Kleider machen Leute.
Novelle von Gottfried Keller.
(Schluß.)
Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen.
Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief: „Verzeih mir! Verzeih mir!"
„Komm, fremder Mensch!" sagte sie mit unterdrückter, zitternder Stimme, „ich werde mit dir sprechen und dich fortschasfen!"
Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab ihm Mütze und Handschuh, ebenso unwillkürlich, wie sie dieselben mitgenommen hatte, ergriff Zügel und Peitsche und fuhr vorwärts.
Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag ein Bauernhof, auf welchem eine Bäuerin hauste, deren Mann unlängst gestorben. Nettchen war die Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch neulich war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glück zu wünschen und allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von dem Wandel der Dinge wissen.
Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Straße ablenkend und mit einem kräftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Bäuerin war wach und machte sich zu schaffen, während Kinder und Gesinde längst schliefen. Sie öffnete das Fenster und guckte verwundert heraus. „Ich bin's nur, wir sind's!" rief Nettchen. „Wir haben uns verirrt wegen der neuen oberen Straße, die ich noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau Gevatterin, und laßt uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter fahren!"
Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das große Tier, den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glück und Glanz dieser Welt in diesen zwei Personen Über ihre Schwelle getreten; unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgendeinen bescheidenen Nutzen für sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschastsleute zu bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu halten, und bald hatte sie auch einen heißen Kaffee bereitet, welchen sie jetzt herembrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube einander gegenüber saßen, ein schwach flackerndes Lämpchen zwischen sich aus dem Tische.
Wenzel saß, den Kopf in die Hände gestützt, und wagte nicht aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurück und hielt die Augen fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schönen Mund, woran man sah, daß sie kemes-
Als^üe^Gevattersfrau den Trank auf den Tifch gefetzt hatte, erhob sich Nettchen rasch und flüsterte ihr zu: „Laßt uns jetzt eine halbe Viertelstunde allein, legt Euch aufs Bett, liebe Frau, wir haben uns em bißchen gezankt und müssen uns heute noch aussprechen, da hier gute Gelegenheit ist.
„Ich verstehe schon, Ihr macht's gut so I" sagte die Frau und ließ die zwei bald allein. .... . . „
, Trinken Sie dies", sagte Nettchen, tue sich wieder gesetzt hatte, „es wird Ihnen gesund sein!" Sie selbst berührte nichts. Wenzel Straprnski, der leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie aus, mehr weil sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er blickte sie ;etzt auch an, und als ihre Augen sich begegneten und Nettchen forschend die seimgen betrachtete, schüttelte sie das Haupt und sagte dann: „Wer sind Sie? Was wollten Sie mit mir?" ...... . .. ..
„Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine!" erwiderte er traurig, „ich tun ein armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung geben und nicht lange mehr am Leben sein!" Solche Worte sagte er so ubei> zeugt und ohne allen gemachten Ausdruck, daß Nettchens Augen unmerklich ausblitzten. Dennoch wiederholte sie: „Ich wünsche zu w'sien, wer Sie eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen?
„Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wabrheit gemäß erzählen will", antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm bei feinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, er mehrmals habe fliehen wollen, schließlich aber durch ,hr Erscheinen selbst gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume. , . . ...
Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimges icht doch Überwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als daß es zum Ausbruch gekommen wäre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: »Und wohin gedachten Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen?" — „Ich weiß es kaum , erwiderte er; „ich hoffte auf weitere merkwürdige oder glückliche Dinge, auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, daß ,ch mir denselben geben wolle, nachdem ich—" , . .
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«n» W -nd »i* ist es mir klar und deutlich vor Augen, wie «s gekommen wäre I Ich wäre mit dir in die weite Welt gegangen und, nachdem «h emige kurze Tage des Glückes mit dir gelebt, hätte ich dir den Betrug gestanden und mu gleichzeitig den Tod gegeben. Du wärest zu deinem Vater zuruckgekehrt,
:ine letzte Heimstatt verschafft. Und während die Schatten des großen Bauernkrieges dunkel über Deutschland Heraufziehen, während unter den Stößen von außen und innen und den Wehen der Reformation der Bau des Römischen Reiches wankt, endet Ulrich von Hutten auf der Insel Ufenau im Züricher See im August 1523 einsam sein Leben.
Voll schmerzlicher Resignation hat Hutten einst in früheren Tagen als Epilog auf sein und Luthers Lebenswerk das klare, schmerzliche Wort gesetzt: „Dein Werk, heiliger Mann, ist von Gott und wird bleiben, meins ist menschlich und wird untergehen." Nicht untergegangen aber ist die Idee, die Ulrich von Hutten kündete, das Symbolhafte dieses kämpferischen Heldenlebens, das er vorlebte, ein wirklichkeitsfroher, um die Gestaltung der deutschen Welt ringender Streiter für das Reich
wo du wohl aufgehoben gewesen wärest und mich leicht vergesst« hättest. Nieniand brauchte darum zu wissen; ich märe spurlos verschollen. — Anstatt an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken", fuhr er wehmütig fort, „wäre ich einen Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch Über allen, die weder glücklich noch unglücklich sind und doch nie sterben wollen! O hätten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wäre so ruhig eingeschlafen!"
