Ausgabe 
24.3.1933
 
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mir da» |rf)fate fttnb Imm-i Im Sinne geblieben unb mein Herz l^at immer on ihm gehangen, obgleid) ich nie wieder von ihm gehört habe

Plötzlich hielt bet Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war, lote erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefährtin an:

Nun", sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone, in gleicher Weise etwas bläst geworden,was sehen Sie mich so an?"

Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie wenn er einen Weift sähe, und riefDiese« habe ich auch schon erblickt. Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie seht bei Ihnen, die schonen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig auswärts, das, man sie sich be­werten sah, und so war es auch zuletzt aus dem Felde in jenem Abendnlanze.

In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über der Stirne liege nben Locken NettchenS leise bewegt wie von einem in# Gesicht wehenden Lusthauche.

Die allezeit etwa- kokette Mutter Natur hatte hier eine« ihrer Geheim­nisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu führen.

Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand Nettchen aus, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm um den Hals mit den Worten:Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein, und ich will mit dir gehen trotz aller Welt I"

So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener Seele, indem sie In süßer Leidenschaft ein Schicksal ans sich nahm und Treue hielt.

Doch war sie keineswegs so blöde, dieses Schicksal nicht selbst ein wenig lenken zu wollen: vielmehr faßte sie rasch und keck neue Entschlüsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen Glückeswechsel verloren träumte:Nun wollen wir gerade nach Seldwyl gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, daß sie und erst recht ver­einigt und glücklich gemacht haben I"

Dem wackeren Wenzel wollte die- nicht einleuchten. Er wünschte viel­mehr in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch dort zu leben in stillem Glücke, wie er sagte.

Allein Nettchen ries:Keine Nvmaue mehr! Wie du bist, ein armer Wander-manu, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen diesen Stolzen unb Spöttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach Selbwyla gehen unb dort durch Tätigkeit und Klugheit die Menschen, die und verhöhnt haben, von und abhängig machen I"

lind wie gesagt, so getan! Nachdem die Bäuerin herbelgerufeu und von Wenzel, der ansing, seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden war, fuhren sie ihre« Weges weiter. Wenzel führte jetzt die Zügel. Nettchen lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensäule wäre. Denn de» Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war just vor drei Tagen volljährig geworden und konnte ocm ihrigen folgen.

Ja Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch eine Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saß. Als das Paar im Wirtssaale erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum:Ha, da haben wir eine Ent­führung; wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitetl"

Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Brant, und nach­dem sie in ihren Gemächern verschwunden war, begab er sich in den Wilden Mann, ein andere- gute- Gasthaus, und schritt stolz durch die dort ebenfalls noch hausenden Seldwyler hindurch In ein Zimmer, da« et begehrte, und überließ sic ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie sich da» griinm^ste Kopfweh anzutrinken genötigt waren.

Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zelt schon das Wort Entführung" 1 herum.

Iu aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von dem aufgeregten Böhm und Nettchen- betroffenem Baler bestiegen. Fast wären sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, al- sie noch rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen sahen unb zu ihrem Truste vermuteten, baß wenigsten- bic schönen Pferbe auch nicht weit fein würben. Sie ließen daher ausspanueu, als sich die Vermutung bestätigte und sie die Ankunft unb den Aufenthalt Nettchen- vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.

Es dauerte jedoch eine kleine Meile, bi- Nettchen den Vater bitten ließ, sie aus ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen. Auch sagte man. sie habe bereit- den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen lassen, welcher Im Lause de« Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat ging etwas schweren Herzen- zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf welche Weise er da» desperate Kind am besten au« der Verirrung zurück- sichre, und war aus ein verzweifelte- Gebaren gefaßt.

Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte unb erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens sie wolle nach dem Vor« gesottenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nächsten Jahre; zweiten» wünsche sie ihr bedeutendes mütterliche« Erbe an sich zu nehmen, welche» der Vater ja schon lauge für den Fall ihrer Verheiratung bereit gehalten; dritten» wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten, woraw öor allem nicht« zu ändern sei; vierten» wolle sie mit ihm in Seldwyla wohnen unb ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen Helsen, und fünften« und letzten» werde olle» gut werden; denn sie IjTibe sich überzeugt, daß er ein guter Mensch sei unb sie glücklich machen werbe.

Der Amt-rat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen io wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung Ihre« wahren Glücke» je eher je lieber in ihre Hände legen zu können. Daun ober schilderte er mit aller Bekümmernis, die Ihn seit der ersten Knude von ber schrecklichen Katastrophe erfüllte, da» Unmögliche des Verhältnisses, da- sie festhalten wolle unb schließlich zeigte er da» große Mittel, durch weldje« fid) bei schwere Konflikt allein würdig lösen lasse. Herr Melchior Böhni sei Beraut» örtlich: Ur. Han» Thhriot. Druck und Beklag: Brühl

' e-, ber bemr lei, durch augenblickliches Einstehen mit seiner Person den ganzen Handel niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren Namen Ihre Ehre vor der Welt zu schützen und aufrecht zu halten.

