Ausgabe 
24.2.1933
 
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Da kommt die Sonne wie eine riesige Blutapfelsine über den dunstigen Horizont. Man fühlt die kommende Tagesglut voraus. (Und solch ein Pullmanwagen hat nicht einmal eine Dusche!) Jetzt geht's durch ein end­loses Lagunengebiet, wie der Spreewald anzuschauen. Es ist die Küste des Stillen Ozeans. Hunderte, Tausende von kleinen Einbäumen, winzigen Segeln, nackten Menschen. Dann aus der Station die ganze Meeres­fauna, zubereitet, aus grünen Blättern angeboten. Was bringt sonst die Station des mexikanischen Reisetages? Kokosnüsse, mit dem Machete (Buschmesser) geschält, angeschlagen, zum Trinken fertig. Ein Gebirge ausgetrunkeer Kokosnüsse ziert ja jeden Tropenbahnhos der Erde. Farben­leuchtende tropische Fruchternte schwankt auf dem tiesschwarzen Haar­glanze hübscher Indianerinnen, die den bunten Zerape um die Schultern geworfen haben: Guineas und Naranjas (wir sagen Bananen und Apfelsinen) Mangos, die man aber am besten in der Badewanne ißt, wegen ihrer Saftsülle, Tuna, die Kaktusfeige, Aguacate, die schmelzweiche Vutterfrucht, zu der man Pfesfer und Salz braucht, die pepsinhaltige Pa­paya und Zapote, Ananas und Melone und noch ... Dutzende von Tropensrüchten geheimnisvoll klingenden Namens.Nieve, Nieve leche! klingt es immer wieder, das ist ein barbarisches Roheis, vom Block ab- gesabt und mit einem SchuhWohlgeschmack" vermischt. Tortillas, die unvermeidlichen Maissladen, die Brot und Kartoffeln ersetzen, Pollo, das gebratene Hühnchen jedenfalls um die Ernährung braucht man nicht besorgt zu sein, wenn's auch Gefchmacksache ist. Die verhungerten Hunde, die langbeinigen Schweine voller Wagenschmiere auf dem Rucken wissen dah für sie ein reicher Tisch gedeckt ist unter den Fenstern des haltenden Schnellzuges. Sie alle aber werden in die Flucht geschlagen von Zopilote, dem Aasgeier. In endlosen Reiher sitzen die Geier längs der Station, fliegen auf, der Reihe nach, wie der Zug sich wieder in Bewegung setzt, jetzt der erste, jetzt der nächste, wie an einer odjnur

36in Speisewagen würde schlecht« Geschäfte machen, die kleine Schlaf­wagenbar aber liefert uns jetzt den Morgenkaffee. Der Steward hat die Betten in die Tagespolster verwandelt. Draußen brütet schon Hitze, Sonne, Trockenheit. Anziehende und anziehend angezogene Mexikanerin­nen reichlich zurechtgemacht, Amerikanerinnen nicht weniger gemalt, sanftere blonde Deutsche und Angelsächsinnen, die nur schwächer und zarter Duften, trotzdem aber einen gepflegten Eindruck machen wo kommen in Mexiko nur die vielen reisenden Frauen her? Viel Mlschbluk mit reichlich indianischem Einschlag. Die illustrierte Zeitungslekture der , ganzen Welt, alle Sprachen schwirren durch den Puttman. Der Steward ! mischt sich bescheiden in das Gespräch einer schwäbisch sprechenden be­zaubernden mexikanischen Schönheit am Rebentisch; sie ist die Tochter einer mexikanischen Mutter und eines Stuttgarter Vaters; der Kellner aber berichtet in reinstem Wienerisch von seinen Erlebnissen als k. u. f. Fliegerin der Ostfront: Deutschtum in Ueberfee! i

Kaffepslanzer, Angestellte derUnited Fruit", der weltumspannenden j Bananencompanie, Petroleumleute aus Tampico, Mineningenieure, Licenciados (Rechtsanwälte, Mexiko ist das Land der Advokaten!), das . sind so die Reifegenossen einen, zwei Tage lang von der Guatemala- } arenze bis El Paso, wo man in die USA. eintritt, von dem Pacific bis i hinüber nach Veracruz am Atlantico, hinaus nach Mexiko-Hauptstadt aus > 2265 Meter Höhe. M ... . ..

Aus brütend heißem Tiefland zu kühlen Gebirgshohen klettert die Zugschlange diirch die Nacht, gezogen von der donnernden im holl, chen Rot der Oelfeuerung lodernden Maschine. Senkrechte Wände, steile Schluchten, Wolkenschwaden. Blendend weih leuchtet das zackige Gestein in phantastischen Formen. Mondlichtübergossen der weite Ozean rnaje- stütisch, eine Riesensilberscheibe. Schneebedeckte Gebirgsgrate -tief unten ein befreiendes Gewitter. Die vierzig Soldaten, die den Tag auf den Wagendächern verbrachten, haben sich wieder in die Zugkorridore verteilt.

