GießenerZaimIienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Z rhrgang <953
Nummer 2A
Freitag, den 24. März
Oie zwei Gesellen.
Von Josef von Eichendorff.
Es zogen zwei rüst'ge Gesellen zum erstenmal von Haus, so jubelnd recht in die Hellen, klingenden, singenden Wellen des vollen Frühlings hinaus.
Die strebten nach hohen Dingen, die wollten, trotz Lust und Schmerz, was Recht's in der Welt vollbringen, und wem sie vorübergingen, dem lachten Sinnen und Herz. —
Der erste, der fand ein Liebchen, die Schwieger kauft' Hof und Haus; der wiegte gar bald ein Bübchen und sah aus heimlichem Stübchen behaglich ins Feld hinaus.
Dem zweiten sangen und logen die tausend Stimmen im Grund, verlockend Sirenen, und zogen ihn in der buhlenden Wogen farbig klingenden Schlund.
Und wie er auftaucht' vom Schlunde, da war er müde und alt, sein Schifflein, das lag im Grunde, so still war's in der Runde, und über die Wasser weht's kalt.
Es singen und klingen die Wellen des Frühlings wohl über mir; und seh' ich so kecke Gesellen, die Tränen im Auge mir schwellen — ach Gott, führ' uns liebreich zu dir!
Hell-unkle Jugend.
Von Anton W i l d g a n s.
Die folgende Veröffentlichung stellt die letzte Arbeit des verstorbenen Wiener Dichters und Burgtheater-Jntendanten Anton Wildgans dar. Sie war als erstes Kapitel des geplanten zweiten biographischen Buches gedacht, das den Titel „Helldunkle Jugend" führen sollte, und wurde wenige Tage vor dem Tobendes Dichters in Mönichkirchen in dessen Notizbuch skizziert. Selbst dieses erste Kapitel blieb Fragment, wenn auch freilich ein in sich abgeschlossenes. Es wird an der Spitze eines Bandes stehen, der zur ersten Wiederkehr des Todestages von Wildgans erscheinen und selbstbiographische Aufsätze, Skizzen, Gedichte und Betrachtungen vereinen soll.
In meine Knaben- und Jünglingszeit schattete als eine dunkle, gefahrdrohende Wolke das große, von düsterer Rätselhaftigkeit umwitterte Leiden meines Vaters. Der vorletzten, vielleicht tragischsten Phase dieses Leidens habe ich Erwähnung getan, als ich von der eigenen schweren Krankheit erzählte, die mich als Siebzehnjährigen befiel. Die Zerstörung an Leib und Geist meines Vaters hatte aber schon viel früher begonnen, als ich fast noch ein Kind war, und kam zum erstenmal zu deutlichem Ausbruch am Pfingstfamstag des Jahres 1895. Wir weilten damals zum Sommeraufenthalt, eine halbe Vahnjtunde von Wien entfernt, in dem tausendjährigen Wienerwaldstädtchen Mödling, in dem nämlichen Orte, wo ich in der zweiten Hälfte meines Lebens — gewiß nicht ohne tiefere Zusammenhänge und Bedeutung! — eine andere Heimat und am Osthang des Kalenderberges, neben der uralten Pfarrkirche, das große Glück des eigenen Hauses und Gartens gefunden habe.
Damals aber wohnte ich mit meinen Eltern im Gartenflügel des Val- zachifchen Hauses auf dem Marktplatze. Dieses, gerade gegenüber der Pestsäule gelegen, biloet mit seinen Nachbarn, dem sogenannten Mana- gettahaus und einem nächsten, noch älteren Gebäude, eine geschlossene Front, in die Mödlings älteste Zeit, in die Herzoggasse hineinreicht. Dem Valzachischen Hause freilich sieht man seine ehrwürdigen Jahre nicht an, da seine einstöckige Fassade irgendwann nach irgendeinem Zeitgeschmack modernisiert wurde. Wenn man aber durch ein Türchen des meist geschlossenen schweren Holzportales den breiten, tiefen und gewölbten
I Flur betritt, so weht einen sofort der Atem eines früheren Jahrhunderts I an. Niedere, wackelige Gänge führen von da zu der Steintreppe des Vor- I derhaufes, das damals in allen feinen ebenerdigen Teilen von dem eigen- I tümlichen Mifch-Arom der gebräuchlichen Kolonialwaren erfüllt war, denn I der Hausherr befaß eine solche Handlung. Auch im Torflur war dieser I merkwürdige und bezeichnende Duft von allerhand Gewürzen, von Kaffee, I hänfernen Säcken und roh gezimmerten Kisten sofort zu spüren und bil- I bete einen jähen Gegensatz zu den mannigfachen Gerüchen des Marktes I vor dem Haus, in denen jene der frischen Gemüse und Blumen, des rohen Fleisches, und manchmal der Fttche vorherrschten. Und ebenso fühl-
I bar war auch der Gegensatz zwischen Hige und Lärm der Straße und der I Kühle und Stille, die einen sofort umfing, wenn man den Vorflur betrat
