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Krokus am Fenster.
Bon Lina Staab.
Noch feine Wolke, die schweifend ins Blaue rudert. Bräunliche Hecken, silbern bereist und bepudert, halten an Hängen im Wald den weihen Winterrest. Noch sind Blätter aus Eis an die Scheiben gepreßt, aber dahinter haben in diesen grauen Tagen Blumen wie Kinder die Augen aufgeschlagen.
Lang war die Nacht. Nun konnten sie nicht mehr warten, wollten wach sein im schmalen Fenstergarten.
Ach, ihr zierlich Geäderten, bläulich Behauchten, die wie die Kinder so wenig zum Spielen brauchten — mattes Glas, das den Tropfen aus Gold verhüllt, tiefer, zärtlicher Kelch, heimlich mit Süße gefüllt — Bleibe mir hold und offen, schließe dich nicht: Aus deinem Becher trinke ich Lächeln und Hassen und erstes Licht.
Eine Fiasche Malaga.
Erzählung von Bruno Brehm.
Herr de Nointel bewohnte ein überaus schmuckes Palais in der Straße -Claky, am äußersten Ende von Paris: er war Parlamentsrat, stand mit Her Sonne aus und galt als einer der strengsten Richter. Und wie das schon manchmal so bei ganz gerechten Vätern zugeht, hatte dieser strenge "Richter einen Sohn, der nach kurzem Militärdienst seinen Abschied genommen und sich auf nichts anderes verlegt hatte als nach der Mode zu Heben, die Nacht zum Tag zu machen, Geld unter die Leute zu bringen und in der Gesellschaft, die man die gute nennt, zu glänzen.
Ende Oktober des Jahres 1721 tarn nun dieser ebenso stattliche wie lleichisinnige junge Mann gegen zwei Uhr nachts heim in seinen Pavillon. Der Chevalier war bester Saune. Er hatte von Chloe einen Brief erhalten, ider in zierlichen Versen darüber klagte, daß der stolzen, kalten Chloe Herz — gleich einem Täubchen durch des bösen Jägers Pfeil — verwundet sei ldurch Dafnis Feuerblick und nicht eher heilen könne; bevor es durch Dafnis Küsse getobt und gestillt werde. m .. rJ ,
Der junge Chevalier lächelte selbstgefällig, da ließ ein Gerau-sch Im iKarnin ihn aufhorchen. Nichts I Es mögen wohl Vögel fein, die dort oben Hm Schornstein vor den rauhen Winden Zuflucht suchen. Der junge Herr jschlug die Vorhänge feines Bettes auseinander, entkleidete sich und las. IDa ... wieder ein Geräusch im Kamin. Man wird morgen oben ein «Gitter anbringen müssen, denn es ist nicht angenehm, mitten In der Macht auf solch gespensterhaste Weise gestört zu werden.
Auf einmal ein dumpfer Fall. Eine Wolke von Asche und Staub „liegt auf und hüllt das Zimmer ein. Der Chevalier hebt die Kerze hoch mnb versucht den Nebel zu durchleuchten: „Wer da?
Ein gepreßtes Stöhnen antwortet ihm. Vor dem Kamin scheint sich etwas Dunkles zu bewegen.
Mit erhobener Kerze tritt der junge Herr näher: „Wer da?
Die dunkle Gestalt versucht sich aufzurichten und ächzt: „Haben Sie Mitleid mit einem Unglücklichen. Ich werde von den Polizeireitern verfolgt Ich habe mich vor den Häschern in Ihrem Schornstein verborgen.
„Ihr Zufluchtsort", erwidert Herr von Nointel, „ist unglücklich gc- wählt, Sie finden sich hier im Hause eines Parlamentsrates, Sie sind bei dem gefürchteten Richter, Herrn von Nointel."
Der Mann vor dem Kamin erhob sich langsam: „In meiner Lage hat man nicht viel Zei^zur Wahl. Aber ich hoffe, daß mich derselbe Herr, der m ä) als RichM verurteilt, beschützen wird, wenn ich hilfeheischend leine Schwelle überschreite."
„Erstens bin ich nicht der Richter selbst, sondern dessen Sohn , erwiderte der Chevalier, die Kerze wieder auf das Nachttischchen setzend, .^weitens sind Sie nicht über meine Schwelle, sondern durch meinen Kamm gekommen und drittens: wollen Sie die Güte haben, mir Ihre weiteren Wünsche mitzuteilen." ,, m
Der Mann vor dem Kamin verneigte sich leicht: „Der erste Punkt Ihrer Erwiderung, mein Herr, läßt m-ch hoffen, daß Sie den zweiten Punkt gütig übersehen und den dritten Punkt dahin beantworten* roerben, daß Sie mir gestatten, in dieser Nacht Ihr Gast sein zu dürfen."
War es die gute Laune, in die den jungen Herrn Chloens Brief verhetzt, war es der leichte und doch sichere Ton, den dieser unerbetene Gast angeschlagen hatte, der Chevalier gewährte die Bitte. „Sie können »leiben," sagte er, während er das Licht löschte und die Vorhänge {eines Bettes zuzog, „aber Sie haben bei Tagesgrauen zu verschwinden.
Eine Woche später saß der junge Mann, verdrossen und mißmutig beim Adendtisch feines Vaters, an dem auch noch ein zweiter Parlamentsrat namens Salberi teilnahm. Das Gespräch der beiden Richter drehte sich um einen Prozeß, der damals ganz Paris außer Atem brachte, der junge Herr hörte nur mit halbem Ohre zu und dachte an seine Chloe, die ihm seiner schlechten Launen wegen den Laufpaß gegeben hatte.