Wieder eine Station: Klapprige Fordwagen neben stlberbehangenen Pferden vor dem Estaneo, aus dem der knallende Rhythmus der Ma­rimba, des riesenhaften Holzklaviers tönt. Schmachtende Lieder, wilde Tänze Heraus tritt der Eharro, der Landmann mit Dem Spitzhut. Sil­bern seine klirrenden Sporen, silbergestickt der Patronengurt, an dem der gewaltig« Coltrevolver tief zum Knie herabhängt. Gerne fchieht er da­mit etwas unmotiviert Den Genoffen um Die Ohren. Kokett das rot- seiden« Halstuch im Dreieck geknüpft. Unvermeidliche Zigarette im Mund- mintel. Nun fitzt er auf. Gibt eine kleine Vorstellung für di« Zugpaffagiere in etwas eitler Naturreiterei (con brio!) auf dem Bahnsteig.

Die Stewards im Zuge bereiten wieder die Betten, dieweil man auf der Aussichtsplattform am Zugende noch eine Cerveza, eisgekühltes Merikanerbier, trinkt. Auf dem Etikett bunt das Bildnis der indianischen Nationalhelden Cauthowos und Moctezuma, Den wir Montezuma nen­nen. Nächst diesen schon säst sagenhaften Aztekenhelden sind beute in der stark kommunistisch angehauchten Bevölkerung Mexikos zwei Dik­tatoren so populär, daß sie wohl nächstens auch als Etikett auf Die Bierflaschen kommen werden, zweiPatres Patriae : Benito Iu ar e z, reinrassiger Zapotheco-Jndianer, in dessen Zeit das totgeborene Kaiser­reich des Erzherzog Maximilian von Oesterreich, des Kapers von Napoleons IN. Gnaden fiel; der andere ist Wfirio D'az. der Bismarck Mexikos", Der zweiunddreißig Jahre am Ruber blieb, aber als Achtzigjähriger echt mexikanifcherweif« Doch noch einer Revolut.on weichen mußte. Mexiko, Du LanD Der Zukunft, Die leider mol)! immer Zukunft bleiben und nie Gegenwart werden will, schon stärkere Manner find an dir feit dem Unabhängigkeitsjahr 1821 zerbrochen als jener un­glückliche Romantiker Maximilian! . _ .. .

9 Mexiko dasLgnd der Agave". Wie fie im Wappen aufragt, so sehen wir' jetzt vom Bettfenster aus scharf gezackt in die monDfilberne Nacht steilen Bündeln von Schwertern vergleichbar, ganze weite Felder solcher' Schwertbündel ragen. Aus dieser Nationalpflanze macht der Mexikaner nicht nur Bindfaden und allerlei Gewebe, sondern auch Pulque und Aquardiente, lagen wir einen Met ober garendes Bier und einen ganz heimtückischen Schnaps, den der Mexikaner ebenso braucht wie seinen bösen Zuckerrohrschnaps. Und daß ^er Mexikaner gerne ge­legentlich malun gran Bebeor" ist (mir müssen schon übersetzen.Urin fer"j, das fehen und hören wir auf all Den kleinen Bahnstationen, auf

denen der Zug uns langsam fahrend während der Immer noch reichlich warmen Tropennacht einen intimen Einblick in alle die FonDas, Tiendas, Tabernas, Posadas, Hoteles, Bars, der Pueblos und Aldeas großen und kleinen Dörfer gestattet. Dann wird das unablässige Singen der Grillen übertönt vom angeheiterten Gesang der Vaqueros ndeutsch" nennt man sie Cowboys!).

nd wieder ein blutroter, wolkenloser Sonnenaufgang. Die Cordillere haben wir während der Nacht überwunden. Der letzte Blick vom Bett aus hatte uns den zackigen Atravesado im Mondlicht gezeigt. Jetzt grüßen uns Popocatepeti (Rauchender Berg) und Jxtaccihuatl (Weiße Frau), die Götterberge Mexikos. Gestern der Golf von Tehuantepec, heute rast Der Zug zum Golf von Mexiko herab. Palmen unb immer roieber Pal­men, ohne jebes Unterholz, Dicht an Den Wellen, emporfchaukelnb aus weißem Sanbe mit ber Last ber Kokosnüsse. Schäumenbe Wogen sressen sich in den Sanb, atlantische Brise, bie ersehnte, herrliche Salzlust weht in Den Salonwagen, Darinnen so mancher Deutsche sich zur ersehnten Europareis« rüstet. Jetzt hat ber blaue Sonnenhimmel nicht mehr bas Ouälenbe des Inlandes. Jetzt rasen wir durch das mondäne Bad Villa Del Mar, jetzt durch ein Häusermeer, überragt von Türmen unb Kuppeln, mit Azulejas, buntglafierten Barockziegeln. Unmittelbar am branbenben Meere hält ber Zug. Unb vorn Bahnsteig aus erblicke ich schon die deutsch« Flack« des Hapagbarnpsers. Veracruz!

Das Mangobaumwunder.