Sobald man ihn aber über fein hallendes Pflaster durchschritten hatte, I befand man sich auf einem langgestreckten Wege, der zwischen einer hohen, I von Parkbäumen überragten Mauer rechts und einem fast ebenerdigen I Gebäude links in den nach rückwärts gelegenen Garten führte und übrl- I gens auch heute genau so wie damals führt. Diese drei oder vier Räume nun, die dieser schmale Hoftrakt beherbergt, bildeten unsere damalige Sommerwohnung, deren westliche Fenster auf die gedachte hohe Park-
I mauer blickten, deren östliche hingegen in den schwülen Schatten, eines I mit Kastanien bestandenen Hofes hinausgingen. Ich erwähne dieses I dustere, mit Sand bestreute Gevierte nur deshalb, weil sich dort an der I Feuermauer des Nachbarhauses auf einem niederen steinernen Sockel ein schmiedeiserner Käfig befand, in dem sich der Hausherr eine Elster hielt Dwser schwarzweiße Vogel, der übrigens viel Gestank und mit seinem
I bösen Gekrächze widerwärtigen Lärm verursachte, war mir ein (Segen- I stand des Abscheues und Grauens. Ja, er war mir so unheimlich, daß ich jenen Hof nur ungern und selten betrat und mich lieber auf der
I anderen Seite unseres Wohntraktes aufhielt. Dort, in der schmalen, mauerbegrenzten Fortsetzung des Torflures, schob ich mit meiner, um sieben Jahre jüngeren Schwester nach Kegeln, dort übte ich mich im Saufen und Springen, von dort aus sah ich über den Zaun des rückwärtigen Gartens, dessen Benützung der Hausherr sich und seiner Familie vorbehalten hatte, und dort auf den Steinstufen der schmalen Türe, die In
I unsere Wohnung führte, saß ich besonders gern und las in meinen I Buchern. Und dort vollzog sich auch, wenigstens in seiner bildhaften Auswirkung, jenes düstere und schicksalschwere Ereignis, das ohne daß ich dies damals auch nur zu ahnen ober gar zu ermessen vermocht hätte
I — entscheibenb für mein ganzes Leben werben sollte. Bevor es aber dazu | kam, begegnete mir anderes, das den eben erst Vierzehnjährigen durch I die Neuheit des Gefühls erschütterte.
I Unser Hausherr, ein älterer Witwer, hatte zwei erwachsene Töchter, I deren eine, ihrer italienischen Abstammung nach, von besonderer, südlicher Schönheit war. Anna und Angela hießen die beiden Fräuleins, die ich, zumal sie sehr zurückgezogen lebten und nur selten zu sehen waren — als eine Art von höheren Wesen betrachtete. Dies hinderte mich freilich nicht, mich in die Schönheit mit aller Inbrunst knabenhaft verträumter Gefühle zu verlieben, wie man sich eben mit 14 Jahren aus der Fülle einer ins Allgemeine gerichteten Sehnsucht in ein Gegenwärtiges und doch Unerreichbares verliebt. Besonders wenn Freiheit und Sommer ist und
I die Kräfte der jungen Seele nicht durch die tägliche Mühsal des Schultages I in Schach gehalten werden. So sehr ich Indessen bemüht war, meinen Zustand zu verbergen, dürste er der schönen Italienerin nicht ganz entgangen fein. Denn ich erinnere mich eines Augenblickes, von dem an es mir schien, als ob sie mich mit einer anderen Nuance mütterlichen Wohlwollens behandelte. Da tauchte eines Tages eine Eousine der Damen auf, ein kleines, ungarisches Mädchen, das, selber noch ein zwölfjähriges Kind' alsbald meine Gespielin wurde. In meinem Herzen war nun eigentlich kein Platz mehr. Aber der große Taschensvieler Naturttieb brachte immerhin das Kunststück zuwege, jenen freien Raum zu schaffen ober wenigstens als oorhanben vorzutäuschen. Nicht baß Ich mich auch in bie kleine Ungarin verliebt hätte! Denn bas Erreichbare hatte bamals für mich bie bebenk- liche Eigenschaft, von mir übersehen und nicht ausgenützt zu werben. Dollenbs bie weibliche Zärtlichkeit, ja Sinnlichkeit, wenn sie sich mir von selbst bot, hatte für mich etwas, was mein eigenes, wenn auch nur kindliches unbestimmtes und ahnungsloses Begehren geradezu paralysierte. Das Elementare schlummerte noch tief In meinem Unterbewußtsein und wirkte noch nicht in meinen Tag. Denn anders wäre es nicht möglich gewesen, daß unsere Spiele in vollster kindlicher Unbesonnenheit vor sich gingen. Nur, wenn wir einander an Abenden mehr zufällig denn aus Absicht trafen, waltete zwischen uns von allem Anfang an eine gewisse Verhaltenheit und Schweigsamkeit. Meist war es so, daß ich mit meiner Viola — ich lernte eben damals dieses Instrument spielen — auf den Steinstufen der schmalen Tür saß, die von dem verlängerten Torweg zu unlerer Wohnung führten, und auf den Saiten flinioerte. Die kleine Schwester war da bereits schlafen geteat worden; die Großmama, deren Obhut wir in Öen ersten Wochen des Sommers allein anoerfraut waren, legte bei iraenbeinem kleinen Petrol"umlämnchen auf der Gartenterrasse bie übliche Neunerpatience unb bas Dienstmädchen klapperte in der Küche