Da trat ein Diener ein, gab einen Korb mit sechs Flaschen ab und überreichte dem jungen Herrn einen Bries. Schon wollte der Chevalier das Schreiben achtlos seinem Vater weitergeben, als ihm der Diener zu- flüfterte, daß dieser Brief ausdrücklich für den jungen Herrn bestimmt sei.
„Ich erinnere wicht nicht", sagt Herr de Salberi, während der junge Nointel den Brief überflog, ,chaß zu meiner Zeit Damen ihren Herren Wein schickten."
„Wir bekamen damals Bänder und Rosen", erwiderte der alte Herr Nointel überlegen, „aber mir verstehen eben nicht mehr, was man heute für gut findet."
„Aber der Wein ist ganz vorzüglich," lobte Herr de Salberi, dem der Diener eine Flasche entkorkt hatte, „ganz vorzüglich."
Der junge Herr tos den Bries:
Chevalier,
ich habe die Ehre, Ihnen den aufrichtigsten Dank für Ihre so freundliche Gastfreiheit zu wiederholen. Sie schienen damals über meine Bemerkung, daß ich noch einen besseren Malaga kenne als den Ihren, ganz ungehalten. Ich nehme mir die Erlaubnis, Ihnen von meinem Wein eine kleine Probe zukommen zu tosten.
Ich bin mit Achtung und aufrichtigem Dank Herrn Chevalier» untertänigster und gehorsamster C a r-t 0 u <f) e.
Als der Chevalier diesen Namen tos und zugleich wie aus weiter Ferne seinen Vater sagen hörte: „Um aber von diesem ausgezeichneten Wein wieder auf den elenden Verbrecher zurückzukommen, so muß ich
,Zhre Wünsche sind meine Befehle", erwiderte der Mann und ließ sich ächzend in dem Lehnstuhl neben dem Fenster nieder.
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Herr de Nointel erwachte sehr spät — und da es der Diener unterlaßen hatte, die Fensterläden zu schließen, schien die Sonne in das Zimmer. Als Herr de Nointel die Bettvorhänge auseinanderjchiug, sah er im Lehnstuhl einen fremden Menschen sitzen, der mit tiefen Atemzügen schlief. Das Zimmer war gra-uüberftaubt, eine Aschenschicht lag auf allen Möbeln. Die Kleider des Mannes waren voll Ruß, vertrocknete Blutfäden hatten schmale Rinnen in die schwarze Maske des verrußten Ge- sichtes gezogen. Eine Hand hing dem Fremden über die Lehne des Stuhle» schlaff herab, man konnte nicht unterscheiden, ob sie von Ziegelstaub oder Blut so rot war. Am kleinen Finger aber glitzerte durch Ruß und Staub ein blinkender, großer Diamant aus all seinen Facetten.
Der Schläfer wurde unter dem Blick des Chevaliers unruhig, reckt« sich, gähnte und stand langsam aus. „Erlauben Sie mir", sagte der junge Herr, „daß ich Sie an meine Bedingungen erinnere, die wir beide verschlafen haben — an Ihr Verschwinden bei Morgengrauen. Der fremde Mann nickte. „Verzeihen Sie — noch eine Bitte. Ich habe gestern keinen Bissen zu mir nehmen können — ich bin so vor Kräften, daß mich kaum meine Beine tragen. Dars ich um einen Bissen Brot und um einen Schluck Wasser ersuchen!"
Der Chevalier war diesem seltsamen Gast auch in dieser Sache zu Willen. Er klingelte dem Kammerdiener, sagte dem durch die Tür, daß er gestern nicht zur Nacht gespeist habe und feinen Bater bitte, ihm durch den Koch etwas Kaltes herüberschicken zu lassen; außerdem fühle er sich nicht ganz wohl, er bitte um ein Glas Malaga und zwar jenen guten, den man kürzlich aus den Kellereien des Grafen von Toulouse erstanden habe. Während sich der fremde Mann in der Garderobe ein wenig reinigte und von seiner Reise durch den Kamin säuberte, holte der Diener da» Frühstück und reichte es dem Herrn durch den Türspalt.
„Mein Herr", sagte der junge Chevalier mit leichter Rührung in der Stimme, „vielleicht ist Ihr Morgen noch trauriger als Ihr Gestern, versuchen Sie einmal diesen Wein und trinken Sie sich Trost und Stärkung.
Der fremde Mann führte das Glas mit gezierter Bewegung an feine Lippen, prüfte wie ein Kenner und trank bann erst, feinen brennenden Dürft zu stillen, den Wein auf einen Zug aus.
„Chevalier, ein vorzüglicher Wein", sagte er, „ein ganz vorzüglicher Wein, aber ich kenne einen besseren."
Der Chevalier zog die Brauen hoch, er fand es peinlich, daß er sich in seinem Urteil über diesen unhöflichen Menschen so getäuscht hatte. „Ich bitte Sie", sagte er kühl, „nun mein Haus sogleich zu verlassen, sonst finden Sie am Ende auch an meiner Gastfreundschaft noch irgend etwa» auszufetzen."
Der fremde Mann erhob sich und verließ mit seltsamem Lächeln den Pavillon; ehe der Chevalier recht schauen konnte, war sein Gast über der hohen Parkmauer verschwunden.