Roman von Leo P e r u tz unb Paul F ra nk.

Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.

(Foriiegung.)

Ich bin ein leidenschaftlicher Blumenliebhaber, Doktor - Ich weih, Sie halten mich für einen verständnislosen Vandalen, seit ich gestern Die Blumen im Treibhaus zu Ihrem Schmerz mit Stumpf unD Stiel aus­gerottet habe. Nun, ich gebe zu, meine Leidenschaft für tropifche Pflanzen hat sich während ber letzten zwei Tage erheblich abgekühlt, ... aber das hat feine guten Gründe, Doktor. Damals in Agra war mir nichts will­kommener als Ulam Singhs Einladung. Ich hatte schon lange t*n Wunsch gehabt, den Tempelgarten zu besichtigen, und so trat ich Denn hinter Dem Gärtner ein.

In Der Mitte Des Gartens ftanD ein« mächtige ©ranitfigur, die den Gott Ganisa, den Dämon mit Dem Elefantenkopf und Den vielen Armen Darftellt. UnD rings um bas Götterbild waren Blumenbeete angelegt: Nelken, Hyazinthen, weiße und blaue Strobilcinthusblüten. Ein paar Talipotpalmen mit tiefroten Blütentrauben und zwischen ihnen ein kleiner Weiher dessen Spiegel ganz überdeckt war van den lichtblauen Bluten einer japanischen Lotosart.

Ulam Singh beugte sich über eines ber Beet« und reichte mir ein« Nelke.

Es war keine gewöhnliche Nelke. Sie war weiß, voll aufgeblüht und gefüllt, aber sie trug eine merkwürdige Zeichnung: In brennroten Blüten­blättern eine ganz kleine, dreizinkige Gabel, das Symbol des Gottes

mt das Resultat kunstvoller, vielleicht jahrze.hntelan.ger Zucht- unb KreuzSngsversuche...Ich haft« ähnliches noch nie gesehen. Ulam Singh merkte das und nannte feinen Preis: Dreiunbvierzig Rupien.

Dreiundvierzig Rupien, das fchien mir zu viel für eine botanische Spielerei, unb ich wandte mich daher zum Gehen. Ulam Singt) machte ein bestürztes Gesicht, winkte mir zu warten, unb verschwand hinter dem Götzenbild. Gleich darauf kam er wieder hervor und bot mir einen Blumentopf mit einem zwerghaft kleinen Jasminstrauch, ber zweierlei Blüten trug, rote unb weiße.

Ich fragte nach bem Preis.

Dreiundvierzig Rupien", war die Antwort, unb bie Hartnäckigkeit, mit"ber ber Inder diese Ziffer festhielt, fiel mir auf. Ich überlegte ein wenig. Ulam Singh hielt den Handel für abgeschlossen und fragte, ob er mir die Pflanze in Hamiltons Hotel bringen solle.

Nun war mir aber im selben Augenblick ein orchideenartiges Ge­wächs aufgefallen, das im Schatten des Ganifadildes an einer hölzernen Stange emporkletterte. Ich kannte es nicht, hätte es aber gerne im Zustand der Blüte gesehen. Ich fragte deshalb den Gärtner, ob er mcht ein aufgeblühtes Exemplar dieser Orchideenart in seinem Garten habe.

Ulam Singh verneinte.Das ist schade!" sagt« ich.Die hätte ich gerne gekauft."

Ulam Singh überlegte eine Weile.

Kommt ber Sahib diesen Weg zurück?" fragte er Dann.

Wahrscheinlich "

In einer Stunbe?"

Beiläufig! Ja!"

So wird ber Sahib bie Blume haben, bie er wünscht.

Er geleitete mich bis zur Gartentür. Dort verabschiebete er sich mit einer tiefen Verbeugung.

Ich fand mein« Freunde noch bei ihrem monotonen indischen Früh­stück' Fisch Curry unb Wilbbrek, wie alle Tage. Wir machten unsere kleine Spazierfahrt, bann gingen wir zum Tempel, in besten Halle schon die Prunkstücke zur Prozefston ausgestellt waren: ein Thronhimmel, ber auf silbernen Stützen stand, bie saphirbesetzten Tragsessel, bie Pracht- qemänber ber Priester und vor allem die beiden schweren, goldenen Armleuchter, die an den Stoßzähnen des heiligen Tempelelefanten fest- geschraubt werden sollten. Es war schon gegen elf Uhr vormittags, als ich mich endlich meines Blumenhandels erinnerte. Wir gingen alle drei zu Fuß hinunter bis zu Ulam Singhs Garten. Unser Wagen fuhr lang­sam hin und her. t ,

Ulam Singh stand mit gekreuzten Armen und vorgebeugtem Kopf unbeweglich vor ber Gartentür unb spähte nach mir aus. Als er mich kommen sah machte er seinen tiefen Salam und wies uns Dann mit einer cinlaDenDen Bewegung feiner Hand in das Garteninner«.

Wir traten ein. Die Luft war mit Düften von hunDerterlei Blumen