Aber da- Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Auf­regung. Sie ries, gerade die Ehre sei c8, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni nicht zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen Fremden getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, unb ben sie auch leiden könne I

Es gab nun ein fruchtlose- Hin- unb Wiberreben, welches die standhaft« Schöne endlich doch zum Tränenvcrgießen brachte.

Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf ber Treppe zusammeugetrossen, und es drohte eine große Verwirrung zu ent­stehen, als auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate wohlbekannter Mann, und vor der Hand zur friedlichen Befonuenheit mahnte. Als er in wenigen vorläufigen Worten vernahm, worum e« sich handle, ordnete er an, daß vor allem Wenzel sich In den Wilden Mann zurückziehe unb sich dort still halte, daß auch Herr Böhni sich nicht eiumische unb fortgehe, daß Nettchen ihrerseits alle Formen bes bürgerlichen guten Tones wahre bi- znm AnStrag der Sache und der Bater auf jede Ausübung von Zwang verzichte, da die Freiheit der Tochter gesetzlich unbezweifelt sei.

So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für einige Stunden.

In der Stadt, wo bet Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem großen Vermögen, welche» vielleicht nach Seldwyla käme durch diese Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler schlug vlötzlich nm zugunsten des Schneider» und seiner Verlobten, unb sie beschloßen, die Liebeuben zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher da« Gerücht ging, die Schöne von Goldach solle mit Gewalt znrückgesührt werden, rotteten sie sich zusammen, stellten bewassnete Schutz- unb Ehrenwachen vor den Regenbogen unb vor den Wilden Monn und begingen überhaupt mit Seroaltiger Lustbarkeit eine» ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige ortsetznng de» gestrigen.

Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach Goldach um Hilfe. Der fuhr im Galopp bin, und am nächsten Tage fuhren eine An­zahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber, um dem AmtSrat belznstehen, und c» gewann den Anschein, als ob Seldwyla ein neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend gegenüber; der Stabttombour drehte bereits an seiner Spannschraube und tot einzelne Schläge mit dem rechten Schlägel. Do kamen höhere Amtspersonen, geistliche und weltliche Herren, aus den Platz, und die Unterhandlungen, welche allseitig gepslogen wurden, ergaben endlich, da Nettchen fest blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, aufgemuntert durch die Seldwyler, daß das Aufgebot Ihrer Ehe nach Sammlung aller nötigen Schriften förmlich ftattflnbcn und daß stewärtigt werden solle, ob und welche gefetzliche Ein« jprachen während diese» Verfahrens dagegen erhoben würden und mit welchem Erfolge.

Solche Einsprachen konnten bei ber Volljährigkeit Nettchen» einzig noch erhoben werben wegen bet zweifelhaften Person des falschen Grafen Wenzel Strapinski.

Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte, ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf feinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse für Ihn einliefen.

Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wieS der Advokat nach, daß Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen audgegeben, sondern daß ihm dielet fllang von andern gewaltsam verliehen worden; daß er schrift­lich ans allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen Nomen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte unb somit kein anderes Vergehen tiorlag, al« daß er eine törichte Gastfreundschaft genossen hatte, bic ihm nicht gewährt worden wäre, lucnn er nicht in jenem Wagen angekommen wäre unb jener Kutscher nicht jenen schlechten Spaß gemocht hätte.

So enbigte benn der Krieg mit einet Hochzeit, an welcher die Seldwyler mit ihren sogenannten Katzenköpse» gewaltig schossen zum Verdruss- bet Golbacher, welche den Geschützdonner ganz gut hören konnten, ba der West­wind wehte. Der Anitsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, Unb sie sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchanb-Taitteur und Tuchherr werben in Seldwyla: denn da hieß der Tuchhändler noch Tuchherr, der Eisenhändler Eilenherr nsw.

Da« geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem Geschäfte, welchem er einen großen Umfang zu geben verstand. Er machte ihnen ihre veilchenfarbigen ober weiß unb blau gewürfelten Sammetwesten: ihre Battftäcke mit goldene» Knöpfen, ihre rot an-geschlagenen Mäntel, unb alle» waren iie ihm schuldig, aber nie zu lange Zeit. Denn um neue, noch schönere Sachen zu erhalten, welche er kommen ober anfertigen ließ, mußten sie ihm da» frühere bezahlen, so daß sic untereinander klagten, er presse ihnen das Blut unter den Nägeln hervor.

Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr träumerisch au«: er wurde von Jahr zu Jahr geschästscrsahrener und ge­wandter unb wußte in Verblnbniig mit seinem bald versöhnten Schwieger­vater, dein Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich sein Ver­mögen verdoppelte nub er nach zehn ober zwölf Jahren mit ebenso vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapliiska, geboren hatte, und mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener Mann ward.

Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank ober ans Rache.

sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. B. Lange. Gießen.