Er war wieder still geworden und schaute düster sinnend vor sich hin.
Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt hatte: „Haben Sie dergleichen oder ähnliche Streiche früher schon begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide getan?"
„Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und mich nicht erinnert, daß ich je ein Lügner gewesen bin! Ein solches Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder ersahren! Ja, in jenen Tagen, als der Hang in mir entstandeil, etwas Ordentliches zu sein oder zu scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst überwunden und einem Glück entsagt, das mir beschieden schien!"
„Was ist dies?" fragte Nettchen.
„Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen Städten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die anderen ^Leiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etlbas zierlicher und gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister, starb aber früh, und fo blieb rms bei größter Armut keine Aussicht auf glückliche Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu träumen pflegte. Vielmehr mußte sie sich harter Arbeit hingeben, um uns zu ernähren, und damit das Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung, aufopfern. Unerwartet sagte nun jene nun verwitwete Gutsherrin, als ich etwa sechzehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die Residenz für immer; die Mutter falle mich mitgebeu, es sei schade für mich in dem Dorfe ein Taglöhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle mich etwas Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, während ich iw ihrem Hause leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun könne. Das schien nun das Herrlichste zu sein, was sich für uns ereignen mochte. Alles wurde demgemäß verabredet und zubereitet, als die Mutter nachdenklich und traurig wurde und mich eines Tages unter vielen Tränen bat, sie nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie werde nicht alt werden, sagte sie, und ich würde gewiß noch zu etwas Gutem gelangen, auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das betrübt hinterbrachte, kam her und machte meiner Mutter Vorstellungen; aber diese wurde jetzt ganz aufgeregt und ries einmal um das andere, sie lasse sich ihr Kind nicht rauben; wer es kenne —"
Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wußte sich nicht recht fortzuhelsen.
Nettchen {ragte: „Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie nicht fort?"
Wenzel errötete und antwortete: „Sie sagte etwas Seltsames, was ich nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht verspürt habe; sie meinte, wer das Kind kenne, könne nicht mehr von ihm lassen, und wollte wohl damit sagen, daß ich ein gutmütiger Junge gewesen sei oder etwas dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, daß ich trotz alles Zuredens jener Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich doppelt lieb hatte, tausendmal mich um Verzeihung bittend, daß sie mir vor dem Glücke sei. Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte, stellte' es sich heraus, daß nicht viel anderes zu tun war, als daß ich zu unserem Dorfschneider in die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die Mutter weinte so sehr, daß ich mich ergab. Dies ist die Geschichte."
Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort fe* und wann? erwiderte Wenzel: „Der Militärdienst rief mich weg. Ich wurde unter die Husaren gesteckt und war ein ganz hübscher, roter Husar, obwohl vielleicht der dümmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem Jahr konnte ich endlich für ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte nach Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da bin ich beim, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereift und endlich hier in mein Unglück geraten."
Nettchen lächelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube; auf einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen.
„Da Sie", sagte sie plötzlich, aber dennoch mit zögerndem, spitzigen Wesen, „stets so wertgeschätzt und liebenswürdig waren, so haben Sie ohne Zweifel auch jederzeit Ihre gehörigen Liebschaften oder dergleichen gehabt und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen — von mit nicht zu reden?"
„Ach Gott", erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, „eh ich zu Ihnen kam, habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mädchens berührt, ausgenommen —"
„Nun", sagte Nettchen.
„Nun", fuhr er fort, „das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder acht Jahren, ein seltsames, heftiges Kind, und doch gut wie Zucker und schön wie ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschützer machen müssen und es hatte sich an mich gewöhnt. Ich mußte es regelmäßig nach dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer Unterricht genoß, und es von da wieder abholen. Auch sonst mußte ich öfter mit ihm ins Freie, wenn fonst niemand gerade mitgehen konnte. Dieses Sind nun, als ich es zum letztenmal im Abendschein über das Feld nach Hause führte, fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an, erklärte mir, ich müßte dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun wolle. Ich sagte, daß es nicht sein könne. Das Kind fuhr aber fort, gar beweglich und dringlich zu bitten, indem es mir am Arme hing und mich am Gehen hinderte, wie Kinder zu tun pflegen, so daß ich mich bedachtlos wohl etwas unwirsch frei machte. Da senkte das Mädchen sein Haupt und suchte beschämt und traurig die Tränen zu unterdrücken, die jetzt hervorbrachen, und es vermochte kaum das Schluchzen zu bemeistern. Betroffen wollte ich das Kind begütigen, allein nun wandte es sich zornig ab und entließ mich in Ungnaden. Seitdem ist


