm von Oranien zur Seele der niederländischen Erhebung, zum gefeierten Volkshelden. Als er nach der Einnahme von Breda 1572 nach den Niederlanden eilt, um die Führung des Aufstandes zu übernehmen, tritt er zur reformierten Kirche über, ist aber nie ein fanatischer Calvinist gewesen, sondern fein Ziel war stets die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, und er wollte auch die Katholiken der südlichen Niederlande mit gleichen Rechten in die Bewegung einschließen.
Wilhelm besaß alle die Eigenschaften die den Staatsmann und Staatenstifter auszeichnen. Der Ehrgeiz seiner Jugendjahre trat nun zurück gegen die machtvolle Verfolgung gerechter realpolitischer Ziele. In den zahlreichen Augenblicken der höchsten Not, der größten Schwierigkeiten zeigten sich sein unerschütterlicher Mut, sein eljerner Wille im hellsten Licht. Wie er in seiner Bekenntnisschrift der „Apologie", auftritt, so steht er vor der Nachwelt, stolz auf fein altes Geschlecht, neben dem ihm die Habsburger nur Emporkömmlinge dünkten, demütig vor Gott, bereit, alles für Vaterland und Freiheit zu opfern, ein kühner Kriegsmann und vorsichtiger Diplomat. Seine geschichtliche Bedeutung beruht aber vor allem in seinem Ideal des Religionsfriedens und der Religionsfreiheit: er hatte sich von dem unheilvollen Prinzip losgesagt, die Menschen durch Feuer und Schwert zur Annahme eines bestimmten Glaubens zu zwingen. Er stand auf einer Höhe der Weltanschauung, die ihn Freund und Feind weit überragen ließ. Dazu kommt fein Mitgefühl mit dem kleinen Mann, feine Siebe zum Volke, für das er in dem ungleichen Kampf jedes Opfer zu bringen bereit war So kam es, daß die große Menge ihm bei feinem Einzug in Brüssel 1577 als dem Retter und „Vater des Vaterlandes" zu- jubelte, während di« Behörden und Machthaber der Provinzen sich nur zögernd hinter ihn stellten.
Die einzelnen Ereignisse bes Abfalls, der Erhebung und der Befreiung der Niederlande können hier nicht aufgezählt werden. Von dem Seeräuber» tum der „Wafsergeusen", die vom Meer aus den Kampf gegen Spanien begannen, bis zur Vereinigung der sieben Nordprovinzen 1579 zur Grün-


